Wir Kellerkinder

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Filmdaten
Originaltitel Wir Kellerkinder
Produktionsland Bundesrepublik Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 1960
Länge 86 Minuten
Altersfreigabe FSK 12
Stab
Regie Wolfgang Bellenbaum
(als Jochen Wiedermann)
Drehbuch Wolfgang Neuss
Produktion Hans Oppenheimer
Musik Hans Martin Majewski,
Peter Sandloff
Kamera Werner M. Lenz
Schnitt Walter von Bonhorst
Besetzung

Wir Kellerkinder ist ein in Schwarzweiß gedrehter deutscher Spielfilm von und mit Wolfgang Neuss aus dem Jahr 1960, der sich satirisch mit der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit in Deutschland beschäftigt und dabei den Versuch unternimmt, „Kabarett filmbar zu machen“.[1] Die Hauptrollen sind neben Neuss mit Karin Baal, Ingrid van Bergen, Jo Herbst und Wolfgang Gruner besetzt.

Der Titel ist angelehnt an den Film Wir Wunderkinder (1958), an dem Neuss ebenfalls mitgewirkt hat. Die Premiere von Wir Kellerkinder fand am 26. Juni 1960 im Bayerischen Rundfunk statt. Kinostart war am 6. Oktober 1960.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland im Jahr 1959: Ein Reporter der „Neuen Deutschen Schau“ (einer Wochenschau) wird von seinem Chef gebeten, Bilder über Hakenkreuz-Schmierereien, die ein Minister in einer Rede behandeln will, aus dem Archiv zu suchen. Man muss aber feststellen, dass solche Aufnahmen nur im Osten existieren, nicht aber in den West-Archiven. Auch der Filmreferent des Innenministers drängt darauf, das Problem im Sinne der Vergangenheitsbewältigung aufzugreifen. Um sich nicht zu blamieren, beauftragt man den Reporter Kemskorn und den Kameramann Keschke, entsprechendes Bildmaterial nachzustellen. Den ganzen Tag sind die beiden erfolglos auf der Suche nach einem Passanten, der für ein paar Mark ein Hakenkreuz an eine Wand schmiert. Da stoßen sie spätabends vor einer Jazzkneipe auf drei Männer, Macke, Arthur und Adalbert, begleitet von einem jungen Mädchen. Und Macke will auf das Angebot der Wochenschauleute eingehen. So wird ein Hakenkreuz aufs Fenster eines Lokals geschmiert. Als sich ein Polizeiwagen nähert, müssen jedoch alle in den Schutz des Jazzkellers fliehen, bis auf Nenne, das Mädchen, das auf der Straße weitergeht. Im Jazzkeller erzählt Macke anschließend von seinem Leben, das er vorwiegend in Kellern verbrachte, und warum er ausgerechnet das Lokal seines Vaters mit einem Hakenkreuz kennzeichnete.

Bereits als Kind in der NS-Zeit in Berlin entdeckte er die Segnungen der Kellergewölbe. Denn Macke ist Mitglied im Jungvolk und begeisterter Trommler, der Keller wird sein Übungsraum. Ab 1938 versteckt er den Kommunisten Knösel ausgerechnet in seinem Luftschutz-Keller vor den Nazis, zu denen Ortsgruppenleiter Glaubke und auch Mackes Vater gehören, ein kleiner Karrierist, der zum Blockwart aufsteigt. Macke und Knösel überleben den Krieg in ihrem Versteck und später dient der Keller als Zufluchtsstätte für Mackes Vater, der von der Polizei als Altnazi gesucht wird. Hier geht Macke nun Jahr um Jahr seinem Vater mit Drummer-Übungsstunden auf die Nerven, plant er doch, professioneller Jazzmusiker zu werden.

Eines Tages taucht Knösel auf, um im Keller Erinnerungen aufzufrischen. Mackes seltsames Verhalten irritiert ihn. Denn hinten im Kellerloch-Versteck ist Mackes Vater. Die Konfrontation der beiden ist unvermeidlich, am Schluss erhält Macke von beiden Seiten Ohrfeigen, sowohl von seinem alten Freund Knösel als auch seinem Vater, da er beiden als Verräter ihrer jeweiligen Sache gilt. Das ideologische Versteck- und Verwirrspiel bringt Macke kurz darauf ins Irrenhaus, wo er sich mit zwei Leidensgenossen anfreundet. In ihrer Freizeit spielen die drei zusammen Jazz und wollen auch nach ihrer Entlassung zusammenbleiben. Toilettenmann Adalbert handelte mit NS-Orden und Ehrenzeichen und wurde aufgrund seines Oberlippenbarts so lange für die Reinkarnation Hitlers gehalten, bis er nur noch Männer auf die Toilette ließ, die ihm den „deutschen Gruß“ entboten. Arthur ist leidenschaftlicher Jazz-Pianist, hatte aber damit in der DDR seine Probleme; so flog er aus dem Theater der Courage in Cottbus. Alle drei sollen aus der Klapsmühle entlassen werden, wenn sie in Freiheit beweisen können, dass sie vollständig geheilt sind. Zwei Freigänge, zu denen die drei auf Anordnung des Anstaltsleiters Prof. Nürn nach München und Cottbus fahren, scheitern aber. Denn Adalbert erleidet zwei schwere Rückfälle, als er sowohl in der Hofbräuhaustoilette in München als auch im Cottbusser Theater einen Auftritt als Hitler-Wiedergänger liefert. In Cottbus hat Macke Knösel wiedergetroffen, der nun Kulturpolitleiter ist, und zu seiner großen Überraschung auch Ex-Nazi Glaubke, der als Regisseur arbeitet und mit Mackes Schwester Almut verheiratet ist.

