Wilhelmine Reichard

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Wilhelmine Reichard, Lithografie von Adolf Kunike, etwa 1820
Wilhelmine Reichards Wohnhaus in Döhlen
Heißluftballon D-OBDD „Wilhelmine Reichard“ in Fahrt über Dresden
Grabmal der ersten Ballonfahrerin Wilhelmine Reichard auf dem Friedhof Döhlen

Johanne Wilhelmine Siegmundine „Minna“ Reichard, geborene Schmidt (* 2. April 1788 in Braunschweig; † 23. Februar 1848 in Döhlen) war die erste Ballonfahrerin Deutschlands.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelmine Schmidt, genannt Minna, war die Tochter eines herzoglich Braunschweigischen Mundschenks. Kindheit und Jugend verlebte sie in Braunschweig. 1806 heiratete sie den Ballonfahrer Gottfried Reichard (1786–1844), der Professor für Physik in Braunschweig war. Sie hatten acht gemeinsame Kinder. Beide teilten die Leidenschaft für die Luftschifffahrt und bauten zusammen einen Gasballon, mit dem sie 1810 gemeinsam in Berlin starteten.[1]

Am 16. April 1811[1][2] unternahm sie von Berlin aus ihre erste Alleinfahrt in einem Ballon, wobei sie eine Höhe von 16.000 Fuß (entspricht rund 5.000 m) erreichte und innerhalb von 1 ½ Stunden eine Strecke von 4 ½ Meilen (etwa 33 km) zurücklegte.[3] Am 6. Mai folgte ebenfalls von Berlin aus die zweite Fahrt, die während eines starken Gewitters stattfand (Dauer 17 Minuten, 1 ½ Meilen ca. 11 km, Höhe 7.000 Fuß ca. 2.100 m).[3]

Am 30. September 1811 folgte die dritte Ballonfahrt von Dresden aus. Sie erreichte dabei eine von ihr durch Barometermessung ermittelte Höhe von 24.000 Fuß (etwa 7.500 m). Als sie nach ungefähr 50 Minuten 6 ½ Meilen (ca. 48 km) zurückgelegt hatte, stürzte sie aus dem durch die zweite Fahrt beschädigten Ballon ab und landete bei Saupsdorf in einem Gebüsch. Wie durch ein Wunder überlebte sie, und an der Absturzstelle wurde ein Denkmal errichtet. Der Ballon stieg nach dem Unfall noch etwa 3.000 Fuß weiter auf, bevor er zerplatzte.[3]

Trotz mehrerer Bruchlandungen unternahm sie weiterhin Ballonfahrten von allen größeren deutschen Städten aus. So fuhr sie am 9. August 1818 von Braunschweig aus über Wolfenbüttel in Richtung Asse und Harz. Schließlich wurde sie in Richtung Königslutter abgetrieben und landete bei Lehre.[1]

Am 17. Juli 1820 unternahm sie ihre 15. Ballonfahrt im Wiener Prater.[4]

Bis 1820 führte sie 17 Fahrten aus, die sie auch zu wissenschaftlichen Zwecken nutzte. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin ihres Gatten war sie auch auf dem Gebiet der Chemie tätig. Sie führte unter anderem Wetterbeobachtungen und Temperaturmessungen durch. Bei einer Ballonfahrt stieg sie dabei so hoch, dass sie wegen Sauerstoffmangels bewusstlos wurde. Der Ballon platzte, stürzte ab und blieb in einigen jungen Fichten hängen. Reichard überlebte mit einigen Verletzungen und stieg fünf Jahre später erneut auf. Ihre letzte Fahrt fand zum zehnten Oktoberfest in München statt.

1814 übersiedelte sie nach Döhlen, wo sie bis zu ihrem Tode auf der Grenzstraße 9, heute Reichardstraße 9, wohnte. Das Geld, das sie mit ihren Ballonfahrten verdiente, investierte sie in die 1821 gekaufte chemische Fabrik ihres Mannes. Nach dessen Tod 1844 führte sie diese noch vier Jahre bis zu ihrem eigenen Tod weiter.[5] Sie starb 1848 an einem Schlaganfall. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Döhlen.

