Wilhelm Mayer-Gross

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Wilhelm Mayer-Gross (nach 1933 auch teilweise William Mayer-Gross) (* 15. Januar 1889 in Bingen am Rhein; † 15. Februar 1961 in Birmingham) war ein deutsch-britischer Psychiater.

Leben und Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühe Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mayer-Gross war ein Sohn des Kaufmanns Max Mayer und seiner Ehefrau Mathilde, geb. Gross. Er besuchte die Volksschule in seiner Heimatstadt und dann das Gymnasium in Worms. Anschließend studierte er Medizin in Heidelberg, Kiel und München. Die medizinische Staatsführung bestand er im Sommer 1912 in Heidelberg.

1912 wurde Mayer-Gross Assistent des Hirnpathologen Franz Nissl an der Psychiatrischen Klinik in Heidelberg. 1914 legte er eine Dissertation über die Phänomenologie abnormer Glücksgefühle vor.

Zu Begin des Ersten Weltkriegs kam Mayer-Gross ein Jahr lang an der Westfront zum Einsatz, bevor er 1915 in ein Heimatlazarett in Heidelberg versetzt wurde, in dem er die Leitung der Psychiatrischen Abteilung übernahm.

1918 kehrte er an die Heidelberger Klinik zurück, deren Leitung nun Karl Wilmanns übernommen hatte, dessen Assistent er wurde. In dieser Stellung verblieb er – mit zwei kurzen Unterbrechungen für Forschungsaufenthalte in Klingenmünster und Rheinau in der Schweiz – bis 1924. in diesem Jahr habilitierte er sich mit einer Arbeit über....zum Privatdozenten für Psychiatrie. Außerdem wurde er in diesem Jahr zum stellvertretenden Direktor der Klinik ernannt. Die Ernennung zum außerordentlichen Professor in Heidelberg folgte im Jahr 1929.

In Heidelberger gehörte Mayer-Gross zur sogenannten Heidelberger Schule die sich schwerpunktmäßig der Erforschung der Phänomenologie psychischer Erkrankungen widmete. Außer Mayer-Gross selbst gehörten Jaspers und Gruhle zu den wichtigsten Vertretern dieser Schule. Umgekehrt war er ein scharfer Gegner der Freud'schen analytischen Psychologie, die er später in seinem psychiatrischen Handbuch als "[ein] oberflächlicher, rationaler Ansatz unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft" und die "erfolgreichste From von Gesundbeterei" seiner Gegenwart abtat, woran er das Postulat knüpfte, die Phase der Quacksalberei zu durchschreiten und die Psychiatrie in eine "wirkliche Wissenschaft" zu verwandeln.

1928 beteiligte Mayer-Gross sich an der Gründung der neuropsychiatrischen Fachzeitschrift Der Nervenarzt, zu deren Herausgebern er bis 1933 gehörte. Um 1932 wurde ihm ein Lehrstuhl in Göttingen angetragen, den er aufgrund der sich bald danach rapide ändernden politischen Verhältnisse in Deutschland jedoch nicht mehr annehmen konnte.

Emigration in Großbritannien bis zum Zweiten Weltkrieg (1933 bis 1945)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 wurde Mayer-Gross aufgrund seiner – nach nationalsozialistischer Definition – jüdischen Abstammung in Deutschland politisch marginalisiert: Neben Wilmanns war er einer von vier Dozenten der Heidelberger Klinik, die schließlich aus rassischen Gründen aus dieser entfernt wurden: Er ließ sich zunächst 1933 beurlauben und ging mit einem Stipendium der Rockefeller-Foundation an das Londoner Maudsley Hospital, wo auch seine Kollegen Alfred Meyer und Erich Guttmann unterkamen.

In Großbritannien entwickelte Mayer-Gross sich zu einem der führenden Vertreter der Psychiatrie in diesem Land wie überhaupt zu einem wichtigen Promotor der Fortentwicklung des Standes der psychiatrischen Forschung in Großbritannien: Während diese in den 1930er Jahren von den meisten Fachleuten als im europäischen Vergleich rückständig angesehen wurde, galt die britische psychiatrische Forschung in den 1950er Jahren bereits als eine der international führenden, wofür u. a. die Impulse, die Emigranten wie Mayer-Gross geliefert hatten, verantwortlich gemacht wurden. Er selbst wurde 1961 in einem Nachruf in British Medical Journal als "herausragendste Persönlichkeit" der damaligen "europäischen Psychiatrie" gewürdigt und ihm wurde zugebilligt, mehr als irgendein anderer dafür verantwortlich zu sein, "dass die britische Psychiatrie sich weiterhin innerhalb der europäischen Tradition bewegt, in der sie eine führende Rolle spielt." Dementsprechend groß war sein Einfluss auf die britische psychiatrische Forschung seiner Zeit und auf die Forscher der nachfolgenden Generationen.

