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Wladimir Kaminer

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Wladimir Kaminer (2025)

Wladimir Wiktorowitsch Kaminer (Владимир Викторович Каминер; * 19. Juli 1967 in Moskau, Russische SFSR, Sowjetunion) ist ein russisch-deutscher Schriftsteller und Kolumnist.[1] Er schreibt seine Texte nicht in seiner Muttersprache, sondern in Deutsch.

Sein Erzählband Russendisko, dessen Ersterscheinen sich 2025 zum 25. Mal jährt, machte ihn zu einem der populärsten Autoren in Deutschland.[2] Militärmusik und andere Werke machten ihn auch außerhalb Deutschlands bekannt. Die Gesamtauflage seiner Bücher und Hörbücher kommt auf 6,4 Millionen verkaufte Exemplare. Davon entfallen 1,8 Millionen Stück auf Russendisko (Stand: August 2025).

Kaminer ist der Sohn einer Lehrerin für Festigkeitslehre und eines Betriebswirts, der als stellvertretender Leiter in einem Betrieb der sowjetischen Binnenflotte arbeitete.[3] Kaminer war sowjetischer Bürger jüdischer Abstammung und ist heute deutscher Staatsbürger.

Von 1986 bis 1988 leistete Kaminer in einer Raketenstellung vor Moskau seinen Wehrdienst ab.[4] Nach einer Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk studierte er Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Während des Studiums verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs und dem Veranstalten von Partys und Untergrundkonzerten in der Moskauer Rockszene.

Im Juni 1990 erhielt Kaminer humanitäres Asyl in der DDR.[5] Noch vor der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober wurde ihm die Staatsbürgerschaft der DDR verliehen, was ihn nach bundesdeutschem Recht zum deutschen Staatsangehörigen machte. Er selbst berichtete jedoch, viele Jahre mit einem Fremdenpass gelebt zu haben.[6]

Kaminers Werke zeichnen sich durch einen humorvollen, pointierten und beobachtenden Stil aus.[7] Seinen literarischen Durchbruch erzielte Kaminer im Jahr 2000 mit dem Erzählband Russendisko. Aus der Perspektive eines Einwanderers schildert er die Absurditäten des deutschen Alltags und thematisiert kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten.[8] In Militärmusik (2001) erzählte Kaminer teilweise autobiografisch von seinen haarsträubenden Abenteuern in der Sowjetarmee zur Zeit Gorbatschows.[9] Das Buch festigte seinen Ruf als humoristischer Chronist des sowjetischen Alltags und des absurden Lebens im untergehenden Sozialismus.

Ein wichtiger Ort für die Entwicklung seines literarischen Schaffens war die Berliner Reformbühne Heim & Welt, auf der er wöchentlich seine Geschichten vor Publikum erprobte.[10] Neben seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen schreibt Kaminer regelmäßig Kolumnen und Texte für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter die monatliche Kolumne „Kaminers Kino“ für die Kinozeitschrift epd Film.[11]

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist Kaminer eine feste Größe im deutschen Kulturleben und regelmäßig im Fernsehen zu Gast. Er hatte eine wöchentliche Sendung namens Wladimirs Welt im Radio Multikulti des SFB sowie eine Rubrik im ZDF-Morgenmagazin.[12] Seit 2018 wird Kaminer Inside im Kulturprogramm 3sat gesendet.[13] Darin besucht Kaminer besondere Orte und Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und fragt nach der Bedeutung von Heimat.[14][15]

Gemeinsam mit dem Musiker Yuriy Gurzhy organisierte er die Veranstaltungsreihe Russendisko.[16] Nach dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine wurde die Reihe aus Solidarität in Ukrainska Diska umbenannt und findet weiterhin statt.

Kaminer ist Mitgründer der Schriftstellervereinigung PEN Berlin.[17]

Wladimir Kaminer versteht sich als Brückenbauer zwischen den Kulturen. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 hat er sich verstärkt als kritischer Kommentator der russischen Politik positioniert.[18] Er verurteilt den Angriffskrieg scharf,[19][20] zeigt sich solidarisch mit der Ukraine und äußert sich in Interviews und Talkshows differenziert zur russischen Gesellschaft. Er betont, dass das Handeln des Kremls nicht mit dem Willen aller Russen gleichzusetzen sei, und fühlt eine Mitverantwortung, das von ihm mitgeprägte Bild von Russland in Deutschland zu korrigieren.

