Wilhelm Knabe

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Wilhelm Knabe (zweiter von rechts neben Otto Schily) bei einer Pressekonferenz zur Bundestagswahl 1983

Wilhelm Erich Knabe (* 8. Oktober 1923 in Arnsdorf bei Dresden) ist ein deutscher Forstwissenschaftler und Politiker. Er ist Mitbegründer der Partei Die Grünen und war von November 1982 bis Dezember 1984 Bundessprecher der Partei. Er war auch erster Sprecher (Landesvorsitzender) der Landespartei in Nordrhein-Westfalen. Als Forstwissenschaftler ist er vor allem in der Waldschädensforschung hervorgetreten.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jugend- und Kriegsjahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm Knabe war das siebente von neun Kindern. Bereits in seiner Kinder- und Jugendzeit hielt er sich gern im Wald auf und entwickelte seine Liebe zur Natur. Nicht leicht war für ihn die Zeit des Nationalsozialismus. Als er 16 Jahre alt war, verlor er seinen Vater. Dieser war Leiter einer Anstalt mit schwer Erziehbaren und Epileptikern, hatte sich gegen den Abtransport der Kranken gewehrt und starb zwei Tage nach einem Verhör bei der SS.[1] Wilhelm Knabe besuchte die Volksschule und die Nikolaischule in Leipzig. Sein Abitur legte er 1942 an der Fürstenschule Meißen ab. Danach absolvierte er mitten im Zweiten Weltkrieg seinen Wehrdienst bei der Luftwaffe. Aus Krieg und Gefangenschaft kehrte Knabe 1945 als überzeugter Pazifist zurück.[1] Aufgrund seiner christlichen Überzeugung trat er im Frühjahr 1946 in die CDU ein.

Forststudium und wissenschaftliche Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er studierte von 1946 bis 1950 Forstwirtschaften an der Forstlichen Fakultät der TH Dresden in Tharandt. In diesen Jahren engagierte er sich in der Evangelischen Studentengemeinde und in der von Forststudenten gegründeten Arbeitsgemeinschaft „Wald und Volk“, die vor allem bei Lehrern das Verständnis für den Wald fördern wollte.[1] Sein Forststudium schloss Knabe als Diplom-Forstwirt ab. Aus ideologischen Gründen erhielten die Mitglieder seines Abschlussjahrgangs ihr Zeugnis jedoch erst, nachdem sie sich verpflichtet hatten, die Forstfacharbeiterprüfung nachzuholen.[1]

Anschließend arbeitete Wilhelm Knabe von 1951 bis 1959 als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Gartenkunst und Landschaftsgestaltung der Humboldt-Universität zu Berlin.[2] 1957 wurde er an der Landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät in den Fächern Landespflege, Bodenkunde und Agrargeographie zum Dr. agr. promoviert. Seine Dissertation trug den Titel Untersuchungen über die Voraussetzungen der Rekultivierung von Kippen im Braunkohlebergbau. Es folgte Zur Wiederurbarmachung im Braunkohlenbergbau. Allgemeine Darstellung des Problems der Wiederurbarmachung und spezielle Untersuchungen im Lausitzer Braunkohlenbergbau (1959).

Doch der politische Druck durch die SED-Machthaber nahm zu. Man wollte ihn zwingen, als Reserveoffizier zur Nationalen Volksarmee zu gehen, was Knabe ablehnte. Auch ging er zu keiner Wahl, was ihn ebenfalls suspekt machte.[1] Schließlich entschied sich die junge Familie, aus der DDR nach Westdeutschland zu fliehen. Dort begann Wilhelm Knabe 1959 als Geschäftsführer des Deutschen Pappelvereins und Lignikultur in Bonn und Düsseldorf einen beruflichen Neuanfang, wurde jedoch 1961 von Professor Johannes Weck an das Institut für Weltforstwirtschaft der Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft (BFH) in Reinbek berufen. Dort befasste er sich weltweit mit Fragen der Rekultivierung von Industrieödland und unterstützte auf Einladung von Umweltverbänden in den USA die Rekultivierung im Steinkohlenbergbau, wobei er die deutschen Erfahrungen einbrachte.[1]

