Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik GmbH
Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik Logo.svg
Rechtsform GmbH
Gründung 1885
Sitz Braunschweig
Leitung Hannes Schimmel-Vogel
Branche Klavier- und Flügelbau
Website www.schimmel-piano.de

Die Wilhelm-Schimmel-Pianofortefabrik GmbH ist ein traditionsreiches Flügel- und Klavierbauunternehmen mit Firmensitz in Braunschweig, Deutschland. Der Firmengründer Wilhelm Schimmel eröffnete 1885 seine erste Werkstatt in Leipzig. Heute wird das Familienunternehmen in vierter Generation weitergeführt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den Anfängen bis zum Jahr 1931[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Firmengründer Wilhelm Schimmel wurde am 8. September 1854 in Alt-Ohlisch (heute Stará Oleška, Tschechien) als Sohn des Dorfschneidermeisters Benedikt Schimmel und seiner Frau Clara geboren. Er wuchs auf in einer Region, die man auch als Wiege des deutschen Pianofortebaus bezeichnen kann. Schon die Orgelbaumeister Silbermann hatten hier ihre Wurzeln.

Firmengründer Wilhelm Schimmel

Im Alter von 14 Jahren begann Wilhelm eine Kunsttischlerlehre. Die Begeisterung für den Instrumentenbau übernahm er von seinem Vater, der sich u.a. mit der Reparatur von Instrumenten ein Zubrot verdiente. Bereits am Anfang seiner Lehrzeit fertigte Wilhelm eine Harmonika und eine Geige an. Er blieb aber zunächst einige Jahre der Tischlerei treu. Bereits mit 22 Jahren war er Werkmeister einer großen Tischlerei. Doch Wilhelm Schimmel gab sich mit dem bisher erreichten noch nicht zufrieden. Im Jahr 1879 nahm er seine Arbeit bei der Pianofortefabrik Stichel in Leipzig auf. Das Piano war seine Leidenschaft. Er war ein gelehriger Schüler, der seinen Wunsch nach Selbstständigkeit fest im Blick hatte. Sechs Jahre später war es soweit, 1885 gründete er in Neu-Schönefeld (heute Leipzig) seine eigene Firma. Unter der Devise „das bestmöglichste Instrument zu günstigem Preis“ produzierte er technisch fortschrittliche Klaviere und Flügel, die schnell regen Absatz fanden. Am 1. März 1894 verließ das 1000. Instrument die Schimmel-Werkstätten, die bis zu diesem Zeitpunkt bereits zweimal wegen Platzmangels in größere Räumlichkeiten umziehen mussten. Der vorerst letzte Ortswechsel wurde 1897 vollzogen. Wilhelm Schimmel hatte eine eigene Fabrik bauen lassen. Das neue Zuhause befand sich auf einem 4000 m² großen Areal in Leipzig-Stötteritz. Die Arbeitsräume des Gebäudes lagen auf 3 Stockwerken plus Parterre und Souterrain inklusive Konzert- und Ausstellungssaal.

Fabrikanlagen in Leipzig, 1897

Die Instrumente der Marke Schimmel zeichneten sich durch gute Spielbarkeit und eine hochentwickelte Repetitionsmechanik sowie durch einen hervorragenden Klang aus. Die Firma gehörte bereits zum Kreis der anerkannten Pianofortefabrikanten in Leipzig, neben Berlin damals ein Zentrum des deutschen Klavierbaus.

Bis zum 25-jährigen Firmenjubiläum erarbeitete sich das Unternehmen auch international einen ausgezeichneten Ruf und erfuhr durch den Titel des Hoflieferanten des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach und des Hoflieferanten des Königs von Rumänien eine besondere Anerkennung. Auf den Weltausstellungen 1913 und 1914 erhielten die Instrumente erste Goldmedaillen. Die Entwicklung technischer Neuheiten hatte für die Firma Wilhelm Schimmel stets einen hohen Stellenwert. So wurde beispielsweise um 1915 in Zusammenarbeit mit der Firma J. D. Philipps, Frankfurt/Main, ein selbstspielendes Klavier hergestellt, Ducanola genannt.

