Witikobund

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Der Witikobund e.V. ist ein völkischer sudetendeutscher Verein, der sich selbst als „nationale Gesinnungsgemeinschaft der Sudetendeutschen“ versteht. Sitz des Vereines ist München. Der Witikobund wurde bis 1967 vom Bundesministerium des Innern als rechtsextrem eingestuft und steht bis heute unter dem Verdacht, rechtsextreme Ziele zu verfolgen.

Selbstverständnis[Bearbeiten]

Der Witikobund e.V. ist nach eigener Beschreibung eine unabhängige, nicht parteilich oder kirchlich gebundene elitäre „nationale Gesinnungsgemeinschaft der Sudetendeutschen“. Benannt wurde er nach der Romanfigur „Witiko“ von Adalbert Stifter. Seine Wurzeln verortet der Verein selbst in der sudetendeutschen Turnbewegung und den Heimat-, Kultur- und Schutzverbänden der Sudetendeutschen, deren Tradition er sich verpflichtet fühlt.

Die Mitgliedschaft im Witikobund ist grundsätzlich auf Lebenszeit ausgerichtet: „Wer heute die alte Pflicht verrät, verrät auch morgen die neue“.[1]

Zu dem Verein gehört ein Jugendverband, die „Jungen Witikonen“ (JW). Die Mitgliedschaft im Verein selbst ist, wie bei jedem anderen Verein, beschränkt. Die bislang etwa 1000 Mitglieder wurden und werden gewählt. Für jedes neue zukünftige Mitglied müssen sich zwei Witikonen verbürgen.

Der Witikobund gibt viermal im Jahr die Vereinspublikation Witikobrief heraus.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründung[Bearbeiten]

Der Witikobund wurde offiziell am 1. Oktober 1950 in Stuttgart von Anhängern der in den 1930er Jahren in der Tschechoslowakei von Konrad Henlein geführten Sudetendeutschen Partei (SdP) gegründet. Vorausgegangen war eine Sammlungsbewegung, die bereits 1947 ins Leben gerufen wurde. Auf Einladung des Unternehmers Emil Lode und des ehemaligen Henlein-Vertrauten Walter Brand trafen sich am 9. November 1947 sieben ehemalige Nationalsozialisten in Waldkraiburg und gründeten die Vorläuferorganisation, um Vertreter der völkischen Sudetendeutschen zusammenzuführen. Neben Emil Lode und Walter Brand waren es der frühere HJ-Führer Rudolf Bayer, der ehemalige Vorsitzende des NS-Bundes der Deutschen Technik im Sudetenland Rupert Glaas, Konstantin Höß, der ehemalige Gestapo-Chef von Belgrad Karl Kraus und der ehemalige Senator der SdP Hugo Liehm.

Nach Richard Stöss war der Witikobund in den 1950er und 1960er Jahren eine „einflußreiche elitäre Traditionsgemeinschaft“, die sich weitgehend aus ehemaligen führenden „völkisch-nationalistischen“ Nationalsozialisten aus dem Sudetenland zusammensetzte. Großen Einfluss übte der Bund auf den BHE, die Gesamtdeutsche Partei (GDP) und die Sudetendeutsche Landsmannschaft aus.[2]

Mitgliederstruktur[Bearbeiten]

Der überwiegende Teil führender Mitglieder des Witikobundes waren vor 1945 der NSDAP beigetreten. Eine Untersuchung der Mitgliederliste von 1958 ergab, dass von 634 Mitgliedern über 600 sudetendeutsche NS-Funktionäre waren.[3]

So befanden sich etwa unter den Gründungsmitgliedern:

Neben den Gründungsmitgliedern wiesen zahlreiche weitere führende Mitglieder des Witikobundes eine nationalsozialistische Vergangenheit auf, die sich nicht nur auf eine bloße Mitgliedschaft beschränkte, z. B.:

