Wolfgang Reitzle

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Wolfgang Reitzle (2012)

Wolfgang Hans Reitzle (* 7. März 1949 in Neu-Ulm) ist ein deutscher Wirtschaftsmanager. Von 2003 bis 2014 war er Vorstandsvorsitzender der Linde AG und seit 2016 ist er Chairman der Linde plc (bis zur Fusion mit Praxair im Jahr 2018 Aufsichtsratsvorsitzender der Linde AG).[1][2] Unter anderem war er zudem von 2014 bis 2016 Verwaltungsratspräsident von LafargeHolcim und ist seit 2009 Aufsichtsratsvorsitzender der Continental AG.[3][4]

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur 1967 in Ulm studierte Reitzle an der Technischen Universität München Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften. 1971 graduierte er mit 22 Jahren als jüngster Absolvent der Hochschule zum Diplom-Ingenieur.[5] Bis 1974 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Werkstoff- und Verarbeitungswissenschaften, wo er 1974 im Fach Metallphysik summa cum laude promoviert wurde. Von 1972 bis 1975 absolvierte er ein Zweitstudium der Arbeits- und Wirtschaftswissenschaften zum Wirtschaftsingenieur.[6] Für seine Promotion benötigte er lediglich 2,5 Jahre, nachdem ihm der Lehrstuhl – basierend auf seinen besonderen akademischen Leistungen – gestattete, auf Studentenarbeiten, wie bspw. das Unterrichten oder das Abhalten von Tutorien, zu verzichten und lediglich seine Zeit auf das Schreiben seiner Arbeit zu verwenden.[7]

Berufliche Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1976–1999: BMW[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1976 begann er seine berufliche Karriere beim Fahrzeughersteller BMW als Fertigungsspezialist, 1983 wurde er Forschungschef. Nach mehreren leitenden Positionen stieg er 1987 zum Entwicklungsvorstand auf. In den Folgejahren hatte er maßgeblichen Anteil an der erfolgreichen Produktentwicklung und der Absatzsteigerung des BMW-Konzerns. In dieser Zeit erwarb er sich den Ruf eines erfolgreichen Automobilmanagers (Spitzname: Car Guy) und war in der Branche entsprechend begehrt. Einem Abwerbeversuch des Sportwagenherstellers Porsche widerstand er, u. a. weil er als Nachfolgekandidat des langjährigen BMW-Vorstandsvorsitzenden Eberhard von Kuenheim galt. Überraschenderweise wurde jedoch ein Weggefährte Reitzles, der spätere Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder, 1993 neuer Vorstandsvorsitzender bei BMW.[8]

1999–2002: Ford[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1999 ging Reitzle zum US-amerikanischen Autobauer Ford. Als Vorstandsvorsitzender der Premier Automotive Group (PAG) war er für die Konzernmarken Jaguar, Aston Martin, Volvo, Land Rover, Lincoln und Mercury verantwortlich.[9]

2002–2014: Linde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2002 wechselte er in den Vorstand des deutschen Gas- und Technikkonzerns Linde und wurde 2003 dort Vorstandsvorsitzender. Als weltgrößter Hersteller von Wasserstoff-Anlagen wollte die Linde AG unter Reitzle stärker auf das Automobilgeschäft mit Wasserstoffantrieben setzen. Im Februar 2005 sorgte Reitzle für Schlagzeilen, als er die Machbarkeit eines deutschen Wasserstoff-Tankstellennetzes in naher Zukunft propagierte. Am 6. September 2006 gelang Linde unter seiner Führung die Übernahme des britischen Industriegaseherstellers BOC, bei gleichzeitiger Abspaltung der Linde Material Handling (Flurförderfahrzeug-)Sparte, die mit ihren Marken Linde, Still und OM nun als Kion Group firmiert. Mit diesem Zusammenschluss und nun neu aufgestellt konzentriert sich The Linde Group auf das Industriegasegeschäft und zählt zu den Weltmarktführern in diesem Bereich. Der Sitz der Unternehmenszentrale wurde 2007 von Wiesbaden nach München verlegt.

