Wotische Sprache
| Wotisch (vad’d’a tšeeli) | ||
|---|---|---|
|
Gesprochen in |
Russland | |
| Sprecher | 15[1] | |
| Linguistische Klassifikation |
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| Sprachcodes | ||
| ISO 639-1 | – | |
| ISO 639-2 | vot | |
| ISO 639-3 | vot | |

Die wotische Sprache ist eine vom Aussterben bedrohte Sprache der finno-ugrischen Sprachfamilie.
Die Woten, die ursprünglichen Sprecher dieser Sprache, sind die zweite Bevölkerungsgruppe in Ingermanland im heutigen Russland neben den Ingriern. Laut den Angaben von H. Heinsoo aus dem Jahre 1989, von dem die letzten Daten über diese Sprache stammen, gaben 112 Menschen bei der Volkszählung in Russland an, diese Sprache zu sprechen. Die Eigenbezeichnung ist vad’d’alain, deren Bedeutung und Ursprung unbekannt ist.
Man kennt vier Hauptdialekte dieser Sprache, die aber zum Großteil schon ausgestorben sind:
- Westwotisch
- Kukkusi-Wotisch (ausgestorben)
- Ostwotisch (ausgestorben in den 1960er Jahren)
- Krewinisch in Südlettland (ausgestorben im 19. Jahrhundert)
Es existiert keine Schriftsprache.
Sprachlich ist Wotisch am nächsten mit dem Estnischen verwandt. Wotisch gehört zur südlichen Gruppe der ostseefinnischen Sprachen innerhalb der finno-ugrischen Sprachen und weist deren typische Merkmale auf.
Wotisch verfügt über vierzehn Kasus und als Besonderheit innerhalb der finno-ugrischen Sprachen sechs Tempora, darunter das für finno-ugrische Sprachen völlig untypische Futur.
In der Phonetik des Wotischen fällt auf, dass es zwar sehr reich an Diphthongen ist, aber ein vergleichsweise schwach ausgebildetes Konsonantensystem aufweist, insbesondere der Mangel an stimmhaften Frikativen. Demgegenüber fällt die Häufigkeit von š und tš auf, die das Ergebnis einer wotischen Lautverschiebung ist. Dabei wurde beispielsweise ostseefinnisches k vor e, ä und i zu tš, vgl. finnisch kenkä, mäki, kieli, wotisch tšentšä, mätši, tšeeli.
Während andere finno-ugrische Sprachen wie beispielsweise das Wepsische den Stufenwechsel nahezu aufgegeben haben, hat er sich im Wotischen nicht nur erhalten, sondern auch noch weiterentwickelt.
Der Wortschatz des Wotischen weist starke Einflüsse aus dem Russischen auf.
Phonologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vokale und Diphthonge
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Wotische verfügt über 10 Vokale (angegeben in UPA-Lautschrift). Der geschlossene Zentralvokal i̮ kommt nur in russischen Lehnwörtern vor.[2.1]
| vorne | zentral | hinten | ||
|---|---|---|---|---|
| ungerundet | gerundet | |||
| geschlossen | i | ü | i̮ | u |
| halboffen | e | ö | e̮ | o |
| offen | ä | a | ||
Luuditsa-Wotisch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Luuditsa-Dialekt des Wotischen unterscheidet hingegen zwischen 12 Vokalen (angegeben in UPA-Lautschrift). Durch Einflüsse des angrenzenden Ischorischen kam es in den Sprechern der letzten Generation zu einer Verschiebung des ɨ, nur aufkommend in russischen Lehnwörtern, zu i.[3.1] Bis auf ɨ und die halboffenen Vokale ə und ə̂ können alle Vokale lang oder kurz sein. Der Längenkontrast in der ersten Silbe stark ausgeprägt, z. B. roka („Kohlsuppe“) und rooka („Essen“).[3.2]
| vorne | hinten | |||
|---|---|---|---|---|
| ungerundet | gerundet | ungerundet | gerundet | |
| geschlossen | i | ü | (ɨ) | u |
| halbgeschlossen | e | ö | õ | o |
| halboffen | ə | ə̂ | ||
| offen | ä | a | ||
Diphthonge
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wotisch weist viele Diphthonge[2.3][3.1], aber keine Triphthonge auf. In seltenen Fällen, wie z. B. pehmiäj („weich“), wird das das finale j wie ein Konsonant behandelt. Der Luuditsa-Dialekt unterscheidet nicht zwischen Diphthongen und Vokalpaaren, welche von einer Silbengrenze separiert werden.[3.1]
Bis auf ɨ und die halboffenen Vokale ə und ə̂, kann jeder Vokal den ersten Teil eines Diphthongs mit finaler j-Komponente bilden, z. B. harakkoj („Elster“), ämmij („Großmutter“), päjvə („Tag“).
