Windecken

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Windecken
Stadt Nidderau
Wappen der Gemeinde Ostheim von 1964 bis 1974
Koordinaten: 50° 13′ 25″ N, 8° 52′ 49″ O
Höhe: 128 m ü. NHN
Einwohner: 6446 (2010)
Eingemeindung: 1. Januar 1970
Postleitzahl: 61130
Vorwahl: 06187

Windecken ist ein Stadtteil von Nidderau mit ca. 7.000 Einwohnern im Main-Kinzig-Kreis in Hessen.

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Windecken liegt am linken Ufer der Nidder am Rand der Wetterau und am Fuß des Ronneburger Hügellandes, einem Ausläufer des Vogelsberges auf einer Höhe von 128 m über NN, etwa 12 km nordwestlich von Hanau. Westlich der Nidder schließt sich die nach dem Nachbarort benannte Heldenbergener Wetterau an.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das innere Burgtor ist der markanteste erhaltene Rest der Burg Windecken.

Die älteste erhaltene Erwähnung von Windecken, als Tezelenheim, stammt von 850.[1] Zusammen mit seinem Nachbarort Ostheim fiel es 1262 als Lehen des Erzbistums Bamberg an Reinhard I. von Hanau. Dieser begann dort bald darauf mit dem Bau der Burg Wonnecke. Der Name ging im Laufe der Zeit auf den Ort über. Die Windecker Burg war bis ins 15. Jahrhundert Stammsitz der Herren und Grafen von Hanau und später oft Witwensitz Hanauer Gräfinnen. Teile der Ringmauer und zwei Tore sind erhalten.

Am 5. August 1288 gewährte König Rudolf von Habsburg Ulrich I. von Hanau für Windecken als erstem Ort in dessen Herrschaft Hanau Stadt- und Marktrechte. 1314 wird erstmals ein Bürgermeister erwähnt und ab 1343 ist ein Stadtsiegel belegt. Im späten Mittelalter gehörte Windecken zum gleichnamigen zum Amt Windecken der Herrschaft und ab 1429: Grafschaft Hanau, nach der Landesteilung von 1458 zur Grafschaft Hanau-Münzenberg.

1314 wird erstmals eine Kapelle, 1325 eine Kirche in der Stadt erwähnt, die heutige „Stiftskirche“ Windecken. Sie war zunächst der Pfarrei Ostheim zugeordnet. Erst 1489 wurde sie von dieser getrennt und zur Pfarrkirche erhoben. Das Kirchenpatronat lag zunächst beim Bischof von Bamberg, seit 1489 bei den Grafen von Hanau.

Die erste jüdische Gemeinde in Windecken entstand wohl Anfang des 14. Jahrhunderts. Sie war damals die größte in der Herrschaft Hanau.[2] Bei einem Pestpogrom 1348/49 wurden die Juden aus Windecken ermordet oder vertrieben.[3] Ab 1411 sind erneut Juden in Windecken nachgewiesen, 1429 eine Synagoge („Judenschule“) bezeugt.

Historische Namensformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tezelenheim (um 850)
  • Decilenheim (um 1000)
  • Detzelheim (1251)
  • Wunnecken (1277)
  • Wunnecke (1288)
  • Wonnecken (1302)

Frühe Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Grafschaft Hanau-Münzenberg wurde in der Mitte des 16. Jahrhunderts nach und nach die Reformation eingeführt, zunächst im lutherischen Sinn. In einer „zweiten Reformation“ wurde die Konfession der Grafschaft erneut gewechselt: Graf Philipp Ludwig II. verfolgte ab 1597 eine entschieden reformierte Kirchenpolitik. Er machte vom Jus reformandi, seinem Recht als Landesherr Gebrauch, die Konfession seiner Untertanen zu bestimmen, und setzte die reformierte Variante der Reformation für seine Grafschaft weitgehend als verbindlich durch. Windecken wurde in der reformierten Landeskirche der Grafschaft Sitz des Dekanats Windecken. Windecken hatte auch eine jüdische Gemeinde. Nachdem allerdings 1642 die lutherische Linie der Grafen von Hanau-Lichtenberg auch in der Grafschaft Hanau-Münzenberg die Regierung antrat, bildeten sich hier in vielen Orten wieder lutherische Gemeinden. Die Lutheraner, die vorher in Büdesheim den Gottesdienst besucht hatten, bildeten 1670 in Windecken wieder eine Gemeinde, die 1672 auch einen eigenen Pfarrer erhielt.[4] Erst mit der Hanauer Union 1818 wurde der Gegensatz zwischen Lutheranern und Reformierten auch in Windecken beseitigt.

