William Reginald Hall

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
William Reginald Hall

Admiral Sir William Reginald Hall (* 28. Juni 1870 in Britford, Wiltshire; † 22. Oktober 1943 in London) war ein britischer Marineoffizier und im Ersten Weltkrieg Leiter des Nachrichtendienstes der Royal Navy. Aufgrund eines nervösen Augenleidens trug er den Spitznamen „Blinker“. Mit der Lancierung der Zimmermann-Depesche 1917 an US-amerikanische Behörden gelang ihm eine nachrichtendienstliche Operation, die in der neuesten Forschung als kriegsentscheidend angesehen wird, da sie den Eintritt der USA in den Weltkrieg bewirkte.

Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hall war der Sohn von Kapitän zur See William Henry Hall, dem ersten Direktor des britischen Marinenachrichtendienstes. William Reginald Hall trat 1884 offenbar als Seekadett in die Royal Navy ein. 1894 heiratete er Ethel de Wiveslie Abbey. 1905 wurde er zum Kapitän zur See befördert.

Offenbar 1907 übernahm Hall das Kommando über den Panzerkreuzer HMS Cornwall, der als Schulschiff diente. Während der Auslandsreisen betrieb Hall militärische Aufklärung bzw. Spionage, so auch in Kiel, wo er Werftanlagen in Augenschein nahm.

1913 wurde er Kommandant des Schlachtkreuzers HMS Queen Mary, mit dem er am 28. August 1914 an dem Seegefecht bei Helgoland teilnahm. Aufgrund seiner schlechten physischen Konstitution musste er den Dienst zur See aufgeben und wurde zwei Monate später, im Oktober 1914, zum Director of Naval Intelligence ernannt und war somit Chef des britischen Marinenachrichtendienstes, dem auch die Abhörabteilung Room 40 unterstand. Durch diese Tätigkeit trat er in engen Kontakt zu Vernon Kell vom MI5, Mansfield Smith-Cumming von MI6 und Basil Thomas (1861–1939) der Special Branch von Scotland Yard. Offenbar kam es bereits im Herbst 1914 zu einer Zusammenarbeit mit Thomas, als die amerikanische Jacht Sayonara mit Marinepersonal besetzt wurde und auf einer Reise entlang der irischen Westküste versuchte, bei illoyalen Iren Informationen über deutsche U-Boot-Basen zu erlangen.

Offenbar Ende 1915 verhörte Hall in London den ehemaligen Kommandanten des deutschen Hilfsschiffs Rubens, Oberleutnant zur See der Reserve Carl Christiansen, der unter der Legende eines schwedischen Staatsbürgers versucht hatte, von Deutsch-Ostafrika aus nach Deutschland zurückzukehren, aber in Kapstadt abgefangen worden war. Christiansen war erstaunt über die nachrichtendienstlichen Kenntnisse Halls, vor allem, dass Hall bekannt war, dass er Kommandant der Rubens gewesen war.

Im Rahmen des Osteraufstands in Irland 1916 gelang es Room 40 bzw. Hall, die Spur des deutschen Hilfsschiffs Libau vor der irischen Küste aufzunehmen sowie Sir Roger Casement aufzuspüren, der von SM U 19 an der irischen Westküste angelandet worden war. Die Libau wurde durch HMS Bluebell gestellt; nach der Selbstversenkung des Hilfsschiffs wurde die gefangene Besatzung unter Karl Spindler nach London verbracht und dort von Hall persönlich vernommen.

1917 wurde Hall zum Konteradmiral befördert. In diesem Jahr gelang seiner Gruppe von Codebrechern (Nigel de Grey, „Dilly“ Knox und William Montgomery) die Entzifferung der Zimmermann-Depesche und mit ihrer Zuspielung an US-amerikanische Behörden die möglicherweise erfolgreichste nachrichtendienstliche Operation des Weltkriegs. Nach Boghardt führte nicht der deutsche uneingeschränkte U-Boot-Krieg zum Kriegseintritt der USA, sondern die Zimmermann-Depesche. Im Mai 1918 war Hall in die so genannte Deutsche Verschwörung (German Plot) in Irland involviert, die die Festnahme von zahlreichen Sinn-Féin-Mitgliedern zur Folge hatte.

Im Januar 1919 wurde Hall auf eigenen Wunsch pensioniert, da er für die Conservative Party für das House of Commons kandidierte. Bis 1929 war er Parlamentsabgeordneter. 1922 wurde er außer der Reihe zum Vizeadmiral, 1926 zum Admiral befördert. Angeblich war er 1924 in die so genannte Sinowjew-Brief-Affäre verwickelt, die bis heute nicht restlos aufgeklärt ist, aber seinerzeit als Ursache für den Wahlsieg der Konservativen Partei 1924 interpretiert wurde.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs trat Hall in die British Home Guard ein. Er starb 1943 in London eines natürlichen Todes.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christopher Andrew, David Dilks (Hrsg.): The Missing Dimension. Governments and Intelligence Communities in the Twentieths Century. University of Illinois Press u. a., Urbana IL u. a. 1984, ISBN 0-333-36864-9.
  • Patrick Beesly: Room 40. British naval intelligence 1914–1918. Hamish Hamilton, London 1982, ISBN 0-241-10864-0.
  • Thomas Boghardt: The Zimmermann Telegram. Intelligence, Diplomacy, and America's Entry into World War I. Naval Institute Press, Annapolis MD 2012, ISBN 978-1-61251-147-4.
  • Carl Christiansen: „Durch!“ Mit Kriegsmaterial zu Lettow-Vorbeck. Keutel, Stuttgart 1918.
  • Hall, Sir William. In: Helmut Roewer, Stefan Schäfer, Matthias Uhl: Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert. Herbig, München 2003, ISBN 3-7766-2317-9, S. 188.
  • Paul McMahon: British Spies and Irish Rebels. British Intelligence and Ireland, 1916–1945. Boydell & Brewer, Woodbridge 2008, ISBN 978-1-84383-376-5.
  • David Ramsay: „Blinker“ Hall, Spymaster. The Man who Brought America into World War I. Spellmount, Stroud 2008, ISBN 978-1-86227-465-5.