Wing Chun

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Wing-Chun-Schule – 溫鑑良實用詠春拳館Nathan Road, Hongkong 2009

Wing Chun (chinesisch 詠春 / 咏春, Pinyin yǒngchūn, Jyutping wing6ceon1, kantonesisch wing chun ‚Ode an den Frühling‘) selten auch mit den Zeichen (永春, yǒngchūn, Jyutping wing5ceon1, kantonesisch wing chun ‚ewiger Frühling‘) anzutreffen, ist ein vermutlich im frühen 19. Jahrhundert entstandener (süd-) chinesischer Kung-Fu-Stil – im Westen oft als Kampfkunst bezeichnet.[1]

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der romanisierte Name der Kampfkunst stammt aus dem Kantonesischen, daher gibt es bis heute keinen geregelte Standardumschrift des Begriffes. Aus markenrechtlichen Gründen und um sich von anderen Schulen und Verbänden abzugrenzen, sind zahlreiche Schreibweisen entstanden, so beispielsweise Wing Tsun – später WingTsun (W.T.), Wing Tsung, Wing Tsjun, Wing Tjuen, Wing Tzun, Wing Chung, Wing Shun, Wing Zun, Wyng Tjun, Ving Tsun (V.T.), Ving Chun (VC), Dynamic Ving Tshun (DVT). In Pinyin, dem offiziell verwendeten Umschriftsystem des Hochchinesischen (Standardchinesisch), werden die Schriftzeichen als Yǒngchūn transkribiert. Die einzelnen Umschriften repräsentieren zum Teil Derivate von größeren Verbänden und zum anderen völlig verschiedene Unterstile, die nur noch oberflächliche Gemeinsamkeiten haben. Alle Wing Chun-Stile werden im Chinesischen mit denselben Schriftzeichen “詠春 / 咏春” geschrieben. Dieselben Schriftzeichen sind letztlich der Vorname von Yim Wing Chun (嚴詠春 / 严咏春, Yán Yǒngchūn), eine Schülerin der Äbtissin Ng Mui (五枚師太 / 五枚师太, Wǔméi Shītài).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Yip Man (Ip Man) –
葉問

Entstehung von Wing Chun[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die frühesten schriftlichen Aufzeichnungen über Wing Chun datieren aus dem Jahr 1854, belegt durch Schriftforschungen des Foshan-Museums und der Chin Woo Athletics Association of Foshan.[2]

Das heutige moderne bzw. populäre Wing Chun mit seinen charakteristischen sechs Formen und der “Chi-Sao-Übung” (黐手, chǐshǒu) bzw. “Poon-Sao-Übung” (盤手 / 盘手, pánshǒu) geht aktuellen Erkenntnissen nach[3] auf die Studien des Lehrerkreises um Yuen Kay Shan (阮奇山, Ruǎn Qíshān) und Yip Man (葉問 / 叶问, Yè Wèn) zurück.

Das traditionelle Wing Chun geht nach der mündlichen Überlieferung von Großmeister Yip Man und anderen Quellen zurück auf das untergegangene Süd-Shaolin-Kloster in der chinesischen Provinz Fujian, welches von den Qing-Truppen gegen Ende der Ming-Dynastie zerstört wurde. Die letzten buddhistischen Vertreter des traditionellen Wing Chuns waren der Süd-Shaolin-Abt Chi Sim und die Äbtissin Ng Mui, welche flüchteten und dann das Wing-Chun-System an Yim Wing Chun weitergaben. Die Mönchslinie des Wing Chun aus Süd-Shaolin ging mit der Zerstörung des Klosters unter.[4] Chi Sim und Ng Mui gehörten zu den legendären Persönlichkeiten der „Fünf Ältesten des Shaolins“ (少林五老, Shàolín wǔ lǎo, Jyutping Siu3lam4 ng5 lou5), die zur Regierungszeit Qianlongs (1735–1796) gelebt haben soll.

Neuere Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die heute weltweit bekannteste Stilrichtung des Wing Chun geht auf den Kampfkünstler Yip Man (1893–1972) zurück.

Stilrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die bekanntesten Wing Chun-Stilrichtungen sind:

  • Yip-Man-Stil (Ip-Man-Stil)
  • Yuen-Kay-Shan-Stil
  • Pan-Nam-Stil
  • Yiu-Choi-Stil (Yiu-Kay-Stil)

Zu den weniger bekannten Stilen sind zu zählen:

  • Pao-Fa-Lien-Stil
  • Yuen-Chai-Wan-Stil (Nguyen Te-Cong-Stil)
  • Yip-Kin-Stil

Als Unter-Stil des Yip-Man-Stil ist, aufgrund seiner weltweiten Verbreitung, das

  • „Wing Tsun“ (heute WingTsun) nach Leung Ting zu nennen, das nach seiner eigenen Angaben auch die überprüften Ergebnisse seiner eigenen und der Kampferfahrungen, die seine Schüler und andere Wing Chun-Kämpfer bei Kung Fu Wettbewerben erzielten, nutzte, um diese Methoden später zum neuen, weltweit gültigen Unterrichtssystem der I.W.T.MA.A (heutige IWTA, International Wing Tsun Association) zusammenzufassen wählte, um diesen deutlichen inhaltlichen Unterschied gegenüber dem Yip-Man-Stil kenntlich zu machen. die Schreibweise.[5]

Des Weiteren gibt es noch weitere Unter- oder Hybridstile dieser Stilrichtungen. Die umfangreichste Dokumentation liegt derzeit zum Yip-Man-Stil und dem Pan-Nam-Stil vor.

Prinzip und Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Grund-Stand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der typische Grundstand oder die Hauptposition (馬步 / 马步, mǎbù, Jyutping maa5bou6, englisch Horse stance) im Wing Chun heißt Yee Jee Kim Yeung Ma (二字拑羊馬 / 二字拑羊马, èrzì qiányángmǎ, Jyutping ji6zi6 kim4joeng4maa5), im “Wing Tsun” auch IRAS genannt. In diesem Stand werden die Formen ausgeführt oder auch Chi-Sao-Übungen trainiert. Weiterhin bildet er das Fundament für fortgeschrittene Techniken.

Techniken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein typisches Element einiger Wing-Chun-Stile ist der Kettenfauststoß. Je nach angegriffenem Körperteil und Intention des Kämpfers werden Fauststöße, Fingerstiche, Handkantenschläge oder Hammerfäuste bei Schlägen eingesetzt.

Die Kraft des Gegners wird durch Schritttechniken wie Wendungen neutralisiert und gegen ihn verwendet (Gleichzeitigkeit von Angriff und Abwehr): Der Angriff ist die Verteidigung. Ein Schlag des Gegners wird so beispielsweise durch einen konternden Gegenschlag abgewehrt.

Der Stil ist weiterhin durch seine Trittarbeit charakterisiert, die nur sehr wenige Grundtritte umfasst und mit der im Allgemeinen nur niedrige Ziele bis etwa zur Höhe der Hüfte angegriffen werden.

Waffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wing Chun war ursprünglich eine Kampfkunst ohne Waffen.

Im frühen 19. Jahrhundert erweiterten Wong Wah Bo (Schüler von Leung Bok Chow, dem Ehemann der Stilgründerin Yim Wing Chun) und Leung Yee Tai – Schüler des auf der “Roten Dschunke” (紅船 / 红船, hóngchuán, Jyutping hung4syun4) der kantonesischen Operntruppe untergetauchten Süd-Shaolin-Abts Chi Sim – den Kung-Fu-Stil um zwei Waffenformen:

Die Übungen und Formen wurden den Prinzipien des Wing Chun angepasst.

Historische Dokumente hierzu sind nicht überliefert. Wong Wah Bo wird in vielen anderen Entstehungslegenden anderer Stile (z. B. Hung Kuen) erwähnt. Seine Existenz ist weder belegt noch widerlegt. Er spielt in nahezu allen Wing-Chun-Legenden eine Schlüsselrolle.

Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ersten Grundlagen des Wing Chun werden zumeist in kurzen Formen (San Sao, 散手, sànshǒu ‚Freihand‘) oder langen Formen (To Lo, 套路, tàolù) erlernt und geübt. Formen sind festgelegte Abfolgen von Techniken, die jeder Schüler alleine durchführt. Die Formen des Wing Chun sind – vergleiche mit dem japanischen Kata (kana かた, Kanji , ) oder dem koreanischen Hyeong (Hangul , Hanja ) – wie ein „Notizbuch“ zur Vermittlung von Theorien und Techniken zu verstehen und nicht als ein ritualisierter Kampf gegen imaginäre Gegner. Reihenfolge, Anzahl und Art der Formen ist in den verschiedenen Wing-Chun-Stilen oftmals sehr unterschiedlich. In einigen Wing-Chun-Stilen werden weniger als die nachstehend aufgeführten sechs bekanntesten Formen praktiziert, in anderen werden mehr oder gänzlich andere Formen unterrichtet.

Die bekanntesten Formen sind:

  • Siu nim tau / Siu Lim Tao (小念頭 / 小念头, xiǎo niàntou, Jyutping siu2 nim6tau4 ‚wörtl. kleine Idee‘), etwa anfänglicher Gedanke, Grundidee. Die Siu nim tau-Form (“Kleine-Idee-Form”) ist die erste Form im Wing Chun System. Hier lernt man in 8 Schritten (häufig als „Sätze“ bezeichnet) verschiedene Grundlagen in Angriff und Verteidigung. Die Siu nim tau wird im Grundstand durchgeführt. Schrittarbeit und Wendungen sind (in der Regel) noch nicht vorhanden.
  • Cham Kiu / Chum Kiu (尋橋 / 寻桥, xúnqiáo, Jyutping cam4liu4 ‚wörtl. die Brücke finden, Brückensuche‘), also eine “Brücke” finden, um über "diese Brücke" den Gegner auf Abstand zu halten und zu blockieren bzw. ein Weg zu den Techniken des Gegner finden, um ihn anzugreifen. Die Cham Kiu-Form (“Brücken-Suche-Form”) beinhaltet hauptsächlich Defensivtechniken sowie Techniken zur Distanzhaltung und Distanzüberbrückung zum Gegner. In dieser Form kommen Schritte, Wendungen und Tritte hinzu.
  • Biu Tze / Bju Tse (鏢指 / 镖指, biāozhǐ, Jyutping biu4zi2 ‚wörtl. Pfeilfinger‘), etwa Stoßende Finger. In der Biu Tze-Form (“Pfeilfinger-Form”) sind hauptsächlich Offensivtechniken enthalten. Die Biu Tze-Form (“Pfeilfinger-Form”) wird auch oft als „Notlösungsform“ beschrieben, da sie auch vermittelt, wie man durch Angriffe von einer ungünstigen wieder auf eine günstige Position im Kampf kommen kann. Da in dieser Form unter anderem gefährliche Techniken wie Fingerstiche in die Augen, Handkantenschläge zum Hals und verschiedene Ellenbogentechniken zum Kopf enthalten sind, wird die Biu Tze (“Pfeilfinger”) von vielen Lehrern und Meistern oft nur an vertrauenswürdige und treue Schüler weitergegeben. Aus dieser Tradition stammt der in Wing Chun Kreisen verbreitete Spruch „Die Biu Tze (“Pfeilfinger”) verlässt niemals das Haus“.[6]
  • Muk Yan Jong Fat / Mok Jan Chong Fat (木人樁法 / 木人桩法, mùrénzhuāngfǎ, Jyutping muk1jan4zong1faat1 ‚wörtl. Holz-Mann-Pfahl-Technik‘), etwa Holzpuppen-Technik. Die Muk Yan Jong-Form (“Holzpuppe-Form”) ist die höchste waffenlose Form im System. Sie enthält sowohl Techniken aus den vorherigen Formen, als auch neue Techniken. Alle Techniken werden an der Holzpuppe geübt. Das Training an der Holzpuppe verfolgt verschiedene Ziele. Eine davon ist, sich auch gegen stärkere, nicht nachgebende Gegner durchzusetzen. Des Weiteren werden die Extremitäten des Praktizierenden auf Dauer abgehärtet. Die Holzpuppe wird oft auch als Ersatz für einen Trainingspartner gesehen.[7][8]
  • Luk Dim Bun Kwan Fat / Luk Dim Ban Kwun Fat (六點半棍法 / 六点半棍法, liùdiǎnbàn gùnfǎ, Jyutping luk6dim2bun3 gwan3faat1 ‚wörtl. Sechseinhalb-Punkten-Langstock-Technik‘), etwa Langstock-Technik. Die Luk Dim Bun Kwan-Form (“Sechseinhalb-Punkten-Langstock-Form”) ist eine Langstockform und somit die erste Waffenform im Wing Chun-System. Der Langstock hat seine Funktion als Waffe[9] aufgrund der Länge (in der Regel 2–3 Meter) weitestgehend verloren. Heutzutage wird der Langstock mehr als Trainingsgerät zur Verbesserung der Ganzkörperstruktur bzw. der Haltung des Körpers, der Explosivkraft und Verbesserung der Präzision der einzelnen Handpositionen verwendet.[10][11]
  • Bart Cham Do / Pa Cham Do (八斬刀 / 八斩刀, bāzhǎndāo, Jyutping baat3zaam2dou1 ‚wörtl. Acht-Schnitt-Messer‘), etwa Achtschnitt-Messer-Technik. Die Bart Cham Do-Form (“Achtschnitt-Messer-Form”) ist die letzte und „höchste“ Form im Wing Chun-System. Sie vermittelt weitere Techniken und Bewegungsformen und schließt das System ab.[12]

