Wolfgang Wippermann

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Wolfgang Wippermann (2010)

Wolfgang Wippermann (* 29. Januar 1945 in Wesermünde) ist ein deutscher Historiker. Er ist außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut in Berlin und hält Lehraufträge an der Universität der Künste Berlin und der Fachhochschule Potsdam.

Akademischer Werdegang[Bearbeiten]

Wippermann studierte in den 1960er und 1970er Jahren Geschichte, Germanistik und Politische Wissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen und der Philipps-Universität Marburg.[1] 1975 promovierte er bei Ernst Nolte an der Freien Universität Berlin zum Dr. phil..[2] Drei Jahre später habilitierte er sich über die Die Bonapartismustheorie von Marx und Engels.

Wippermanns Hauptforschungsgebiet ist die Ideologiegeschichte, d. h. Antiziganismus, Faschismus, Kommunismus und Antisemitismus. Befasst hat er sich auch mit dem Teufelsglauben und der Verunglimpfung gesellschaftlicher Randgruppen mit den daraus resultierenden Verschwörungstheorien. Als passionierter Hundefreund hat er auch zur Geschichte der Hunde publiziert.[3]

Als Mitglied der Corps Hildeso-Guestphalia (1964) und Vandalia Rostock (1971) hat er sich mit der Geschichte der Corps und des Kösener SC-Verbandes in der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt.[4][5]

Wippermann hatte Gastprofessuren an der Universität Innsbruck, dem Teachers College in Peking, der Indiana University, an der University of Minnesota und der Duke University inne.

Kontroversen[Bearbeiten]

Wippermanns Thesen sorgten mehrfach für Kontroversen innerhalb der deutschen Historikerzunft. So sieht sich Wippermann selbst als einzigen Historiker, der sich in der Goldhagen-Kontroverse auf die Seite Goldhagens schlug.[6] Wippermann kritisierte vornehmlich die Stoßrichtung und den Tonfall von Goldhagens Kritikern, wie etwa die Bezeichnung als „Scharfrichter“ durch den Journalisten Rudolf Augstein. Zudem warf Wippermann den Kritikern vor, Rufmord gegen Goldhagen zu betreiben. Der Vorwurf des Rufmordes und der Unwissenschaftlichkeit führte zu heftigen Widerspruch seitens der Gegner Goldhagens, also der Mehrheit der deutschen Historiker.

Über das Schwarzbuch des Kommunismus urteilte Wippermann, dass es nur „eine ermüdende Reihung von Mordgeschichten“ biete, eine „Dämonisierung des Kommunismus“ betreibe und hinterfragt werden müsse, ob es sich „bei den Regimen in der Sowjetunion, China, Kambodscha etc. überhaupt um kommunistische bzw. sozialistische Systeme gehandelt habe“. Reinhard Mohr kritisierte darüber im Spiegel, dass „gar nicht mehr versucht wird, wissenschaftliche oder politische Kritik zu üben und dass es nur noch um das gekränkte intellektuelle Ich“ gehe.[7]

Ein weiteres kontroverses Thema ist Wippermanns engagiertes Auftreten gegen die Totalitarismus-These, die in seinem Verständnis besagt, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus und des Stalinismus oder des Kommunismus als Ganzes vergleichbar oder gleichzusetzen seien. In diesem Zusammenhang übte Wippermann scharfe Kritik am Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin, dem er vorwarf, mittels der Totalitarismus-These „Vergleich und […] Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus“ zu betreiben. Dabei hielt er seinen Kontrahenten zudem vor, sie benutzten „Materialien aus der Gauck-Behörde als politische Waffe“. Mitarbeiter des Forschungsverbunds bezeichnete er als „Hobbyhistoriker“ oder „nekrophile Antikommunisten“.[8] Im Gegenzug wurde Wippermann vorgeworfen, er nutze „seinen akademischen Titel, um billige Agitation zu betreiben“.[9] Wolfgang Kraushaar urteilte in der Zeitung Die Zeit über Wippermanns Buch „Totalitarismustheorien“, dass es dem Autor nicht gelungen sei, an die mehr als zwanzig Jahre zurückliegenden Rekonstruktionen dieser Theorien anzuknüpfen und kritisierte die im Buch vorkommenden Pauschalurteile, polemischen Seitenhiebe und fehlende Distanz.[10] Ebenfalls kritisiert Frank-Lothar Kroll in der FAZ, dass sich Wippermann „hartnäckig gegen alle geschichtswissenschaftlichen Bemühungen um eine vergleichende Totalitarismusforschung wehrt“.[11]

