Wolfgang Pohrt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Wolfgang Pohrt (* 1945) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler und politischer Publizist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pohrt studierte Soziologie, Psychologie, Politik und Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main und Berlin. 1976 erschien in der Frankfurter Syndikat Autoren- und Verlagsgesellschaft seine Dissertation Theorie des Gebrauchswerts oder über die Vergänglichkeit der historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt, mit der er an der Universität Bremen zum Dr. phil. promoviert worden war. Von 1974 bis 1980 war er Assistent am Lehrstuhl für Soziologie an der Hochschule Lüneburg.

Von 1980 bis 1987 arbeitete Wolfgang Pohrt als freier Publizist. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Beiträge für Rundfunksender (DLF, WDR, SFB, SWF, NDR) sowie Zeitungen und Zeitschriften (die tageszeitung, konkret, Frankfurter Rundschau, Die Zeit, Der Spiegel, Kursbuch, Die Wochenzeitung /Zürich, Express / Wien, Telos / St. Louis, International Herald Tribune / Paris u. a.)

1988 bis 1990 war Pohrt nach Eigenaussage „bei einem kleinen gewerblichen Institut … Universaltalent für Berichteschreiben, Datenauswertung, Fragebogenkonstruktion und vieles mehr“; dazu gehörten u. a. Umfragen in Großsiedlungen, bei Jugendlichen, Kindern und Ausländern.

Anschließend führte er 1990 bis 1994 im Auftrag der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur (1984 von Jan Philipp Reemtsma gegründet) als „gesellschaftstheoretisierender Privatier“ (Pohrt) ein Forschungsprojekt mit dem Titel Massenbewusstsein in der Umbruchsphase durch; methodisches Vorbild war The Authoritarian Personality von Theodor W. Adorno u. a. Die Ergebnisse dieser Forschungsbemühungen erschienen in drei Bänden: Der Weg zur inneren Einheit. Elemente des Massenbewußtseins BRD 1990 (Konkret Literatur Verlag 1991); Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit (Edition Tiamat 1992); Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand (Edition Tiamat 1994).

Von 1994 bis 1995 folgten Projektarbeit und Begleitforschungsorganisation (Multimedia, E-Commerce, Video-on-Demand) bei der Akademie für Technikfolgenabschätzung, Stuttgart. Von 1995 bis 1996 war er erneut bei der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur tätig; diesmal mit Forschungen zur Bandenbildung. Von 1998 bis 2000 war Pohrt innerhalb eines Projekts mit Umfragen unter Jugendhausbesuchern und Stichprobenerhebungen in einem größeren Stadtgebiet befasst.

Von 2000 bis 2002 betreute er an der Fachhochschule Ludwigsburg, einer Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen, Projekte zu Wissensmanagement, Content-Management und Unternehmenskultur. Zugleich hatte er einen Lehrauftrag an der Hochschule der Medien Stuttgart und beschäftigte sich mit Wissensmanagement in der öffentlichen Verwaltung. Ab Anfang 2004 war Pohrt Betreiber der Ich-AG „Sozialwissenschaftlicher Service Dr. Wolfgang Pohrt“, die Umfragen, Evaluationen und dergl. anbot. Diese Ich-AG wurde nach einiger Zeit wieder aufgelöst.

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er wandte sich in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren gegen antisemitische und antiamerikanistische Tendenzen in der deutschen Linken, was ein zentrales Merkmal seiner Schriften in dieser Zeit war. Bereits mit dem Artikel Ein Volk, ein Reich, ein Frieden, der im Oktober 1981 in der Zeit erschien, kritisierte er den Antiamerikanismus der Friedensbewegung und bezeichnete sie polemisch als „deutschnationale Erweckungsbewegung“.[1]

Eine Anthologie über das Verhältnis der deutschen Linken zum Antisemitismus regte Pohrt an, als Alice Schwarzer den Journalisten Henryk M. Broder als „militanten Juden“ bezeichnete und den Mitarbeitern der Emma jeglichen Umgang mit Broder verbot.[2] Die von Pohrt geplante Anthologie kam jedoch nicht zustande.

Kontroversen löste Pohrts Haltung zum Zweiten Golfkrieg 1991 aus. Damals plädierte er in einem Artikel der Zeitschrift konkret (3/91) dafür, dass Israel irakische Giftgasattacken gegebenenfalls mit der Atombombe beantworten solle.[3]