Mit dem Tod des letzten Hanauer Grafen, Johann Reinhard III., 1736, fiel Windecken – zusammen mit der ganzen Grafschaft Hanau-Münzenberg – an die Landgrafschaft Hessen-Kassel, aus der 1803 das Kurfürstentum Hessen hervorging.

Im Bereich der Ortslage sind vier Mühlen belegt: Die Lohmühle, die Mühle auf der Katzenbach und die Hochmühle lagen alle an der Katzenbach, die Niddermühle dagegen am nordwestlichen Stadtrand.

Zwischen 1749 und 1891 wurden im Pflücksburger Hof (heutige Glockenstraße) und vor dem Kilianstädter Tor durch die Glockengießerfamilie Bach einige hundert Glocken gegossen.

Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenkinschrift für jüdische Gemeinden im Tal der Gemeinden in Yad Vashem, unter anderem auch für die in Windecken

Während der napoleonischen Zeit stand Windecken ab 1806 unter französischer Militärverwaltung, gehörte 1807–1810 zum Fürstentum Hanau und dann von 1810 bis 1813 zum Großherzogtum Frankfurt, Departement Hanau. Anschließend fiel es wieder an das Kurfürstentum Hessen zurück. In der Verwaltungsreform des Kurfürstentums Hessen von 1821, im Rahmen derer Kurhessen in vier Provinzen und 22 Kreise eingeteilt wurde, kam Windecken zum neu gebildeten Landkreis Hanau. 1866 wurde das Kurfürstentum – und damit auch Windecken – nach dem Deutsch-Österreichischen Krieg von Preußen annektiert. Es gehörte fortan zum Regierungsbezirk Kassel.

Die jüdische Gemeinde von Windecken wurde durch den Terror der Nationalsozialisten vernichtet.[5]

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Windecken zum neu gegründeten Land Hessen. Sein Landkreis, der Kreis Hanau, unterstand nun dem Regierungsbezirk Wiesbaden. Heute liegt Windecken im Regierungsbezirk Darmstadt, nachdem das Regierungspräsidium Wiesbaden aufgelöst worden ist. Durch den im Vorfeld der Gebietsreform in Hessen erfolgten freiwilligen Zusammenschluss der Gemeinde Windecken mit dem Nachbarort Heldenbergen entstand am 1. Januar 1970 die Stadt Nidderau.[6]

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1587: 85 Schützen, 39 Spießer und 12 andere wehrhafte Bürger
  • 1632: 165 Familien und 43 Gefreite[7]
  • 1707: 181 Familien

Einwohner

Anmerkungen
  1. Soweit nicht anders angegeben: Hessisches Statistisches Landesamt[8][9]
  2. Zu 1821: Thomas Klein: Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815–1845. Reihe A: Preußen. Band 11: Hessen-Nassau einschließlich Vorgängerstaaten. Marburg 1979, S. 109.
  3. Zu 1933: Der Weltkrieg war vor deiner Tür – Nidderau-Windecken. Interessengemeinschaft „Der Weltkrieg war vor deiner Tür“.
  4. Zu 2000: Nidderau „kratzt“ an der 20 000-Einwohner-Marke.
  5. Zu 2010: Nidderau „kratzt“ an der 20 000-Einwohner-Marke.

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blasonierung des Wappens der früheren Gemeinde Windecken lautet: In Gold drei rote Sparren

Die drei roten Sparren in Gold kennzeichnen seit etwa 1276, der Zeit Ulrichs I., die Zugehörigkeit von Windecken zum Herrschaftsbereich der Herren und späteren Grafen von Hanau.[10]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Windecken liegt – mit dem eigenen Haltepunkt Nidderau-Windecken – an der Niddertalbahn von Stockheim nach Bad Vilbel.

Westlich an der Stadt vorbei verläuft die Bundesstraße 45 (WöllstadtErbach).

Durch den Ort führt der ca. 250 km lange RadwanderwegBahnRadweg Hessen“.

