Wolfgang Streeck

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Wolfgang Streeck (2015)

Wolfgang Streeck (* 27. Oktober 1946 in Lengerich) ist ein deutscher Soziologe und Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Streeck studierte Soziologie in Frankfurt am Main und New York und war im Anschluss als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Münster tätig. Seiner Promotion 1980 in Frankfurt am Main folgte 1986 die Habilitation im Fach Soziologie an der Universität Bielefeld. Während seiner Studienzeit war er aktives Mitglied im Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) und Mitbegründer des Sozialistischen Büros in Offenbach am Main. Von 1980 bis 1988 war er Senior Research Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin. Danach war er von 1988 bis 1995 Professor für Soziologie und Industrielle Beziehungen an der University of Wisconsin–Madison.

Seit 1995 war er Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und wurde am 31. Oktober 2014 emeritiert. 1999 übernahm er eine Professur für Soziologie an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität zu Köln. Streeck ist seit 1998 Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. 2016 wurde er als auswärtiges Mitglied in die British Academy gewählt.

Streeck widmet sich in seinen Arbeiten vor allem Fragestellungen aus den Bereichen Wirtschaft und Politik und deren Wechselbeziehungen. Dabei bedient er sich eines historisch-vergleichenden institutionellen Ansatzes.

Fälschlicherweise wird ihm von einigen Seiten vorgeworfen, er hätte Ende der Neunzigerjahre über das Bündnis für Arbeit die Agenda 2010 mit vorbereitet.[1] Das Bündnis für Arbeit hatte jedoch keinen direkten Einfluss auf die Agenda 2010.[2]

Mit 16 Jahren trat Streeck in die SPD ein, wegen Thilo Sarrazins Vorschlag, Schwangerschaften von Akademikerinnen staatlich zu prämieren, trat er aus der SPD aus.[3]

Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Streeck meint, dass der sogenannte Spätkapitalismus, wie in Krisentheorien der 1960/70er Jahre beschrieben, in Wahrheit der Anfang einer damals unvorstellbaren Expansion kapitalistischer Produktions- und Konsumtionsverhältnisse war. Dabei war diese Expansion von einer fast 40 Jahre dauernden Steigerung von Inflation, von Staats- und Privatverschuldung[4] begleitet, die in der heutigen internationalen Banken- und Fiskalkrise ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Die Fiskalkrise hat sich jetzt zu einer fundamentalen Krise im Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus ausgewachsen; sie berührt damit das Staatensystem der entwickelten Industriegesellschaften insgesamt.

Die drei Vorlesungen im Frankfurter Institut für Sozialforschung behandeln die Verhinderung beziehungsweise den zeitweiligen Aufschub der schon in den 1970er Jahren vorhergesagten „Legitimationskrise“ des Systems durch Inflation, Staats- und Privatverschuldung, die einander bis zum Zusammenbruch des „Pumpkapitalismus“ (Ralf Dahrendorf) folgten. An die Stelle des Wachstums der Nachkriegsjahre traten nach 2007 verteilungspolitische „Pazifizierungsinstrumente“, als ein Mittel, das innergesellschaftliche Verhältnis von Arm und Reich anders zu bestimmen. Die Vorlesungen beschreiben die Finanz- und Fiskalkrise des Jahres 2012 als Prozess einer langfristigen Gewichtsverschiebung im Verhältnis der Faktoren „Demokratie“ und „Kapitalismus“, sie zeichnen den Wandel vom Steuer- zum Schuldenstaat nach, sie untersuchen die Folgen für eine demokratische Politik und diskutieren die jetzige Entwicklung hin zu einem „Konsolidierungs- und Austeritäts-Staat“. Die demokratische Beteiligung wurde zu bloßer Unterhaltung herabgewürdigt und zudem von politisch-ökonomischen Entscheidungen abgekoppelt. Was in den letzten Tagen (Juni 2012) als „Wachstumsprogramme“ politisch verkauft wurde, ist nichts weiter als eine „Umverpackung der nach wie vor alternativlos verfolgten Austeritäts- und Deregulierungsstrategie“.[5]