Für erneute Kontroversen sorgte sein Auftritt am 30. September 2003, im Vorfeld des 13. Jahrestages der Deutschen Wiedervereinigung, auf einer Podiumsdiskussion zusammen mit Henryk M. Broder, zu der das Berliner Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus geladen hatte.[4] Dort vertrat Pohrt die Ansicht, dass die Gefahren von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in Deutschland „von allen Medienkonzernen und überhaupt allen einflussreichen Gruppen“ aufgebauscht würden „mit dem Zweck, später unbehelligt die sogenannte Agenda 2010 durchziehen zu können, ein Programm zur Verelendung der Armen“. Sein Resümee in dieser Frage lautete: „Menschen brauchen soziale Kontrolle, und für die Ausländer in Deutschland gibt es davon derzeit zu wenig.“ Auch die Renaissance eines aggressiven deutschen Nationalstaates wurde von Pohrt bestritten: Die Deutschen wären dazu gar nicht in der Lage, da sie sich aufgrund ihrer Altersstruktur vielmehr um Rente und Zahnersatz kümmern müssten.[5] Infolge der Diskussion seines Berliner Auftritts entstand Pohrts Buch FAQ, in dem er sich – zwischenzeitlich von Robert Kurz als „antideutscher Turnvater“ bezeichnet – von den Antideutschen distanziert. Nicht mehr Rassismus und Antisemitismus seien mittlerweile Konsens, sondern deren Kritik. Die staatliche Förderung dieser Kritik diene dazu, die soziale Frage zu verschleiern.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eigenständige Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theorie des Gebrauchswerts. Über die Vergänglichkeit der historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt. Syndikat, Frankfurt a. M. 1976, erweiterte Ausgabe: Edition Tiamat, Berlin 1995.[6]
  • Ausverkauf. Von der Endlösung zu ihrer Alternative, Pamphlete u. Essays. Rotbuch, Berlin 1980.[7]
  • Endstation. Über die Wiedergeburt der Nation, Pamphlete und Essays. Rotbuch, Berlin 1982.
  • Kreisverkehr, Wendepunkt. Über die Wechseljahre der Nation und die Linke im Widerstreit der Gefühle, Pamphlete und Glossen. Edition Tiamat, Berlin 1984.
  • Stammesbewusstsein, Kulturnation. Pamphlete, Essays, Feuilleton. Edition Tiamat, Berlin 1984.
  • Zeitgeist, Geisterzeit, Kommentare & Essays. Edition Tiamat, Berlin 1986.
  • Ein Hauch von Nerz. Kommentare zur chronischen Krise. Edition Tiamat, Berlin 1989
  • Der Geheimagent der Unzufriedenheit. Balzac. Rückblick auf die Moderne. Edition Tiamat, Berlin 1984, erweiterte Ausgabe 1990, 3. Auflage 2012
  • Der Weg zur inneren Einheit. Elemente des Massenbewußtseins BRD 1990. Konkret-Literatur-Verlag, Hamburg 1991.
  • Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit. Edition Tiamat, Berlin 1992.
  • Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand. Edition Tiamat, Berlin 1994.
  • Brothers in Crime. Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit. Über die Herkunft von Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets, Gangs. Edition Tiamat, Berlin 1997, 2. Auflage Berlin 2000.[8]
  • FAQ. Edition Tiamat, Berlin 2004.
  • Gewalt und Politik. Ausgewählte Reden & Schriften. Edition Tiamat, Berlin 2010.
  • Kapitalismus Forever. Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam. Edition Tiamat, Berlin 2012.
  • Das allerletzte Gefecht. Über den universellen Kapitalismus, den Kommunismus als Episode und die Menschheit als Amöbe. Edition Tiamat, Berlin 2013.
  • Die Vertreibung aus dem Paradies - ein Jahr danach. Hochroth, Wien 2013.

Mitarbeit & Herausgeberschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Pohrt (Hrsg.): Wissenschaftspolitik – von wem, für wen, wie. Prioritäten in der Forschungsplanung. Hanser, München 1974.
  • Klaus Bittermann (Hrsg.): Gemeinsam sind wir unausstehlich. Die Wiedervereinigung und ihre Folgen. Edition Tiamat, Berlin 1990.
  • Die alte Strassenverkehrsordnung. Dokumente d. RAF. Mit Beitr. von W. Pohrt, K. Hartung, G. Goettle, J. Bruhn, K. H. Roth, K. Bittermann. Edition Tiamat, Berlin 1986.

Literatur zu und über Wolfgang Pohrt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Bittermann: Der intellektuelle Unruhestifter. In: Wolfgang Pohrt: Gewalt und Politik. Ausgewählte Reden & Schriften. Edition Tiamat, Berlin 2010, S. 425–438.
  • Kolja Lindner: Rien ne va plus – Wolfgang Pohrts „Theorie des Gebrauchswerts“. In: Geld – Wert – Kapital. Zum 150. Jahrestag der Niederschrift von Marx’ ökonomischen Manuskripten 1857/58. Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (= Beiträge zur Marx-Engels-Forschung/Neue Folge 2007), Hamburg 2007 (Argument), S. 212–246.
  • Ingo Elbe: Krisendiagnosen. Die verfallsgeschichtliche Kritik der Revolutionstheorie (zu Wolfgang Pohrt). In: I. Elbe: Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik, 2. Aufl., Berlin 2010, S. 546–564

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Pohrt: Ein Volk, ein Reich, ein Frieden. In: Die Zeit, Nr. 45/1981
  2. Alice Schwarzer und die Toleranz. In: Tagesspiegel
  3. Klaus Bittermann: Der intellektuelle Unruhestifter. In: Wolfgang Pohrt: Gewalt und Politik. Berlin 2010, S. 435 f.
  4. Vgl. Dietmar Dahts Veranstaltungsbericht. In: FAZ, 2. Oktober 2003.
  5. Vgl. Pohrt: Zoff im Altersheim. In: Ders.: FAQ. Berlin 2004, S. 9–18.
  6. Manfred Dahlmann: Kritische Theorie am Ende? – Über die Antinomien totaler Vergesellschaftung bei Stefan Breuer und Wolfgang Pohrt. In: Initiative Sozialistisches Forum, Freiburg.
    Auszug aus Theorie des Gebrauchswerts von Pohrt.
  7. Nationalsozialismus und KZ-System – Auszug aus Ausverkauf. Von der Endlösung zu ihrer Alternative von Pohrt.
  8. Florian Beck: Pohrt, Wolfgang – Brothers in Crime. Rezension vom 26. April 2004.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]