Wollseifen

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Wollseifen, Luftaufnahme (2015)
Wollseifen im Januar 2006

Wollseifen war eine Ortschaft auf der Dreiborner Hochfläche, unweit der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang, im heutigen Nationalpark Eifel.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Dorf durch britische Streitkräfte geräumt, um auf dem umliegenden Gelände den Truppenübungsplatz Vogelsang anzulegen. Dieser wurde 1950 dem belgischen Militär übergeben. Seit dem 1. Januar 2006, nach Aufgabe des Truppenübungsplatzes, ist der Ort, heute eine Wüstung, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Gelände des Truppenübungsplatzes Vogelsang (1946–2005)

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während das umliegende Urfttal Bodenfunden zufolge bereits römisch besiedelt war, wird das Dorf Wollseifen auf der Höhe (circa 500 m) erst im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnt als Wolf-Siefen, was so viel heißt wie ein Bachtal, in dem die im Mittelalter in der Eifel vorkommenden Wölfe tranken; gemeint können nur die Täler von Urft und Neffgesbach unterhalb der Hochfläche gewesen sein. Die ersten Siedler lebten in einfachen Hütten aus gegeneinander aufgestellten Baumstämmen mit Feuerstelle (Waasemshötten).

Der Vorläufer der Pfarrkirche St. Rochus war abseits des späteren Dorfes eine 799 der Heiligen Walburga geweihte Kapelle an einem karolingischen Königshof (Walberhof). 1145 wurde der Walberhof vom römisch-deutschen König Konrad III. dem Kloster Steinfeld geschenkt. Von Kaiser Friedrich Barbarossa wurde 1162 diese Schenkung bestätigt. Lehensmäßig im Heiligen Römischen Reich mit dem Dorf Wollseifen verbunden, wurde der Walberhof 1933/34 Eigentum der Deutschen Arbeitsfront und später abgerissen; auf dem Gelände befindet sich heute der Wanderparkplatz an der Bundesstraße 266 am Kreisel „Vogelsang“.

Die letzte Glocke von Wollseifen. Heute befindet sie sich in St. Apollonia in Steckenborn

Im Dorf selbst begann man im 15. Jahrhundert mit dem Bau einer Kapelle, die 1470 die Gottesdienste übernahm und 1635 zur Pfarrkirche erhoben wurde. Die Walburgiskapelle verfiel, und heute ist nichts mehr von ihr übrig. Wollseifen gehörte zur Grafschaft Schleiden im Herzogtum Luxemburg. Zum Gerichtsbezirk Wollseifen gehörten neben Wollseifen die Ortschaften Dreiborn (Teil des Dorfes), Einruhr, Leykaul, Morsbach (Teil des Dorfes), Krummenauel und Walberhof.[1]

Nach 1792 hatten französische Revolutionstruppen die Österreichischen Niederlande, zu denen das Herzogtum Luxemburg gehörte, besetzt und im Oktober 1795 annektiert. Von 1795 bis 1814 gehörte der Ort zum Departement der Ourthe.

Die Bevölkerung lebte bis ins 19. Jahrhundert hinein von bescheidenem Ackerbau, Schafzucht, Holzfällerei und Köhlerei. In den Jahren 1899 bis 1904 brachte auch der Bau der Urftsperrmauer Arbeitsplätze. Mit dem Fremdenverkehr ging vor dem Ersten Weltkrieg ein erster wirtschaftlicher Aufschwung einher. In der Zeit der Weimarer Republik bekam Wollseifen als erster Ort auf der Dreiborner Höhe eine elektrische Stromleitung und eine eigene Wasserleitung. Wollseifen unterhielt zu dieser Zeit ein reiches Vereinsleben (Jünglingsverein mit unbekanntem Gründungsdatum, Musikverein von 1905, Gesangsverein von 1914).

Zusätzliche Arbeitsplätze versprachen sich die Bewohner in der Zeit des Nationalsozialismus vom Bau der Ordensburg Vogelsang, einer Ausbildungsstätte des „Führernachwuchses“ der NSDAP. Warum „selbst besonnene Männer von diesem Treiben begeistert“ waren, ist den Herausgebern der Publikation Wollseifen – Das tote Dorf (S. 32) unerklärlich. 1940 wurde nah bei Wollseifen der Bau des Dorfes Vogelsang begonnen. Eine "Wohnanlage" für die zivilen Beschäftigten auf der Ordensburg. Im Kampf um die Eifel in der Spätphase des Zweiten Weltkrieges (September 1944 bis Januar 1945) wurde Wollseifen durch alliierten Artilleriebeschuss stark zerstört.