Chi Sao[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein wesentlicher Bestandteil der meisten Wing-Chun-Stile ist das Chi Sao (Klebende Hände), welches auf die unterschiedlichsten Arten praktiziert werden kann. Das Chi Sao dient der Steigerung des Tastsinnes und der Verbesserung der "taktilen" Reflexe. In der in Europa am meisten verbreiteten Stilrichtung, dem Leung Ting Stil, wird das Chi Sao als Partnerformen, sogenannten "Sektionen", vermittelt.[13][14]

Organisationsstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Familiäre Struktur der Vergangenheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Vergangenheit im alten China wurde das Wing Chun, wie alle anderen Kampfkünsten oder auch Handwerkszünfte, traditionell in einem „familiären“ Charakter, jeweils von Sifu (Meister, 師傅 / 师傅, auch 師父 / 师父, shīfu) zu Toudai (Schüler, Lehrling, 徒弟, túdì) weitergegeben. Der Meister, der die persönliche Verantwortung für die gesamte Ausbildung des Schülers (Lehrlings) hatte, wurde als Sifu (Meister) angesprochen. Der Unterricht fand gegen Bezahlung oft im Wohnhaus des Meisters (Sifu) statt, eine persönliche Bindung zwischen dem Meister bzw. dessen Familie und dem Schüler (Lehrling), mit bestimmten gegenseitigen Verpflichtungen, war die Regel. In Hongkong wurden die ersten öffentlichen Kampfkunstschulen gegründet. Seitdem nahm der Unterricht im Wing Chun stärker einen modernen schulischen mit kommerziell „geschäftlichen“ Charakter an.

Jedoch wurden in einigen Schulen das „familiäre“ System weiterhin gewahrt. Lo Man Kam, ein Neffe Yip Mans, unterrichtet noch heute seine Schüler in seinem Wohnhaus in Taipeh. Geeignete auserwählte langjährige Schüler werden dort heute noch durch den Sifu in der traditionellen Weise durch eine Meister-Schüler-Teezeremonie (Bai Si Lai, 拜師禮 / 拜师礼, Bàishīlǐ) in den inneren Kreis der Wing Chun-Familie aufgenommen. Diese Zeremonie unterstreicht die tiefe persönliche Bindung, die durch das lange Training zwischen Meister und Schüler entstanden ist.

Verbandsstruktur im heutigen Europa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt in Europa keinen einheitlichen Dachverband, unter dem die Wing Chun-Praktizierenden zusammengefasst sind, sondern zahlreiche, zum Teil miteinander konkurrierende und zerstrittene Verbände, Schulen und Einzellehrer. Die meisten Verbände treten dabei nicht in der Rechtsform der Vereine auf, die sich freiwillig zu einem Verband zusammengeschlossen haben, sondern als kommerzielle Organisationen, in denen assoziierte Schulen eingegliedert sind, welche vom Verband autorisiert und zertifiziert werden. Manche der Verbände sind in einem Franchise-System organisiert.