  • Ernst Anrich, SS-Historiker und zeitweile Dekan der Philosophischen Fakultät der Reichsuniversität Straßburg, dort NS-Dozentenführer, später in der NPD;
  • Franz Karmasin, NS-Volksgruppenführer, Vorsitzender der Deutschen Partei, Waffen-SS-Offizier und Staatschef der Regierung Jozef Tiso in der Slowakei, nach 1945 in der Tschechoslowakei zum Tode verurteilt, von 1957 bis zu seinem Tod 1970 Geschäftsführer des Witikobundes;
  • Albert Smagon, NSDAP-Kreisleiter und Botschaftsrat an der deutschen Botschaft in Pressburg;
  • Rudolf Staffen, Gauamtsleiter der NSDAP.[4]

Beziehungen zur NPD und zu anderen rechtsextremen Organisationen[Bearbeiten]

In den 1960er Jahren bestanden enge Beziehungen zur NPD, und mehrere Parteimitglieder wie Heinz Flöter und Ernst Anrich waren 1967 im Vorstand des Witikobundes. Einige dieser Verbindungen bestehen bis heute weiter. Sowohl der NPD-Bundespressesprecher und ehemalige Bundesvorsitzende des Nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB) und der Jungen Nationaldemokraten (JN) Karl-Heinz Sendbühler als auch der einstige NHB-Bundesgeschäftsführer Günter Schwemmer sind Witikonen, ebenso wie die beiden ehemaligen NPD-Abgeordneten im baden-württembergischen Landtag Rolf Kosiek und Karl Baßler.

In den 1970er Jahren nahmen an den „Reichsgründungsfeiern“ des Witikobundes, die Deutsche Reichsgründung betreffend mehrere Aktivisten der Wiking-Jugend teil. In den 1980er Jahren bestanden wiederum neue Beziehungen mit dem Hilfskomitee Südliches Afrika.

Rechtsextremer Geschichtsrevisionismus[Bearbeiten]

Außerdem äußerten sich mehrere Mitglieder rechtsextrem geschichtsrevisionistisch und relativierten oder leugneten den Holocaust. Aktivisten aus dem Witikobund wie Walter Staffa und Werner Nowak gründeten 1970 das Deutsche Seminar, das Vorträge hauptsächlich rechtsextremer Referenten organisierte.

Rechte Politiker und Publizisten[Bearbeiten]

Im Witikobund und besonders dessen Vorstand waren und sind zahlreiche rechte und rechtsextreme Politiker und Publizisten tätig, wie z.B.

Neben den genannten NPDlern sind die ehemaligen REP-Kandidaten für den bayerischen Landtag Henning Lenthe, Carl-Wolfgang Holzapfel (* 1944) sowie Horst Rudolf Übelacker (* 1936) und Hellmut Diwald (1924-1993) Vereinsmitglieder. Ardelt war lange Jahre Mitglied der CDU, die er in den 1990er Jahren verließ.

Zahlreiche Witikonen haben in der rechtskonservativen Jungen Freiheit publiziert. Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der „Jungen Freiheit“ und Organisator der JF-Sommeruni 1993, Hans-Ulrich Kopp, ist seit 1983 Mitglied und seit 1992 Schriftleiter des „Witikobriefes“.

Bei den Veranstaltungen des Witikobundes trat beispielsweise im November 2003 Alfred Mechtersheimer als Referent auf.

Mehrere im bürgerlichen Lager anerkannte Personen sind Witikonen, so z. B. der langjährige CDU-Funktionär Rüdiger Goldmann (* 1941; seit 1965) oder der ehemalige Fraktionsassistent der CDU im hessischen Landtag Wolfgang Egerter (1930-2008) (stellvertretender Bundesvorsitzender des WB) sowie Herbert Fleissner (* 1928).

Radikalisierung anderer Vertriebenenverbände und Unterwanderung[Bearbeiten]

Der Witikobund repräsentierte stets den rechten Flügel der sudetendeutschen Heimatvertriebenen und radikalisierte andere Vertriebenenverbände, sucht sie auf eine „völkisch-nationale Linie“ zu leiten. Hierbei arbeitet er „abgeschottet“ und versteht sich als „Kaderorganisation“.