Die meisten Vokale können ebenfalls einen Diphthong endend in -a/-ä oder -u/-ü bilden, z. B. appia („helfen“), peukoлo („Daumen“).
Weniger verbreitete Diphtonge sind beispielsweise mao („Schlange“), suõ („Wolf“), näen („(ich) sehe“), süe („Kohle“) und pietä („(sie) halten“). ea ist ein weiterer Diphthong, welcher nur in Form von Eigennamen auftreten kann, z. B. okkea („Ksenia“, ein weiblicher Name).[3.1]
Konsonanten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Wotische verfügt über 28 Konsonanten.[3.1] Sie können entweder einzeln oder als Doppelkonsonanten auftreten. Die Konsonantengeminationim Luuditsa-Wotischen ist wahrscheinlich ein Produkt von Sprachkontakt mit den angrenzenden ischorischen Dialekten. Im heutigen Wotisch treffen keine kurzen Geminaten auf, sie waren jedoc in anderen Wotisch-Varianten beobachtbar.[3.2]
| Labial | Alveolar | palatalisierter Alveolar | Palatal | Velar und Laryngal | ||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Plosiv | stimmlos | p | t | t' | k | |
| stimmhaft | b | d | (d') | g | ||
| Nasal | m | n | ń | |||
| Frikativ | stimmlos | (f) | s | ś | š (~ šʼ) | h |
| stimmhaft | v | z | ź | ž | ||
| Affrikat | ts | tš | ||||
| lateraler Approximant | l | l' | ||||
| velarisierter, lateraler Approximant | л | |||||
| zentraler Approximant | r | (ŕ) | j | |||
Das Phonem n hat ein Allophon [ŋ], welches normalerweise vor einem velaren Plosiv auftritt, z. B. /panki/ [paŋki] („Eimer“).
Russische Lehnwörtern, dessen Ursprung den palatalisierten Konsonanten šʼ beinhalten, weisen eine freie Variation der Konsonanten šʼ und š auf, z. B. jaššikkə̂ ~ jašʼšʼikkə̂ („Box“).
Der Konsonant f tritt nur in Lehnwörtern auf, z. B. föklə („Rote Beete“).
Ursprünglich trat der Konsonant d' lediglich als Doppelkonsonant auf und wurde größtenteils durch jj ersetzt, z. B. äd'd'ə ~ äjjə („Großvater“). Im heutigen, Luuditsa-Wotisch kann d'd' nur noch in den Wörtern lad'd'ə̂ („breit“) und vad'd'a („Wotisch“) gefunden werden. Als Einzelkonsonant taucht d' nur in russischen Lehnwörtern, wie dem männlichen Namen fed'a, auf.
Der palatalisierte Alveolar ŕ erscheint oft in Eigennamen, z. B. maŕo, kann jedoch auch aus der Assimilation vom Konsonanten r und dem folgenden i resultieren, z. B. ŕuuku („Pfahl“) < riuku.[3.1]
Der Frikativ ś taucht in Koseformen von Eigennamen und Lehnwörtern auf, z. B. lišo, vešoлə̂ („fröhlich“).[3.2]
Es gibt drei laterale Approximanten in Wotisch. Die zwei Lateralapproximanten l' und л sind phonologisch kontrastiv[3.2][2.4], z. B. paллo („Klumpen“) und pal'l'o („viele“). Die Verteilung von den Konsonanten l und л hingegen ist vom Vokal abhängig. l tritt vor einem vorderen Vokal auf, z. B. lekko („Flamme“), und л tritt vor einem hinteren Vokal auf, z. B. лukku („Schloss“). Auch vor Konsonanten oder am Ende eines Wortes ist die Wahl des Lateralapproximanten abhängig vom Vokal, z. B. pilvi („Wolke“), põлvi („Knie“). Es handelt sich um Vokalharmonie.[3.2]
Palatalisierung ist im heutigen Wotisch sehr häufig. Dabei kann in folgende Arten der Palatalisierung unterschieden werden:
- Palatalisierung von alveolaren Konsonanten von Kosenamen und expressiven und Onomatopeias, welche nicht durch den phonetischen Kontext ausgelöst wird, z. B. pot'o („kleiner Junge“), ńaukku- („Miau“), vaśo (männlicher Name).
