Wilhelm Treue

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Wilhelm Treue (* 18. Juli 1909 in Berlin; † 18. Oktober 1992 in Göttingen) war ein deutscher Wirtschafts- und Sozialhistoriker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Treue, Sohn eines Unteroffiziers, studierte seit 1928 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin Geschichte und Biologie. Wichtige akademische Lehrer waren Ernst Perels, Hermann Oncken und vor allem Fritz Hartung. Im Jahr 1932 promovierte er zum Dr. phil. bei Fritz Hartung über Die deutsche Landwirtschaft zur Zeit Caprivis und ihr Kampf gegen die Handelsverträge. Treue habilitierte sich 1937 an der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität zum Thema Wirtschaftspolitik und Wirtschaftszustände in Preußen 1815-1825, ohne damit aber die Lehrbefugnis zu erhalten (weil er keiner NS-Organisation angehörte).

In den 1930er Jahren arbeitete Treue zeitweilig als Redakteur für die Verlage Ullstein und Propyläen, später war er bei der kriegsgeschichtlichen Abteilung der Kriegsmarine tätig. Kurz unterbrochen durch aktiven Militärdienst 1939, lehrte er seit 1943 an der Marineschule in Mürwik in Flensburg-Mürwik Seekriegsgeschichte.

In der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war Treue in gewissem Umfang Vertreter einer betont unpolitischen Wissenschaft, der für eine rasche Integration von nationalsozialistischen Mitläufern eintrat. Er gehörte in Göttingen allerdings neben anderen jüngeren Historikern wie Werner Conze und älteren Kollegen wie Hermann Heimpel oder Percy Ernst Schramm zu einem Kreis, der wichtige Überlegungen zu einem methodischen Neuanfang des Faches nach dem Nationalsozialismus anstellte. Dass er sehr wohl auch politisch war, zeigen seine Äußerungen zum ersten deutschen Historikertag nach 1945. Er kritisierte das Fehlen einer grundsätzlichen Stellungnahme zu den „Umwälzungen“ der letzten Jahre.[1] Auch in seinen Büchern setzte er sich mit dem Nationalsozialismus auseinander. 1952 gab er zusammen mit Günther Frede den Band Wirtschaft und Politik 1933–1945 heraus, der auch in einer Ausgabe für Lehrer erschien. In seinem 1957 erschienenen Buch Kunstraub beschäftigte er sich in dem Kapitel Kunstraub am eigenen Volk und an fremden Nationen als einer der ersten Historiker mit dem Thema des nationalsozialistischen Kunstraubes.

Zwischen 1958 und 1985 war Treue nebenberuflich Leiter des Hausarchivs der Privatbank Sal. Oppenheim.[2] 1983 veröffentlichte er in der Zeitschrift für Unternehmensgeschichte das Buch Das Schicksal des Bankhauses Sal. Oppenheim junior & Cie. und seiner Inhaber im Dritten Reich. Seine Mitarbeiterin Gabriele Teichmann wurde um 1989 seine Nachfolgerin.

Als Dozent lehrte Treue in Göttingen, Würzburg, Oxford, an einer Universität in Südafrika und in Hannover. Dort erhielt er 1948 zunächst eine außerordentliche Professur. Seit 1954 hatte er den Lehrstuhl für Geschichte inne und war gleichzeitig Direktor des Historischen Seminars. Beide Funktionen übte er bis zu seiner Emeritierung 1975 aus. Seit 1978 lehrte Treue noch einmal zehn Jahre als Honorarprofessor in Salzburg. Am 11. Dezember 1984 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Salzburg verliehen.

Die wissenschaftlichen Interessen Treues waren vielfältig. Sie umfassten Technik-, Wirtschafts-, Politik-, und Kulturgeschichte. Besondere Bedeutung maß er der Förderung der Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte bei. So gründete er 1955 die Zeitschrift Tradition. Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie. Diese ging auf Treues Bestreben hin 1974 in der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte auf, die die Herausgeberin der Zeitschrift für Unternehmensgeschichte ist.

Auch an der Gründung des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte war Treue beteiligt. 1968 wurde auf seine Anregung von Vertretern der Wissenschaft und der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Studienkreis Rundfunk und Geschichte gegründet, dessen Vorsitzender er lange Jahre war.

Treue verfasste Firmengeschichten u. a. für die MTU Friedrichshafen, für Sal. Oppenheim und für Esche Schümann Commichau (vgl. die unten stehenden Literaturhinweise).

Die ihm gewidmete Festschrift Wissenschaft, Wirtschaft und Technik. Studien zur Geschichte. Wilhelm Treue zum 60. Geburtstag wurde von Karl-Heinz Manegold herausgegeben und erschien 1969 in München.

