Wissenschaftstheorie (historisch)

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Dieser Artikel versucht, einen historischen Abriss der Wissenschaftstheorie zu liefern. Anders als im Hauptartikel zur Wissenschaftstheorie ist die Darstellung hier eine chronologische und keine systematische.

Wilhelm von Ockham[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Wilhelm von Ockham
Wilhelm von Ockham, Skizze aus einer 1341 angefertigten Handschrift der Summa logicae

Wilhelm von Ockham, englisch William of Ockham oder Occam (* um 1288 in Ockham in der Grafschaft Surrey, England; † 9. April 1347 in München) war ein berühmter mittelalterlicher Philosoph, Theologe und kirchenpolitischer Schriftsteller in der Epoche der Spätscholastik. Er wird traditionell, aber ungenau als einer der Hauptvertreter des Nominalismus bezeichnet. Sein umfangreiches philosophisches Werk enthält Arbeiten zur Logik, Naturphilosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Metaphysik, Ethik und politischen Philosophie.

Ockhams Rasiermesser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Ockhams Rasiermesser

Ockhams Rasiermesser – auch Prinzip der Parsimonie, lex parsimoniae oder Sparsamkeitsprinzip – ist ein heuristisches Forschungsprinzip aus der Scholastik, das bei der Bildung von erklärenden Hypothesen und Theorien höchstmögliche Sparsamkeit gebietet. Das nach Wilhelm von Ockham (1288–1347) benannte Prinzip findet seine Anwendung in der Wissenschaftstheorie und der wissenschaftlichen Methodik. Vereinfacht ausgedrückt besagt es:

  1. Von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
  2. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.

Mit der ockhamschen Regel verbunden ist die Forderung, für jeden Untersuchungsgegenstand nur eine einzige hinreichende Erklärung anzuerkennen. Die metaphorische Bezeichnung als Rasiermesser ergibt sich daraus, dass alle anderen Erklärungen eines Phänomens wie mit einem Rasiermesser einfach und auf einmal entfernt werden können.

Sein praktischer Vorteil für die Theoriefindung besteht darin, dass Theorien mit wenigen und einfachen Annahmen leichter falsifizierbar sind als solche mit vielen und komplizierten Annahmen. Ockhams Rasiermesser ist aber nur eines von mehreren Kriterien für die Qualität von Theorien. Mit ihm lässt sich kein Urteil über die Gültigkeit von Erklärungsmodellen fällen, wohl aber lassen sich unnötige Annahmen aussondern.

Francis Bacon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Francis Bacon

Francis Bacon, 1. Viscount St. Albans, 1. Baron Verulam (Baron Baco von Verulam; lateinisch Baco oder Baconus de Verulamio; * 22. Januar 1561 in London; † 9. April 1626 in Highgate) war ein englischer Philosoph, Staatsmann und als Wissenschaftler Wegbereiter des Empirismus.

Novum Organum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Novum Organum

Das Novum organum scientiarum (dt. ‚Neues Werkzeug der Kenntnisse‘),[1] in deutscher Übersetzung Neues Organon, ist das wissenschaftstheoretische philosophische Hauptwerk von Francis Bacon, das in Latein verfasst[2] und 1620 in England veröffentlicht wurde. Es gilt als Wendepunkt in der Kulturgeschichte zwischen mittelalterlichem Denken und neuzeitlicher methodischer Forschung, die auf Fortschritt und damit Gemeinwohl ausgerichtet ist.

Als Idolenlehre wird das in diesem Werk von Francis Bacon 1620 entwickelte erkenntniskritische Konzept des Empirismus bezeichnet. Mit diesem Vorgehen sollen Trugschlüsse und naive Naturverständnisse vermieden werden. Im wissenschaftlichen Sinne sollen die Ereignisse kognitiv geordnet werden mit dem Ziel die Welt zu verstehen und Regeln zu entwickeln.

René Descartes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: René Descartes
René Descartes
(Porträt nach Frans Hals, 1648) Firma Descartes.svg

René Descartes [ʁəˈne deˈkaʁt] (latinisiert Renatus Cartesius; * 31. März 1596 in La Haye en Touraine; † 11. Februar 1650 in Stockholm) war ein französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler.