- Phonetische Palatalisierung verschiedener Konsonanten vor vorderen Vokalen, z. B. pilvi [pʲilvʲi] („Wolke“).
- Palatalisierung ausgelöst durch die Assimilation eines Konsonanten mit dem folgenden i, z. B. mińńə̂ (< miniä ~ minia) („Schwiegertochter“).
- Beibehalten der palatalisierten Konsonanten in vielen russischen Lehnwörtern, z. B. pлat't'ə̂ („Kleid“).[3.2]
Wortbetonung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die primäre Wortbetonung liegt auf der ersten Silbe. Die sekundäre Wortbetonung liegt auf einer ungeraden Silbe. Bei Wörtern, die aus Kompositionen oder Lehnwörtern entstammen, kann die Betonung auch auf andere Silben fallen[3.2][2.5], z. B. pa'rajka („jetzt“) oder di'rektõra („Schulleiter“).[3.2]
Phonotaktik, Wort- und Silbenstruktur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die häufigsten Wortstrukturen sind (C)VCV, (C)VCCV (wobei CC ein Doppelkonsonant oder ein Konsonantencluster ist), (C)VVCV (wobei VV ein langer Vokal oder ein Diphthong ist), und (C)VCVCV.
Konsonantencluster stehen normalerweise nicht am Anfang vom Wort, bis auf Wörter mit lautmalerischen Ursprung und Lehnwörtern. Innerhalb des Wortes sind die Cluster meist eine Kombination von Sonoranten oder h + einen Plosiv, den Affrikat tš oder den Frikativen v, s, z. Typische Cluster, die mit einem Plosiv beginnen, sind tk, dg, gr, dr und gл.
Das Wotische demonstriert eine Auslautverhärtung wenn die Konsonanten b, d, g und z am Ende des Wortes vor einer Pause oder einem stimmlosen Konsonanten stehen, z. B. tämä meeb kotto [meep kotto] („er/sie geht nachhause“) und tämä meeb linna [meeb linna] („er/sie geht in die Stadt“).
Der Konsonant л kann am Ende von einem Wort zu einem l werden, wenn das darauffolgende Wort mit einem vorderen Vokal beginnt, z. B. täll on suur koto [täлл on] („er/sie hat ein großes Haus“). Ebenfalls kann ein l am Ende eines Wortes zu einem л werden, wenn das folgende Wort mit einem hinteren Vokal beginnt, z. B. miлл eb õõ suurtə̂ kottoa [mill eb õ] („ich habe nicht ein großes Haus“).[3.2]
Das Sandhi-Phänomen kann im Wotischen nachgewiesen werden.[2.6][3.3]
Morphophonologische Phänomene
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vokalharmonie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wotisch weist Vokalharmonie auf.[2.7][3.4]
Vordere und hintere Vokale sind in der Regel nicht gleichzeitig in einem Wort aufzufinden,[3.4] wobei sich zentrale Vokale wie hinteren Vokale verhalten.[2.7] Suffixe verfügen größtenteils über zwei Formen, eine mit vorderen und eine mit hinteren Vokalen, und der Vokal im Wortstamm bestimmt, welches der Suffixallomorphe angehängt wird,[2.7][3.4] z. B. tuлõ-ma („kommen“) und elä-mä („leben“).[3.4]
Der Vokal i ist neutral und kann mit vorderen und hinteren Vokalen auftreten,[2.7][3.4] z. B. pimmiä („dunkel“), pikari („Shotglass“).[3.4]
Der Vokal e ist innerhalb des Wortstammes, solange er nicht am Ende steht, neutral, z. B. peлduškə̂ („Ohrring“). Am Ende des Wortstammes oder in Affixen ist e kontrastiv mit õ, z. B. лagõ („(Zimmer-)Decke“) und järve („See“).[3.4]
