Wilhelm von Polenz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Wilhelm von Polenz um 1900; Fotografie von Julius Cornelius Schaarwächter

Wilhelm von Polenz (* 14. Januar 1861 in Obercunewalde; † 13. November 1903 in Bautzen) war ein deutscher Heimatschriftsteller, Romancier und Novellist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm von Polenz stammt aus dem alten sächsischen Adelsgeschlecht Polenz. Sein Vater war der sächsische Kammerherr und Klostervogt von Marienthal, Julius Curt von Polenz, die Mutter Clara eine Geborene von Wechmar. Am Vitzthumschen Gymnasium in Dresden legte er 1882 die Reifeprüfung ab und absolvierte anschließend einen einjährigen Militärdienst bei den Dresdner Gardereitern. Während dieser Zeit lernte er auch Moritz von Egidy kennen.

Auf Wunsch seines Vaters studierte Wilhelm von Polenz an den Universitäten Breslau, Berlin und Leipzig Rechtswissenschaften, obgleich er selbst mehr musische und literarische Neigungen verspürte. Die 1886 begonnene Referendarstelle im sächsischen Staatsdienst gab er 1887 auf, machte die Schriftstellerei zu seinem Hauptberuf und zog nach Berlin. Hier gehörte er dem „Ethischen Klub“ und dem „Friedrichshagener Dichterkreis“ an. Zu seinen Bekannten zählten die Literaten Heinrich und Julius Hart, Gerhart Hauptmann, Otto Erich Hartleben und Hermann Conradi. 1888 ehelichte er die Engländerin Beatrice Robinson. 1891 erwarb er ein Rittergut in Lauba, 1894 nach dem Tod seines Vaters das im Familienbesitz befindliche Rittergut Obercunewalde.

Der deutsche Sprachwissenschaftler und germanistischer Mediävist Peter von Polenz war sein Enkel.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Polenzpark Obercunewalde, Denkmal für Wilhelm von Polenz, Bronze-Relief von Kramer, erschaffen 1909

1890 veröffentlichte Wilhelm von Polenz seinen ersten Roman, „Sühne“. Beeindruckt vom Naturalismus und den Werken Émile Zolas und Lew Tolstois, mit dem er in einem freundschaftlichen Briefwechsel stand, entstanden seine gesellschafts- und kulturkritischen Werke. Sein bekanntester Roman ist „Der Büttnerbauer“ (1895). Darin stellt er die schwierige Situation des Bauernstandes seiner Zeit dar und lässt sie als Folge einer jüdischen Verschwörung gegen christliche Opfer erscheinen[1] : Der Familienhof der Hauptfigur kommt in wirtschaftliche Not und verschuldet sich „ausgerechnet“ bei einem Juden. So sagt im Roman der Hauptmann Schroff:

„Aber, wenn die Sorte kommt: Harrassowitz, Samuel Harrassowitz! Wo hat denn Ihr Vater seinen Verstand gelassen, als er dem Teufel den kleinen Finger gab! Weiß denn Ihr Alter nicht, daß dieser Jude drüben in Wörmsbach das halbe Dorf besitzt. Alles aufgekauft und in Parzellen zerschlachtet! Nun haben wir den Blutigel glücklich auch in Halbenau! der Marder im Hühnerstall ist nichts dagegen! Binnen Jahresfrist ist so einem alles tributpflichtig.“

Wilhelm von Polenz: Ausspruch des Hauptmann Schroff im Roman Der Büttnerbauer, als er von der Situation der Büttnerbauer hört (Kapitel 14)[2]

Der alte Bauer begeht schließlich Selbstmord.

