Winfried Nerdinger

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Winfried Nerdinger, 2017
Winfried Nerdinger, 2017

Winfried Nerdinger (* 1944 in Burgau) ist ein deutscher Architekturhistoriker. Er war Professor für Geschichte der Architektur und Baukonstruktion an der TU München und ist Direktor der Abteilung Bildende Kunst der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie außerordentliches Mitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA). Bis zum 30. September 2012 war er Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München. Für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen wurde er zum TUM Emeritus of Excellence ernannt. Seit Oktober 2012 ist er Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Winfried Nerdinger ist der Sohn des im marxistischen Arbeiterwiderstand gegen den Nationalsozialismus aktiven Gebrauchsgrafikers Eugen Nerdinger. Sein Studium der Architektur schloss er 1971 als Diplom-Ingenieur ab und promovierte 1979 in Kunstgeschichte an der TU München bei Josef Adolf Schmoll genannt Eisenwerth über das Thema Rudolf Belling und die Kunstströmungen in Berlin 1919–1923 (ausgezeichnet mit dem erstmals vergebenen Promotionspreis der TU).

Seit 1986 war er Professor für Architekturgeschichte an der TU München. Ferner war er Gastprofessor an der Universität Harvard und der Universität Helsinki sowie Cummings lecturer an der McGill University in Montreal. Zum 30. September 2012 wurde Nerdinger emeritiert. Als „TUM Emeritus of Excellence“ bleibt er weiterhin aktiv der Technischen Universität verbunden. Im Wintersemester 2015/16 hatte Nerdinger die Otto von Freising-Gastprofessur an der Katholischen Universität Eichstätt inne.[1] 2016 hielt er die Weiße Rose-Gedächtnisvorlesung.[2]

Von 1989 bis 2012 war Nerdinger Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München. Als er nach seinem Architekturstudium an die damalige Architektursammlung kam, befand sich diese in einem Abstellraum über der Bibliothek sowie in einer angemieteten Wohnung an der Augustenstraße und beherbergte gerade einmal eine Handvoll Modelle und circa 150.000 Pläne. Heute (2012) sind es über 1.100 Modelle, 550.000 Pläne, 200.000 Fotografien sowie zahllose Archivalien, die Nerdinger in den vergangenen 37 Jahren zusammengetragen und damit an der TU München das bedeutendste Spezial- und Forschungsarchiv für Architektur in Deutschland aufgebaut hat.

1995 wurde Nerdinger auch Direktor des Architekturmuseums Schwaben in Augsburg. Seit 2004 ist er zudem Direktor der Abteilung Bildende Kunst der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und seit 2006 Vorsitzender der Alvar-Aalto-Gesellschaft.[3]

Seit 1. Oktober 2012 ist Winfried Nerdinger Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München. Er war 1988 Mitglied des Initiativkreises, das die Errichtung forderte, und leitete als Gründungsdirektor federführend die inhaltliche Ausgestaltung des am 30. April 2015 mit einem Festakt eröffneten Neubaus am Münchner Königsplatz.

Mit seinen Büchern, Schriften und Ausstellungen hat Nerdinger entscheidende Beiträge zur Erforschung der Kunst- und Architekturgeschichte sowie zu einem öffentlichen Bewusstsein für die Bedeutung von Architektur geleistet. Zu seinen Veröffentlichungen zählen u.a.: Walter Gropius (1985), Revolutionsarchitektur (1989), Neues Bauen in Tel Aviv (1993), Bauen im Nationalsozialismus (1993), Alvar Aalto (1999), Leo von Klenze (2000), Bruno Taut (2001), Gottfried Semper (1803 – 1879) – Architektur und Wissenschaft, (2003), Architektur Macht Erinnerung (2004), Architektur der Wunderkinder – Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945–1960 (2005), Frei Otto – Leicht bauen, natürlich gestalten (2005), Ort und Erinnerung – Nationalsozialismus in München (2006). In letzter Zeit hat sich Nerdinger auch vermehrt mit dem heftig diskutierten Thema Rekonstruktion auseinandergesetzt.[4]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Winfried Nerdinger ist Träger des Ritterkreuzes 1. Klasse des Ordens der Weißen Rose der Republik Finnland und erhielt 2006 den Architekturpreis der Landeshauptstadt München. Ferner überreichte ihm der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude 2006 die Medaille „München leuchtet – Den Freunden Münchens“ in Gold (Kulturpreis der bayerischen Landeshauptstadt München) für seine Verdienste als Architekturwissenschaftler. 2009 wurde Winfried Nerdinger mit der Leo-von-Klenze-Medaille, die seit 1996 für herausragende Leistungen in der Architektur, im Wohnungs- und Städtebau und im Ingenieurbau verliehen wird, ausgezeichnet.[5] Im April 2011 erhielt Winfried Nerdinger den Bayerischen Architekturpreis und den Bayerischen Staatspreis für Architektur. Die Bayerische Architektenkammer und die Bayerische Staatsregierung würdigen Nerdingers besonderes Engagement als Architekturhistoriker und Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München sowie seine Verdienste um die Architektur und Baukultur in Bayern. Seit 2015 ist er Mitglied der Academia Europaea.[6]