Es existieren ein paar Suffixe, die nur mit hinteren Vokalen auftreten und kein Gegenstück mit vorderen Vokalen aufweisen,[2.8][3.4] z. B. -kkõjn und -ikko. Sie werden sowohl an Stämme mit hinteren wie auch vorderen Vokalen angehängt. Vordere Vokale im Stamm werden durch den Anhang zu hinteren Vokalen, z. B. süsälikkossə̂ („Eidechse“).[3.4]
Onomatopeotika können auch gegen diese Vokalharmonieregeln verstoßen, z. B. räkuma („schreien“).[2.8]
Stufenwechsel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der in ostseefinnischen Sprachen beobachtbare Stufenwechsel, bei dem sich Wortstamm in Schrift- und Lautform verändert, ist Teil des Wotischen[2.9][3.4], z. B. лampad und лammaz („Schaf“).[3.4]
Die häufigsten Arten des Studenwechsels sind:
- Alternation von den verdoppelten stimmlosen Plosiven s, š und Affrikaten mit Einzelkonsonanten, wenn sie zwischen Vokalen oder nach l, л, r, m oder n auftreten, z. B. aukko („Loch“), aukod („Löcher“).
- Alternation stimmloser Einzelkonsonanten zwischen Vokalen mit ihrem stimmhaften Gegenstück, z. B. täti („(die) Tante“), tädi („(der) Tante“). Wenn die Konsonanten in einem Konsonantencluster stimmhafte Gegenstücke habe, dann alternieren alle möglichen Konsonanten, z. B. itkõma („weinen“), idgõma („ich weine“); aлkuma („starten“), aлgub („er/sie startet“).
- Alternation des stimmlosen Plosivs p mit dem stimmhaften Frikativ v zwischen Vokalen und nach л, l und r, z. B. repo („(der) Fuchs“), revo („(des) Fuchses“).
- Alternation des stimmlosen Plosivs t und des Affrikats tš mit nichts zwischen Vokalen und nach h und r, z. B. lehto („Blatt“), lehod („Blätter“).
- Alternation von einem Cluster bestehend aus den Sonoranten m, n, l, л oder r und p, t oder tš mit den jeweiligen verdoppelten Sonoranten, z. B. nältšä („Hunger“), nällä („(des) Hungers“).
Andere Arten des Stufenwechsels sind seltener.[3.4]
Konsonantengemination
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die meisten Konsonanten können in Dialekten, wenn sie einzeln im Wortstamm vor einem kurzen Vokal stehen, verdoppelt werden, z. B. kaлa und kaллa („Fisch“). Die Konsonantenverdopplung ist beschränkt auf bestimmte morphologische Formen.[3.4]
Für Nomen:
Für Verben:
Für Pronomen:
- negative Form[3.4]
Die Konsonantenverdopplung kann auch auf russische Lehnwörter angewandt werden, welches stimmhafte Doppelkonsonanten hervorbringt, welche zuvor nicht Teil des wotischen phonologischen Inventars waren, z. B. gribba („Pilz“).[3.5]
Fusionsprozesse an der Morphemgrenze
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei der Suffigierung ersetzt der erste Vokal des Suffix entweder den Vokal am Ende des Wortstammes, z. B. ajta- („Zaun“) + -a (Partitiv) → ajta („Zaun“), oder kombiniert mit ihm zu einem Diphthong, z. B. taлo- („Haus“) + -j (Plural) → taлoj („Häuser“).[3.5]
Assimilation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In ein paar Flexionsformen des Wotischen werden die Konsonanten an der Morphemgrenze assimiliert.
Das t am Anfang der Infinitiv- und 3. Person-Plural-Präsens-Marker wird an den Konsonanten am Wortstammende angepasst, z. B. tuллa („sie kommen“) < tuл+ta.
Das s am Ende des Wortstammes wird stimmhaft vor dem Aktiv-Partizip-Marker, z. B. jooz-nu („rennen“) < joos+nu.
Das n am Anfang des Aktiv-Parizip-Markers wird an das l oder л am Ende des Wortstammes angepasst, z. B. petellü („lügen“) < petel+nü.