1902 unternahm er eine Reise in die USA. Als Resultat dieses Aufenthalts entstand sein Essay „Das Land der Zukunft“ (1903). In diesem Werk benutzt er zustimmend mehrere Schlüsselbegriffe des Rassismus und Antisemitismus. So beklagte er, Amerika ziehe generell „alle zigeunerhaften Existenzen an sich“, wie der wachsende Bevölkerungsanteil der „durch und durch internationalen Juden“ zeige. Die eingewanderten Juden würden Amerika „zunehmend nach ihren Prinzipien formen“. Und:

„Die Physiognomie gewisser einflussreicher Kreise Newyorks beweist, daß auch in der neuen Welt dem Semiten die Eigenschaft nicht abhanden gekommen ist, das eigne Wesen unverändert zu wahren und das Wirtsvolk durch seine Art tief zu beeinflussen.“

Wilhelm von Polenz: Das Land der Zukunft

Noch im selben Jahr starb Wilhelm von Polenz im Alter von 42 Jahren an einem Krebsleiden im Stadtkrankenhaus Bautzen[3].

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Formal gilt vor allem der Roman „Der Büttnerbauer“ als bedeutendes episches Werk des Naturalismus. Inhaltlich legt von Polenz hier seinen Romanfiguren entschieden antisemitische Anschauungen in den Mund,[4][1] die seinerzeit nicht nur in Deutschland an Bedeutung gewannen. Später soll der Roman von Adolf Hitler bewundert worden sein und ihn antisemitisch beeinflusst haben.[5][6][7] Entsprechend positiv wurde der Roman in der zentral gesteuerten Kulturpolitik des Dritten Reichs bewertet und reichsweit in Umlauf gebracht.[8] In der gegenwärtigen vergleichenden Literaturwissenschaft wird festgestellt, dass von Polenz mit seiner Bejahung der ländlich-bäuerlichen und der Ablehnung der städtisch-industriellen Lebens- und Produktionsweise Autoren der vorigen Generation wie Franz Grillparzer, Gustav Freytag, Theodor Fontane und Wilhelm Raabe ähnelt. Im Vergleich zu diesen wird sein Antisemitismus aber als besonders pauschal angesehen und er habe in der literarischen Judendarstellung eine schärfere Tonart angeschlagen.[1][9][10][11]

Nachklänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm von Polenz-Straße im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen

In dem von seinem Vater 1880 durch den Dresdner Hofgartenarchitekten Johann Carl Friedrich Bouché gestalteten Gutspark Obercunewalde errichteten ihm 1909 die Landstände der Oberlausitz und Freunde seiner Werke sein Denkmal. Später wurde die Grund- und Mittelschule „Wilhelm von Polenz“[12] in Cunewalde nach ihm benannt.

Sein künstlerischer Nachlass befand sich im „Polenz-Museum“ in Cunewalde (Am Gänseberg 7).[13] Seit der Schließung des Polenz-Museum in Cunewalde wird der Nachlass in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden aufbewahrt.

Denkmal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bildhauer Arnold Kramer (1863–1918) schuf für Polenz' Denkmal in Bautzen ein Reliefmedaillon, von dem ein Zweitguss in das Städtische Museum gelangte.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lyrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erntezeit. Nachgelassene Gedichte, 1904

Erzählungen und Romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sühne, 1890
  • Der Pfarrer von Breitendorf, Roman, 1893
  • Karline, Novellen und Gedichte, 1894
  • Der Büttnerbauer, Roman, 1895 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • Reinheit, Novellen, 1896
  • Der Grabenhäger, Roman, 1897
  • Wald, Novelle, 1899
  • Thekla Lüdekind, Roman, 1900
  • Luginsland, Dorfgeschichten, 1901
  • Liebe ist ewig, Roman, 1901
  • Wurzellocker, Roman, 1902

Theaterstücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich von Kleist, Trauerspiel, 1891
  • Preußische Männer, Schauspiel, 1891
  • Andreas Bockholdt, Tragödie, 1898
  • Junker und Fröhner, Dorftragödie, 1901