Die evakuierte Bevölkerung kehrte im Sommer 1945 in das unter britischer Administration stehende Wollseifen zurück.

Die Räumung zum 1. September 1946 und ihre Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 13. August 1946 forderte die britische Militärverwaltung die etwa 120 Familien des Ortes Wollseifen (ca. 500 Einwohner) auf, das Dorf innerhalb von drei Wochen zu räumen, denn die Briten wollten das Gelände für einen Truppenübungsplatz haben. Der Ort gehörte bis dahin zur Gemeinde Dreiborn.

Die Aufforderung löste Bestürzung bei der unvorbereiteten Bevölkerung aus, die geglaubt hatte, nach Rückkehr aus dem Kriege und aus dem Exil durch notdürftigen Wiederaufbau ihrer Häuser und erste Bestellung ihrer Felder aus dem Gröbsten heraus zu sein.

Am 1. September 1946 wurde Wollseifen von den Briten zum Sperrgebiet erklärt. Die Getreideernte konnten die Bewohner vorher noch einbringen; für die Kartoffelernte erhielten sie an einem Wochenende im Oktober noch eine gesonderte Zutrittsgenehmigung. Durch Schießübungen und Brände wurden in der Folgezeit die verlassenen Gebäude nach und nach zerstört und später mit Ausnahme eines unzerstört gebliebenen Trafohäuschens und der Ruinen der Kirche, des ehemaligen Schulgebäudes und einer am Dorfrand liegenden Kapelle abgetragen.

Die Wollseifener wurden zunächst in Notunterkünfte der umliegenden Ortschaften (Einruhr, Herhahn, Gemünd, Schleiden u. a.) verbracht. Sie erhielten drei Jahre später nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland von der Schleidener Kreisverwaltung nur teilweise Flüchtlingsstatus im Sinne des Flüchtlingssiedlungsgesetzes vom 10. August 1949. Einmal jährlich zu Allerseelen durften sie mit Genehmigung der belgischen Militärverwaltung die Gräber ihrer Angehörigen besuchen. Im Jahr 1954 wurde Wollseifen dann zweimal wöchentlich, vom etwa 23 km entfernten belgischen Truppenübungsplatz Elsenborn aus, mit Artillerie beschossen, wobei die Kirche und der Friedhof so stark zerstört wurden,[2] dass die Gräber nicht mehr gepflegt werden konnten und die Toten 1955 auf die Friedhöfe der umliegenden neuen Wohnorte der ehemaligen Bewohner umgebettet wurden.

Als nach 1955 fest stand, dass der Truppenübungsplatz eine Dauereinrichtung und eine Rückkehr der Wollseifener in ihre Heimat nicht möglich sein würde, begann die Bundesvermögensverwaltung das Grundvermögen aufzukaufen. Gestritten wurde um den Preis; viele Eigentümer fühlten sich benachteiligt. 1962 gründeten die nunmehr verstreut lebenden Dorfbewohner den Traditionsverein Wollseifen, der ihre Interessen auf Reparationszahlungen gegenüber dem Bund vertrat. Nachdem 1975 diese Forderungen vom Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages zurückgewiesen worden waren, verlegte der Verein seine Aktivitäten auf Geschichtsschreibung, Mundartdichtung und Traditionspflege (Seniorentreffen, Totenehrung, Patronatsfest des Hl. Rochus am 17. August). Die Mitgliederzahlen des Vereins sind durch Zeitablauf bedingt rückläufig. Die Nachfahren der evakuierten Wollseifener haben ihr Leben anderweitig eingerichtet.

Bauten für den Häuserkampf
Schafherde in Wollseifen
Auf dem Wanderweg über die Dreiborner Hochfläche von Wollseifen zur Urfttalsperre: Blick auf die ehemalige „Ordensburg“ Vogelsang und den Kermeter

Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: St. Rochus (Wollseifen)

Neubauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Dorfgelände errichtete das belgische Militär zahlreiche Kulissenhäuser, um den Häuserkampf üben zu können. Beispielsweise wurde hier im Mai 2001 für den Kosovo-Einsatz trainiert.