Der Konsonant л wird zu l vor einem i, z. B. tuлõ („(des) Feuers“), tuli („Feuer“).[3.5]
Nomen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Substantive
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Substantive im Wotischen scheinen nur über zwei morphologische Kategorien, Kasus und Numerus, zu verfügen.[2.10][3.5]
Der Singular wird im Wotischen nicht overt markiert. Die Pluralmarkierung ist im Nominativ -d und in den anderen Fällen -j-, z. B. Nominativ Singular: kana („Huhn“), Nominativ Plural: kana-d[3.5][2.11], Genitiv Plural: kana-j.[3.5]
Wotisch wies ursprünglich viele Fälle auf: Nominativ, Genitiv, Partitiv, Illativ, Inessiv, Elativ, Allativ, Adessive, Ablativ, Translativ, Essiv, Abessiv, Komitativ, Terminativ und Exessiv, wie auch verkümmerte Überreste vom Instruktiv, Komitativ II[2.10], Prolativ und Lativ.[2.11] Im heutigen Luuditsa-Wotisch sind nicht mehr alle Fälle aufzufinden und der Allativ und Adessiv fallen zusammen. Die unproduktiven Fälle sind nur noch in Form von lexikalischen Überresten sichtbar, z. B. takant („von hinten“).[3.6]
Die folgende Tabelle zeigt die überbliebenen Kasus- und Numerusmarker von Luuditsa-Wotisch.[3.7]
| Kasus | Singular | Plural |
|---|---|---|
| Nominativ | ∅ | d |
| Genitiv | ∅ | j-(j)e |
| Partitiv | tə̂/tə oder a/ä | j-(tə̂/tə) |
| Illativ | ∅-(sõ/se) oder hhV-(sõ/se) | j-(j)e-(sõ/se) |
| Inessiv | z | j-z |
| Elativ | ssə̂/ssə | j-ssə̂/ssə |
| Allativ-Adessiv | ллə̂/llə | j-ллə̂/llə |
| Ablativ | лtə̂/ltə | j-лtə̂/ltə |
| Translativ | ssi | j-ssi |
| Essiv | n | j-n |
Der Komitativ und Abessiv sind auch in Luuditsa-Wotisch aufzufinden. Der Komitativ wird durch das Anhängen des -ka Suffixes an die Genitivform markiert und verhält sich in diesem Dialekt wie eine Mischung aus einem Fall und einer Postposition, z. B. pojga-ka („Junge.GEN-KOM“). Der Abessiv tritt nur noch in Supinumformen auf, z. B. sahha-mõ-ttə̂ („sägen.SPN-ABE“).[3.7]
Wotisch weist eine vielzahl an Flexionsklassen auf[2.12][3.7] und die deklinierten Formen können dementsprechend sehr unterschiedlich aussehen. Zwei deklinierte Wörter in allen Kasus- und Genusformen sind in der folgenden Tabelle aufgelistet.
| Kasus | „Wolf“ | „Ehemann“ | ||
|---|---|---|---|---|
| Singular | Plural | Singular | Plural | |
| Nominativ | susi | suõd | meez | mehed |
| Genitiv | suõ | susije | mehe | mehije |
| Partitiv | suttə̂ | susij(tə̂) | meessə̂ | mehij(tə) |
| Illativ | suttõ(sõ) | susije | mehhe(se) | mehije |
| Inessiv | suõz | susijz | mehez | mehijz |
| Elativ | suõssə̂ | susijssə̂ | mehessə | mehijssə |
| Allativ-Adessiv | suõллə̂ | susijллə̂ | mehellə | mehijllə |
| Ablativ | suõлtə̂ | susijлtə̂ | meheltə | mehijltə |
| Translativ | suõssi | susijssi | mehessi | mehijssi |
| Essiv | sutõn | susijn | mehen | mehijn |
Eigennamen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Eigennamen wird im Wotischen nur das letzte Element bei der Flexion verändert.[2.13]
| „Paul, der Sohn von Peter“ | |
|---|---|
| Nominativ | Pedra Pavo |
| Genitiv | Pedra Pavo |
| Partitiv | Pedra Pavua |
| Allativ | Pedra Pavoлe̮ |
Adjektive