In einigen Verbänden werden in Anlehnung an das früher übliche Familiensystem Gehorsam und Verpflichtungen gegenüber dem Lehrer (Sifu) und dessen Lehrern (Sigung師公 / 师公, shīgōng, Sijo師祖 / 师祖, shīzǔ) betont, obwohl diese nur noch selten direkt an der Ausbildung ihrer Schüler beteiligt sind.

Wahrnehmung im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund der hohen Medienpräsenz der EWTO-Wing-Tsun (Leung Ting, Keith R. Kernspecht) verbinden Interessierte leicht das Wing Chun in Deutschland, Österreich und der Schweiz lediglich mit diesem großen Zweig des Ip-Man-Wing-Chun.

In den deutschsprachigen Foren wird zudem oft versucht, aus wirtschaftlichen Gründen den Eindruck zu erwecken, dass alle Wing-Chun-Schulen in Deutschland ehemals zur EWTO gehörten bzw. von ehemaligen EWTO-Angehörigen geleitet werden. Häufig herrscht Unkenntnis darüber, dass in Deutschland bereits seit Mitte der 1970er Jahre z. B. auch das Wing Chun der Yip-Man-/Chu-Shong-Tin-Linie unterrichtet wird. Ebenso sind weitere Schulen/Lehrer, welche niemals eine Verbindung zur EWTO hatten, in Deutschland vertreten. Die Yip-Man-Wing-Chun-Linie ist in Deutschland z. B. auch durch die Linien nach Yip Chun, Lok Yiu, Wong Shun Leung, Philipp Bayer und Lo Man Kam vertreten. Linien anderer Wing-Chun-Stilrichtungen wie Yuen Kay Shan werden nur selten öffentlich unterrichtet, sind aber auch in sehr geringer Anzahl in Deutschland ansässig.

Das Lee-Shing-Wing-Chun, ein eng mit der Yip-Man-Linie verwandter Wing-Chun-Stil, findet in der Schweiz große Verbreitung. Auch bei den mit dem EWTO-Wing-Tsun (Leung Ting) verwandten Schulen ist inzwischen eine Generation in Erscheinung getreten, deren Lehrer zwar bei ehemaligen EWTO-Angehörigen Unterricht erhielten, sie selbst aber niemals Mitglied der EWTO waren.

Graduierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wing Chun wurde bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ohne ein Graduierungssystem gelehrt. Über Sinn und Zweck der Graduierungen bestehen unterschiedliche Ansichten, ein einheitliches Graduierungssystem existiert nicht. Einige Schulen lehnen bis heute ein Graduierungssystem ab.

Das bekannteste Graduierungssystem in Deutschland und Österreich ist das von Leung Ting zu Beginn der 1970er Jahre ersonnene System. Es umfasste ursprünglich 4 Techniker-, 4 Praktiker- und 4 Großmeistergrade. Später kamen noch 12 Schülergrade hinzu.[15][16] Die Bezeichnung “Technikergrad” wurde in der EWTO durch “Höherer Grad” abgelöst.[17] Die von der EWTO vertretene Ansicht, dass die Einteilung in Schülergrade eigentlich nur außerhalb Hongkongs praktiziert wird,[18] ist falsch. Nicht nur, dass die Einteilung auf der Website von Leung Ting dargestellt ist,[19] es wurde im Forum der IWTA auch noch einmal betont.