Sehenswürdigkeiten und Tourismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hexenturm
Das alte Rathaus dient heute als Bücherei

In der Altstadt und am historischen Marktplatz sind zahlreiche malerische Fachwerkhäuser erhalten, ebenso die evangelische Stiftskirche aus dem 13. Jahrhundert, mit einer wunderschönen Orgel, das mit einem Staffelgiebel versehene gotische Rathaus aus dem 15. Jahrhundert, aber auch einige Reste der Stadtmauer. Das Schloss war einst Residenz der Herren und Grafen von Hanau. An die Hexenverbrennungen in Windecken erinnert der sogenannte Hexenturm.

Von der früheren jüdischen Besiedlung zeugt noch das Rabbinerhaus. Die Synagoge Windecken aus dem 15. Jahrhundert wurde im Novemberpogrom 1938 zerstört. Auf dem am Rand der Altstadt gelegenen jüdischen Friedhof, einem der ältesten der Region, sind noch einige wenige Grabsteine zu sehen.

An der Bundesstraße 45 liegt das Naturdenkmal Wartbaum. Hier kreuzt die historische Handelsstraße von Frankfurt am Main nach Leipzig, die „Hohe Straße“, eine Nord-Südverbindung. Der Platz bietet Aussicht bis in den Spessart, zum Vogelsberg und nach Frankfurt. Der Wartbaum wurde in der Vergangenheit durch einen Brand schwer beschädigt, konnte jedoch gerettet werden und ist mit seinem großen Stammumfang eine imposante Erscheinung. Mehrmals wurde versucht, einen Nachfolger in Form einer jungen Linde zu pflanzen, da das Original mittlerweile weit über 300 Jahre alt ist. Diese Versuche wurden durch Vandalismus zunichtegemacht.

Bilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Feste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über Pfingsten findet von Freitag bis Dienstag jährlich ein Pfingstmarkt statt, dem Pfingstsonntag und -montag ein Krammarkt in der Altstadt angeschlossen ist.

Der Herbstmarkt findet jährlich am Wochenende nach dem 10. Oktober, jeweils Freitag bis Montag statt, dazu gehört am Sonntag ebenfalls ein Krammarkt in der Altstadt.

Weitere Feste sind das Altstadtfest der Windecker Vereine, der Weihnachtsmarkt am 1. Advent auf dem beleuchteten historischen Marktplatz und das von den sogenannten „Brunnenputzern“ organisierte Brunnenfest in der Altstadt.

