Wolf Jobst Siedler

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Wolf Jobst Siedler

Wolf Jobst Siedler (* 17. Januar 1926 in Berlin; † 27. November 2013 ebenda) war ein deutscher Verleger und Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siedler wurde 1926 als Sohn des gleichnamigen kaiserlichen Diplomaten und späteren Syndikus' und Justitiars des Reichsverbandes Papier und Pappe in Berlin geboren. Zu seinen Vorfahren gehören u. a. der Bildhauer Johann Gottfried Schadow und der Musiker Carl Friedrich Zelter. Sein Onkel war der bekannte Architekt Eduard Jobst Siedler. Seine Eltern waren mit Otto Hahn befreundet.[1]

Siedler besuchte die Internate Hermann-Lietz-Schule auf Schloss Ettersburg bei Weimar und ab 1943 die Hermann Lietz-Schule Spiekeroog. Von dort aus wurde er zusammen mit zahlreichen Mitschülern als Flakhelfer auf der benachbarten Insel Wangerooge eingesetzt. Als solcher wurde er zusammen mit Ernst Jünger jr., dem Sohn des gleichnamigen Schriftstellers, wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet und von einem Kriegsgericht zu neun Monaten Zuchthaus und danach zur „Frontbewährung“ verurteilt. Das Kriegsende erlebte er an der Front in Italien, wo Ernst Jünger jr. 1944 fiel[2] und Siedler in britische Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er 1947 entlassen wurde. 1948 verlobte er sich mit Imke von Heede, das Paar heiratete 1949 und der Ehe entstammen zwei Kinder, darunter Wolf Jobst Siedler jun., der ebenfalls Verleger ist.

Nach seinem Studium der Soziologie, Philosophie und Geschichte an der Freien Universität Berlin arbeitete er fast zehn Jahre als Journalist, vor allem für den Tagesspiegel, die Neue Zeitung und Der Monat. Einen Höhepunkt dieser Laufbahn erlebte er mit der Berufung zum Chef des Feuilletons beim Tagesspiegel.

1963 trat Siedler in die Ullstein Verlagsgruppe ein und übernahm die Leitung des Propyläen Verlages. In den Jahren 1967 bis 1979 wirkte er als Geschäftsführer der Ullstein GmbH für die Verlage Propyläen, Quadriga und Ullstein.

Gemeinsam mit dem Filmproduzenten Jochen Severin gründete Siedler 1980 den Verlag Severin & Siedler, der sich auf politische und historische Literatur konzentrierte. Als Severin 1983 ausschied, wurde der Verlag umstrukturiert, als Siedler Verlag neugegründet und in Partnerschaft mit der Verlagsgruppe Bertelsmann fortgeführt.[3] 1998 ging der Siedler Verlag unter der Leitung von Arnulf Conradi mit dem Berlin Verlag zusammen und wurde anschließend von Bertelsmann übernommen.[4] Bertelsmann behielt Siedler in beratender Funktion im Verlag.

Bis Februar 2005 schrieb Siedler für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, Die Welt und die Berliner Morgenpost. Er wohnte seit seiner Kindheit in demselben Haus in Berlin-Dahlem.[5]

Die Beisetzung fand im engsten Familienkreis statt. Für die Traueranzeige wählte die Familie ein Zitat aus einer Tragödie von William Shakespeare.[6]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1967, nach Lektüre von Notizen Albert Speers, schrieb Siedler ihm, er sei begeistert über die „noble Weise“, in der er sich mit der Vergangenheit – „der allgemeinen wie der persönlichen“ – auseinandersetze. Als Siedler Speers „Erinnerungen“ 1969 erfolgreich auf den Markt gebracht hatte, übermachte dieser ihm als Geschenk eine Originalskizze Hitlers. 1975 versprach Siedler Speer, dessen „Spandauer Tagebücher“ „mit allen Mitteln zu einem der größten Bucherfolge der Nachkriegszeit“ zu machen.[7] Spätestens 1982 wurde bekannt, dass viele der Angaben in Speers „Erinnerungen“ und „Spandauer Tagebüchern“, die unter Siedler als Lektor und Verleger veröffentlicht worden waren, durch Beschönigungen, Auslassungen und regelrechte Erfindungen eine Geschichtsklitterung darstellten.[8][9] Siedler wurde wegen tendenziöser Einflussnahme auf die autobiografischen Angaben Speers kritisiert. Er sei mit Speer eine „ungewöhnliche publizistische Komplizenschaft“ eingegangen.[10] In einer am 28. April 2017 eröffneten Ausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteigelände der Stadt Nürnberg[11] wird dargestellt, dass „Speer mit dem Journalisten Joachim Fest und dem Verleger Wolf Jobst Siedler [...] willige Helfer [gehabt habe], die die Legende vom Naziminister, der nichts wusste, eifrig [befördert]“ hätten. Beide „haben nicht nur Sachen umgeschrieben, die haben Sachen neu geschrieben“.[12] Siedler habe zusammen mit Fest „unreflektiert und unkritisch bis zur völligen Ignoranz“ einen Bestsellerautor aus Speer gemacht.[13] Vier Jahre nach Siedlers Tod korrigierte dessen Verlag die damalige Darstellung Speers.[14]

Würdigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siedler nahm bereits 1964 in seinem Buch Die gemordete Stadt klar gegen den Abriss von Gründerzeithäusern und die Fällung alter Bäume Stellung; aus diesem Grund wurde er fallweise als „Großvater der Grünen“ bezeichnet. Spiegel online würdigte Siedler in seinem Nachruf als „großer Bürgerlicher und Konservativer von einer Art, wie es sie selbst in der alten Bundesrepublik kaum gab“.[15]

Hermann Rudolph wies im Der Tagesspiegel vor allem auf die tiefe Verbindung zwischen Siedlers publizistischem Schaffen und seiner Heimatstadt hin: „Berlin hat seit den frühen Nachkriegsjahren in ihm einen Begleiter, Deuter und Mitbeweger gehabt, der seinesgleichen sucht“. Mit dem Tod von Wolf Jobst Siedler schließe eine Epoche ab.[16]

Arnulf Baring betrachtete Siedler in der Welt vor allem als eine „große schriftstellerische Begabung“, in dessen Werk die „einzigartige Mischung aus stilistischer Brillanz, weitgespannten Kenntnissen und jenem elegischen Grundton der Trauer über das Versinken des alten Europa, des früheren Deutschland, der einstigen Reichshauptstadt“ spürbar sei.[17]