2005 wurde Reitzle, Lehrbeauftragter an der TU München seit 1985, Honorarprofessor für Unternehmensführung an der Technischen Universität München (TUM).

In der halbjährlichen Umfrage „Manager nach Noten“ der Beratungsfirma Marketing Corporation, bei der 1000 Manager befragt werden, bekam Reitzle Ende 2007 im Schnitt die beste Bewertung und war somit unter den Kollegen die Top-Führungskraft Deutschlands mit dem höchsten Ansehen.[10]

Am 9. September 2009 wurde bekannt, dass Reitzle – zusätzlich zu seinen Aufgaben für Linde – Aufsichtsratschef des Autozulieferers Continental wird, zu dem er offiziell am 19. Oktober 2009 berufen wurde[11] und die Aufsichtsratsmandate für die Deutsche Telekom AG[12] und die Kion Group niederlegen werde. Sein Vertrag lief bis zur Hauptversammlung 2014; Reitzles Nachfolger wurde Wolfgang Büchele, der bis 2007 bei BASF beschäftigt war.[1][13][14]

2014–2015: LafargeHolcim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim weltgrößten Baustoffhersteller Holcim, Jona/Schweiz, ist er seit 2012 Verwaltungsratsmitglied, 2014 übernahm er von Rolf Soiron das Präsidium.[15] Im Laufe des Jahres 2015 entstand aus der Fusion von Holcim und Lafarge die Zementfirma LafargeHolcim mit einem Jahresumsatz von knapp 35 Milliarden Euro.[16] Seine Funktion gab Reitzle wegen der Übernahme des Aufsichtsratsvorsitzes bei der Linde AG im Mai 2016 auf.[17][18][19]

Beim Klinikbetreiber Medical Park wurde er im Januar 2014 Aufsichtsratsmitglied, im Juni Aufsichtsratsvorsitzender. Zudem erwarb er einen 10%igen Unternehmensanteil.[20] Im April 2014 wurde er Mitglied im Aufsichtsrat der Axel Springer SE. Bei der Weinhandelsgruppe Hawesko saß er zwischen Mitte 2014 und Juni 2017 im Aufsichtsrat.[21]

2016: Rückkehr zu Linde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der vorgeschriebenen „Abkühlphase“ von zwei Jahren kehrte Reitzle als Aufsichtsratschef zu Linde zurück.[22] Am 21. Mai übernahm Reitzle den Posten vom bisherigen Vorsitzenden Manfred Schneider.

Im Januar 2018 übernahm Reitzle vorübergehend und auf Bitten seines Freundes Willy Bogner den Aufsichtsratsvorsitz des Modeunternehmens Bogner, um eine Umstrukturierung einzuleiten. Diesen Posten legte er 2019 zusammen mit weiteren Mandaten wie Medical Park nieder und gab an, mit dem Erreichen des 70. Lebensjahres seine Aufgaben zu reduzieren.[23][24]

Am 25. Oktober 2021 wurde bekannt, dass Reitzle zum März 2022 den Posten des Linde-Verwaltungsrats-Vorsitzenden aufgeben will.[25]

Reitzle hat in den zurückliegenden Jahren in mehrere Startups investiert. So ist er zum Beispiel gemeinsam mit seiner Frau Nina Ruge, dem Schweizer Milliardär Michael Pieper und dem Arzt Dominik Duscher an der österreichischen Kosmetikfirma Tomorrowlabs beteiligt.[26]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reitzle wurde der Ausbau des Engagements Lindes in Russland vorgeworfen, das nach Meinung seiner Kritiker das Regime Putins stärkte. Kaum ein deutscher Spitzenmanager habe der russischen Regierung nähergestanden als Reitzle.[27]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reitzle hat zwei Töchter aus erster Ehe. 2001 heiratete er die Fernsehmoderatorin Nina Ruge.[28]