Die International Wushu Federation, kurz IWUF (國際武術聯合會 / 国际武术联合会), hat ihr 1998 eingeführtes Graduierungssystem im Jahr 2010 völlig überarbeitet.[20] Nun ist es auch möglich, in bisher etwas benachteiligten Stilen, wie dem Wing Chun, höhere Duan-Grade zu erreichen (aufgrund der Anzahl der geforderten Formen war es in vielen Wing Chun-Stilrichtungen nicht möglich, höhere Duan-Prüfungen abzulegen[21]). Die Swiss Wushu Federation arbeitet bereits nach diesem Graduierungssystem und hat erste Prüfungen im Wing Chun abgenommen.[22] Da das Wing-Chun-Graduierungssystem stilübergreifend aufgebaut ist, beruht es z. B. nicht auf den o. g. bekanntesten Formen. Vielmehr handelt es sich um verschiedene, eigens für dieses Graduierungssystem zusammengestellte, Einzel- und Partnerübungen.[23]

Anwendung in der Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Polizei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1990 wird die Polizei Baden-Württemberg[24] sowie ihr Spezialeinsatzkommando regulär im “Wing Tsun”, unter anderem von der EWTO, unterrichtet.[25] Die Polizei Nordrhein-Westfalen sowie ihre Spezialeinsatzkommandos hingegen werden seit 1992 von Salih Avci im “Avci Wing Tsun” der WTEO (Wing Tsun-Escrima Organization) unterrichtet.[26][27][28] Zudem werden seit 2002 die Polizeibeamten des Wachdienstes der Landespolizei Nordrhein Westfalen im “Avci Wing Tsun” ausgebildet.[27] Die einsatzbezogenen Selbstverteidigungs- und Festnahmetechniken der GSG 9 der Bundespolizei stammen unter anderem vorwiegend aus dem “Wing Tsun”.[29]

Militär[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2000 werden die Nahkampfausbilder des Kommando Spezialkräfte im “WingTsun” der EWTO ausgebildet.[25][30]

International[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Federal Bureau of Investigation wird von verschiedenen Meistern im “Wing Tsung” bzw. “Wing Tsun” unterrichtet.[31][32]

Auch die Polizei in Sri Lanka (seit 2014) und diverse Polizeieinheiten wie z. B. die Batalhão de Operações Policiais Especiais (PMERJ) in Brasilien (seit 2012) werden im "Wing Tsjun" unterrichtet.[33]