Descartes gilt als der Begründer des modernen frühneuzeitlichen Rationalismus, den Baruch de Spinoza, Nicolas Malebranche und Gottfried Wilhelm Leibniz kritisch-konstruktiv weitergeführt haben. Sein rationalistisches Denken wird auch Cartesianismus genannt. Von ihm stammt das berühmte Dictum cogito ergo sum („Ich denke, also bin ich.“), welches die Grundlage seiner Metaphysik bildet, aber auch das Selbstbewusstsein als genuin philosophisches Thema eingeführt hat. Seine Auffassung bezüglich der Existenz zweier miteinander wechselwirkender, voneinander verschiedener „Substanzen“ – Geist und Materie – ist heute als cartesianischer Dualismus bekannt und steht im Gegensatz zu den verschiedenen Varianten des Monismus sowie zur dualistischen Naturphilosophie Isaac Newtons, der die Wechselwirkung aktiver immaterieller „Kräfte der Natur“ mit der absolut passiven Materie lehrt (siehe dazu newtonsche Gesetze, Erstes Gesetz der Bewegung).

Descartes ist der Begründer der analytischen Geometrie, welche Algebra und Geometrie verbindet.

Seine naturwissenschaftlichen Arbeiten – seine Ablehnung des Gravitationsprinzips oder seine Wirbel-Theorie – sind zwar früh durch die newtonsche Physik widerlegt worden;[3] sie sind jedoch nicht gering zu schätzen, da Descartes einer der wichtigsten und strengsten Vertreter des Mechanizismus war, der die ältere aristotelische Physik abgelöst hat.

Sein Ethos der Pflicht und der Selbstüberwindung hat die Literatur der französischen Klassik des 17. Jahrhunderts, insbesondere Pierre Corneille, Nicolas Boileau, Jacques Bénigne Bossuet und Jean de La Bruyère, beeinflusst.

Discours de la méthode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Discours de la méthode

Der Discours de la méthode, mit vollem Titel Discours de la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la verité dans les sciences (dt. „Abhandlung über die Methode, seine Vernunft gut zu gebrauchen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen“) ist ein philosophisches und autobiographisches Werk des französischen Philosophen René Descartes.

Es erschien erstmals 1637 anonym in Leiden in französischer Sprache und war daher auch philosophischen Laien zugänglich. 1656 folgte eine lateinische Fassung, die in Amsterdam herausgegeben wurde.

Karl Popper[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Karl Popper
Sir Karl Popper (1980)

Sir Karl Raimund Popper (* 28. Juli 1902 in Wien; † 17. September 1994 in London) war ein österreichisch-britischer Philosoph, der mit seinen Arbeiten zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, zur Sozial- und Geschichtsphilosophie sowie zur politischen Philosophie den kritischen Rationalismus begründete.

Logik der Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Logik der Forschung

Logik der Forschung (Impressum 1935, tatsächlich 1934) bzw. The Logic of Scientific Discovery (1959) ist das erkenntnistheoretische Hauptwerk von Karl Popper. Er charakterisiert darin empirische Wissenschaft über das Abgrenzungskriterium der Falsifizierbarkeit und vertritt den Standpunkt, dass sie die Falsifikation als Methode anwenden sollte.

Kritischer Rationalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Kritischer Rationalismus

Der Kritische Rationalismus ist eine von Karl Popper begründete philosophische Denkrichtung. Popper beschreibt ihn als Lebenseinstellung, „die zugibt, dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden“.[4] Kennzeichnend ist ein vorsichtig optimistischer Blickwinkel auf Leben und Dinge, der in den Buchtiteln Alles Leben ist Problemlösen[5] und Auf der Suche nach einer besseren Welt[6] seinen Ausdruck findet.

Falsifikationismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Falsifikationismus

Der Falsifikationismus, selten Kritischer Empirismus, ist die ursprünglich von Karl R. Popper entwickelte Wissenschaftstheorie des Kritischen Rationalismus. Er schlägt mit dem Abgrenzungskriterium der Falsifizierbarkeit und der Methode der Falsifikation Lösungen zum Abgrenzungsproblem und zum Induktionsproblem vor, das heißt zu den Fragen, wo die Grenzen der empirischen Forschung liegen und welche Methoden sie anwenden sollte.

Fallibilismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Fallibilismus

Der Fallibilismus (vom Lateinischen fallibilis, „verpflichtet zu irren“) ist eine erkenntnistheoretische Position, nach der es keine absolute Gewissheit geben kann und sich Irrtümer niemals ausschließen lassen. Eine Strategie der Begründung oder Rechtfertigung mit dem obersten Ziel, eine Letztbegründung zu geben, kann niemals zum Erfolg führen. Daher verbleibt nur, Überzeugungen, Meinungen oder Hypothesen immer wieder auf Irrtümer hin zu überprüfen und nach Möglichkeit durch bessere zu ersetzen (siehe Falsifikationismus).

Hans Albert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Hans Albert

Hans Albert (* 8. Februar 1921 in Köln) ist ein deutscher Soziologe, Philosoph und Hochschullehrer. Von 1963 bis 1989 war er Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie und Wissenschaftslehre an der Universität Mannheim. Er gilt als ein Hauptvertreter des Kritischen Rationalismus.[7]

Imre Lakatos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Imre Lakatos

Imre Lakatos (* 9. November 1922 in Debrecen, Ungarn; † 2. Februar 1974 in London, England) war ein ungarischer Mathematiker, Physiker und Wissenschaftstheoretiker. In seinen wissenschaftstheoretischen Beiträgen vermittelte er zwischen dem Falsifikationismus Karl Poppers, dem Konzept des Paradigmas von Thomas S. Kuhn und dem „epistemologischen Anarchismus“ seines Freundes Paul Feyerabend.

Thomas S. Kuhn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Thomas S. Kuhn

Thomas Samuel Kuhn (* 18. Juli 1922 in Cincinnati, Ohio; † 17. Juni 1996 in Cambridge, Massachusetts) war ein US-amerikanischer Wissenschaftsphilosoph und Wissenschaftshistoriker. Er gehört zu den bedeutendsten Wissenschaftsphilosophen des 20. Jahrhunderts.

Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem Hauptwerk The Structure of Scientific Revolutions beschreibt Kuhn die Wissenschaft als eine Folge von Phasen der Normalwissenschaft und von wissenschaftlichen Revolutionen. Ein zentrales Konzept ist hierbei das des Paradigmas. Eine Revolution ist nach Kuhn ein Paradigmenwechsel. Das Verhältnis von Paradigmen, zwischen denen eine Revolution liegt, bezeichnet Kuhn als inkommensurabel, was hier bedeutet: nicht mit dem gleichen (begrifflichen) Maß messbar.

Paradigma[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Paradigma

Ein Paradigma (Pl. Paradigmen oder Paradigmata) ist eine grundsätzliche Denkweise. Seit dem späten 18. Jahrhundert bezeichnet Paradigma eine bestimmte Art der Weltanschauung oder eine Lehrmeinung. Der Begriff wurde von Georg Christoph Lichtenberg eingebracht.[8] Als Paradigma kann auch eine (wissenschaftliche) Schule bezeichnet werden: Beispiele für eine solche „grundlegende Weltsicht“ sind das geozentrische Weltbild oder das heliozentrische Weltbild.

Paradigmenwechsel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Paradigmenwechsel

Der Ausdruck Paradigmenwechsel wurde 1962 von Thomas S. Kuhn geprägt und bezeichnet in dessen wissenschaftstheoretischen und wissenschaftshistorischen Schriften den Wandel grundlegender Rahmenbedingungen für einzelne wissenschaftliche Theorien, z. B. Voraussetzungen „in Bezug auf Begriffsbildung, Beobachtung und Apparaturen“,[9] die Kuhn als Paradigma bezeichnet.

Paul Feyerabend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Paul Feyerabend
Paul Feyerabend in Berkeley

Paul Karl Feyerabend (* 13. Januar 1924 in Wien; † 11. Februar 1994 in Genolier im schweizerischen Waadtland) war ein österreichischer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker. Er war von 1958 bis 1989 Philosophieprofessor an der Universität von Kalifornien in Berkeley und lebte zeitweilig in England, Deutschland, Neuseeland, Italien, zuletzt in der Schweiz, wo er als Hochschullehrer an der ETH Zürich tätig war.

Bekannt wurde Feyerabend durch seinen wissenschaftstheoretischen Anarchismus. Nach Feyerabend lassen sich keine universellen und ahistorischen wissenschaftlichen Methoden formulieren, produktive Wissenschaft müsse vielmehr Methoden nach Belieben verändern, einführen und aufgeben dürfen. Zudem gebe es keine allgemeinen Maßstäbe, mit denen man verschiedene wissenschaftliche Methoden oder Traditionen bewerten könne. Das Fehlen allgemeiner Bewertungsmaßstäbe führt Feyerabend zu einem philosophischen Relativismus, nach dem keine Theorie allgemein wahr oder falsch ist.