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Wotisch werden Adjektive wie die Nomen flexiert, weisen jedoch weniger Flexionsklassen auf. Obwohl es mehrere abgeleitete Suffixe gibt, welche Adjektive produzieren, z. B. -in/-jn in vaskin („aus Kupfer gemacht“), kuлtõjn („golden“), existiert in den meisten Fällen kein morphologischer Unterschied zwischen Adjektiven und Substantiven.[3.7]
Beispiele:[3.8]
| mokoma | лusti-a | tä-llə | eb | õõ |
| solche.PART | Schönheit-PART | 3SG-ADALL | NEG.3SG | sein.CNG |
| „Sie hat nicht solche Schönheit“ | ||||
| miä | tää-n | si-tä | лusti-a | tüttö-ä |
| 1SG | kennen-1SG | dieses-PART | schön-PART | Mädchen-PART |
| „Ich kenne dieses schöne Mädchen“ | ||||
Komparation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Komparative werden mit p(i) markiert und wie reguläre Adjektive dekliniert, der Genitivstamm endet dabei immer mit -a/-ä.[2.13][3.8] Superlative weisen keinen eigenen Marker auf und werden aus einer Kombination des Wortes kõjkka („alle“) und der Komparativform gebildet.[2.14][3.8]
Beispiele:[3.8]
- kõrka-pi („größer“, groß-CPR)
- kõrka-pa (groß-CPR.GEN/PART)
- kõrka-pi-j-ssə̂ (groß-CPR-PL-ELA)
- kõjkka kõrkapi („der/die/das größte“)
Zahlwörter
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die folgende Tabelle umfasst die Kardinal- und Ordinalzahlen von eins bis zehn, einhundert und eintausend in Luuditsa-Wotisch. Ein paar Genitivformen der Ordinalzahlen konnten nicht erhoben werden.[3.9]
| Kardinalzahlen | Ordinalzahlen | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Nominativ | Genitiv | Partitiv | Nominativ | Genitiv | Partitiv | |
| 1 | ühs(i) | ühe | ühtə | esimäjn | esimäjze | esimäjssə |
| 2 | kahs(i) | kahõ | kahtə̂ | tõjn | tõjzõ | tõjssə̂ |
| 3 | kõлmõd | kõлmõ | kõлmõttə̂ | kõлmajz | kõлmõnnõ ~ kõлmõttõma | kõлmajssə̂ |
| 4 | nel'l'e | nel'l'e | nel'l'ä | nel'l'äjz | nel'l'enne | nel'l'äjssə |
| 5 | viis(i) ~ viiz | viijje | viittə | viijjäjz | viijjenne | viijäjssə |
| 6 | kuus(i) ~ kuuz | kuuvvõ | kuuttə̂ | kuuvvajz | kuuvvõnnõ | kuuvvajssə̂ |
| 7 | sejtse | sejttseme | sejttsemä | sejttsemäjz | sejttsemäjssə | |
| 8 | kahõsa | kahõssõmõ | kahõssõmma | kahõssõmajz | kahõssõmajssə̂ | |
| 9 | ühesä | ühesseme | ühessemmä | ühessemäjz | ühessemäjssə | |
| 10 | tšümme | tšümmene | tšümmenä | tšümmenäjz | tšümmenäjssə | |
| 100 | sata | saa | satta | |||
| 1000 | tuhattə̂ | tuhata | tuhatta | |||
Eine Million in Wotisch ist mil'joni.[2.15]
Ordinalzahlen größer als 10. werden im heutigen Wotisch nicht mehr genutzt und stattdessen entweder mit Kardinalzahlen oder dem Russischen ausgedrückt.[3.9]
Die Kardinalzahlen können uniform gebildet werden.[3.9][2.16]
- für elf bis neunzehn werden die jeweiligen Numeralen mit tõjššümed kombiniert, z. B. ühs-tõjššümed („elf“), kahs-tõjššümed („zwölf“).[3.9]
- für Vielfache von zehn werden die Kardinalzahlen von zwei bis neun mit tšümmed („zehn“) kombiniert[2.16][3.9], z. B. kah-tšümmed („zwanzig“), kõлmõt-tšümmed („dreißig“).[3.9]
- für Vielfache von hundert werden die jeweiligen Numeralen mit satta („hundert“) kombiniert[2.16][3.9], z. B. kah-satta („zweihundert“), kõлmõt-satta („dreihundert“).[3.9]