Beim dritten Freigang – er führt nach Berlin – scheint sich bald schon alles in Wohlgefallen aufzulösen. Mackes Vater hat eine gutgehende Bar namens Fata Morgana eröffnet, und für seinen Sohn im Keller gegenüber einen Jazzkeller vorbereitet. Die Dreiercombo spielt im Jazzkeller auf, die Stimmung ist bestens, der Sekt fließt in Strömen. Zwischendurch taucht Knösel auf. Macke erfährt, dass der enttäuschte Ex-Kommunist nun in Köln lebt und auch schon einige Bücher über den Pseudokommunismus geschrieben hat. Ein Misston entsteht, als ein Freund von Mackes Vater, Schlachtermeister Zörrl, unbedingt den Badenweiler-Marsch verlangt und sich selbst ans Schlagzeug setzt. Daraufhin leert sich das Lokal in kurzer Zeit, die jungen Leute suchen das Weite. Es kommt zu einem Streit zwischen Zörrl und Antiquitätenhändler Briel, dem Vater von Nenne. Briel verwahrt sich gegen die Schändung von Hitlers Andenken. Nach diesem Auftritt einschließlich Hitlergruß bewahrt Nenne ihren Vater nur mit Mühe vor der Einlieferung, während sich Adalbert unter Kontrolle halten kann. Prof. Nürns Assistent Dr. Tanobren, der das Trio begleitet und überwacht, erteilt sein Placet: die Probe ist bestanden. Alle sind erleichtert und wollen einen Spaziergang machen. Auf der Straße tauchen dann die beiden Wochenschauleute auf.

Mackes Erzählung endet. An der Kellertür klopft kurz darauf die Polizei, die Nenne zuvor auf der Straße angehalten hatte. Und so finden sich die drei bald wieder im Irrenhaus wieder, während der Film von Kemskorn und Keschke kein Interesse findet, vom Innenminister weitergereicht und am Ende achtlos weggeworfen wird.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neuss hatte seinen mit nur 300.000 Mark produzierten Film entgegen der gängigen Geschäftspraxis vor dem Kinostart im Fernsehen ausstrahlen lassen und provozierte damit einen Boykott des Films vonseiten der westdeutschen Kinobetreiber. Jedoch gelang es, einige Kinos für den Film zu gewinnen, wo er erfolgreich gezeigt wurde.[2] Der Fall hatte größere Kreise gezogen, nachdem der Filmverleih Stella den Boykott der Kinobesitzer beim Bundeskartellamt unter Berufung auf einen Spiegel-Artikel[3] angeprangert hatte. Daraufhin richtete das Kartellamt eine Nachfrage an den damaligen „Zentralverband der Deutschen Filmtheater e.V.“ (ZdF) unter Androhung einer Geldbuße von bis zu 50.000 Mark. Unter dem Druck des Kartellamts wurde der Boykott schließlich aufgehoben.[4]

Unabhängig von der Auseinandersetzung oder gerade durch die öffentliche Diskussion wurde Wir Kellerkinder ein Erfolg. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden verlieh „mit Vergnügen“ das Prädikat „Wertvoll“ und Kritiker lobten „den Schneid, die innere Wahrhaftigkeit, den erzieherischen Impetus und nicht zuletzt die stilvolle Kabarettistik“.[2]

Drehorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Außenszenen rund um den Jazzkeller und die gegenüber liegende Fata Morgana Bar wurden in Berlin-Kreuzberg in der Friesenstraße gedreht, wie eine Einstellung mit Straßenschild verrät. Die genauen Drehorte sind anhand der Bildinformationen auch heute noch leicht ausfindig zu machen: Der Eingang zum Jazzkeller befand sich demnach im Haus mit der Straßennummer 4 (unter Umständen eine bloße Applikation an der Außenfassade des Hauses, das heute keinen solchen Kellerzugang aufweist). Das direkt gegenüber liegende Haus Nr. 24 indessen bot die Kulisse für die Bar.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kay Weniger: Das große Personenlexikon des Films, Band 5, Berlin 2001, S. 653f.
  2. a b „Macke“. In: Der Spiegel, Ausgabe 48/1960, 23. November 2011
  3. „Fernsehfilm: Einer kam durch“. In: Der Spiegel, Heft 38/1960, 14. September 1960, S. 69f.
  4. „Im Kino später“. In: Der Spiegel, Heft 15/1963, 14. April 1963, S. 94.