Wohnturm

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Freistehendes Tower House, wie es im Mittelalter auf den Britischen Inseln üblich war

Ein Wohnturm ist ein mittelalterlicher Turm, der zu einer dauerhaften Nutzung als Wohnung geeignet war und zugleich auch Wehrfunktionen hatte. Er verfügte meist nur über einen Hocheingang.

Wohntürme wurden vom frühen bis ins späte Mittelalter in ganz Europa errichtet und stellten einen – im Gegensatz zu einer großen Burganlage – relativ schnell und mit wenig Aufwand zu errichtenden Prototyp einer ebenso wehrhaften wie auch standesgemäßen Behausung für Ritter dar. Sie wurden oft zusätzlich mit Palisadenzäunen, Wassergräben oder kleinen Ringmauern geschützt (dann auch als Turmburgen bezeichnet). Sie konnten aber auch in große Burganlagen einbezogen werden. In Städten gelegene Wohntürme, vor allem in Italien, werden als Geschlechtertürme bezeichnet, die sich oft durch erstaunliche Höhe auszeichneten. Später wurden sie oft bis auf Firsthöhe gekappt. Derartige Türme nach italienischem Vorbild gab es im Mittelalter auch in vielen deutschen Städten, erhaltene Beispiele finden sich hauptsächlich in Regensburg und Trier.

Bauweise und Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Granusturm der Aachener Kaiserpfalz (788 n. Chr.)
Frankenturm in Trier, 11. Jh.
Normannenkastell in Paternò, Sizilien (1072)
Kemenate Orlamünde, 11./12. Jh.
Goldener Turm in Regensburg, 13. Jh.
Wohnturm der Burg Eltville, 14. Jh.
Die Kemenate Reinstädt, 15. Jh.

Der Begriff des Wohnturms wird in der mittelalterlichen Architektur in Abgrenzung zu dem des reinen Wehrturms verwendet. Wehrtürme haben zwar meist Wachstuben, wurden aber nicht als (Familien-)wohnsitze verwendet. Wohntürme hatten hingegen immer auch eine Wehrfunktion, was etwa durch den ursprünglich meist vorhandenen Hocheingang deutlich wird. Der Bergfried unterscheidet sich vom Wohnturm in erster Linie dadurch, dass er nicht für eine Wohnnutzung vorgesehen ist. Der Turmschaft eines Bergfrieds hat meist keine oder nur wenige kleine Fenster, die Angreifern ein Durchsteigen verwehrten, die Wächterstube war meist der einzige beheizbare Raum. Es gibt aber auch Übergangsstufen zwischen beiden Bautypen, die Otto Piper als „bewohnbaren Berchfrit“ bezeichnete. Diese hatten in den oberen Geschossen Wohnräume. Beispiele hierfür sind die beiden runden bewohnbaren Bergfriede der Vorburg II der Neuenburg und der Burg Stolpe. Auch auf der Runneburg, wurde der mit dem Palas verbundene, fünfgeschossige Wohnturm mit Hocheingang bereits ursprünglich für Wohnzwecke konzipiert: mit Kaminen, Aborterker und mehreren in die Mauer verlegten Treppenanlagen.[1]

Der Übergang zwischen Wohnturm und Festem Haus ist ebenfalls fließend; der Wohnturm ist im Grunde ein bestimmter Bautypus eines festen Hauses, wobei seine Höhe die Breite (bzw. den Durchmesser) übertrifft und dadurch eine turmartige Form erhält. Neben fortifikatorischen Elementen mussten Wohntürme auch herrschaftlichen Wohn- und Repräsentationsbedürfnissen genügen und waren daher innen wohnlich ausgebaut, in einzelnen Räumen beheizbar und konnten auch einen saalartigen Fest- und Versammlungsraum enthalten. Weiherhäuser waren Wohntürme bzw. Feste Häuser, die im Wasser standen oder von einem Wassergraben umgeben waren. Oft bestanden sie aus einem steinernen Unterbau, der Wehrfunktionen erfüllte und Vorratsräume enthielt (mit Hocheingang, kleinen Schlitzfenstern oder Schießscharten) sowie einem darüber aufgesetzten Holz- oder Fachwerkhaus, in dem gewohnt wurde.

Für repräsentative Wehr- und Wohntürme, insbesondere in Frankreich, ist in der Burgenforschung die Bezeichnung Donjon üblich. In Irland und Großbritannien gibt es sogenannte Tower Houses, bei denen es sich um freistehende, wehrhafte Wohntürme handelt. Türme von Burgen, die als Speisehaus genutzt wurden, nannte man Muthaus.