Anschließend kehrte Knabe nach Deutschland zurück. Zum Thema Luftreinhaltung suchte die Landesanstalt für Immissions- und Bodennutzungsschutz in Essen einen Forstmann, und so war er bei dieser Einrichtung von 1966 bis 1976 als Oberregierungsrat und Regierungsdirektor tätig. 1976 wechselte der Umweltforscher als Regierungsdirektor an die Landesanstalt für Ökologie, Landschaftsentwicklung und Forstplanung (LÖBF) in Düsseldorf und Recklinghausen, wo er bis 1987 blieb. In dieser Zeit beschäftigte sich Knabe vor allem mit der Waldschadensforschung und war an der Immissionsökologischen Waldzustandserfassung in Nordrhein-Westfalen (IWE 1979) beteiligt. Unter dem Schlagwort „Waldsterben“ wurde die Problematik ab Anfang der 1980er Jahre dann auch in der breiten Öffentlichkeit diskutiert.

Wilhelm Knabe hatte in den Jahren 1963 bis 1987 verschiedene Lehraufträge an den Universitäten in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Saarbrücken, Wien und Dortmund. Seit 1991 gibt er Blockvorlesungen zum Thema Ökologie an der Technischen Universität Dresden. Weiter beschäftigt er sich mit dem zeitgeschichtlichen Forschungsprojekt „DDR und Grüne“, veranstaltet Umweltseminare, ist Vorsitzender der Mülheimer Kreisgruppe der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Mitarbeiter der Gaia Society, Oxford, und Fördermitglied der Heinrich-Böll-Stiftung, deren Archiv „Grünes Gedächtnis“ er auch einen Teil seines wissenschaftlichen und politischen Nachlasses überlassen hat.[3][4]

Wilhelm Knabe ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern. Sein Sohn ist der Historiker Hubertus Knabe.

Politischer Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm Knabe war von 1946 bis 1966 Mitglied der CDU. Als Anfang und Mitte der 1970er Jahre die ersten Bürgerinitiativen aufkamen, die sich für eine Verbesserung der Umwelt einsetzten, schrieb Knabe 1976 die etablierten Parteien CDU, SPD und FDP an mit dem Tenor: „Wir haben in Essen eine aktive Umweltgruppe. Wir wollen etwas tun und wir können sie in diesen Fragen beraten.“[1] Auf seine Briefe bekam er zwar höfliche Antworten, aber keine der Parteien zeigte Interesse. Daraufhin gehörte der eher Konservative 1978 zu den Mitbegründern der kurzlebigen Grünen Liste Umweltschutz (GLU) und war später deren Sprecher. In den Jahren 1979/1980 gründete er die Partei Die Grünen sowohl auf kommunaler als auch auf Landes- und Bundesebene mit und war von 1982 bis 1984 Sprecher der Bundespartei. Zunehmend geriet er mit seiner politischen Betätigung und der Verpflichtung als Landesbeamter in Konflikte. Dies ging so weit, dass seine Abteilung bei der LÖBF, die sich seit 15 Jahren mit der Waldschadensforschung auseinandergesetzt hatte, 1982/83 bei der durch die „Waldsterben“-Debatte veranlassten Personalerhöhung der LÖBF in diesem Bereich leer ausging. Laut Knabe „begründete“ der damalige LÖBF-Präsident Albert Schmidt dies später ihm gegenüber mit dem Satz „Ich kann ja nicht zulassen, dass Sie jeden Tag im Fernsehen erscheinen“.[1]

