Wormser Prozesse

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Wormser Prozesse werden drei von 1993 bis 1997 andauernde Strafprozesse vor dem Landgericht Mainz bezeichnet, in denen 25 Personen aus Worms und Umgebung des massenhaften Kindesmissbrauchs im Rahmen eines Pornorings angeklagt wurden und die mit dem Freispruch aller Beschuldigten endeten. Sie gelten als die größten Missbrauchsprozesse der deutschen Rechtsgeschichte.

Ein Teil der Kinder wurde im Rahmen der Fremdunterbringung jedoch sexuell missbraucht.

Auslöser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auslöser der Verfahren war ein Scheidungsverfahren, in dem eine Frau ihrem Ex-Mann sexuellen Missbrauch der gemeinsamen Kinder vorwarf und das sich zu einer Feindschaft zwischen den Familien steigerte. Die beiden Kinder lebten damals bei der Großmutter, die sich an das Jugendamt Worms wandte und von diesem an den Verein Wildwasser Worms e. V. verwiesen wurde. Eine Wildwasser-Mitarbeiterin befragte die Kinder mittels Techniken, die auf den Münsteraner Psychiatrieprofessor Tilman Fürniss zurückgehen (anatomisch korrekte Puppen, Märchenerzählungen, verhörähnliche Befragungen von Kindern, Fragestellungen mit impliziter Antwort etc.), und war davon überzeugt, Beweise für massenhaften Kindesmissbrauch gefunden zu haben. Die Ergebnisse wurden von einem Kinderarzt bestätigt, zu dem Wildwasser die Kinder schickte. Daraufhin wurden 25 Personen unter dem Tatverdacht des sexuellen Missbrauchs von insgesamt 16 eigenen oder fremden Kindern festgenommen. Deren Kinder wurden zum Teil im Kinderheim Spatzennest untergebracht. Der Prozess fand ein gewaltiges Medienecho. In der öffentlichen Meinung waren die Angeklagten bereits vorverurteilt. So berichtete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel zunächst: „Ein Großteil der medizinischen Befunde und die weitgehend übereinstimmenden Aussagen der Kinder lassen kaum Zweifel an vielen der Vorwürfe zu.“[1]

Hauptverfahren und Freispruch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wurden drei Hauptverfahren eröffnet, auch bezeichnet als Worms I, II und III. In Worms I wurden sieben Personen aus der Verwandtschaft der geschiedenen Frau angeklagt, in Worms II dagegen dreizehn aus der Familie ihres ehemaligen Mannes, darunter auch die Großmutter, bei der die beiden gemeinsamen Kinder lebten. Worms III betraf fünf Personen, die keiner der beiden Familien angehörten. Vorsitzender Richter in Worms I war zunächst Ernst Härtter und nach dessen Erkrankung 1994 der spätere Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel. Für Worms II und Worms III war Richter Hans E. Lorenz zuständig.

Eine Staatsanwältin fasste im Laufe der 131 Verhandlungstage empört und ungläubig die Vorwürfe der Verteidigung zusammen: „Die Verteidigung meint also: Blindwütige Feministinnen wirken auf ahnungslose Kinder ein, bis die von Missbrauch berichten, und skrupellose Staatsanwältinnen übernehmen das …“

Der Wormser Wildwasser-Verein brachte Anschuldigungen vor, die einer Überprüfung nicht standhielten oder widersprüchlich waren: Kinder waren zu angeblichen Tatzeiten noch nicht geboren, in anderen Fällen saßen die Eltern zur angeblichen Tatzeit bereits in Untersuchungshaft. An einem Mädchen, das bis zu seiner Herausnahme aus der Familie gynäkologisch unauffällig war, stellten zwei Ärzte fünf Tage nach Aufnahme im Kinderheim Spatzennest Befunde fest, die „mit hoher – einen vernünftigen Zweifel im Grunde ausschließenden – Sicherheit auf einen stattgehabten vaginal- und anal-penetrierenden sexuellen Missbrauch“ hindeuteten.[2] Psychologische Glaubwürdigkeitsgutachten unter anderem von Max Steller ergaben, dass die vielen, zum Teil sich widersprechenden Aussagen der Kinder durch Suggestion erzeugt worden waren und nicht auf Erlebnissen basierten.[3] Auch konnte die Polizei bei nicht angekündigten Hausdurchsuchungen keine Beweise finden, die auf sexuellen Missbrauch oder ähnliches schließen ließen. Somit basierte die gesamte Beweislage auf den Aussagen der wahrscheinlich manipulierten Kinder und dem Gutachten eines Kinderarztes, das jedoch eventuelle natürliche Ursachen für diverse Verletzungen der Kinder nicht in Erwägung zog. Obwohl vieles auf die Unschuld der Angeklagten hindeutete, wurden für sie bis zu dreizehn Jahre Haft gefordert.

Die drei Prozesse endeten 1996 und 1997 mit Freispruch in allen 25 Fällen. Der Vorsitzende Richter Hans E. Lorenz begann sein Urteil mit dem Satz „Den Wormser Massenmissbrauch hat es nie gegeben“ und erklärte: „Bei allen Angeklagten, für die ein langer Leidensweg zu Ende geht, haben wir uns zu entschuldigen.“[4]

Juristische Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den Freisprüchen trennte sich Wildwasser von der tätig gewordenen Mitarbeiterin. Die Berliner Zeitung berichtete Ende Juni 1997, dass diese von der Richtigkeit ihrer Vorgehensweise weiterhin überzeugt war.[5] Eine öffentliche Entschuldigung oder andere Konsequenzen gab es nicht.