Funktion und Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mittelalter wurden regional Türme als herrschaftlicher Wohnsitz und zum Schutz vor feindlichen Angriffen erbaut. Als einzeln stehende Gebäude konnten sie auch als befestigter Adelssitz innerhalb von Städten dienen, so die Geschlechtertürme in Oberitalien (etwa in San Gimignano oder Bologna).[2] Mittelalterliche Städte errichten teilweise noch im Spätmittelalter sogenannte Wehrhöfe, burgartige Befestigungsanlagen die Teil einer vorgeschobenen Landwehr oder seltener Teil der Stadtmauer waren. Die städtischen Wehrhöfe von Demmin wurden in Urkunden der Stadt sogar als Burgen bezeichnet. Solche Wehrhöfe enthielten als zentralen Bestandteil oft Wohntürme. Von der Frankfurter Landwehr hat sich vom abgerissenen Wehrhof Kühhornshof der Wohnturm bis heute erhalten.

Die Mehrzahl der Wohntürme waren einzeln stehende Bauten des niederen Adels. Bisweilen wurden Höhenburgen zuerst mit einem freistehenden, bewohnbaren Turm begonnen und dann im Lauf der Zeit mit Ringmauern, Palas, Kapelle, Ställen und anderen Gebäuden zu Burganlagen ausgebaut, so etwa Schloss Sargans.

Im südosteuropäischen Raum boten wohnturmartige Gebäude noch im 19. Jahrhundert Schutz gegen umherziehende Banden. So zum Beispiel in den Albanischen Alpen, wo die Wohntürme (Kulla) auch als Rückzugsorte für Männer dienten, die von der Blutrache zwischen verfeindeten Familien bedroht waren.

Im arabischen Raum, insbesondere im Jemen, sind wehrhafte Wohntürme auch heute noch in Gebrauch.

Bis in die heutige Zeit werden weiter Wohntürme als Kerngebäude einzelner Gehöfte in den ländlichen Regionen des Irans, Afghanistans, Turkmenistans, Tibets und Nordchinas errichtet.

Im 20. Jahrhundert wurden Wassertürme, die auch eine Wohnnutzung aufwiesen, als Wohnwasserturm bezeichnet. Heute werden gelegentlich bewohnte Hochhäuser als Wohntürme bezeichnet.

Weitere Formen sind

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland ist noch eine größere Anzahl von Wohntürmen erhalten, aber sie stellen nur einen Bruchteil des einstigen Bestandes dar. Der älteste erhaltene Turm ist der Granusturm in Aachen, ehemals Teil der Aachener Kaiserpfalz Karls des Großen aus dem 8. Jahrhundert, dessen genaue Zweckbestimmung jedoch ungeklärt ist. Ferner gehören zu den ältesten Beispielen (aus dem 11. Jahrhundert) der Frankenturm und der Turm Jerusalem in Trier oder (aus dem 12. Jahrhundert) der „Wohnturm I“ der Neuenburg in Sachsen-Anhalt.

Die Thüringer Breitwohntürme könnten nach süditalienischem Vorbild (etwa der Normannenburg von Paternò) entstanden sein, bekannteste Beispiele sind die „Kemenaten“ Orlamünde, Reinstädt und Ziegenrück.

Beispiele für „Breitwohntürme“ vom mitteldeutschen Typus:

Weitere Beispiele für (einst) ländliche Burgen mit Wohntürmen sind (alphabetisch):

Städtische Wohntürme (innerhalb einer Stadtmauer):

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Griechenland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Italien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Polen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tschechien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Uwe Albrecht: Der Adelssitz im Mittelalter. Studien zum Verhältnis von Architektur und Lebensform in West- und Nordeuropa. Deutscher Kunstverlag, München u. a. 1995, ISBN 3-422-06100-2, S. 37 ff. (zugleich: Kiel, Universität, Habilitations-Schrift, 1989).
  • Uwe Albrecht: Vom Wohnturm zum Herrenhaus. Zur Typen- und Funktionsgeschichte norddeutscher und dänischer Schloßbaukunst des 14. bis 16. Jahrhunderts. In: G. Ulrich Großmann (Hrsg.): Renaissance in Nord-Mitteleuropa (= Schriften des Weserrenaissance-Museums Schloß Brake. 4). Band 1. Deutscher Kunstverlag, München u. a. 1990, ISBN 3-422-06069-3, S. 30–59.
  • Christofer Herrmann: Wohntürme des späten Mittelalters auf Burgen im Rhein-Mosel-Gebiet (= Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung. Reihe A: Forschungen. Band 2). Leidorf, Espelkamp 1995, ISBN 3-924734-14-3 (zugleich: Mainz, Universität, Dissertation, 1993).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Wohntürme – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schlösserwelt Thüringen. Magazin. Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, Frühjahr/Sommer 2017.
  2. Elisabeth Lichtenberger: Die Stadt. Von der Polis zur Metropolis. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 29.