Über die Landesliste in Nordrhein-Westfalen gewählt, war Knabe von 1987 bis 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort gehörte er dem Innerdeutschen Ausschuss an und hatte wieder mit der DDR zu tun. Dabei suchte er auch intensiv den Kontakt zu regimeunabhängigen Umweltgruppen oder Friedensgruppen. Er schmuggelte sogar eine Druckmaschine zur Umwelt-Bibliothek im Bezirk Prenzlauer Berg, der Zentrale der Umweltgruppen in der DDR.[1] Über ihren Spitzel in der Gruppe erfuhr die Stasi von der Aktion. In der Nacht vom 24. auf den 25. November startete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) die „Aktion Falle“, in der die Bibliothek durchsucht wurde und mehrere Mitarbeiter verhaftet wurden. Im Zuge dieser „Stasi-Razzia“ beschlagnahmte die Stasi Geräte, wobei auch die Druckmaschine als Stein des Anstoßes konfisziert wurde und nie wieder auftauchte.

Während seiner Zeit als Mitglied des 11. Deutschen Bundestags gehörte Knabe auch der Enquête-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ an. Später war er von 1994 bis 1999 zweiter Bürgermeister in Mülheim an der Ruhr. Er ist Mitglied der Vereinigung ehemaliger Abgeordneter des Bundestages und Europaparlaments sowie der Grünen-Seniorenorganisation „Grüne Alte“. Seit Mai 2011 ist er Mitglied des Länderrats der grünen Bundespartei als Delegierter des Landesverbands Nordrhein-Westfalen[5].

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm Knabe ist Ehrenvorsitzender des Kreisverbands Bündnis 90/Die Grünen Mülheim an der Ruhr.[3]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Untersuchungen über die Voraussetzungen der Rekultivierung von Kippen im Braunkohlenbergbau Dissertation. Berlin 1957.
  • Zur Wiederurbarmachung im Braunkohlenbergbau. Allgemeine Darstellung des Problems der Wiederurbarmachung und spezielle Untersuchungen im Lausitzer Braunkohlenbergbau. Berlin 1959.
  • als Mitverfasser: Haldenbegrünung im Ruhrgebiet. Nr. 22 der Schriftenreihe Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk. Essen 1968.
  • Immissionsökologische Waldzustandserfassung in Nordrhein-Westfalen (IWE 1979). Fichten und Flechten als Zeiger der Waldgefährdung durch Luftverunreinigungen. Heft 37 der Reihe Forschung und Beratung. Reihe C, Wissenschaftliche Berichte und Diskussionsbeiträge. Münster 1983.
  • mit Gerd Cousen et al.: Regionale Verteilung einiger Nähr- und Schadstoffgehalte in Fichtennadeln. Schätzungen anhand von Analysen dreijähriger Nadeln aus der bundesweiten „Immissionsökologischen Waldzustandserfassung 1983“. Heft 360 der Schriftenreihe des Bundesministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Reihe A, Angewandte Wissenschaft. Münster-Hiltrup 1988, ISBN 3-7843-0360-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i Ein Dunkelgrüner – Wilhelm Knabe, Pionier der Öko-Partei (Memento vom 2. Dezember 2013 im Internet Archive), WDR 5-Hörfunksendung vom 5. Oktober 2003 (Transkript); abgerufen am 18. Juli 2009
  2. Biografie (Memento vom 18. Juli 2011 im Internet Archive) im „Grünen Archiv“ der Heinrich-Böll-Stiftung
  3. a b Kurzporträt (Memento vom 5. Oktober 2015 im Internet Archive) beim Kreisverband Bündnis 90/Die Grünen Mülheim an der Ruhr
  4. „Grünes Archiv“ (Memento vom 18. Juli 2011 im Internet Archive) der Heinrich-Böll-Stiftung
  5. Beschlüsse des NRW-Landesparteitags der Grünen im Mai 2011
  6. http://www.gruene-nrw.de/themen/land/landespolitik/nachricht/wilhelm-knabe-wird-mit-dem-landesverdienstorden-nrw-ausgezeichent.html (Link nicht abrufbar)