Winterpalast des Bogd Khan

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Ein Tor des Winterpalastes

Der Winterpalast des Bogd Khan ist ein Museum in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei. Von ursprünglich vier Residenzen, stellt der Komplex den einzig erhaltenen Palast des 8. Jebtsundamba Khutukhtu dar, der als Bogd Khan mit zeitlichen Unterbrechungen von 1911 bis 1924 als höchste religiöse Instanz des Buddhismus in der Mongolei in dem Palast amtierte.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das zweistöckige Wohnhaus Bogd Khans (2009)

In der von einer Mauer umfassten Anlage befinden sich derzeit sechs zwischen 1893 und 1903 im chinesischen Stil errichtete Tempel sowie das von russischen Architekten entworfene und zwischen 1903 und 1905 erbaute steinerne zweistöckige Hauptgebäude. Dieses war ein Geschenk Zar Nikolaus II. an den 8. Bogd Gegen, der es mit seiner Frau Dondogdulam, die als Eke Dakini bekannt wurde, bis zu seinem Tode als Winterresidenz nutzte.[1]

Im Zuge der Xinhai-Revolution ernannte sich der 8. Bogd Gegen 1911 auf dem Gelände des Winterpalastes zum Bogd Khan, dem Herrscher der Äußeren Mongolei, und rief am gleichen Tag, finanziell und militärisch von Russland unterstützt, die Unabhängigkeit der damals rund 1.900.000 km² großen chinesischen Provinz aus. Dabei schwebte ihm die Errichtung eines Mongolischen Großreichs vor.[2] Unter anderem hatte Bogd Khan eine Notifikation seiner Unabhängigkeitserklärung im Juni 1914 an die Gesandten Frankreichs, Großbritanniens, Deutschlands und den USA in Peking geschickt, die sämtlich unbeantwortet blieben.[3] Enttäuscht darüber, dass kein einziges Land die Sezession anerkannte, selbst Russland nicht, besiegelte der Vertrag von Kjachta 1915 das Ende seiner Träume. Hiernach wurde ihm als offizieller Titel „Kuutuktu der Äußeren Mongolei“ zugestanden, womit er als geistliches Oberhaupt sämtliche Einflüsse in der Inneren Mongolei verlor.[4]

1921 besetzten Truppen der russischen Weißen Armee die Äußere Mongolei und riefen am 13. März 1921 auf dem Gelände des Winterpalastes eine unabhängige Monarchie aus, mit Bogd Khan als nominellem Staatsoberhaupt.[5] Kurz darauf eroberte die sowjetische Rote Armee Urga, das heutige Ulaanbaatar, und etablierte am 3. Juli 1921 in der Äußeren Mongolei eine Marionettenregierung, wobei Bogd Khan „Kuutuktu der Äußeren Mongolei“ blieb. Nach dessen Tod, er starb im April 1924, entstand die Mongolische Volksrepublik, deren Verfassung am 26. November 1924 in einem Tempel des Winterpalastes proklamiert wurde. Eine Reinkarnation des Jebtsundamba Khutukhtu erlaubte die Sowjetunion nicht.[6][7]

Während der stalinistischen Terrorwellen wurden von den vier Palästen des Bogd Kahns drei und von den mehr als 700 in der Äußeren Mongolei noch vorhandenen Klöstern fast alle zerstört. Gleichzeitig vernichteten Stalins Handlanger die reichen Zeugnisse des mongolischen Kunsthandwerkes und verbrannten das meiste Schrifttum. Unersetzliche Werte des mongolischen kulturellen Erbes gingen für immer verloren.[8][9] Selbst vom Winterpalast des Bogd Khans blieb nur der zentrale innere Teil des einst riesigen Komplexes erhalten. Der größte Teil des Inventars wurde zerstört, gestohlen, auf Auktion verkauft, Statuen aus Gold und Silber in die Sowjetunion verbracht und dort eingeschmolzen.[10][11] Später fanden die erhaltenen Gebäude als Seminar- und Tagungsstätte Verwendung. Unter anderem fand hier 1965 ein Treffen des kommunistisch geprägten Weltfriedensrats statt.[12]

Museum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Gebäude innerhalb des Komplexes
Restaurierte Außenmauer

Seit 1961 fungiert der Komplex als Nationalmuseum.[13] Die Mehrzahl der Ausstellungsstücke stammen nicht aus dem ehemaligen Palast. Original erhalten geblieben sind Bogd Khans Thron, sein Bett, sein kunstvoll geschmückter Ger, ein Paar zeremonieller Stiefel, die er vom russischen Zaren geschenkt bekam und seine ausgestopften Tiere.

Zu der Anlage gehören unter anderem, der:

  • Makharaji-Tempel, in dem sich Statuen der Beschützer der vier Himmelsrichtungen befinden. Diese Gottheiten sind aus Lehm und Papier, bemalt in gelb für den Norden, blau für den Süden, rot für den Westen, weiß für den Osten.
  • Ravsa-Tempel, in welchem religiöse Bilder, Thangkas, Filzapplike, Schmuckgegenstände und Musikinstrumente ausgestellt sind, die Mönche während Zeremonien benutzten.
  • Naidan-Tempel, wo sich früher die 16 vornehmsten Lama aus Urga versammelten und Rituale abhielten, die dem Wohlergehen des Bogd Gegen dienen sollten. Zu sehen sind hier unter anderem sogenannte Tigerstöcke, die mit Schwänzen und Fell von Schneeleoparden geschmückt sind. Sie dienten förmlich dazu, Menschenmengen zurückzuschlagen, wenn das Gedränge um Bogd Khan bei öffentlichen Auftritten zu gefährlich wurde. Zudem befindet sich in einer Vitrine ein weißes langes Seil, mit dem Bogd Khan Besucher vom Balkon aus segnete, die in langen Schlangen anstanden, nur um das Seil Bogd Khans einmal berühren zu dürfen.
  • Nogoon-Lavrang-Tempel, in welchem sich der private Gebetsraum Bogd Khans befand. Zu sehen ist hier zudem ein Selbstporträt Dsanabadsar, dem ersten Jebtsundamba Khutukhtu.