Mitglieder des Witikobundes versuchten – oft erfolgreich – „gezielt Ämter in Parteien oder anderen Organisationen zu besetzen“. Dies waren die NPD, kommunale Parteiämter, Landtagspositionen, die Sudetendeutsche Landsmannschaft, der Bund der Vertriebenen, andere rechtsextreme Organisationen, Verlage, Medien sowie Positionen in Staat und Wirtschaft. Der Bundesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft gehörten „seit Jahrzehnten zu über fünfzig Prozent“ Witikonen an. Vereinnahmt oder beeinflusst wurde vielfach die „Ostkunde“, ein Schulfach, das in den 50er-Jahren in der Bundesrepublik eingeführt wurde.[4] Mitglieder unterwanderten andere Organisationen und besetzten Posten.

Programmatik[Bearbeiten]

Laut eigenem Satzungsstatut betrachtet der Wikitobund „die Förderung und Unterstützung der berechtigten Anliegen der Flüchtlinge und Vertriebenen“, „die Wiedergutmachung des Vertreibungsunrechts auf der Basis des Völkerrechts“ sowie die „Rückgabe des konfiszierten Eigentums auf der Grundlage eines gerechten Ausgleichs“ als seine Hauptaufgaben.[5]

Nach Ansicht von Kritikern lässt sich in diesen Forderungen die Befürwortung einer erneuten Angliederung des heute zu Tschechien gehörenden Sudetenlandes an Deutschland erkennen. Das „Sudetenland solle heim ins Reich“ geholt und die deutschen Grenzen von 1939 wiederhergestellt werden.

Zudem wird dem Witikobund vorgeworfen, Fremdenhass zu schüren. So äußerte etwa der langjährige Bundesvorsitzende Horst Rudolf Übelacker im Witiko-Brief unter anderem: „Die Deutschen, zusammengedrängt auf die Restgebiete in West- und Mitteldeutschland sowie in Österreich und zudem bedrängt von einem 'Millionenheer' volksfremder Zuwanderer, sehen sich einer allmählich zerbröckelnden Zeitgeschichtsfassade gegenübergestellt.“ Des Weiteren werde die Shoa relativiert oder geleugnet. So findet sich im Witikobrief von 1974 die folgende Behauptung: „Zu den gewaltigsten Geschichtslügen der jüngsten Vergangenheit gehören die 6 Millionen Juden“.[6]

Einschätzungen durch den Verfassungsschutz[Bearbeiten]

Bis 1967 wurde der Verein vom Bundesministerium des Innern als rechtsextrem eingestuft. Im Dezember 2001 gab die Bundesregierung auf eine Anfrage der PDS an, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz beim Witikobund eine „Verdichtung von Anhaltspunkten für rechtsextremistische Bestrebungen“ festgestellt habe. Einen solchen Anhaltspunkt stelle etwa die „Häufung antijüdischer Textstellen“ in der Publikation Witiko-Brief dar.[7]

Dagegen teilte das Innenministerium des Landes Baden-Württemberg am 17. März 2009 auf eine Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Stephan Braun (SPD) mit, dass der Verein „kein Beobachtungsobjekt“ des dortigen Landesamtes für Verfassungsschutz sei. Zum Witikobund lägen „keine Erkenntnisse“ vor. Ebenso sei in Baden-Württemberg der Jugendverband „Junge Witikonen“ kein Beobachtungsobjekt des Landesamtes für Verfassungsschutz.[8]

