Wilhelm Gesenius (Orientalist)

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Wilhelm Gesenius

Heinrich Friedrich Wilhelm Gesenius (* 3. Februar 1786 in Nordhausen; † 23. Oktober 1842 in Halle an der Saale) war ein deutscher Theologe, Gelehrter der Kulturen und Geschichte des Nahen Ostens und einer der bedeutendsten Gelehrten der semitischen Sprachen, besonders des Hebräischen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heinrich Friedrich Wilhelm wurde als Sohn des Nordhäuser Arztes Wilhelm Gesenius geboren. Er empfing zunächst Privatunterricht und besuchte anschließend bis 1803 das Gymnasium in Nordhausen. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde er vom Philologen und damaligen Rektor des Gymnasiums, Christian Ludwig Lenz (1760–1833), aufgenommen.[1]

Gesenius studierte an der Universität Helmstedt Philosophie und Theologie bei Heinrich Henke. Er wurde 1813 zum Doktor der Theologie und Philosophie promoviert, war Königlich Preußischer Konsistorialrat, seit 1810 außerordentlicher Professor und noch im selben Jahr ordentlicher Professor an der Universität Halle, Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, der Asiatischen Gesellschaften von Paris, Großbritannien und Irland und der Philosophischen Gesellschaft zu Cambridge. Seine Vorlesungen erfreuten sich außergewöhnlicher Popularität. In einem Nachruf wird davon berichtet, dass er zuweilen bis zu tausend Hörer hatte, bei einer Gesamtzahl von 1500 Studenten an der Universität Halle-Wittenberg.[2]

Seine Geburtsstadt Nordhausen verlieh ihm zu seinem 50. Geburtstag 1836 den Ehrenbürgerbrief der Stadt.[1]

Grabstelle der Familie Gesenius

Gesenius war mit Henriette Gesenius geb. Schneidewind (1797–1853) verheiratet. Das gemeinsame Grab befindet sich auf dem Stadtgottesacker in Halle an der Saale (Abteilung I Grab 227). Sein Sohn Friedrich Wilhelm Gesenius wurde als Anglist ebenfalls Lehrbuchautor für Fremdsprachen.

Wissenschaftliches Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesenius’ Arbeiten zur hebräischen Sprachforschung gelten als bahnbrechend. Er zählt zu den Ersten, die das Studium der semitischen Sprachen mit wissenschaftlichem Anspruch betrieben. Als gemäßigter Rationalist geriet er damit in Opposition zu der zeitgenössischen Haltung, die semitischen Sprachen seien geheiligt. Umfassende historische, archäologische und religionsgeschichtliche Kenntnisse verleihen seinen Werken zusätzliche Autorität.

Lexikografie und Grammatik waren seine Hauptgebiete. Der Einfluss seiner Arbeiten erstreckt sich bis in die heutige Zeit. Seine Hebräische Grammatik wird noch heute in reprografischen Nachdrucken der Anfang des 20. Jahrhunderts erschienenen Auflagen verlegt und verwendet.

Sein Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über die Schriften des Alten Testaments erschien in mehreren Teilen von 1810 bis 1812, es gab davon kürzere Fassungen für den Schulunterricht und mehrere Überarbeitungen und Neuauflagen. Es begründete die moderne Lexikografie des Hebräischen und der Einfluss von Gesenius dürfte alle anderen hebräischen Lexikographen in den Schatten stellen.[3] Es kam zuletzt 2013 in der 18. Auflage in einer umfassenden 7-bändigen Neubearbeitung durch Herbert Donner heraus. Sowohl die Grammatik, als auch das Wörterbuch wurden auch in Lateinisch und Englisch herausgebracht. Das Wörterbuch bildete die Grundlage für die Semitistik als sprachvergleichendes Fach. Gesenius leistete aber auf dem Gebiet der semitischen Sprachen noch viel mehr:

  • Der aramäische Teil des Handwörterbuchs setzte für lange Zeit den Standard für die aramäische Lexikographie. Zur Zeit des Gesenius hieß die aramäische Sprache noch Chaldäisch.
  • Seine Schrift "Versuch über die maltesische Sprache" von 1810 legte die Grundlage für die Maltesiologie. Gesenius konnte nachweisen dass Maltesisch nicht eine Form des Punischen ist, sondern verwandt ist mit dem Maghrebinischen, somit eine eigenständige Entwicklung des Arabischen.
  • Gesenius forschte intensiv im Bereich des Phönizischen und des Punischen. Das Ergebnis seiner Forschungen mündete in die Publikation von Scripturae linguaeque phoeniciae monumenta von 1937
  • Gesenius schuf auch eine Grundlage für das Studium von semitischen Inschriften. Er war ein erfolgreicher semitischer Epigraph.
  • Die Schrift Himjaritische Sprache und Schrift und Entzifferung der letzteren gibt die erste Interpretation von sabäischen Inschriften. Die Sabäische Sprache war zu der Zeit noch völlig unbekannt.
  • Gesenius veröffentlichte mehrere Schriften über das literarische Erbe der Samaritaner und wurde somit zum Begründer der Samaritanologie. Er unterzog das Material als erster einer systematischen Analyse.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Symbolae observationum in Ovidii fastos, novae Fastorum editionis specimen. Dissertation Göttingen 1806
  • Versuch über die maltesische Sprache. 1810
  • Hebräisch-deutsches Handwörterbuch über die Schriften des Alten Testaments mit Einschluß der geographischen Nahmen und der chaldäischen Wörter beym Daniel u. Esra. 2 Tle., 1810/1812
  • Hebräische Grammatik. 1813. 28. Aufl. Leipzig 1909, archive.org. Neudruck: Georg Olms Verlag, Hildesheim 1983, ISBN 3-487-00325-2
  • Neues Hebräisch-deutsches Handwörterbuch über das Alte Testament mit Einschluß des biblischen Chaldaismus. Leipzig 1815, ab 10. Aufl. 1886: Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. Digitalisat der 16. Aufl. 1915http://vorlage_digitalisat.test/1%3D~GB%3D~IA%3Dhebrischesunda00geseuoft~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3DDigitalisat%20der%2016.%20Aufl.%201915~PUR%3D. Nachdruck: 18. Aufl., Springer Verlag, Berlin 2008, ISBN 3-540-78599-X
  • Hebräisches Lesebuch. 1814, 7. Aufl. 1844
  • Geschichte der hebräischen Sprache und Schrift. 1815, archive.org
  • De pentateuchi Samaritani origine, indole et auctoritate commentatio philologico-critica. Halle 1815, archive.org
  • Hebräisches Elementarbuch. 1813
  • Ausführliches grammatisch-kritisches Lehrgebäude der hebräischen Sprache. Mit Vergleichung der verwandten Dialekte. 1817
  • Der Prophet Jesaia, übersetzt und einem philologisch-kritischen und historischen Kommentar begleitet. 3 T., 1820 f.
  • Thesaurus philologicus criticus linguae hebraeae et chaldaeae Vet. Test. Bd. I, 1828, Bd. II, 1839, Bd. III, 1, 1842, Bd. III, 2, 1853, Indices, 1858, die 2 letzten Bde. hrsg. v. E. Rödiger
  • Paläolographische Studien über phönizische und punische Schrift. 1835
  • Scripturae linguaeque Phoeniciae monumenta quotquot supersunt edita et inedita ad autographorum optimorumque exemplorum fidem. 3 Teile, Leipzig 1837

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wilhelm Gesenius – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Wilhelm Gesenius – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Stadtarchiv Nordhausen (Hrsg.): Nordhäuser Persönlichkeiten aus elf Jahrhunderten. Geiger, Horb am Neckar 2009, ISBN 978-3-86595-336-0, S. 99 f.
  2. BZAW 427, S. XI, unter Bezugnahme auf: Necrolog Wilhelm Gesenius. In: Intelligenzblatt der Allgemeinen Literatur-Zeitung. Nr. 62–63, November 1842, S. 509 (abgerufen über De Gruyter Online)
  3. BZAW 427, S. XIII.