Söhne von ihr führten die Chemiefabrik noch Jahrzehnte erfolgreich weiter. Ihr Enkel Otto Reichard starb 1891 bei einem Betriebsunfall. Das Werk wurde 1894 geschlossen.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 19. September 1818 erschien Wilhelmine Reichards Beschreibung ihrer Erlebnisse als Luftschifferin im Braunschweigischen Magazin unter dem Titel Geschichte meiner Luftreise.[6]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ballonfahrt Oktoberfest München 1820
  • Reichard diente Karl May möglicherweise als ein Vorbild für seine Figur Wanda. Im IV. Kapitel der gleichnamigen Erzählung von 1875 verwertete May die turbulenten Ereignisse vom 30. September 1811.[7][8]
  • 1978 gab die Deutsche Bundespost eine Jugendbriefmarke mit Reichards Ballonfahrt 1820 auf dem Münchener Oktoberfest aus.
  • Ihr Wohnhaus in Freital-Döhlen wurde seit 1998 vom Dresdner Ballonfahrer Matthias Schütze mit Kofinanzierung der Gemeinde rekonstruiert. Am Wohnhaus ist eine Gedenktafel für sie und ihren Mann. Die Straße an der das Wohnhaus liegt, ehemals „Grenzstraße“ wurde nach ihr und ihrem Mann auf Reichardstraße umbenannt.
  • Ballonfahrer Matthias Schütze hat einen Ballon mit einem Brustbild von Wilhelmine Reichard gestalten lassen und bietet seit dem 200-Jahr-Jubiläum ihres Erstalleinflugs (2011) Publikumsfahrten mit diesem Ballon an. Wilhelmine Reichard D-OWIR, Ballonhöhe 21 m, Durchmesser 18 m, Hüllengröße 3398 m³, Hüllengewicht 138 kg, maximale Startmasse 1088 kg.[9][10]
  • Am 19. September 2014 erhielt die Schule zur Lernförderung in Döhlen den Namen Wilhelmine-Reichard-Schule.[11]
  • Am Flughafen Dresden, auf dem Flugfeld in Böblingen und am ehemaligen Flugplatz Gatow im Fliegerviertel von Berlin-Spandau sind Straßen nach ihr benannt.
  • Im Münchener Stadtteil Lerchenau, im Frankfurter Stadtteil Bockenheim und im Industriepark Kassel wurde ebenfalls jeweils eine Straße nach ihr benannt.
  • Am Wachberg bei Saupsdorf wurde am 30. September 2011 anlässlich des 200. Jahrestages ihrer dortigen Notlandung eine Gedenktafel enthüllt.[12]
  • In Braunschweig wurde 2014 die Straßenbahn mit der Nummer 1452 auf den Namen Wilhelmine Reichard getauft.[13] Ebenfalls gibt es hier den Wilhelmine-Reichard-Weg.
  • In der Berliner WeiberWirtschaft eröffnete im Juni 2015 ein Restaurant mit dem Namen der Ballonfahrerin.[14] Es wurde im April 2016 wieder geschlossen.[15]
  • Bis zum Jahr 2018 fand zum Freitaler Windbergfest alljährlich das traditionelle Ballonglühen als Andenken an Wilhelmine Reichard statt. Auf dem Sportplatz unweit ihres einstigen Wohnhauses wurde an ihr Engagement in der Stadt erinnert.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Wilhelmine Reichard – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Elisabeth Reifenstein: Johanne Wilhelmine Siegmundine Reichard. In: Horst-Rüdiger Jarck, Günter Scheel (Hrsg.): Braunschweigisches Biographisches Lexikon – 19. und 20. Jahrhundert. Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1996, ISBN 3-7752-5838-8, S. 479.
  2. Vermischte Nachrichten. In: Oesterreichischer Beobachter, 16. Juli 1820, S. 3 (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/obo
  3. a b c Die vierzehn Luftfahrten der Mad. Reichard. In: Wiener Theater-Zeitung / Theater-Zeitung / Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt/Originalblatt / (Wiener) Allgemeine Theaterzeitung und Originalblatt für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben / Wiener allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens / Oesterreichischer Courier mit einem Anhange: Wiener allgemeine Theaterzeitung, Feuilleton für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben / Wiener allgemeine Theaterzeitung für Theater, Musik, Kunst, Literatur, geselliges Leben, Conversation und Mode / Wiener Conversationsblatt für alle Tagsbegebenheiten, für öffentliches Leben, Geselligkeit, für Industrie, Kunst, Handel, Communicationen, für Erfindungen aller Art, für Musik, Mode und Luxus / Wiener Theaterzeitung. Conversationsblatt alles Neuen, Interessanten und Wissenswerthen / Wiener Theaterzeitung, 15. Juli 1820, S. 1 (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/thz
  4. Wien, den 17. July. In: Leipziger Zeitung, 2. August 1820, S. 3 (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/lzg
  5. Elisabeth Reifenstein: Johanne Wilhelmine Siegmundine Reichard. In: Horst-Rüdiger Jarck, Günter Scheel (Hrsg.): Braunschweigisches Biographisches Lexikon – 19. und 20. Jahrhundert. Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1996, ISBN 3-7752-5838-8, S. 480.
  6. Wilhelmine Reichard: Geschichte meiner Luftreise. In: Braunschweigisches Magazin. 38. Stück, Sonnabends, den 19ten September 1818, Spalte 593–600 (Digitalisat).
  7. René Grießbach: Wanda und Wilhelmine. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft 169/2011, S. 5–15.
  8. Karl May: Wanda. In: Der Beobachter an der Elbe. 2. Jahrgang 1875, Nr. 26–44.
  9. Ballonsport & Luftwerbung Dresden präsentiert Wilhelmine Reichard dresden-ballonfahrten.de, Ballon-Sport und Luftwerbung Dresden GmbH, alte Website, abgerufen 4. Februar 2021.
  10. Dresden-Ballonfahrten ballon-sport-dresden.de, Ballon-Sport und Luftwerbung Dresden GmbH, neue Website 2016, abgerufen 4. Februar 2021.
  11. freital.de: Wilhelmine-Reichard-Schule in Freital. 30. September 2014 (Memento vom 1. November 2014 im Internet Archive)
  12. Saupsdorfer ehren Ballonfahrerin (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive) in Sächsische Zeitung Online
  13. Bus- und Tramtaufen. Braunschweiger Verkehrs-GmbH, abgerufen am 24. Mai 2016.
  14. Wilhelmine Speisesaal. In: GastroGuide.de. Abgerufen am 15. April 2016.
  15. wilhelmine-speisesaal. In: wilhelmine-speisesaal. Abgerufen am 15. April 2016.
  16. Zum Andenken an Wilhelmine Reichard. Stadt Freital, abgerufen am 6. September 2019.