Wilhelmsteine

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Vom Orkan Kyrill abgebrochene Fichte auf dem großen Stein, links der etwa 15 m hohe „Lange Stein“
Die beiden größten Felsen aus Süd-West gesehen
Wilhelmsteine, groß-skulpturiertes Gesicht am langen Stein
Wilhelmsteine: drei Bäume, die auf einem Felsen wachsen

Die Wilhelmsteine, früher Buchsteine[1] genannt, sind eine Felsengruppe aus Eisenkiesel (Härtlinge) auf den südsüdöstlichen Hochlagen der Angelburg, des höchsten Bergs im Gladenbacher Bergland. Sie liegen im Gemeindegebiet von Siegbach im hessischen Lahn-Dill-Kreis. Sie sind ein Geotop des Nationalen Geoparks Westerwald-Lahn-Taunus. Die Felsengruppe besteht aus mehreren Einzelfelsen, deren höchstes Exemplar etwa 15 m hoch aufragt. Eine solche Gesteinsformation wird auch als „Felsenburg“ bezeichnet.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Benannt sind die Wilhelmsteine nach Herzog Wilhelm I. von Nassau (1792–1839), der kurz nacheinander sowohl im Fürstentum Nassau-Weilburg als auch im Herzogtum Nassau-Usingen an die Herrschaft kam. Dadurch erhielt das Herzogtum Nassau die Form, in der es bis 1866 existierte. 1830 besuchte der Herzog die bis dahin Buchsteine genannte Felsengruppe. Das hohe Ansehen, das er in der Bevölkerung genoss, führte dazu, dass die Felsgruppe bald nach seinem frühen Tod 1839 seinen Namen erhielt.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wilhelmsteine stehen im Naturpark Lahn-Dill-Bergland etwa 700 m südsüdöstlich des auf dem Gipfel der Angelburg (609,4 m ü. NHN) stehenden Fernsehturms Angelburg. Sie befinden sich im Norden des Gemeindegebiets von Siegbach, etwa 100 m südöstlich der Grenze zur Gemeinde Eschenburg, auf der die ehemalige lokalgeschichtlich wichtige Herborner Hohe Straße verläuft, die nahe der Angelburg vom bedeutenden Kreuzungspunkt der historischen Fernstraßen Brabanter Straße und Westfalenweg abzweigt. Die Felsen stehen in einem lichten ebenen Buchenwald auf etwa 585 m Höhe. Die Landschaft fällt nach Südosten zum Siegbacher Ortsteil Wallenfels ab. Etwa 300 m nordwestlich der Steine entspringt die Gansbach.

Die Wilhelmsteine befinden sich im Nordosten des Fauna-Flora-Habitat-Gebiets Schelder Wald (FFH-Nr. 5216-305; 37,88 km² groß).[2]

Naturräumliche Zuordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wilhelmsteine gehören in der naturräumlichen Haupteinheitengruppe Westerwald (Nr. 32), in der Haupteinheit Gladenbacher Bergland (320) und in der Untereinheit Lahn-Dill-Bergland (320.0) zum Naturraum Bottenhorner Hochflächen (320.01).[3]

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entstanden sind die Wilhelmsteine durch untermeerischen Vulkanismus im Oberdevon, einer erdgeschichtlichen Epoche des Paläozoikum (Erdaltertum), vor etwa 360 Mio. Jahren auf dem Grund eines damals fast ganz das Gebiet des heutigen Deutschlands bedeckenden Meeres, dessen Boden weitgehend aus Basalt bestand. Vulkanische Gase und heißes Wasser lösten Metalle aus dem Basalt und lagerten sich als Erze in dem zerklüfteten Gestein ab. Dabei kam es örtlich zu Verkieselungen. Die Erzlager und Gesteinsformationen wurden danach durch mehrere tausend Meter mächtige Ablagerungen aus Sedimentgestein bedeckt. Beginnend im oberen Oligozän (vor ca. 30 Mio. Jahren) des zur Erdneuzeit zählenden Tertiärs hoben sich größere Schollenpakete heraus und mit ihnen die jüngeren Sedimente aus dem trocken fallenden Meer. Die Sedimente wurden abgetragen und dabei die im Oberdevon gebildeten Formationen freigelegt. Im Bereich der Dill-Mulde kam es zu derart weitgehenden Schollenhebungen, dass die Erzlagerstätten (Eisen, Kupfer und andere Erze) in relativ oberflächennahe Lage kamen. Diese Erze wurden beginnend in keltischer Zeit bis 1973 abgebaut. Die Wilhelmsteine blieben stehen, ihre Verkieselung hat sie vor der Abtragung bewahrt.

Geschichtliche Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Je nach Blickwinkel kann man an einigen Felsen groß-skulpturierte Gesichter im Profil und andere Figuren erkennen, besonders am höchsten Felsen, die möglicherweise unter Nutzung naturgegebener Gesteinsformen von Menschenhand nachgearbeitet wurden. Dies trug zur Verehrung der Steine in der Vor- und Frühgeschichte sicherlich mit bei.

Wilhelmsteine, Detail des groß-skulptierten Gesichtes am langen Stein
Gesicht mit Kopfbedeckung am langen Stein
Gesicht mit Kinnbart (wie Richard Wagner) oben am langen Stein, nach links oben blickend

Die Felsenburg der Wilhelmsteine wird als eine ehemalige überregional bedeutsame Kultstätte (Naturheiligtum) angesehen, die seit dem Neolithikum über die Bronze- und Eisenzeit (Kelten und Germanen) bis zur Missionierung besucht und genutzt wurde.[4] In der Nähe der Angelburg wurden mehrere vorgeschichtliche Siedlungen nachgewiesen. Bedeutendes Fundstück ist der Hirzenhainer „Keltenstein“, eine figürlich geritzte Darstellung eines Menschengesichts auf einer Steinstele, die im Hessischen Landesmuseum Darmstadt im Rahmen der Keltenausstellung gezeigt wird.