In einem weiteren Tempel bindet sich eine Bibliothek. Unter anderem gehörte ursprünglich noch ein exotischer Privatzoo zur Palastanlage, überwiegend mit Tieren, die das geistliche Oberhaupt der Äußeren Mongolei überall aufkaufte oder von verschiedenen ausländischen Würdenträgern geschenkt bekam. Weil fast keines der Tiere die harten mongolischen Winter überlebte, ließ Bogd Khan sie ausstopfen, damit er Besuchern und Untertanen weiterhin seine vermeintliche kosmopolitische Bedeutsamkeit unter Beweis stellen konnte. Heute können die Präparate im Erdgeschoß des Hauptgebäudes besichtigt werden. Kurioser Höhepunkt der Sammlung ist eine Giraffe, deren Hals Bogd Khan extrem verkürzen ließ, weil das ausgestopfte Tier anders nicht in den Raum passte.[15]

Im Obergeschoss des Hauptpalastes befinden sich zwei Säle. Im ersten sind Trinkschalen für Stutenmilch ausgestellt. Diese mussten Besucher zur Strafe trinken, wenn sie zu spät zu einem Gespräch erschienen. Im zweiten Saal können Fotos von Elefanten besichtigt werden, die extra für den Zoo Bogd Khans 1913 in Russland gekauft und mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Irkutsk transportiert wurden. Anschließend mussten die Tiere rund 1.000 Kilometer zu Fuß bis nach nach Urga laufen.[16] Nachdem einige gleich oder nach dem ersten Winter verstarben, wurden beheizte Unterkünfte für die Elefanten gebaut. Fortan kümmerten sich drei Mönche um die Tiere, die bei besonderen Zeremonien zum Einsatz kamen.[17]

Insgesamt werden im Winterpalast des Bogd Khans über 8.000 Exponate ausgestellt, davon 72, die der Staat Mongolei als historisch besonderes bedeutsam eingestuft hat. Seit 2002 finden mit chinesischer Hilfe kontinuierliche Renovierungsarbeiten statt. Ziel ist es, die Anlage originalgetreu wiederherzustellen. Dabei ist auch der Wiederaufbau vollständig zerstörter Stupas und Pagoden geplant. Das Museum wird jährlich von rund 20.000 Touristen besucht, wovon 70 bis 80 Prozent Auslander sind.[18]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bogd Khan Museum Ulaanbaatar Ulaanbaatar Tourismuszentrale Ulaanbaatar, abgerufen am 24. Juli 2017
  2. M. G. Tornovsky: Events in Mongolia-Khalkha in 1920-1921. in: Legendarnyi Baron. Neizvestnye Stranitsy Grazhdanskoi Voiny. Moscow KMK Sci. Press, 2004, S. 181.
  3. A. N. Makarov: Die Rechtsstellung der Äußeren Mongolei in ihrer historischen Entwicklung (S. 325). Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, abgerufen am 23. Juli 2017
  4. Uradyn E. Bulag, Hildegard Diemberger: The Mongolia-Tibet Interface. International Association for Tibetan Studies, Oxford 2003. BRILL, 2007, S. 23 f.
  5. James Palmer: Der blutige weiße Baron. Die Geschichte eines Adligen, der zum letzten Khan der Mongolei wurde. Eichborn, 2010, S. 26 f.
  6. Robert Storey, Chris Taylor, Clem Lindenmayer: North-East Asia. Lonely Planet Publications, 1995, S. 417.
  7. MichaelKohn: Mongolia. 4th Edition. Lonely Planet Publications, 2005, S. 63.
  8. Sunjid Dugar: Der Gleichheitsgrundsatz in Bezug auf das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz im deutschen und mongolischen Recht. Herbert Utz Verlag, 2009, S. 49.
  9. Marion Wisotzki, Ernst von Waldenfels, Erna Käppeli: Mongolei. Geschichte. Trescher Verlag, 2014, S. 66.
  10. Jennifer L. Hanson: Mongolia. New York, 2004, S. 25–27.
  11. Jane Blunden: Mongolia. Wydawnictwo Naukowe PWN, 2010, S. 258.
  12. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Chronik, Band 3. Dietz Verlag, 1967, S. 499.
  13. Nicole Funck, Sarah Fischer: Reise Know-How Mongolei. Verlag Peter Rump, 2015, S. 27.
  14. Marion Wisotzki, Ernst von Waldenfels, Erna Käppeli: Mongolei. Geschichte. Trescher Verlag, 2014, S. 157.
  15. Marion Wisotzki, Ernst von Waldenfels, Erna Käppeli: Mongolei. Unterwegs im Land der Nomaden.Trescher Verlag, 2014, S. 159.
  16. Nicole Funck, Sarah Fischer: Reise Know-How Mongolei. Verlag Peter Rump, 2015, S. 27.
  17. Zsuzsa Majer, Krisztina Teleki: Monasteries and Temples of Bogdiin Khьree, Ikh Khьree or Urga, the Old Capital City of Mongolia in the First Part of the Twentieth Century. Documentation of Mongolian Monasteries Ulaanbaatar 2015, S. 36.
  18. Bogd Khan Museum Ulaanbaatar Ulaanbaatar Tourismuszentrale Ulaanbaatar, abgerufen am 24. Juli 2017

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Winterpalast des Bogd Khan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 47° 53′ 51″ N, 106° 54′ 24″ O