Karl Baßler, Witikone und NPD-Mitglied, ferner im „Deutschen Seminar“ und im „Aktionskreis“ Nürtingen sowie Vorstandsmitglied der „Notgemeinschaft für Volkstum und Kultur“, sagte 1998 zu Einstufungen durch den Verfassungsschutz: „Der Verfassungsschutz hat überhaupt kein Recht, einzustufen. Das sind Drecksäcke, der Verfassungsschutz, das sage ich hier ganz bewusst. […] Wenn jemand etwas einstufen kann: ein politisches Verfassungsgericht, und jeder andere hat kein Recht dazu, dem wird aufs Maul gehauen. Und die kriegen auch aufs Maul noch, der Tag dauert nicht mehr lange. […] Die ganze deutsche Politik ist unehrlich, lügenhaft bis auf den Grund, von Anfang an. Und wenn das mal eine größere Anzahl von Deutschen begriffen hat, dass sie fünfzig Jahre belogen worden sind, niederträchtig, und ihnen deshalb das Geld aus der Tasche gezogen worden ist, sie beschuldigt worden sind, dann Gnade Gott denen, die diese Lügen hier ständig verbreitet haben.“[9]

Bundesvorsitzende des Witikobundes[Bearbeiten]

Unter-Gruppierungen[Bearbeiten]

Walter Staffa beispielsweise leitete in Nürtingen 1964 einen „Nürtinger Aussprachekreis“. 1968 gründete sich auf Initiative von Staffa ein „Staatspolitischer Arbeitskreis“, der als geistiger Mittelpunkt des Witikobundes wirken sollte. Danach gründete er mit anderen Witikonen 1970 in Stuttgart als Ableger und Speerspitze das „Deutsche Seminar“, das 1984 seinen Sitz ebenfalls in Nürtingen nahm. In Nürtingen hat er mit den Witikonen Rolf Kosiek, Karl Baßler und dem damaligen Witikonen Werner Nowak dazuhin 1997 noch einen „Aktionskreis“ des Witikobundes gegründet.[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Georg Herde, Alexa Stolze: Die Sudetendeutsche Landsmannschaft; Köln 1987.
  • Martin Dietzsch: Kader gegen die Fünfundvierziger – Die völkische Gesinnungsgemeinschaft Witikobund in Helmut Kellershohn (Hrsg.): Das Plagiat; Duisburg 1994.
  • Sönke Braasch: Der Witikobund; in: Der Rechte Rand, Juni/Juli/August 1995
  • Thomas Grumke, Bernd Wagner (Hrsg.): Handbuch Rechtsradikalismus. Personen – Organisationen – Netzwerke vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft; Opladen 2002, S. 439–442.
  • Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945; München 2008; insbesondere S.182 ff.

Eigendarstellung[Bearbeiten]

  • Hans Erich und Walter Brand: Der Witikobund. Weg, Wesen, Wirken, Beiträge des Witikobundes zu Fragen der Zeit ; Band 20; München 1969.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der Deutschen Vertriebenen nach 1945; München 2008, S. 183.
  2. Richard Stöss, Parteien-Handbuch: die Parteien der Bundesrepublik Deutschland, 1945–1980, 2. Band, Westdeutscher Verlag 1984, S. 1452
  3. Thilo von Uslar: Der ‚ehrenwerte‘ Karmasin, Die Zeit vom 24. Juni 1966.
  4. a b Vgl. Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945; München 2008; S. 182 ff.
  5. Satzung von 2007
  6. Der Witikobund. Späte Erkenntnis; Artikel vom 16. Dezember 2001 in: haGalil.com, online einsehbar
  7. Meldung Heute im Bundestag 21. Dezember 2001
  8. Drucksache 14/4087 Landtag von Baden-Württemberg vom 25. Februar 2009
  9. ARD-Sendung Panorama vom 5. Februar 1998
  10. Rainer Nübel: „Deutsches Seminar“ unter Beobachtung. Verfassungsschutz hat rechtsextreme Denkfabrik im Visier – Nowak Mitbegründer; in: Nürtinger Zeitung vom 10. Februar 1998
  11. Die Angabe, Stain sei MdB gewesen, trifft nicht zu; er war MdL in Bayern