Wilhelm Schimmel mit Mitarbeitern, 1896

Wilhelm Schimmel war 73 Jahre alt, als er 1927 die Geschäftsleitung an seinen Sohn Wilhelm Arno Schimmel übergab. Die äußeren Umstände machten es dem neuen Eigentümer jedoch sehr schwer. Nach der Hyperinflation von 1923 zeichnete sich schon bald die nächste Wirtschaftskrise ab, die am 25. Oktober 1929, dem Schwarzen Freitag, ihren Ausgangspunkt hatte. Zusätzlich fanden Radio und Grammophon immer weitere Verbreitung, was die Produktion und den Verkauf von Klavieren und Flügeln zusätzlich erschwerte. Um diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen, wurde im Dezember 1929 die Deutsche Piano-Werke AG gegründet. Sie war ein Zusammenschluss mehrerer Hersteller mit dem Ziel, bestimmte Arbeitsprozesse zu vereinheitlichen, um die wirtschaftlich schwierige Situation besser zu überstehen. Die Produktionsstandorte der Piano-Werke AG befanden sich in Luckenwalde und in Braunschweig. Höherwertige Instrumente wurden in letztgenannter Stadt produziert, unter ihnen auch die Klaviere der Marke Schimmel. Die Schimmel-Flügelproduktion wurde zunächst im Leipziger Unternehmen weitergeführt. Die dauerhafte Vereinbarung der verschiedenen Interessen innerhalb des Verbunds gestaltete sich jedoch schwierig. Die Kooperation erwies sich als nicht zukunftsfähig. Durch glückliche Umstände gelang es Wilhelm Arno Schimmel, sein Unternehmen wieder herauszulösen und die Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik GmbH 1932 in Braunschweig zu gründen (1932).

Ab 1932 bis 2000[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenansicht eines Flügels von Schimmel

Auch die Vorkriegs- und Kriegsjahre erschwerten das Wirtschaften des Klavier- und Flügelbauers. Schimmel entwickelte ein rastenloses Kleinklavier (1935, Modell J 50) mit neu konzipiertem Spielwerk, das in seinem Design dem Zeitgeschmack entsprach und zu den wichtigen Neukonstruktionen der 1930er Jahre zählte.

Im September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Braunschweig war als ein Zentrum der Flugzeugindustrie früh Ziel zahlreicher alliierter Luftangriffe. Im Oktober 1944 wurden weite Teile der Pianofortefabrik an der Hamburger Straße zerstört; nur einige Büroräume entgingen dem Feuer. Die Produktion der Instrumente wurde bis auf Weiteres eingestellt.

Nach Kriegsende konnten die beschädigten Anlagen recht schnell wieder hergerichtet werden; man konzentrierte sich zunächst auf Holzarbeiten und Innenausbauten aller Art, bis 1949 die Fertigung von Klavieren und Flügeln wieder aufgenommen wurde. Im selben Jahr wurden Instrumente bei der ersten Exportmustermesse in Hannover ausgestellt. Schimmel war vermutlich das erste Klavierbauunternehmen Deutschlands, das nach der Währungsreform wieder Instrumente aus regelmäßiger Produktion liefern konnte.

Die 1950er Jahre waren von Expansion und Neuentwicklungen geprägt. So wurde 1951 auf der Messe in Düsseldorf der erste Acrylglasflügel der Welt vorgestellt, der in überarbeiteter Form bis heute ein Imageträger des Unternehmens ist. Schimmel war nach Absatzzahlen im deutschen Markt gerechnet der größte Klavierhersteller.

1961 starb Wilhelm Arno Schimmel unerwartet. Die Leitung der Firma ging auf seinen Sohn Nikolaus Wilhelm Schimmel (* 1934) über, der sowohl über eine Klavierbauerlehre als auch über eine kaufmännische Ausbildung verfügte. Die 1960er Jahre waren weiterhin mit einem Aufschwung für die Klavierbaubranche verbunden, und schon bald litt die Fabrik wieder unter Platzmangel. 1966 war Baubeginn für ein neues Betriebsgelände im Süden Braunschweigs, das den neuen Erfordernissen entsprach. Im Jahr 1975 verließen jährlich 7.500 Instrumente die Fertigung. Anfang der 1980er Jahre waren es bereits 10.000, darunter auch die – von 1972 bis 1996 – unter dem Namen Pleyel hergestellten Klaviere.[1]

Zum 100-jährigen Firmenjubiläum 1985 galt das von Wilhelm Schimmel gegründete Unternehmen als Deutschlands führender Hersteller von Flügeln und Klavieren. Zwei Drittel der Jahresproduktion wurden in die Europäische Union, nach Nordamerika und in den pazifischen Raum exportiert.

Ab 2000[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2003 übergab Nikolaus W. Schimmel die Firmenleitung an seinen Schwiegersohn Hannes Schimmel-Vogel. Neue Produktreihen wurden eingeführt.

Yamaha erwarb einen Minderheitsanteil von 24,99 %, der im Jahr 2009 zurückgegeben wurde.[2][3]

Im August 2009 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden.[4] Man verfolgte das Verfahren der Planinsolvenz; am 30. März 2010 wurde es erfolgreich beendet.

Im Januar 2016 übernahm der chinesische Klavierhersteller Pearl River Piano Group 90 % der Unternehmensanteile.[5]

Produkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

aktuelle Serien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Schimmel Konzert. Fertigung in Braunschweig. Renner Mechanik
  • Schimmel Classic. Fertigung in Braunschweig. Renner Mechanik
  • Schimmel International. Fertigung in Braunschweig.
  • Wilhelm Schimmel. Fertigung in Kalisz, Polen.

nicht mehr weitergeführte Serien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vogel by Schimmel. Fertigung in Kalisz, Polen.
  • May Berlin. Fertigung in China.
  • Pleyel

Besonderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schimmel ist schon lange auch dafür bekannt, neben traditionellen Instrumenten auch Flügel auf den Markt zu bringen, die sich durch außergewöhnliches Design hervorheben.