An Christi Himmelfahrt findet traditionell der sogenannte „Vatertag“ statt, ein von der Sängervereinigung Windecken organisiertes Fest zu Füßen des Wartbaumes.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vorfahren von Rodolphe Lindt, des Erfinders der Conche, stammen aus Windecken. Ein Familienzweig hat bis ins 19. Jahrhundert eine Bäckerei in Windecken besessen.[11]
  • Willi Salzmann, geboren 1930 in Windecken, war langjähriger Bürgermeister zunächst von Windecken, dann auch von der neu entstandenen Stadt Nidderau. Mit Ablauf seiner Amtszeit im Mai 1991 wurde er zum Ehrenbürger und Ehrenbürgermeister ernannt. Nach seinem Tod 1993 wurde die in seiner Amtszeit erbaute Schlossberghalle (Mehrzweckhalle) in Willi-Salzmann-Halle umbenannt.
  • Peter Jung, ehemaliger Fußballspieler bei Rot-Weiß Erfurt und FV Bad Vilbel, war Trainer der ersten Seniorenmannschaft sowie 1. Vorsitzender des Fußballvereins SC Eintracht-Sportfreunde Windecken (Bezirksliga Hanau).
  • Lassa Oppenheim (1858–1919), war ein deutscher Jurist, der als Mitbegründer des modernen Völkerrechts gilt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard Bott: Die Städte in der Wetterau und im Kinzigtal. (= Rhein-Mainische Forschungen. 29). Kramer, Frankfurt 1950, S. 45–48.
  • Erhard Bus: Die Zeit der Verheerung – Der Westen der Grafschaft Hanau-Münzenberg nach der Schlacht bei Nördlingen, 1634-1648. In: Der Dreißigjährige Krieg in Hanau und Umgebung. Hrsg. vom Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V. anlässlich der 375. Wiederkehr des Entsatzes der Stadt, Hanau 2011, S. 197–227.
  • Erhard Bus: Die Folgen des Großen Krieges – Der Westen der Grafschaft Hanau-Münzenberg nach dem Westfälischen Frieden. In: Der Dreißigjährige Krieg in Hanau und Umgebung. Hrsg. vom Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V. anlässlich der 375. Wiederkehr des Entsatzes der Stadt, Hanau 2011, S. 277–320.
  • Erhard Bus: Historisch gewachsene Unterschiede im Dialekt der Nidderauer Stadtteile und benachbarter Orte — Ein Versuch. In: Ronald Bach: Vom Hinkelsche uff‘s Gickelsche. CoCon, Hanau 2014, ISBN 978-3-86314-275-9, S. 68–88.
  • Carl Henß: Festschrift zur 650-Jahr-Feier der Stadt Windecken 1938. Darmstadt 1938.
  • Monica Kingreen: Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim, Heldenbergen. CoCon-Verlag, Hanau 1995, ISBN 3-928100-27-0.
  • Nadine Kohnert: Arbeit und Wirtschaft - Wirtschaftliche Entwicklung Windeckens von der frühen Neuzeit bis heute. Halbjahresarbeit 2006 im Fach Geschichte am Augustiner-Gymnasium Friedberg. (masch)
  • Magistrat der Stadt Windecken (Hrsg.): Historische Festschrift zur 700-Jahrfeier der Stadterhebung Windeckens. Nidderau 1988.
  • Heinrich Reimer: Historisches Ortslexikon für Kurhessen. In: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. 14, 1926, S. 520.
  • Fred Schwind: Zu den Anfängen von Herrschaft und Stadt Hanau. In: 675 Jahre Altstadt Hanau. Hrsg.: Hanauer Geschichtsverein. Hanau 1978.
  • Ernst Julius Zimmermann: Hanau Stadt und Land. Kulturgeschichte und Chronik einer fränkisch-wetterauischen Stadt und ehemaligen Grafschaft. Nachdruck der 3. erweiterten Auflage Hanau 1919. LXXXVI, Verlag Peters, Hanau 1978, ISBN 3-87627-243-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Windecken (Nidderau) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinrich Reimer: Hessisches Urkundenbuch. Abt. 2, Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Hanau und der ehemaligen Provinz Hanau. Band 1. 767-1300. Publikationen aus den königlich-preußischen Staatsarchiven, Hirzel, Leipzig 1891 Nr. 30.
  2. Zimmermann, S. 480.
  3. Zimmermann, S. 481; Alemannia Judaica.
  4. Max Aschkewitz: Pfarrergeschichte des Sprengels Hanau („Hanauer Union“) bis 1986. Teil 1 = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 33. Marburg 1984, S. 366.
  5. Nicht alles lässt sich wiederherstellen. In: FAZ. 4. Juni 2012, S. 39.
  6. Erlass des Hessischen Ministers des Innern vom 17. Dezember 1969 — IV A 22 — 3 k 08/05 — 3/69 — Betrifft: Zusammenschluß der Gemeinde Heldenbergen im Landkreis Friedberg und der Stadt Windecken im Landkreis Hanau zur Stadt „Nidderau“ im Landkreis Hanau (StAnz. 1/1970, S. 5.)
  7. In den Jahren 1632, 1707 und 1754 wurde in der Grafschaft Hanau die Zahl der Einwohner ermittelt. Diese Zahlen sind hier wiedergegeben nach Erhard Bus: Die Folgen des großen Krieges – der Westen der Grafschaft Hanau-Münzenberg nach dem Westfälischen Frieden. In: Hanauer Geschichtsverein: Der Dreißigjährige Krieg in Hanau und Umgebung (= Hanauer Geschichtsblätter. 45). 2011, ISBN 978-3-935395-15-9, S. 277–320 (289 ff.); die übrigen Zahlen nach Heckert, S. 48 u. 57.
  8. Hessisches Statistisches Landesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen 1 = Die Bevölkerung der Gemeinden 1834–1967. Wiesbaden 1968.
  9. „Windecken, Main-Kinzig-Kreis“. Historisches Ortslexikon für Hessen. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). (Stand: 22. Dezember 2014)
  10. Stadt Nidderau: Wappen
  11. Horst Körzinger: Lindt-Konzern hat seine Wurzeln in Windecken. In: Wetterauer Zeitung. 23. Dezember 2010; abgerufen am 28. April 2017.