Wider den Methodenzwang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Wider den Methodenzwang

Wider den Methodenzwang (Originaltitel: Against Method: Outline of an Anarchist Theory of Knowledge) ist ein von Paul Feyerabend veröffentlichtes Buch, in dem er den Methodenanarchismus beschreibt und für eine pluralistische Methodik in der Wissenschaft plädiert.

Das Buch wurde 1975 veröffentlicht und 1976 ins Deutsche übersetzt.

Erkenntnis für freie Menschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erkenntnis für freie Menschen (englisch Science in a Free Society) ist ein 1976 veröffentlichtes Werk des österreichischen Wissenschaftsphilosophen Paul Feyerabend.

In dem Buch verteidigt Feyerabend das Projekt einer relativistischen und anarchistischen Wissenschaftstheorie. Feyerabend hatte diese Position bereits 1975 in Wider den Methodenzwang (englisch Against Method) dargelegt und drei zentrale Thesen formuliert: Zunächst zeige die Wissenschaftsgeschichte, dass es keine allgemeine Methode gibt, an die sich die Wissenschaften halten. Zudem könne es auch prinzipiell keine allgemeingültige Methode geben, Wissenschaft sei nur unter den Bedingungen des Methodenpluralismus produktiv. Schließlich folge aus dem Fehlen einer allgemein ausgezeichneten Methode die relativistische These, dass die wissenschaftliche Beschreibung der Welt anderen Traditionen nicht überlegen sei.

In Erkenntnis für freie Menschen verknüpft Feyerabend seine wissenschaftstheoretische Position zudem mit einer gesellschaftstheoretischen und wissenschaftspolitischen Konzeption. Nach Feyerabend legt die Vielzahl unterschiedlicher Wissenstraditionen eine grundlegend neue Organisation des Wissenschaftsbetriebs nahe. Nicht Fachwissenschaftler und Wissenschaftsphilosophen sollen bestimmen, welche Forschungsprogramme und Weltanschauungen innerhalb einer Gesellschaft gefördert werden sollen. Vielmehr sollten Bürger in einem demokratischen Prozess über derartige Fragen entscheiden. Dabei sollten sie auch das Recht haben, sich gegen die vorherrschende wissenschaftliche Rationalität zu entscheiden; „Bürgerinitiativen statt Erkenntnistheorie“[10] ist daher eine zentrale Forderung Feyerabends.

anything goes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: anything goes

Der dem gleichnamigen Musical entliehene Slogan anything goes wurde von dem Philosophen Paul Feyerabend maßgeblich in seinen beiden Werken Wider den Methodenzwang (Against Method, 1975) und Erkenntnis für freie Menschen (Science in a Free Society, 1978) geprägt und enthält ironisch überspitzt den Kern eines seiner hauptsächlichen Argumente in den beiden Büchern, das sich gegen die aus dem Wiener Kreis, dem Logischen Positivismus und dem Kritischen Rationalismus stammenden Wissenschafts- und Erkenntnistheorien wendet.

Anything goes (in der deutschen Übersetzung von Wider den Methodenzwang „Mach, was du willst!“) ist nach Feyerabend die für einen Rationalisten einzig mögliche allgemeine Beschreibung des historischen Verlaufs wissenschaftlicher Forschung: In der Geschichte wurde immer wieder gegen bis dato geltende Regeln und Maßstäbe der Wissenschaften verstoßen. Dennoch bzw. gerade dadurch wurden die Wissenschaften vorangebracht (als prominentes Beispiel hierfür nennt Feyerabend Galileo Galilei), daher gebe es außer anything goes schlicht keine rationale und allgemeine sowie jederzeit gültige Regel, was in der Wissenschaft erlaubt oder geboten sei, für die man garantieren könnte, dass sie den wissenschaftlichen Fortschritt unmöglich behindern könnte. Feyerabend wollte mit anything goes ausdrücken, dass eine Methodologie mit Anspruch auf universelle Gültigkeit in Bezug auf die tatsächliche Wissenschaftsgeschichte zwingend inhaltsleer und nutzlos sei.[11]