Politisch steht er der FDP nahe und äußerte sich wiederholt kritisch zur ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel bzw. deren Politik.[29][30][31]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Luxus schafft Wohlstand. Rowohlt, Hamburg 2003, ISBN 3-498-05762-6.
  • Industrieroboter. CW-Publikationen, München 1984, ISBN 3-922246-22-2.
  • Forschung und Innovation als Erfolgsfaktor für die Standortsicherung. In: Franz W. Peren (Hrsg.): Krise als Chance. Wohin steuert die deutsche Automobilwirtschaft? Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt am Main; Gabler, Wiesbaden 1994, ISBN 3-409-19190-9, S. 93–113.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Wolfgang Reitzle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Wachwechsel bei Linde: Reitzle übergibt intaktes Unternehmen. In: n-tv.de. 20. Mai 2014, abgerufen am 28. Juni 2014.
  2. Wolfgang Reitzle, Linde PLC: Profile and Biography. In: bloomberg.com. Abgerufen am 1. Februar 2021 (englisch).
  3. Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Reitzle zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Linde AG gewählt | The Linde Group. In: The Linde Group. Abgerufen am 4. Juni 2016.
  4. Aufsichtsrat der Continental AG. In: continental.com. Abgerufen am 17. November 2019.
  5. Wolfgang Reitzle, in: Internationales Biographisches Archiv 45/2014 vom 4. November 2014, im Munzinger-Archiv, abgerufen am 26. Juli 2018 (Artikelanfang frei abrufbar)
  6. ProfessorenproDatei: Reitzle_Wolfgang. In: professoren.tum.de. Abgerufen am 24. September 2016.
  7. Alte Schule – die goldene Ära des Automobils: Alte Schule, Folge 108 mit Wolfgang Reitzle, Teil 1 (der Podcast) auf YouTube, 2. September 2021, abgerufen am 30. Dezember 2021 (Laufzeit: 1:03:09 h).
  8. Peter Lau: Was denkt der bloß? – Wolfgang Reitzle, stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Ford. In: brandeins.de. 2000, abgerufen am 25. September 2016.
  9. Dietmar Hawranek: KARRIEREN: „Das tut richtig weh“. Automobilmanager Wolfgang Reitzle über seinen abrupten Abgang bei BMW und seinen neuen Job bei Ford. In: Der Spiegel. Nr. 12, 1999 (online21. März 1999, abgerufen am 25. September 2016).
  10. ase/dpa: Manager nach Noten: Reitzle ist der Beste. Wolfgang Reitzle ist unter deutschen Managern die angesehenste Topkraft – E.on-Chef Bernotat dagegen der mit dem schlechtesten Ruf. Das ergab die Umfrage „Manager nach Noten“. In: Spiegel Online. 21. Dezember 2007, abgerufen am 31. Dezember 2021.
  11. Linde-Chef Reitzle neuer Conti-Aufsichtsratschef. (Nicht mehr online verfügbar.) In: zeit.de. 19. Oktober 2009, ehemals im Original; abgerufen am 31. Dezember 2021 (keine Mementos).@1@2Vorlage:Toter Link/www.zeit.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  12. gr/tw: Wechsel im Telekom-Aufsichtsrat – Eon-Chef wird Kontrolleur. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Handelszeitung Online. 5. Januar 2010, archiviert vom Original am 5. Januar 2010; abgerufen am 5. Januar 2010.
  13. Linde AG Jahresabschluss 2011. (PDF) In: yumpu.com. S. 7, abgerufen am 9. März 2012.
  14. Süddeutsche.de/dpa/Reuters/mahu: Büchele folgt Reitzle als Linde-Chef. In: Süddeutsche Zeitung (online). 27. September 2013, abgerufen am 29. September 2013.