Die Wilhelmsteine dürften bereits steinzeitlichen Jägern und Sammlern als zentraler Treffpunkt sowie als Kult- und Wohnplatz gedient haben. Im Bereich der einzelnen Felsformationen gibt es verschiedene Stellen – z. B. Felsüberhänge in südlicher und südöstlicher Lage –, die sich mit relativ einfachen Mitteln, wie mit Ästen und Zweigen, die man mit Fellen oder Grassoden abgedeckte, zu einem Lager- und Schlafplatz ausbauen ließen. Auch ist vorstellbar, dass in einem bestimmten Zeitraum der gesamte Bereich der „Felsenburg“ befestigt war. Die Zwischenräume zwischen den einzelnen äußern Felsen ließen sich mit etwas Aufwand mittels herumliegender Felsbrocken, Baumstämme und Astwerk verschließen (am Südrand deutet einiges darauf hin) und damit zu einem gut geschützten großen Wohnplatz einrichten. Die in die Befestigung einbezogenen Felsen konnte man dabei als hervorragende Beobachtungs- und Verteidigungstürme nutzen.

Bedeutende frühgeschichtliche und mittelalterliche Fernwege/Handelswege (Altstraßen) wie die alte Köln-Leipziger-Messe-Straße, auch Brabanter Straße genannt (im weiteren Verlauf im Westen hieß sie auch Eisenstraße), die Herborner Hohe Straße (genutzt bis 1875) und der Westfalenweg (aus Richtung Gießen kommend direkt am keltischen Oppidum Dünsberg vorbei auf der Aar-Salzböde-Wasserscheide verlaufend) führten auf den Höhenzügen des Schelder Waldes an den Wilhelmsteinen vorbei und kreuzten in unmittelbarer Nähe bei der Angelburg.

Wanderziel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als die Eisenbahn-Nebenlinie Dillenburg–Wallau 1911 durchgängig fertiggestellt war, setzte vom nahen Bahnhof Hirzenhain in den Sommermonaten ein lebhafter Ausflugstourismus zu den Wilhelmsteinen ein.

Wann das erste kleine Jagdhaus mit Pferdestall bei den Wilhelmsteinen errichtet wurde, ist nicht bekannt. Nachdem dieses Jagdhaus verfallen war, baute die Forstverwaltung ein neues, kleineres Fachwerk Jagdhaus an gleicher Stelle, das jedoch durch wiederholte Beschädigung und Brände baufällig wurde. Mitte des 20. Jahrhunderts riss man es ab und errichtete dort eine Blockhütte, die 1970 wegen starker Schäden durch Vandalismus wieder abgebaut wurde. Heute stehen den Besuchern mehrere fest installierte Grillplätze zur Verfügung. 2003 wurde das Klettern auf den Wilhelmsteinen verboten. Das Verbot wurde aus Sorge um Schäden an dem Naturdenkmal ausgesprochen, die hineingetriebene Sicherungshaken verursachen könnten.

Jeweils am 1. Mai sind die Wilhelmsteine ein beliebtes Ziel für den traditionellen Maiausflug. Hier treffen sich die Wanderer aus den umliegenden Ortschaften, um zu grillen. Seit Generationen findet außerdem bei den Wilhelmsteinen an Christi Himmelfahrt ein Waldgottesdienst statt, der von Bewohnern aus den umliegenden Gemeinden Dautphetal, Eschenburg, Angelburg, Steffenberg, Bad Endbach und Siegbach besucht wird.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Max Söllner: Wanderungen zu ur- und frühgeschichtlichen Stätten Oberhessens. Brühlscher Verlag, Gießen 1980, ISBN 3-922300-04-9.
  • Elisabeth Neumann-Gundrum: Kultur der Groß-Skulpturen, Urbilder/Urwissen einer europäischen Geistesstruktur. Wilhelm Schmitz Verlag, Gießen 1981, ISBN 3-87711-039-8.
  • Heidrun und Friedrich Jantzen: Naturdenkmale Hessens, Nr. 27. Landbuch Verlag, Hannover 1985, ISBN 3-7842-0323-X, S. 91.
  • Giesela Graichen: Das Kultplatzbuch. Ein Führer zu den alten Opferplätzen, Heiligtümern und Kultstätten in Deutschland. Hoffmann u. Campe Verlag, Hamburg 1988, ISBN 3-455-08282-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Großherzogtum Hessen 1823–1850, 6. Gladenbach. Historische Kartenwerke. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  2. Kartendienste des Bundesamtes für Naturschutz (Hinweise)
  3. Gerhard Sandner: Geographische Landesaufnahme: Die naturräumlichen Einheiten auf Blatt 125 Marburg. Bundesanstalt für Landeskunde, Bad Godesberg 1960. → Online-Karte (PDF; 4,9 MB)
  4. Horst W. Müller: „Wilhelmsteine und Ellerchen“, Sagenumwobene und merkwürdige Steine und Felsen im südwestlichen Hinterland. Hinterländer Geschichtsblätter, Biedenkopf, Nr. 3, September 2014, S. 49–54.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wilhelmsteine – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 50° 47′ 5,6″ N, 8° 26′ 1,4″ O