Mario Bunge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Mario Bunge

Mario Augusto Bunge (* 21. September 1919 in Buenos Aires) ist ein argentinischer Philosoph und Physiker.[12]

Mario Bunge gehört zum Umkreis des kritischen Rationalismus.[13] In kritischer Anknüpfung an Karl Popper verteidigt er in der Wissenschaftstheorie einen Realismus und Rationalismus, doch im Gegensatz zu Poppers pluralistischer Ontologie vertritt er einen Materialismus. Sein Denken wird von einem aufklärerischen Impuls getragen, das ihn immer wieder zu scharfen Kritiken und Polemiken an anderen philosophischen Konzeptionen führt.[14] Politisch hat er sich als „linksliberal“ bezeichnet, in der Tradition der argentinischen Positivisten-Bewegung von José Ingenieros und John Stuart Mill.[15]

Fritjof Capra[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Fritjof Capra

Fritjof Capra (* 1. Februar 1939 in Wien) ist ein österreichisch-amerikanischer Physiker, Systemtheoretiker, Philosoph, Managementtrainer und Autor. Er versucht, mit einem ganzheitlich-systemischen Ansatz eine Verbindung zwischen östlicher Mystik und moderner Physik herzustellen und setzt sich für eine nachhaltige ökologische Lebensweise in einer globalen Zivilgesellschaft ein. Mitte der 1970er bis in die 1980er Jahre galt er als einer der Hauptvertreter der esoterischenNew-Age-Bewegung“, ein Begriff, der später nicht mehr als Selbstbezeichnung verwandt wurde, sondern eine abwertende Bedeutung erhielt. Capra distanzierte sich dementsprechend von der Bewegung.[16] Er ist Gründungsdirektor des Center for Ecoliteracy in Berkeley, Kalifornien, und unterrichtet am Schumacher College, einem internationalen Zentrum für ökologische Studien in England. Er lebt in Berkeley in Kalifornien.

Approximation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Approximation

Approximation (lat.: proximus, „der Nächste“) ist zunächst ein Synonym für eine „(An-)Näherung“; der Begriff wird in der Mathematik allerdings als Näherungsverfahren noch präzisiert.

Es gibt vor allem zwei Gründe in der Mathematik, Näherungen zu untersuchen: Einmal könnte das Objekt des Interesses nur implizit, also als Lösung einer Gleichung gegeben sein. Ist die Gleichung schwer zu lösen, will man auf einfacherem Wege eine Näherung der Lösung finden. Auf der anderen Seite kann ein explizit gegebenes mathematisches Objekt nur schwer handhabbar sein. Dann ist eine Approximation aus einfachen Gebilden wünschenswert.

Friedrich Wallner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Friedrich Wallner

Friedrich Wallner (* 21. Juli 1945 in Weiten, Niederösterreich) ist ein österreichischer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker. Er vertritt einen "Konstruktiven Realismus", dessen Begründer er ist.

Wallner tritt damit der platonischen Auffassung entgegen, durch Erkenntnis würde etwas über die Wirklichkeit ausgesagt, man käme durch Wissenschaft zu „ewigen Wahrheiten“: „Die Ewiggültigkeit der Wissenschaft ist eine Illusion, ja eine gefährliche Utopie.“[17] Wissenschaft mache ganz etwas anderes: Sie konstruiere Modelle möglichst so, dass sie von der Wirklichkeit nicht widerlegt (falsifiziert) werden, nicht an der Wirklichkeit scheitern. Wissenschaft ist aufgerufen, immer wieder neue Konzepte zu entwerfen, um der Summe an Beobachtungen und neuen Entdeckungen gerecht zu werden. Es sei eine Illusion zu glauben, dass Forschung irgendwann einmal an ein Ende kommen werde. Hingegen: „Konstruktionen sind keine Illusionen, sondern sind das einzig Wirkliche, das wir haben. “[18]

Konstruktiver Realismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Konstruktiver Realismus

Der Konstruktive Realismus (CR) ist eine von dem österreichischen Philosophen Friedrich Wallner entwickelte wissenschaftstheoretische Betrachtungsweise bzw. ein Denkgebäude.

