Wolfgang Reinhard

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Wolfgang Reinhard (2012)

Wolfgang Reinhard (* 10. April 1937 in Pforzheim) ist ein deutscher Historiker.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wolfgang Reinhard studierte Geschichte, Anglistik und Geographie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. 1963 wurde er bei Erich Hassinger in Freiburg promoviert. Nach einer Zeit im Schuldienst und als Schulentwicklungsreferent am Oberschulamt Freiburg habilitierte er sich 1973. 1977 erhielt er einen Ruf für Neuere und Außereuropäische Geschichte an der Universität Augsburg, war 1985/1986 Gastprofessor an der Emory University in Atlanta und von 1990 bis zu seiner Emeritierung 2002 Ordinarius für Neuere Geschichte in Freiburg im Breisgau. Einen Ruf auf einen hochdotierten Woodruff Chair an der Emory University lehnte er 1986 aus privaten Gründen ab. 2003/2004 war er Jean-Monnet-Fellow am European University Institute Florenz; 2004 Gast des Rektors am Netherlands Institute for Advanced Studies in Wassenaar. Seit 2005 ist er am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt tätig.

Reinhard widmet sich insbesondere der historischen Anthropologie, der vergleichenden Verfassungsgeschichte Europas, der europäischen Expansion und der Geschichte des Papsttums. Mit Hilfe der Verflechtungsanalyse, die er in die Geschichtswissenschaft einführte, untersuchte er vor allem das Klientelwesen an der Kurie.[1] Er ist einer der Schöpfer der Theorie der Konfessionalisierung. Reinhard war Mitherausgeber der Zeitschriften Periplus und Saeculum, der Reihen Historiae, Historische Anthropologie, Menschen und Kulturen sowie Päpste und Papsttum. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen das vierbändige Standardwerk Geschichte der europäischen Expansion (1983–1990), die Geschichte der Staatsgewalt (1999) sowie die 2004 erschienene Kulturanthropologie-Geschichte Lebensformen Europas. Einem breiten Publikum wurde er 2006 bekannt durch die Veröffentlichung seines Buches Unsere Lügengesellschaft.

Für seine Forschungen wurden Reinhard zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen und Mitgliedschaften zugesprochen. Reinhard ist Mitglied der British Academy, Mitglied der Accademia di San Carlo di Milano und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Von 1988 bis 2002 war er Mitglied des Beirats des Deutschen Historischen Instituts in Rom. 2001 erhielt er für sein Gesamtwerk den renommierten Preis des Historischen Kollegs („Historikerpreis“) durch den Bundespräsidenten.[2] Am 19. Oktober 2012 wurde Reinhard die Ehrendoktorwürde der Universität Konstanz verliehen.[3]

Zu seinen Schülern gehören Peter Burschel (Habilitation), Birgit Emich (Promotion und Habilitation), Mark Häberlein (Promotion und Habilitation), Achim Landwehr (Promotion), Christoph Marx (Habilitation), Tobias Mörschel (Promotion), Volker Reinhardt (Promotion und Habilitation), Michaela Schmölz-Häberlein (Promotion), Markus Völkel (Habilitation), Wolfgang Weber (Promotion und Habilitation), Reinhard Wendt (Promotion und Habilitation) und Jürgen Zimmerer (Promotion).[4] Reinhard betreute neun Habilitationen und 53 Promotionen[5] sowie 137 Magisterarbeiten und Zulassungsarbeiten zum Staatsexamen.[6]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Reform in der Diözese Carpentras unter den Bischöfen Jacopo Sadoleto, Paolo Sadoleto, Jacopo Sacrati und Francesco Sadoleto 1517–1596. Aschendorff, Münster 1966 DNB 457917016 (= Reformationsgeschichtliche Studien und Texte, Band 94, zugleich Dissertation an der Universität Freiburg im Breisgau 1963 DNB 481246460).
  • Papstfinanz und Nepotismus unter Paul V. (1605–1621): Studien und Quellen zur Struktur und zu quantitativen Aspekten des päpstlichen Herrschaftssystems. 2 Bände. Hiersemann, Stuttgart 1974, Teil 1, ISBN 3-7772-7419-4 und Teil 2, ISBN 3-7772-7426-7 (Päpste und Papsttum. Band 6).
  • Geschichte der europäischen Expansion. 4 Bände. Kohlhammer, Stuttgart 1983–1990.
  • Kleine Geschichte des Kolonialismus. Kröner, Stuttgart 1996, ISBN 3-520-47501-4. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-47502-2.
  • Geschichte der Staatsgewalt: Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart. Beck, München 1999, ISBN 3-406-45310-4.
  • Lebensformen Europas. Eine historische Kulturanthropologie. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51760-9.
  • Glaube und Macht: Kirche und Politik im Zeitalter der Konfessionalisierung. Herder, Freiburg im Breisgau 2004, ISBN 3-451-05458-2.
  • Unsere Lügengesellschaft: Warum wir nicht bei der Wahrheit bleiben. Murmann, Hamburg 2006, ISBN 3-938017-47-3.
  • Geschichte des modernen Staates: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-53623-6 (= Beck'sche Reihe, Band 2423, C.H. Beck Wissen).
  • (Hrsg.) Sakrale Texte: Hermeneutik und Lebenspraxis in den Schriftkulturen. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58487-9.
  • Die Nase der Kleopatra: Ein Spaziergang durch die Weltgeschichte. Herder, Freiburg im Breisgau 2011, ISBN 978-3-451-30294-7.
  • mit Peter C. Perdue, Iriye Akira, Jürgen Osterhammel, als (Hrsg.): Geschichte der Welt. Weltreiche und Weltmeere 1350–1750. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-64103-9 (= Geschichte der Welt / A history of the world. ISBN 978-3-406-64100-8).
  • Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68718-1.
  • Staatsmacht und Staatskredit. Kulturelle Tradition und politische Moderne. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2017, ISBN 978-3-8253-6712-1.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Antrittsrede von Herrn Wolfgang Reinhard an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften vom 21. November 1998. In: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für 1998, Heidelberg 1999, S. 131–135.
  • Preis des Historischen Kollegs. Siebte Verleihung 23. November 2001 [darin: Laudatio von Arnold Esch auf Wolfgang Reinhard sowie Vortrag "Geschichte als Delegitimation" von Wolfgang Reinhard]. Historisches Kolleg, [München 2001] (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Reinhard: Freunde und Kreaturen. „Verflechtung“ als Konzept zur Erforschung historischer Führungsgruppen. Römische Oligarchie um 1600. München 1979.
  2. Vgl. Wolfgang Reinhard: Geschichte als Delegitimation. Dankrede bei Entgegennahme des Preises des Historischen Kollegs am 23. November 2001 in München. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. November 2001, Nr. 275, S. 45.
  3. Website Universität Konstanz, abgerufen am 1. Oktober 2012
  4. Wolfgang Reinhard: Geschichte als Anthropologie, hrsg. von Peter Burschel. Köln/Weimar/Wien 2017. S. 430.
  5. Wolfgang Reinhard: Geschichte als Anthropologie, hrsg. von Peter Burschel. Köln/Weimar/Wien 2017. S. 430.
  6. Wolfgang Reinhard: Geschichte als Anthropologie, hrsg. von Peter Burschel. Köln/Weimar/Wien 2017. S. 433.