Den Anfang machte der bereits erwähnte Flügel aus Acrylglas. Spätestens als er auf den Konzertbühnen von Udo Jürgens zum Einsatz kam, gelangte dieses Instrument zu Berühmtheit. Außerdem ist der von Otmar Alt entworfene Flügel zu nennen. Er zieht durch sein phantasievolles, farbenfrohes Design die Aufmerksamkeit auf sich. Der „Pegasus“ genannte Flügel des Designers Professor Luigi Colani bricht mit der traditionellen Bauform des Instruments. Hier scheint das gesamte Instrument stehend auf einer Acrylglasscheibe im Raum zu schweben. Der Hocker ist Teil des Flügelkorpus; der Flügeldeckel öffnet sich automatisch.

Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der größte Teil der Entwicklung und Fertigung der Instrumente erfolgt in Braunschweig, das als Klavierbau-Hochburg bekannt ist. Hier wird neben der Konstruktion und dem Prototypenbau auch der größte Teil der Serienproduktion abgewickelt.

Arbeitsvorgänge innerhalb des Flügelbaus sind beispielsweise die Montage von Resonanzboden, Rasten und Gussrahmen, das Aufziehen der Saiten, Lackieren und Polieren des Gehäuses und das Zusammenführen von Klangkörper, Klaviatur und Pedaleinrichtung. Die Produktion erfolgt auf Grundlage zahlreicher Patente, deren Eintragung teilweise schon durch das kaiserliche Patentamt erfolgte.

Der Bau eines Schimmel-Flügels dauert ca. zwölf Monate, der Bau eines Klaviers ca. sechs Monate. Insgesamt werden für die Herstellung eines Instruments bis zu 9000 Teile verwendet, der allergrößte Teil wird in Handarbeit montiert. Für die 88 Tasten der Klaviatur werden über 220 Saiten gespannt, die bei einer Kraft von 80 bis 130 Newton pro Saite mit einer Gesamtzugkraft von bis zu 210.000 Newton auf den gusseisernen Rahmen wirken.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nikolaus [W.] Schimmel: Schimmel – ein Unternehmen stellt sich vor. Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik, Braunschweig 1984.
  • Vom Musikstab zum Pianoforte. Eine Einführung in die Geschichte des Pianoforte – 1985 zusammengetragen aus Anlaß des 100-jährigen Bestehens der Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik GmbH. Text: Nikolaus W. Schimmel, Dr. Günther Batel. Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik, Braunschweig 1987.
  • Nikolaus [W.] Schimmel: Das Spielwerk für Klaviere. Funktion und Regulierung von Tastatur und Mechanik. Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik, Braunschweig 1988.
  • Nikolaus W. Schimmel: Pianofortebau – ein Kunsthandwerk / Die Geschichte der Pianoforte-Instrumente / Die Schimmel-Familientradition. Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik, Braunschweig 1995. 5., völlig überarb. und aktualisierte Auflage.
  • Nikolaus W. Schimmel, Hans K. Herzog, Gerhard Aspheim: Piano-Nomenclatur. (in fünf Sprachen). (= Das Musikinstrument, Bd. 14), Verlag Erwin Bochinsky, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-920112-19-9.
  • Conny Restle (Hrsg.): Faszination Klavier. 300 Jahre Pianofortebau in Deutschland. Prestel Verlag, München 2000, ISBN 3-7913-2308-3.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Schimmel-Klaviere. Menschen mit Flügeln. Dokumentarfilm, Deutschland, 2014, 43:10 Min., Buch und Regie: Heinrich Billstein, Produktion: Eco Media, NDR, Reihe: Made in Norddeutschland, Erstsendung: 3. Dezember 2014 bei NDR, Inhaltsangabe von NDR.

Weitere Klavierbauunternehmen aus Braunschweig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wilhelm Schimmel Pianofortefabrik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Stallknecht: Welch ein Flöten im Diskant. Der legendäre französische Klavierbauer Pleyel beendet die Produktion: ein Zeichen des Umbruchs. In: Süddeutsche Zeitung vom 30. Dezember 2013, S. 9.
  2. Schimmel aus der Insolvenz gerettet. In: klassik.de, 8. April 2010.
  3. Nach Insolvenz: Klavierhersteller Schimmel gerettet. In: Hamburger Abendblatt, 30. März 2010.
  4. Traditions-Klavierbauer. Schimmel meldet Insolvenz an. In: FAZ, 4. August 2009.
  5. Christian Göttner: In Braunschweig produziert, in China verkauft. In: Standort38.de. Abgerufen am 28. Januar 2016 (de-de).

Koordinaten: 52° 14′ 24″ N, 10° 29′ 47″ O