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Land der Zukunft, 1903

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ungarn Miklos Salyamosy recherchiert im Sommer 1964 über Wilhelm von Polenz. Das Foto zeigt ihn in der Bautzener Wohnung des Sohnes Dr. Erich von Polenz.
  • Adolf Bartels: Wilhelm von Polenz. Koch, Dresden 1909.
  • Hilde Krause: Wilhelm von Polenz als Erzähler. Univ. Diss., München 1937
  • Peter von Polenz (2001): Studentensprache im Duellzwang. Nach einem wiederaufgetauchten Manuscripte von Wilhelm v. Polenz (1885). In: Burkhardt, Armin; Cherubim, Dieter (Hgg.): Sprache im Leben der Zeit. Beiträge zur Theorie, Analyse und Kritik der deutschen Sprache in Vergangenheit und Gegenwart. Helmut Henne zum 65. Geburtstag. Tübingen, S. 33–43.
  • Siegfried Rönisch: Polenz, Wilhelm Christoph Wolf von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 598 (Digitalisat).
  • Miklós Salyámosy: Wilhelm von Polenz. Prosawerke eines Naturalisten. Akadémiai Kiadó, Budapest 1985 ISBN 963-05-3836-9

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Klaus-Michael Bogdal, Klaus Holz, Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz. Verlag Metzler, 2007, ISBN 9783476022400, S. 95 ff
  2. Digitalisat Der Büttnerbauer. S. 187, abgerufen am 2. März 2015.
  3. Wilhelm von Polenz. Der Heimatdichter aus Cunewalde und Namensgeber unserer Schule. Wilhelm-von-Polenz Oberschule Cunewalde, abgerufen am 2. März 2015.
  4. Angelika Benz: Der Büttnerbauer (Roman von Wilhelm Polenz, 1895). In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Literatur, Film, Theater und Kunst. Verlag Walter de Gruyter, 2015, ISBN 9783110340884, S. 48.
  5. George L. Mosse: Die Völkische Revolution: Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus. Band 165 von Athenäum Taschenbücher, Neue wissenschaftliche Bibliothek. Athenäums Sonderausgabe. Verlag Anton Hain, 1991, ISBN 9783445047656, S. 36.
  6. Sabine Witt: Nationalistische Intellektuelle in der Slowakei 1918-1945: Kulturelle Praxis zwischen Sakralisierung und Säkularisierung. Verlag Walter de Gruyter, 2015, ISBN 9783110396904.
  7. Margit Frank: Das Bild des Juden in der deutschen Literatur im Wandel der Zeitgeschichte. In: Hochschulproduktionen Germanistik, Linguistik, Literaturwissenschaft. Band 9. Burg-Verlag, 1987, S. 7.
  8. Reichsstelle für Volkstümliches Büchereiwesen und Verband Deutscher Volksbibliothekare (Hrsg.): Die Bücherei: Zeitschrift der Reichsstelle für Volkstümliches Büchereiwesen. Band 3, 1936, Verlag Einkaufshaus für Büchereien, S. 52.
  9. Hanna Delf von Wolzogen (Hrsg.): Theodor Fontane, am Ende des Jahrhunderts: Der Preusse. Die Juden. Das Nationale. In: Theodor Fontane, am Ende des Jahrhunderts: Internationales Symposium des Theodor-Fontane-Archivs zum 100. Todestag Theodor Fontanes. Band 1. 13.–17. September 1998 in Potsdam, Brandenburgische Landes- und Hochschulbibliothek. Verlag Königshausen & Neumann, 2000, ISBN 9783826017957, S. 190.
  10. Martin Gubser: Literarischer Antisemitismus: Untersuchungen zu Gustav Freytag und anderen bürgerlichen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts. Wallstein Verlag, 1998, ISBN 9783892442592, S. 121, 142, 147.
  11. Florian Krobb: Scheidewege. Zum Judenbild in deutschen Romanen der 1890er Jahre. In: Pól Ó Dochartaigh (Hrsg.): Jews in German Literature Since 1945: German-Jewish Literature? Ausgabe 53 von German monitor, ISSN 0927-1910, Verlag Rodopi, 2000, ISBN 9789042014534, S. 13.
  12. Wilhelm-von-Polenz Oberschule Cunewalde. Abgerufen am 2. März 2015.
  13. Polenz-Museum. Abgerufen am 2. März 2015.