Im Deutschen Reich wurde er derweil von den nationalsozialistischen Behörden als Staatsfeind eingestuft: 1936 wurde ihm offiziell die Lehrbefugnis in Deutschland entzogen.

1939 übernahm Mayer-Gross die Leitung der klinischen Forschungsabteilung an der psychiatrischen Klinik des Crichton Royal Hospital im schottischen Dumfries. In dieser Stellung erhielt er offiziell den Rang eines director of clinical research. Auf diesem Posten verblieb er, bis er 1955 in den Ruhestand ging. Danach gehörte er der Klinik weiterhin als consultant an.

Nachkriegskarriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben seiner Tätigkeit an der psychiatrischen Klinik in Dumfries arbeitete Mayer-Gross in den ersten Nachkriegsjahren intensiv an einem Nachschlagewerk über Psychiatrie. Das Ergebnis war das Handbuch Cinlical Psychiatry, das er zusammen mit seinen Kollegen Eliot Slater und Martin Roth erstmals im Jahr 1954 beim Verlag Cassel veröffentlichte. Dieses Werk erreichte bald den Rang eines Standardwerkes: Für mehr als zwei Jahrzehnte galt es gemeinhin als das führende Lehrbuch in diesem Fach im angelsächsischen Sprachraum. Das Werk wurde mehrfach neu aufgelegt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Im Jahr 1945 wurde Mayer-Gross zum Mitglied des Royal College of Physicians in London. 1951 wurde er zum Fellow der Royal Society gewählt und von 1954 bis 1955 amtierte er als Präsident der Psychiatrischen Sektion der Royal Society of Medicine.

Als Pensionär war Mayer-Gross als Senior Fellow an der Abteilung für experimentelle Psychiatrie in Birmingham tätig und beteiligte sich an der Gründung der Uffculme Clinic.

In den Jahren 1951 bis 1952 und 1956 bis 1957 hielt Mayer-Gross sich im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Indien auf, um ein Zentrum für psychiatrische Ausbildung und Forschung in Bangalore aufzubauen.

In Deutschland erhielt Mayer-Gross im Rahmen eines Wiedergutmachungsverfahrens für das ihm durch den NS-Staat erlittenen Schaden 1955 die Rechte eines emeritierten Ordinarius zuerkannt.

1958 verbrachte Mayer-Gross einige Monate als Gastdozent an der Nervenklinik der Universität München und im Jahr 1960 einige Monate an der Psychiatrischen Klinik der Universität Hamburg.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mayer-Gross war seit 1919 verheiratet und hatte einen Sohn.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • "Zur Phänomenologie abnormer Glücksgefühle", in: Zeitschrift für Pathopsychologie 2. Jg. (1914), S. 588–610.
  • Selbstschilderungen der Verwirrtheit. Die oneiroide Erlebnisform, Berlin 1924. (Habilitation)
  • Pathologie der Wahrnehmung, 1928.
  • "On Depersonalisation", in: The British Journal of Medical Psychology Jg. 15, 1936, S. 103–122. (Übersetzung: "Zur Depersonalisation", in Joachim Ernst Meyer: Depersonalisation, 1968, S. 187–208)
  • The Clinical Examination of Patients with Cerebral Disease, 1957.
  • Clinical Psychiatry, 1954. (Nachdruck 1977 als Mayer Gross, Slater and Roth's Clinical Psychiatry, 1977)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein:

  • Cyril Greenland: "At the Crichton Royal with William Mayer-Gross (b. 15. Jan 189; d. 15. Feb 1961)", History of Psychiatry 13( 2002), S. 467–477.
  • A Lewi: "William Mayer-Gross. An Appreciation" in: Psychological Medicine 7 (1977), S. 11–18.
  • Dagmar Drüll: Heidelberger Gelehrtenlexikon. 1803–1932. Springer, Berlin u. a. 1986, ISBN 0-387-15856-1, S. 174 f.
  • Wolfgang U. Eckart / Volker Sellin / Eike Wolgast (Hg.): Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus, Heidelberg 2006, S. 911f.
  • Theo R. Payk: Psychiater: Forscher im Labyrinth der Seele, 2000, S. 178.

Nachrufe:

  • British Medical Journal vom 25. Februar 1961.

Einträge in Nachschlagewerken:

  • Oxford Dictionar of National Biography
  • William D. Rubinstein/Michael Jolles/ Hilary L. Rubinstein: The Palgrave Dictionary of Anglo-Jewish History, S. 655.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]