Um diese Häuser entstand eine heftige Debatte, ob alle unter Denkmalschutz gestellt werden sollten oder aus Verkehrssicherungsgründen abgerissen. 2012 einigte man sich auf einen Kompromiss: Von den ursprünglichen 52 blieben 21 Häuser stehen, diese werden im Frühjahr so gesichert, dass ein Zugang für Besucher des Nationalparks nicht mehr möglich ist. Für Reptilien und Fledermäuse sollen an den betreffenden Stellen Schlitze gelassen werden. Ein Nebeneffekt bei dieser Maßnahme ist auch, dass der Blick auf die ehemalige Pfarrkirche freier ist.[3]

Sanierungen im 21. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirche im März 2016

Am 16. März 2006 wurde als zeitgenössische Alternative zum Traditionsverein Wollseifen der Förderverein Wollseifen e.V. gegründet, der Restaurierungsmaßnahmen vornahm und das Gelände zur Besinnungs- und Gedenkstätte ausbaute. Am 20. August 2006 fand in der Kirchenruine der erste Gottesdienst nach 60 Jahren statt; einen solchen gibt es seither alljährlich wieder an dem auf den Namenstag des Heiligen Rochus (16. August) folgenden Sonntag (Patronatsfest).

Die Kapelle am Ortsrand wurde 2007 saniert und eingesegnet. Neben ihr wurde der Steintrog des Wollseifener Brunnens, der zuvor in Herhahn aufbewahrt wurde, nahe an seinen ursprünglichen Platz zurück verbracht.

Das Kirchenschiff erhielt 2008 einen neuen Dachstuhl; dieser und der Kirchturm wurde mit Schiefer gedeckt. 2009/10 wurden weitere Restaurierungsarbeiten an der Kirche vollendet; das Mauerwerk wurde trockengelegt, Fenster und Türen eingesetzt und im Inneren ein Auferstehungskreuz und Kirchenbänke aufgestellt.

Die Ruine der Schule (Erdgeschoss) wurde gesichert, und seit März 2011 benennen neue Straßenschilder die einstigen Dorfgassen. Historische Fotografien, die in der Kirche, an der Schule und an der Infotafel im Ortszentrum angebracht wurden, dokumentieren das Dorfleben der Vorkriegszeit.

Im November 2014 wurde mit der Restaurierung der Volksschule Wollseifen begonnen.

Ruine der ehemals 2 geschossigen Volksschule vor der Restaurierung im August 2014

Nationalpark[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Aufgabe des Truppenübungsplatzes zum 1. Januar 2006 ist Wollseifen auf neuen von der Nationalparkverwaltung eingerichteten Wanderrouten wieder zugänglich, die von Wochenendausflüglern und Feriengästen häufig genutzt werden. Die Spuren der militärischen Übungen sind vereinzelt noch in Form von herumliegenden Platzpatronen und Panzerspuren zu erkennen. Das Geisterdorf liegt im Kreuzungspunkt von vier markierten Strecken, nämlich

  1. von Osten (Infocenter Vogelsang) durch den Wald entlang des Neffgesbachtals – ca. 3 km,
  2. von Westen (Einruhr) – ca. 5 km,
  3. von Süden (Herhahn) über die Dreiborner Hochfläche – ca. 4 km – sowie
  4. von Norden, ausgehend von der Urftsperrmauer – ebenfalls knapp 4 km.

Besonders beliebt bei Wanderern ist die letztgenannte Route zur Zeit der Ginsterblüte auf der Dreiborner Hochfläche mit ihren weiten Ausblicken auf Burg Vogelsang, Herhahn, Urftsee und Kermeter. Durch die Uferrandwege entlang des Obersees sowie die Schifffahrt auf beiden Armen dieses Sees sind die Routen 2 und 4 auch als Rundwanderung kombinierbar.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Traditionsverein Wollseifen (Hg.): Wollseifen – Das tote Dorf. Schleiden. (Selbstverlag)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wollseifen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Dreiborner Hochfläche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilhelm Fabricius: Erläuterungen zum Geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz, Die Karte von 1789 (2. Band), Bonn 1898. S. 34
  2. http://dreiborn.eu/dorfchronik.html
  3. Aachener Nachrichten, Nordeifel, Seite 15, Nummer 31 vom 6. Februar 2013

Koordinaten: 50° 34′ 46″ N, 6° 25′ 37″ O