Siedler war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Egon Bahr würdigte in der Jungen Freiheit Siedlers Bescheidenheit: „Er wollte sich nicht einengen lassen durch politische Gremien, die Weisungsbefugnis eines Vorgesetzten oder den Druck von Wahlen. Er kannte die Quelle seiner Stärke: die Unabhängigkeit seines Denkens. Sie verlangte auch den selbst erkannten Verzicht auf Handeln, eine Achtung gebietende Bescheidenheit.“ [18]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die gemordete Stadt: Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum. Siedler, Berlin 1993 [Erstausgabe 1964], ISBN 3-88680-513-1.
  • Verordnete Gemütlichkeit: Abgesang auf Spielstraße, Verkehrsberuhigung und Stadtbildpflege. Severin, Berlin 1985, ISBN 3-88679-125-4.
  • Auf der Pfaueninsel: Spaziergänge in Preußens Arkadien. Siedler, Berlin 1986, ISBN 3-88680-236-1.
  • Wanderungen zwischen Oder und Nirgendwo: Das Land der Vorfahren mit der Seele suchend. Siedler, Berlin 1988, ISBN 3-88680-303-1.
  • Stadtgedanken. Goldmann, München 1990, ISBN 3-442-12801-3.
  • Abschied von Preußen. Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin 1991, zuletzt Orbis Verlag, München 2000, ISBN 3-572-01174-4.
  • Der Verlust des alten Europa: Ansichten zur Geschichte und Gegenwart. DVA, Stuttgart 1996, ISBN 3-421-05047-3.
  • Ein Leben wird besichtigt: In der Welt der Eltern. Siedler, Berlin 2000, ISBN 3-88680-704-5.
  • Phoenix im Sand: Glanz und Elend der Hauptstadt. Goldmann, München 2000, ISBN 3-442-75590-5.
  • Weder Maas noch Memel: Ansichten vom beschädigten Deutschland. Goldmann, München 2002, ISBN 3-442-72827-4.
  • Wir waren noch einmal davongekommen: Erinnerungen. Siedler, München 2004, ISBN 3-88680-790-8, Leseprobe, (pdf-Datei, 23 S.; 173 kB)
  • Der lange Abschied vom Bürgertum: Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler. wjs-verlag, München 2005, ISBN 3-937989-10-2.
  • Wider den Strich gedacht. Siedler, München 2006, ISBN 3-88680-844-0 (Essaysammlung aus fünf Jahrzehnten des publizistischen Wirkens J. W. Siedlers).[19]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Carsten Heinze: Identität und Geschichte in autobiographischen Lebenskonstruktionen. Jüdische und nicht-jüdische Vergangenheitsbearbeitungen in Ost- und Westdeutschland. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-15841-9 (siehe auch Innere Emigration).
  • Achim Engelberg: „Es tut mir leid: ich bin wieder ganz Deiner Meinung“ – Wolf Jobst Siedler und Ernst Engelberg: Eine unwahrscheinliche Freundschaft. Siedler, München 2015, ISBN 978-3-8275-0049-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wolf Jobst Siedler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geert Mak: In Europa. Pantheon, München 2004, ISBN 978-3-570-55018-2, S. 417.
  2. Nichts gelesen. Der Frankfurter Krach um den Goethepreis-Kandidaten Ernst Jünger. In: Der Spiegel, 16. August 1982, aufgerufen am 3. Dezember 2013.
  3. Verlagsgeschichte | Siedler Verlag. In: www.randomhouse.de. Abgerufen am 12. Oktober 2016.
  4. „Die Kombination war ein unwiderstehliches Angebot.“ In: Tagesspiegel, 28. Juni 1998, Interview mit Arnulf Conradi.
  5. Geert Mak: In Europa. Pantheon, München 2004, ISBN 978-3-570-55018-2, S. 407.
  6. Traueranzeige von Angehörigen Siedlers pdf (15 kB) [1]
  7. Volker Ullrich: Albert Speer: Zum Dank ein Bild vom Führer, in: Zeit Online vom 3. Juni 2016
  8. Matthias Schmidt: Albert Speer: Das Ende eines Mythos – Speers wahre Rolle im Dritten Reich. Scherz, Bern und München 1982, ISBN 3-50216668-4. Neuauflage: Netzeitung, Berlin 2005, ISBN 3-938941-00-6
  9. Matthias Schmidt: Das Ende eines Mythos. Aufdeckung einer Geschichtsverfälschung. Goldmann, München 1985, ISBN 3-44211354-7
  10. Volker Ullrich: Speers Erfindung - Wie die Legende um Hitlers Liebling entstand und welche Rolle Wolf Jobst Siedler und Joachim Fest dabei spielten, in: Zeit Online, 4. Mai 2005
  11. Mussen der Stadt Nürnberg: Albert Speer in der Bundesrepublik - Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit, Ausstellung vom 28. April bis 26. November 2017
  12. Christian Gampert: Albert Speer und seine Helfer. Geschichtsfälschung für die Mär vom unpolitischen Technokraten in: Deutschlandfunk, gesendet 30. April 2017
  13. Rudolf Neumaier: Die Mär vom "guten Nazi" Albert Speer in: Süddeutsche Zeitung, online 7. Mai 2017
  14. Magnus Brechtken: Albert Speer Eine deutsche Karriere, Siedler, 2017, ISBN 978-3-8275-0040-3
  15. Sebastian Hammelehle: Zum Tode Wolf Jobst Siedlers: Ein wehmütiger Konservativer. In: Spiegel online, 28. November 2013.
  16. Hermann Rudolph: Verleger und Publizist Wolf Jobst Siedler gestorben: Der Unzeitgemäße. In: Der Tagesspiegel, 28. November 2013.
  17. Arnulf Baring: Wolf Jobst Siedler dachte Europa von Preußen aus. In: Die Welt, 28. November 2013.
  18. Egon Bahr: Solitär der Unabhängigkeit, JF, 5. Dezember 2013
  19. Rezension von Hermann Rudolph: Verteidigung des Widerspruchs. Stationen eines publizistischen Lebens. In: Tagesspiegel, 17. Januar 2006.