- für Vielfache von tausend werden die jeweiligen Numeralen mit der Kardinalzahl von tausend kombiniert.[2.16]
Bei der Deklination von Zahlwörtern im Wotischen wird der zweite Teil des Wortes flektiert, jedoch kann der erste Teil auch flektiert werden[2.17][3.9], z. B. kõлmõt-tšümmene-z ~ kõлmõ-tšümmene-z ~ kõлmõ-s-tšümmene-z (dreißig.INE)[3.9]
Pronomen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Pronomen verhalten sich größtenteils bei der Deklination wie die anderen Nomen[2.10], jedoch sind einige Unregelmäßigkeiten zu beobachten:[3.8]
- Formen mit vorderen und hinteren Vokalen können im gleichen Paradigma beobachtet werden, z.B. miä und minu („ich“)
- der veraltete Partitivmarker -tä ist zu beobachten[3.8], z. B. tšetä („wer“)[3.10]
- Personalpronomen im Plural weisen als einzige Nomen Akkusativformen auf[2.10][3.8], z. B. mejjed („wir“)[3.10]
Personalpronomen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wotisch verfügt über zwei 3. Person Pluralformen. Dabei ist nämä(d) das ursprüngliche wotische Wort und hüü ein ischorisches Lehnwort.[3.8]
Die folgende Tabelle zeigt die Flexionsparadigmen der Personalpronomen in Luuditsa-Wotisch:[3.10]
| Kasus | 1. Person | 2. Person | 3. Person | |
|---|---|---|---|---|
| Singular | ||||
| Nominativ | miä | siä | tämä | |
| Genitiv | minu | sinu | tämä | |
| Partitiv | minnua | sinnua | tätä ~ tädä | |
| Illativ | minnu | sinnu | tämmä | |
| Inessiv | minuz | sinuz | tämäz | |
| Elativ | minussə̂ | sinussə̂ | tämässə | |
| Allativ-Adessiv | miллə̂ | siллə̂ | tällə | |
| Ablativ | miлtə̂ | siлtə̂ | tältə | |
| Translativ | minussi | sinussi | tämässi | |
| Plural | ||||
| Nominativ | müü | tüü | nämä(d) | hüü |
| Genitiv | mejje | tejje | näjje | hejje |
| Akkusativ | mejjed | tejjed | näjjed | hejjed |
| Partitiv | mejtə | tejtə | näjtə | hejtə |
| Illativ | mejjese ~ mejse ~ mejje | tejjese ~ tejse ~ tejje | näjjese ~ näjse ~ näjje | hejjese ~ hejse ~ hejje |
| Inessiv | mejz | tejz | näjz | hejz |
| Elativ | mejssə | tejssə | näjssə | hejssə |
| Allativ-Adessiv | mejlə | tejlə | näjlə | hejlə |
| Ablativ | mejltə | tejltə | näjltə | hejltə |
| Translativ | mejssi | tejssi | näjssi | hejssi |
Interrogativ- und Relativpronomen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Interrogativpronomen mikä („was“), tšen („wer “) und milläjn ~ miltäjn („welcher/welche/welches“), wie auch pronomiale Adverbien, besitzen im Wotischen negative Polaritätsformen. In Luuditsa-Wotisch werden sie durch eine Konsonantenverdopplung oder das Anhängen des -a/-ä Markers geformt, z. B. mikä („was“), mikkä (was.NEG); tšen („wer“), tšellə (wer.ADALL), tšellä (wer.ADALL.NEG).[3.11]
Die folgende Tabelle zeigt die Flexionsparadigmen der Interrogativ- und Relativpronomen in Luuditsa-Wotisch.[3.10] Der Partitiv Singular von milttsin („welcher, was“) konnte im Korpus nicht gefunden werden und ist eine vermutete Form.[3.8]
| Kasus | „wer“ | „was“ | „welche/r/s“ | „welcher, was“ | „welcher, was“ |
|---|---|---|---|---|---|
| Singular | |||||
| Nominativ | tšen | mikä | kumpə̂ | miltäjn | milttsin |
| Genitiv | tšene | mine ~ migä | kumma | miltäjze | milttse |