Der Bundesgerichtshof legte 1999 – auch unter dem Einfluss dieser Prozesse – Mindestanforderungen an strafprozessuale Glaubhaftigkeitsgutachten fest.[6]

Folgen für die Betroffenen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Prozesse hatten verheerende Wirkung auf Kinder und Angeklagte: Eine Angeklagte, die siebzigjährige Großmutter, starb in Untersuchungshaft, andere verbrachten bis zu 21 Monate in Haft. Mehrere Ehen zerbrachen, die Existenz einiger Angeklagter und Familien wurde zum Teil auch durch die hohen Anwaltskosten völlig zerstört. Die Kinder wuchsen derweil größtenteils in Heimen auf und kehrten erst nach und nach zu ihren Eltern zurück. Ein Junge, der an Diabetes erkrankt war, starb nach seiner Entlassung aus dem Heim.

Sechs Kinder – jene, die im Kinderheim Spatzennest in Ramsen untergebracht waren, darunter die aus dem Scheidungskonflikt, der die Verfahren ausgelöst hatte – kehrten überhaupt nicht zurück, da sie völlig von ihren Eltern entfremdet waren. Dem Heimleiter wurde seinerzeit vorgeworfen, die Kinder bewusst gegen die Eltern aufgestachelt zu haben. Die meisten dieser Kinder glauben bis zum heutigen Tag, dass ihre Eltern sie sexuell missbraucht hätten.[7]

Das Spatzennest bestand noch bis zu seiner Auflösung im November 2007. Zu diesem Zeitpunkt war dessen Heimleiter wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener von seinem Arbeitgeber entlassen worden.[8] Am 8. Februar 2008 wurde der Ex-Heimleiter deswegen in Untersuchungshaft genommen,[9] am 29. Juli 2008 begann der Prozess gegen ihn.[10] Am 22. August 2008 wurde er des sexuellen Missbrauchs von Kindern in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen in zwei Fällen für schuldig befunden und zu einem Jahr Haft auf Bewährung und dreijährigem Berufsverbot verurteilt.[11]

Im April 2011 wurde dieser ehemalige Heimleiter wegen noch schwerwiegenderer Missbrauchsvorwürfe erneut angeklagt[12] und im November 2011 wegen schweren sexuellen Missbrauchs zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und acht Monaten verurteilt.[13][14] Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil verwarf der Bundesgerichtshof mit Beschluss vom 28. Februar 2013. Das Rechtsmittel der Staatsanwaltschaft, um zusätzlich ein lebenslanges Berufsverbot des Angeklagten zu erreichen, wurde vom BGH am 25. April 2013 zurückgewiesen.[15]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dokumentationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jutta Pinzler, Dorothea Hohengarten: Verdacht Kindesmissbrauch: Der Justizskandal von Worms, NDR 2008

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Fall sprengt die Grenzen. In: Der Spiegel. Nr. 7, 1994, S. 75–78 (online).
  2. Gisela Friedrichsen: So etwas darf nicht sein. In: Der Spiegel. Nr. 48, 2007 (online 26. November 2007).
  3. Max Steller: Aussagepsychologie vor Gericht – Methodik und Probleme von Glaubwürdigkeitsgutachten mit Hinweisen auf die Wormser Mißbrauchsprozesse. Recht & Psychiatrie 16, 1998, S. 11–18
  4. Michael Grabenströer: Nur noch die Fetzen eines Luftballons? In: Frankfurter Rundschau, 18. Juni 1997; fehlerhafte Digitalisierung
    Gisela Friedrichsen: Gut gemeint, schlecht gemacht. In: Der Spiegel. Nr. 26, 1997, S. 78–79 (online).; dazu Hans Lorenz: Im eindeutigen Widerspruch (Leserbrief des Vorsitzenden Richters). In: Der Spiegel 38/1997, S. 14
    Vorsicht, Justizirrtum! (Memento vom 13. Januar 2006 im Internet Archive), Menschen bei Maischberger, DasErste.de, 17. Mai 2005; Sendung als Video (Real)
  5. Mechthild Henneke: Zurück in Pfeddersheim. In: Berliner Zeitung, 25. Juni 1997
  6. Bundesgerichtshof stellt Mindestanforderungen an strafprozessuale Glaubhaftigkeitsgutachten auf. BGH Pressemitteilung Nr. 63, 30. Juli 1999 (bei lexetius)
  7. Gisela Friedrichsen: Ausgestanden ist die Sache nicht. In: Der Spiegel. Nr. 9, 2005, S. 50–56 (online).
  8. Gisela Friedrichsen: So etwas darf nicht sein. In: Der Spiegel. Nr. 48, 2007, S. 63–64 (online).
  9. Reinhard Breidenbach: Haft wegen Missbrauchsverdacht – Polizei findet bei Ex-Leiter des Kinderheims Spatzennest belastende Bilder. In: Rhein Main Presse, 9. Februar 2008
  10. Ehemaliger Leiter des Spatzennestes vor Gericht. Panorama, DasErste.de, 14. Februar 2008
  11. Markus Fadl: Erzieher erhält Berufsverbot wegen Kindesmissbrauchs. In: Der Tagesspiegel, 22. August 2008
  12. Verurteilter Ex-Kinderheimleiter erneut vor Gericht. Spiegel Online, 12. April 2011
  13. Urteil im Ramsen-Prozess: Ex-Leiter von Kinderheim „Spatzennest“ muss in Haft. In: Wormser Zeitung, 15. November 2011
  14. „Spatzennest-Prozess“: Staatsanwaltschaft und Verteidigung legen Revision ein. In: Wormser Zeitung, 23. November 2011
  15. BGH 4StR 296/12 Urteil, 25. April 2013