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wirtschaft, Gesellschaft und Technik in Deutschland vom 16. bis zum 18. Jahrhundert (= Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte, 9. Aufl., hrsg. von Herbert Grundmann, Taschenbuchausgabe, Bd. 12). Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1999 (7. Auflage).
  • Gesellschaft, Wirtschaft und Technik Deutschlands im 19. Jahrhundert (= Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte, 9. Aufl., hrsg. von Herbert Grundmann, Taschenbuchausgabe, Bd. 17). Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1999 (11. Auflage).
  • (Hrsg.) Preußens großer König: Leben und Werk Friedrichs des Großen, Ploetz, Freiburg 1986. ISBN 3-87640-190-9.
  • Das Schicksal des Bankhauses Sal. Oppenheim junior & Cie. und seiner Inhaber im Dritten Reich. Steiner, Wiesbaden 1983 (= Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Beiheft 27).
  • Geschichte der französischen Marine. Wilhelm Treue; Hanswilly Bernartz Hrsg.. Mittler, Herford 1982, ISBN 978-3-8132-0151-2. Schriftenreihe der Marine-Akademie Band 3.
  • Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit: 1700–1972. Kröner, Stuttgart 1973 (2 Bände; 3. stark erweiterte Auflage).
  • Die Feuer verlöschen nie – August Thyssen-Hütte. Band 1: 1890–1926. Econ, Düsseldorf 1969.
  • mit Helmut Uebbing: Die Feuer verlöschen nie – August Thyssen-Hütte. Band 2: 1926–1966. Econ, Düsseldorf 1969.
  • Quellen zur Geschichte der industriellen Revolution. Hrsg. mit Karl-Heinz Manegold. Musterschmidt, Göttingen 1966.
  • Achse, Rad und Wagen. 5000 Jahre Kultur- und Technikgeschichte. Hrsg. im Auftrag der Bergischen Achsenfabrik Fr. Kotz & Söhne in Wiehl, Bruckmann, München 1965.
  • Deutsche Geschichte. Von den Anfängen bis zum Ende des 2. Weltkrieges. Kröner, Stuttgart 1958. Weitere bearbeitete Auflagen z. B. die 5. Auflage 1978 mit dem Untertitel Von den Anfängen bis zum Ende der Ära Adenauer.
  • Kunstraub. Über die Schicksale von Kunstwerken in Krieg, Revolution und Frieden. Droste-Verlag, Düsseldorf 1957.
  • Kulturgeschichte der Schraube – Von der Antike bis zum 18. Jahrhundert. Hrsg. im Auftrag der Kamax-Werke Rudolf Kellermann in Osterode am Harz, Bruckmann, München 1955; 2. erweiterte und bis zum 20. Jahrhundert fortgeführte Auflage 1962.
  • Mit den Augen ihrer Leibärzte. Von bedeutenden Medizinern und ihren großen Patienten. Mit einem Geleitwort von Heinrich Martius, Droste-Verlag, Düsseldorf 1955.
  • Invasionen 1066–1944. Eine Studie zur Geschichte des amphibischen Krieges. Mittler, Darmstadt 1955.
  • Der Krim-Krieg und seine Bedeutung für die Entstehung der modernen Flotten. Muster-Schmidt, Göttingen 1954 (= Göttinger Bausteine zur Geschichtswissenschaft, Bd. 18), 2. überarbeitete Auflage, Mittler, Herford 1980.
  • Wirtschaft und Politik 1933-1945. Dokumente mit verbindendem Text. Unter Mitarbeit von Günther Frede, Hahn, Hannover 1952 (= Beiträge zur Geschichte der jüngsten Vergangenheit; Heft 4; Schulverwaltungsblatt für Niedersachsen, 1952, H. 11; Beiträge zum Geschichtsunterricht Band 30 Albert Limbach, Braunschweig 1953).
  • Illustrierte Kulturgeschichte des Alltags. Oldenbourg, München 1952.
  • Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Politik, Wirtschaft, Kultur. Schöningh, Würzburg 1946.
  • Maria Sibylla – Der Lebensroman der deutschen Künstlerin und Forscherin Maria Sibylla Merian. Biographischer Roman mit Hildegard Treue, Volksverband der Bücherfreunde, Weigweiser-Verlag, Berlin 1942.
  • Kleine Kulturgeschichte des deutschen Alltags. Rütten & Loening, Potsdam 1942.
  • Wer war der ewige Angreifer, Deutschland oder Frankreich? Mit einem Vorwort von Heinrich Sohnrey. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin 1940 (enthält als Schlussabschnitt das Kapitel Adolf Hitlers Verständigungswille).
  • Die Eroberung der Erde. Auf den Spuren der großen Entdecker. Deutscher Verlag, Berlin 1939.
  • Der Wandel der Lebenshaltung. Ein Spiegel der Zeiten und Völker. Volksverband der Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag, Berlin 1939 (= Volksverband der Bücherfreunde. Wissenschaftliche Jahresreihe, Reihe 20, Bd. 3).
  • Wirtschaftszustände und Wirtschaftspolitik in Preußen 1815–1825. Kohlhammer, Stuttgart 1937 (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beiheft 31).
  • Die deutsche Landwirtschaft zur Zeit Caprivis und ihr Kampf gegen die Handelsverträge. Hannover 1933. Hochschulschrift: Berlin, Philosophische Dissertation.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schulze, Geschichtswissenschaft, S. 84 f., 159, 173 f.
  2. Eckhard Wandel: Banken und Versicherungen im 19. und 20.Jahrhundert. Oldenbourg Verlag, München 1998, ISBN 3-486-55072-1, S. 87.