Jürgen Habermas, der die Buchpublikation der Vorlesungen mit großem Respekt vor der diagnostischen Analyse des Autors lobt, sie gar mit der Marxschen Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte vergleicht, kritisiert indessen Streecks „nostalgische Option“ für den Rückzug in die europäische Kleinstaaterei.[6]

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Streeck sieht in der aktuellen Krisenpolitik eine Fortsetzung des langfristigen Trends zur Zunahme der Staatsverschuldung und damit zur abnehmenden Handlungsfähigkeit des Staates, welcher von den Banken als Geisel genommen worden sei:

„Möglich, dass der finanzielle Kraftakt, den wir derzeit beobachten, der letzte ist, zu dem das westliche Staatensystem in der Lage ist. Danach wäre der Kapitalismus, wie er immer gewollt hat, sich selbst überlassen.“

In: Handelsblatt, 10. März 2009[7]

„Es scheint einen Imperativ zu geben: Die Forderungen des Finanzsektors an die Staaten müssen absoluten Vorrang haben vor den Forderungen der Bürger an die Staaten.“

In: Deutschlandfunk, 22. April 2013[8]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-58592-4.
  • Re-Forming Capitalism: Institutional Change in the German Political Economy. Oxford University Press, Oxford 2009.
  • Governing interests: business associations facing internationalization. Routledge, 2006, ISBN 0-415-36486-8.
  • mit Colin Crouch: The diversity of democracy: corporatism, social order and political conflict. Edward Elgar Publishing, 2006, ISBN 1-84542-613-4.
  • mit Kathleen Ann Thelen: Beyond continuity: institutional change in advanced political economies. Oxford University Press, 2005, ISBN 0-19-928046-0.
  • mit Martin Höpner: Alle Macht dem Markt? Fallstudien zur Abwicklung der Deutschland AG. Campus Verlag, 2003, ISBN 3-593-37265-7.
  • mit Kôzô Yamamura: The origins of nonliberal capitalism: Germany and Japan in comparison. Cornell University Press, 2001, ISBN 0-8014-3917-5.
  • Korporatismus in Deutschland: Zwischen Nationalstaat und europäischer Union. Campus Verlag, 1999, ISBN 3-593-36320-8.
  • Internationale Wirtschaft, nationale Demokratie: Herausforderungen für die Demokratietheorie. Campus Verlag, 1998.
  • mit Colin Crouch: Political economy of modern capitalism: mapping convergence and diversity. SAGE, 1997, ISBN 0-7619-5653-0.
  • Staat und Verbände. Westdeutscher Verlag, 1994, ISBN 3-531-12661-X.
  • Status und Vertrag als Grundkategorien einer soziologischen Theorie der industriellen Beziehungen: Habil.-Vortrag, gehalten am 12. November 1986 vor d. FAK. Für Soziologie d. Univ. Bielefeld. Veröffentlicht von WZB, Forschungsschwerpunkt Arbeitsmarkt u. Beschäftigung, 1988.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Notizen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. nachdenkseiten.de
  2. Cornelia Fraune: Soziale Pakte in Deutschland und in den Niederlanden. Wiesbaden 2011, S. 217.
  3. laut Rainer Hank: Ein vernünftiger Linker. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 26. Oktober 2014, S. 30 (Porträt über Streeck)
  4. von Streeck als „neoliberale Konterrevolution“ bezeichnet. Damit ist das Kapital aus dem „Gefängnis“ sozialer Regulierungen der Nachkriegszeit ausgebrochen. Er nennt die Deregulierung „atemberaubend erfolgreich“
  5. nach IFS
  6. Jürgen Habermas: Demokratie oder Kapitalismus. Vom Elend der nationalstaatlichen Fragmentierung in einer kapitalistisch integrierten Weltgesellschaft. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. 58. Jg./2013, H. 5, S. 59–70.
  7. Wolfgang Streeck: Eine Last für Generationen. In: Handelsblatt. 10. März 2009, abgerufen am 20. März 2009.
  8. Wenn politische Beschlüsse durch weltweite Marktwirtschaft ersetzt werden. In: Andruck – Das Magazin für politische Literatur im Deutschlandfunk. 22. April 2013, abgerufen am 5. Mai 2013.