Sein zentrales Anliegen ist die Einsicht in die Relationalität[19] wissenschaftlicher Erkenntnisse und damit verbunden die Abkehr von der klassischen Auffassung, Wissenschaft könne zu verbindlichen Aussagen über die Wirklichkeit kommen[20]. Stattdessen konstruiert Wissenschaft Realitäten, indem sie von ungeprüften und kulturell bedingten Vorannahmen ausgeht[21]. Diese Realitäten stellen – fachspezifische - Mikrowelten[22] dar, innerhalb derer der Wahrheitsbegriff als „lokale Wahrheit“[23] seine Berechtigung erhält und auch Verbindlichkeit[24] gegeben ist.

"Die Grundeinsicht des Konstruktiven Realismus lautet, dass Erkenntnis nicht im Konstruieren von Modellen bzw. 'Mikrowelten' liegt, sondern im 'verfremdenden' Verstehen des Zusammenhangs von wissenschaftlichen Konstrukten und deren Voraussetzungen."[25]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe Literatur Wissenschaftstheorie

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Novum organum scientiarum (1762) Venetiis, Typis G. Girardi, online
  2. Bill Bryson: Shakespeare wie ich ihn sehe Wilhelm Goldmann Verlag, München (2008) ISBN 3-442-47275-X S. 119.
  3. Siehe den IX. (letzten) Abschnitt des II. Buches von Isaac Newton: Die mathematischen Prinzipien der Physik. übers. und hrsg. von Volkmar Schüller. de Gruyter, Berlin u. a. 1999, ISBN 3-11-016105-2, S. 375–376 (eine moderne Übersetzung)
  4. Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II. Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen. Hrsg.: Hubert Kiesewetter. 8. Auflage. Tübingen 2003, ISBN 3-16-148069-4, S. 281.
  5. Karl Popper: Alles Leben ist Problemlösen, Piper, 1994, ISBN 3-492-22300-1.
  6. Karl Popper: Auf der Suche nach einer besseren Welt, Piper, 1984, ISBN 3-492-20699-9.
  7. Brockhaus: Philosophie. Mannheim/Leipzig 2004, Lemma Hans Albert.
  8. Stephen Edelston Toulmin: Menschliches Erkennen, I: Kritik der kollektiven Vernunft, übersetzt von Hermann Vetter. 1. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-07436-9, S. 131f
  9. T. S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976, S. 57 (Übers. von The Structure of Scientific Revolutions).
  10. EffM, S. 37
  11. Vgl. Preston, Munévar, Lamb 2000, S. 12.
  12. M. Bunge, From Philosophy to Physics, and Back, in A Companion to Latin American Philosophy, Wiley-Blackwell, 2010, Kap. 36.
  13. „Mario Bunge […] does not view his work a part of the project known as critical rationalism. It nevertheless can count as a version of critical rationalism: it is a non-justificationist effort to improve standards of criticism.“ aus: J. R. Wettersten: Karl Popper and Critical Rationalism. In: Internet Encyclopedia of Philosophy. 2007, Kap. 6. online Artikel (abgerufen am 29. Dezember 2011)
  14. „The unifying thread of his scholarship is the constant and vigorous advancement of the Enlightenment Project, and criticism of cultural and academic movements that deny or devalue the core planks of the project“, aus: M. R. Matthews: Mario Bunge: Physicist and Philosopher. In: Science & Education. 12, 2003, S. 431.
  15. Mario Bunge: Filosofía y sociedad. Siglo XXI, 2008, ISBN 978-968-23-2729-2, S. 122 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  16. Thomas Angeli: Interview mit Fritjof Capra in der Zeitschrift „BeobachterNatur“, Ausgabe 03/2009.
  17. Fritz Wallner: Die Verwandlung der Wissenschaft. Vorlesungen zur Jahrtausendwende. Dr. Kovac, Hamburg 2002, ISBN 3-8300-0584-9, S. 48f.
  18. Gerhard Klünger (Hrsg.) : Wörterbuch des Konstruktiven Realismus (Culture and Knowledge 18). Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-631-61169-2, S. 47.
  19. Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 122
  20. Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 88-89, 118-125
  21. Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 67, 87-88
  22. Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 64
  23. Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 112
  24. Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 100
  25. Friedrich G. Wallner: Systemanalyse als Wissenschaftstheorie III: Das Vorhaben einer kulturorientierten Wissenschaftstheorie in der Gegenwart (= Culture and Knowledge 16). Peter Lang, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-631-60542-4, aus der Kurzbeschreibung am Schutzumschlag