Den Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) warf er angesichts ihres Hauptgutachtens Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation in einem Focus Online-Interview 2011 vor, sie seien „Utopisten“, die eine „Klimadiktatur“ in „größerem Rahmen“ vorschlagen, und dies „nicht aus Gedankenlosigkeit“. Dies erinnere ihn an „die faschistische oder kommunistische Internationale“. Es handle sich um „wissenschaftliche Fanatiker“, die „ihre Vorstellungen durchsetzen wollen“.[12]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Der Ordensstaat als Ideologie. Berlin 1978.
  • Antifaschismus in der DDR: Wirklichkeit und Ideologie. Berlin 1980.
  • Der „deutsche Drang nach Osten“. Darmstadt 1981.
  • Die Berliner Gruppe Baum und der jüdische Widerstand. Berlin 1981.
  • Steinerne Zeugnisse: Stätten der Judenverfolgung in Berlin. Berlin 1982
  • Die Bonapartismustheorie von Marx und Engels. Stuttgart 1983.
  • Europäischer Faschismus im Vergleich. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983.
  • Jüdisches Leben im Raum Bremerhaven: eine Fallstudie zur Alltagsgeschichte der Juden vom 18. Jahrhundert bis zur NS-Zeit. Bremerhaven 1985.
  • Das Leben in Frankfurt zur NS-Zeit I-IV. Frankfurt am Main 1986.
  • Der konsequente Wahn: Ideologie und Politik Adolf Hitlers. München 1989.
  • The Racial State. Germany 1933-1945. Cambridge 1991 (mit Michael Burleigh).
  • Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen: Darstellungen und Dokumente. Berlin 1992.
  • „Wie die Zigeuner.“ Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich. Berlin 1997.
  • Wessen Schuld? Vom Historikerstreit zur Goldhagen-Kontroverse. Berlin 1997.
  • Faschismustheorien. 7. Auflage, Darmstadt 1997.
  • Totalitarismustheorien. Darmstadt 1997.
  • Jens Mecklenburg, Wolfgang Wippermann (Hrsg.): „Roter Holocaust“? Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1998.
  • Umstrittene Vergangenheit. Fakten und Kontroversen zum Nationalsozialismus. Berlin 1998.
  • Konzentrationslager. Berlin 1999.
  • mit Detlef Berentzen: Die Deutschen und ihre Hunde. Ein Sonderweg der deutschen Mentalitätsgeschichte. München: Siedler, 1999. ISBN 3-442-75546-8
  • „Auserwählte Opfer?“: Shoah und Porrajmos im Vergleich; eine Kontroverse. Berlin 2005.
  • Agenten des Bösen: Verschwörungstheorien von Luther bis heute. be.bra verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89809-073-5
  • Autobahn zum Mutterkreuz. Historikerstreit der schweigenden Mehrheit, Rotbuch Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86789-032-8
  • Der Wiedergänger. Die vier Leben des Karl Marx. 2008, ISBN 978-3-218-00781-8
  • Dämonisierung durch Vergleich: DDR und Drittes Reich. Rotbuch Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86789-060-1
  • Faschismus: Eine Weltgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute. Primus, 2009, ISBN 978-3-89678-367-7
  • Denken statt Denkmalen.Gegen den Denkmalwahn der Deutschen. Rotbuch Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86789-115-8
  • Skandal im Jagdschloss Grunewald. Primus Verlag. Darmstadt 2010. ISBN 3-89678-810-8.
  • Heilige Hetzjagd: Eine Ideologiegeschichte des Antikommunismus., Rotbuch Verlag, Berlin 2012.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. endstation-rechts.de
  2. Dissertation: Der Ordensstaat als Ideologie
  3. Der Hund. 12/2011. S. 62
  4. Kösener Corpslisten 1996, 77, 669; 183, 580
  5. Corps und Nationalsozialismus
  6. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatJochen Böhmer: „Hitlers willige Vollstrecker“ und die Goldhagen-Debatte in Deutschland. Shoa.de, abgerufen am 20. Februar 2011.
  7.  Reinhard Mohr: Die Wirklichkeit ausgepfiffen. In: Der Spiegel. Nr. 27, 1998 (online).
  8. Wolfgang Wippermann: Die Diktatur des Verdachts. Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin auf Kommunistenjagd. In: Jungle World vom 19. Februar 1998.
  9. Die Politik der Ausgrenzung. Wippermann kontra Staadt – Mahler kontra Dutschke
  10. Wolfgang Kraushaar: Theorie oder Ideologie? Zur umstrittenen Renaissance des Totalitarismusbegriffs. In: Die Zeit, Nr. 9/1998
  11. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatFrank-Lothar Kroll: Zweierlei Vergleich. FAZ, 21. Dezember 2009, abgerufen am 20. Februar 2011.
  12. Auf direktem Weg in die Klimadiktatur? Focus Online, 6. Juni 2011 (abgerufen am 17. Februar 2013).