Airlines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fluglinie Hong Kong Airlines unterweist ihre Flugbegleiter in Wing Chun.[34]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert Chu, Rene Ritchie u. a.: Complete Wing Chun. The Definitive Guide to Wing Chun’s History and Traditions. Tuttle Publishing, Boston 1998, ISBN 0-8048-3141-6.
  • Marc Debus: Das Lo Man Kam Wing Chun System – Geschichte, Berichte und Techniken. Monsenstein und Vannerdat, 2005, ISBN 3-86582-177-4. Auch auf Englisch unter, ISBN 978-3-86582-470-7.
  • Birol Özden: VC-Ving Chun: Selbstschutz, Martial Arts, Kampfsport, Combat, Selbstverteidigung für Selbstsicherheit und Dynamic, Band 1: Lehrbuch für Einsteiger. Ving Chun Verlag, Köln 2001, ISBN 3-00-007489-9.
  • Leung Ting: Wing Tsun Kuen. Leung’s Publications, Hong Kong 1978, ISBN 962-7284-01-7.
  • Alan Gibson: Wing Chun. Für Einsteiger und Fortgeschrittene. 1. Auflage. Weinmann, Berlin 2007, ISBN 3-87892-090-3 (englisch).
  • Ip Ching, Ron Heimberger: Ving Tsun Yo Fen (Anleitung unserer Vorfahren). 1. Auflage. epubli, 2011, ISBN 978-3-8442-0203-8.
  • Oliver Gross: Der Weg der einschneidenden Faust. Sportverlag Strauß, Köln 2011, ISBN 978-3-86884-130-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wing Chun – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Robert Chu, Rene Ritchie u. a.: Complete Wing Chun. The Definitive Guide to Wing Chun’s History and Traditions. Tuttle Publishing, Boston 1998, ISBN 0-8048-3141-6; Roots & Branches of Wing Tsun, Leung Ting, Leung’s Publications, 2000.
  2. The White Book. Development of Foshan Wing Chun as reported by the Chin Woo Athletics Association of Foshan. Archiviert vom Original am 3. Januar 2014;.
  3. Hintelmann: Westliche Sinnfindung durch östliche Kampfkunst? Iko-Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 2005; Peterson: Look Beyond the Pointing Finger. The Combat Philosophy of Wong Shun Leung. 2001; Leung: Roots and Branches of Wing Tsun. 2002
  4. Großmeister Ip Man: The Origin of Wing Chun. In: Ving Tsun Athletic Association. Ving Tsun Athletic Association, 1990, abgerufen am 22. Oktober 2018 (englisch).
  5. Dynamic Wing Tsun KungFu by Dr. Leung Ting, Second Edition: July,1986.
  6. CID Media: Fachschule für Wing Tsun - Was ist Wing Tsun. Abgerufen am 19. Dezember 2017 (deutsch).
  7. http://holzpuppe.co/sinn-der-holzpuppe/. Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  8. Dai-Sifu Reimers - Kampfsportschule München: Kampfkunstschulen Dai-Sifu Reimers | Videoclips. Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  9. Lok Dim Bon Kwun - Der Langstock. Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  10. Formen: Wing Chun. Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  11. superuser: VING TSUN KUNG-FU (nach Ip Man - Wong Shun Leung). In: VING TSUN Kung Fu Ausbildung,Kampfsport. 8. November 2015 (vingtsun-trainer.de [abgerufen am 19. Dezember 2017]).
  12. Dr. Cord Elsner - WING CHUN Stuttgart: WING CHUN Stuttgart | Cord Elsner | Formen im Wing Chun - was versteht man darunter? Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  13. Überwältigendes Interesse an den Tutorials | WingTsun-Welt - Das Mitgliedermagazin der EWTO. Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  14. Zum Stellenwert von Solo- und Partnerformen (Sektionen) | WingTsun-Welt - Das Mitgliedermagazin der EWTO. Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  15. WING TSUN KUEN, Leung Ting, ASTROS PRINTING LIMITED, Fourth Edition 1980.
  16. Roots & Branches of Wing Tsun, Leung Ting, Leung’s Publications, First Edition Jan 2000.
  17. wingtsun.de (Memento des Originals vom 1. Juli 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.wingtsun.de
  18. wingtsun.de (Memento des Originals vom 4. Juni 2012 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.wingtsun.de
  19. leungting.com
  20. swisswushu.ch (Memento des Originals vom 27. November 2011 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.swisswushu.ch
  21. chinbeku.com
  22. swisswushu.ch (Memento des Originals vom 2. Januar 2012 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.swisswushu.ch
  23. Textbook Series of Chinese Wushu Duanwei System – Yongchunquan (Buch in Chinesisch, mit DVD) Autor /Herausgeber: Wushu Research Institute of the General Administration of Sport of China, ISBN 978-7-04-025828-8.
  24. Kampfkunstschulen Dai-Sifu Reimers | Polizei / FBI. Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  25. a b Wing Tsun – Effektive Selbstverteidigung bei Polizei und Militär. In: Kampfkunst Magazin. 7. Juli 2014 (kampfkunstmagazin.de [abgerufen am 26. November 2017]).
  26. teamKraftt: Sifu Salih Avci | WTEO KAMPFKUNST VERBAND KÖLN. Abgerufen am 26. November 2017 (deutsch).
  27. a b 35000 Polizeibeamte lernen Avci WingTsun. (sankalpa.de [abgerufen am 26. November 2017]).
  28. Sifu Salih Avci. Abgerufen am 26. November 2017.
  29. Bundespolizei - Einsatztraining. Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  30. Nahkampfausbildung im Kommando Spezialkräfte | Wingtsun Blog. Abgerufen am 26. November 2017 (englisch).
  31. Dai-Sifu Reimers - Kampfsportschule München: Kampfkunstschulen Dai-Sifu Reimers | FBI. Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  32. milliyet.com.tr Türkiye'nin lider haber sitesi: Salih FBI’a kavga etmeyi öğretiyor. In: MİLLİYET HABER - TÜRKİYE'NİN HABER SİTESİ. (com.tr [abgerufen am 19. Dezember 2017]).
  33. BDS Wing Tsjun International: BDS Tactical. Abgerufen am 19. Dezember 2017.
  34. Renitente Passagiere: Hong Kong Airlines lehrt Flugbegleiter Kung Fu. In: Spiegel Online. 17. April 2011 (spiegel.de [abgerufen am 22. September 2018]).