2017 wurde Nerdinger das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.[7] Am 13. September 2017 erhielt er den "Bene Merito", die höchste polnische Ehrenmedaille, die vom Außenministerium Polens verliehen wird. [8]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Autor

  • Rudolf Belling und die Kunstströmungen in Berlin 1918–1925. Mit einem Katalog der plastischen Werke. Jahresgabe des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 1980. Berlin 1981.
  • Die Architekturzeichnung – Vom barocken Idealplan zur Axonometrie. In Zusammenarbeit mit Florian Zimmermann. München 1985, 2. Auflage 1987; spanische Ausgabe: Dibujos de Arquitectura – Del diseño ideal barroco a la axonometria. Madrid 1987.
  • The Walter Gropius Archive. 3 Bände. New York 1990.
  • Der Architekt Walter Gropius / The Architect Walter Gropius. Berlin 1985, 2. erweiterte Auflage 1996; italienische Ausgabe: Walter Gropius – opera completa. Mailand 1987, 2. Auflage 1993.
  • Theodor Fischer – Architekt und Städtebauer 1862–1938. Mit Beiträgen von Herman van Bergeijk u.a. Berlin 1988; italienische Ausgabe: Theodor Fischer 1862–1938 – Architetto e urbanista. Mailand 1989.
  • Architekturschule München 1868–1993. In Zusammenarbeit mit Katharina Blohm. München 1993.
  • Architektur und Städtebau der 30er/40er Jahre. In Zusammenarbeit mit Werner Durth. Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz Band 46. Bonn 1993.
  • Architekturführer Deutschland 20. Jahrhundert. In Zusammenarbeit mit Cornelius Tafel. Basel 1996; italienische Ausgabe: Germania – Guida all’ architettura del Novecento. Mailand 1995; englische Ausgabe: Germany 20th Century – Architectural Guide. Basel 1996.
  • Architektur, Macht, Erinnerung. Stellungnahmen 1984–2004. Hrsg. Christoph Hölz und Regina Prinz. München 2004.
  • Geschichte, Macht, Architektur. Hrsg. Werner Oechslin. München 2012.
  • München und der Nationalsozialismus. Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-66701-5.

Als Herausgeber

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmut Gebhard, Willibald Sauerländer (Hrsg.): Feindbild Geschichte: Positionen der Kunst und Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Symposion zum 60. Geburtstag von Winfried Nerdinger. Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 978-3-8353-0166-5.
  • Uwe Kiessler (Hrsg.): Architektur im Museum 1977–2012. Winfried Nerdinger. Förderverein des Architekturmuseums der TU München, München 2012.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Winfried Nerdinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Otto von Freising-Gastprofessur
  2. [1]
  3. Über uns/die Aktiven, Website der Alvar-Aalto-Gesellschaft, abgerufen am 24. März 2012.
  4. http://www.stmwfk.bayern.de/downloads/aviso/2008_1_aviso_rekonstruktion.pdf
  5. Pressemitteilung des Bayerischen Staatsministeriums des Inneren
  6. Winfried Nerdinger auf der Website der Academia Europaea
  7. https://www.km.bayern.de/pressemitteilung/10728/nr-198-vom-29-05-2017.html
  8. https://www.ns-dokuzentrum-muenchen.de/veranstaltungen/details/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=108&cHash=8e8d2b51e1a427d64160740b8ca3aa04