Kaminer ist mit der ebenfalls aus Russland stammenden Autorin Olga Kaminer (geb. Gura) verheiratet, die er 1995 in Berlin kennenlernte. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Berlin-Prenzlauer Berg.[21]

Commons: Wladimir Kaminer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Dagmar von Taube: Wladimir Kaminer: Schriftsteller mit russischen Wurzeln. In: Welt am Sonntag. 25. September 2016, S. 2.
  2. Der Autor: Wladimir Kaminer. In: Berliner Morgenpost. 13. Februar 2009, S. 17.
  3. Marcus Tackenberg: Moderner Till Eulenspiegel. In: Neue Osnabrücker Zeitung. 22. August 2020, S. 8 (Interview).
  4. Matthias Hanselmann: Schriftsteller Wladimir Kaminer: „Ich bin sicher, dass Russland zurück aus dem Wald kommt“. In: Deutschlandfunk Kultur. 26. April 2017, abgerufen am 21. August 2025.
  5. Von Künstlerpech und Lebenskünstlern. In: Schweriner Volkszeitung. 7. November 2015, S. 9.
  6. Er sucht in seinem Leben nach den Geschichten. In: Märkische Allgemeine. Neues Granseer Tageblatt. 11. Mai 2024, S. 18.
  7. Olaf Neumann: „Ein super interessantes Land!“ In: Mitteldeutsche Zeitung. 25. August 2025, abgerufen am 26. August 2025.
  8. „Nie am anderen Ufer angekommen“. In: taz. 5. August 2000, S. 12 (taz.de [abgerufen am 20. August 2025] Interview mit Helmut Höge).
  9. Ulrike Borowczyk: Ganz normal verrückt. „Militärmusik“: Wladimir Kaminers unspektakulärer Blick auf den russischen Alltag. In: Berliner Morgenpost. 9. August 2001, S. 19.
  10. Beobachtungen aus der „Russendisko“. Wladimir Kaminer und die Lesebühnen. In: Nordkurier. 13. Januar 2001.
  11. Franz Krauder: Pflanzen mit Beinen: Wladimir Kaminer denkt über die Welt nach. In: Stuttgarter Nachrichten. Stadtausgabe. 29. November 2023, S. 39.
  12. Mark Siemons: Wladimirs Welt. Kaminer guckt zu: Ein russischer Schriftsteller in Berlin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 28. Februar 2000, S. 53.
  13. Kaminer Inside. In: fernsehen.de. Abgerufen am 26. August 2025.
  14. Cornelia Wystrichowski: Was ist Heimat, Wladimir Kaminer? In: Hamburger Abendblatt. 14. August 2019, S. 21.
  15. Isabella Wallnöfer: Kaminer und der Tafelspitz. In: Die Presse. 25. August 2023, S. 12.
  16. Wo der Bär abgeht: Nach seinem Bestseller «Russendisko» macht Wladimir Kaminer Ernst - als DJ auf Tournee. In: Tagesanzeiger. Sonntagszeitung. 13. Mai 2001.
  17. Deniz Yücel gründet neue Autorenvereinigung PEN Berlin. In: Zeit Online. 7. Juni 2022, abgerufen am 19. August 2025.
  18. Philipp Hedemann: Die verkehrte Welt des Wladimir P. In: Salzburger Nachrichten. 19. August 2023, S. 10 (Interview).
  19. Ibrahim Naber: Wladimir Kaminer: „Putin hat jedem Russen einen Eimer Scheiße auf den Kopf gesetzt“. In: Die Welt. 8. August 2018, abgerufen am 21. August 2025.
  20. Sandra Kegel: Wladimir Kaminer zu Putin: „Warum ich mich für meine Heimat schäme“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 5. März 2014, abgerufen am 21. August 2025.
  21. Russendisko im Original. In: Saarbrücker Zeitung. 25. Februar 2006.