  15. Matthias Pfander: Der Mann, der die Fäden zog. In: Tages-Anzeiger. 12. April 2014, abgerufen am 31. Dezember 2021.
  16. Megafusion: Zementkonzerne bilden neue Nummer eins. In: Spiegel Online. 7. April 2014, abgerufen am 31. Dezember 2021.
  17. yr/cp: LafargeHolcim: VRP Wolfgang Reitzle tritt ab – Beat Hess als Nachfolger. (Nicht mehr online verfügbar.) In: cash.ch. 8. Februar 2016, archiviert vom Original am 4. Juni 2016; abgerufen am 4. Juni 2016.
  18. John Revill: LafargeHolcim’s Wolfgang Reitzle to Return to Linde. In: The Wall Street Journal. 8. Februar 2016 (wsj.com [abgerufen am 23. August 2016]).
  19. Wolfgang Reitzle bei Linde: Der Erfolgsgarant kehrt zurück. In: Handelsblatt. 8. Februar 2016, abgerufen am 1. Februar 2021.
  20. Neuer Aufsichtsratschef für Medical Park (Memento vom 6. Dezember 2013 im Internet Archive). In: Tegernseer Stimme. 15. November 2013.
  21. luk / dpa-afx: Reitzle macht sein Hobby zum Beruf. In: Manager Magazin. 19. August 2014, abgerufen am 18. Juni 2015.
  22. kpa/dpa: Ex-Vorstandsvorsitzender: Wolfgang Reitzle zum Linde-Aufsichtsratschef gewählt. In: SPIEGEL ONLINE. 3. Mai 2016, abgerufen am 23. August 2016.
  23. Ex-Linde-Chef Reitzle gibt Vorsitz in Bogners Aufsichtsrat ab. In: Handelsblatt. 19. September 2019, abgerufen am 2. Dezember 2020.
  24. Führungswechsel bei Medical Park. In: medinfoweb.de. 20. August 2019, abgerufen am 2. Dezember 2020.
  25. Caspar Busse: Wolfgang Reitzle: Ende einer Ära. In: Süddeutsche Zeitung. 25. Oktober 2021, abgerufen am 26. Oktober 2021.
  26. Thomas Tuma, Axel Höpner: Kosmetikbranche: Wie das Beauty-Start-up Tomorrowlabs den Markt erobert. In: Handelsblatt. 10. Oktober 2020, abgerufen am 2. Dezember 2020.
  27. 12 Germans who got played by Putin politico.eu, 5. Mai 2022.
  28. mim: Nina Ruge und Wolfgang Reitzle heiraten in aller Stille in der Toskana. In: Die Welt (online), 12. September 2001, abgerufen am 30. Juli 2014.
  29. Klaus Boldt: Corona-Politik: Wolfgang Reitzle übt scharfe Kritik an Bundesregierung. In: DIE WELT. 3. April 2021 (welt.de [abgerufen am 30. Dezember 2021]).
  30. K.-H. Büschemann, H.-J. Jakobs: „Was in Fukushima passiert ist, kann hier nicht passieren“. Interview mit Linde-Chef Wolfgang Reitzle. In: Süddeutsche Zeitung. 9. Mai 2011, abgerufen am 30. Dezember 2021.
  31. Carl Christian Jancke: Reitzle zu Technologieoffenheit auf YouTube, 19. September 2021, abgerufen am 30. Dezember 2021 (Rede am 19. September 2021 auf dem FDP-Bundesparteitag; Laufzeit: 22:00 min).
  32. TUM Professoren - Reitzle_Wolfgang. In: tum.de. Technische Universität München, abgerufen am 2. Dezember 2020.
  33. Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: @1@2Vorlage:Toter Link/www1.adac.de Wolfgang Reitzle erhält Persönlichkeitspreis 2010. Mitteilung des ADAC, abgerufen am 14. Januar 2010 (keine Mementos).
  34. Prof. Dr. Wolfgang Reitzle – Goldene Victoria als Unternehmer des Jahres 2010 (Memento vom 26. Oktober 2010 im Internet Archive). In: zeitschriftentage.vdz.de, 19. Oktober 2010.
  35. Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik 2021. Ludwig-Erhard-Stiftung, 5. Mai 2021, abgerufen am 30. Oktober 2021.