| Partitiv | tšetä ~ tšedä | mitä ~ midä | kumpa | miltäjssə | (miltseä) |
| Illativ | tšenne | minese | kumpa | miltäjze | milttse |
| Inessiv | tšenez | minez ~ migäz | kummõz | miltäjzez | milttsez |
| Elativ | tšenessə | minessə ~ migässə | kummõssə̂ | miltäjzessə | milttsessə |
| Allativ-Adessiv | tšellə | minellə ~ migällə | kummõллə̂ | miltäjzellə | milttsellə |
| Ablativ | tšeltə | mineltə ~ migältə | kummõлtə̂ | miltäjzeltə | milttseltə |
| Translativ | tšenessi | minessi ~ migässi | kummõssi | miltäjzessi | milttsessi |
| Plural | |||||
| Nominativ | tšed | migäd | kummõd | miltäjzed | milttsed |
| Genitiv | kumpijõ | miltäjzije | milttsije | ||
| Akkusativ | |||||
| Partitiv | kumpij | miltäjzij | milttsij | ||
| Illativ | kumpijõ | miltäjzije | milttsije | ||
| Inessiv | kumpijz | miltäjzijz | milttsijz | ||
| Elativ | kumpijssə̂ | miltäjzijssə | milttsijssə | ||
| Allativ-Adessiv | kumpijллə̂ | miltäjzijllə | milttsijllə | ||
| Ablativ | kumpijлtə̂ | miltäjzijltə | milttsijltə | ||
| Translativ | kumpijssi | miltäjzijssi | milttsijssi | ||
Indefinitpronomen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Spezifische Pronomen können mit dem -le Affix markiert werden,[3.10][2.15] z. B. migä-le („etwas“). Das Affix hat keinen festen Platz im Wort und kann vor oder nach dem Lokalfallmarker angehängt werden, z. B. tšene-le-ssə („jemand“).[3.10]
Unspezifische Pronomen können entweder mit -ittšen(ä) oder -nibut' geformt werden,[3.10][2.15] z. B. migä-ittšenä / migä-nibut' („irgendwas“).[3.10]
Reflexiv- und Possessivpronomen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wotisch besitzt ein reflexives Possessivpronomen: e̮ma / õma („eigen“).[3.10][2.18]
Als Possessivpronomen fungieren auch die Genitivformen der Personalpronomen.[3.10]
Beispiele:[3.10]
| sinu | koto |
| 2SG.GEN | Haus |
| „dein Haus“ | |
| mejje | tüttö |
| 1PL.GEN | Tochter |
| „unsere Tochter“ | |
Das Reflexivpronomen ist ize ~ iźe ~ iźźe. Es ist suppletivisch und weist diese Form nur im Nominativ auf. In den anderen Fällen hat es den Wortstamm ene-,[3.10][2.19] z. B. ene-llə („sich“).[3.10] Es tritt vor allem im Singular auf.[2.20]
Demonstrativpronomen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Demonstrativpronomen sind kase („diese/r/s“) und see („diese/r/s, jene/r/s“).[3.10][2.21]
Reziprokpronomen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wotisch weist das Reziprokpronomen tõjn-tõjssə̂ („einander“) auf. Nur der zweite Teil des Wortes wird flektiert, z. B. tõjn-tõjzõ-ssə̂ (andere-andere-ELA).[3.12]
Verben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Finite Verben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Polarität | Affirmativ | Negativ | ||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Tempus↓ Modus → | Indikativ | Konditional | Imperativ | Indikativ | Konditional | Imperativ | ||||||
| Präsens | 1SG | 1PL | 1SG | 1PL | 1SG | 1PL | 1SG | 1PL | ||||
| 2SG | 2PL | 2SG | 2PL | 2SG | 2PL | 2SG | 2PL | 2SG | 2PL | 2SG | 2PL | |
| 3SG | 3PL | 3SG | 3PL | 3SG | 3PL | 3SG | 3PL | 3SG | 3PL | 3SG | ||
| Imperfekt | 1SG | 1PL | 1SG | 1PL | ||||||||
| 2SG | 2PL | 2SG | 2PL | |||||||||
| 3SG | 3PL | 3SG | 3PL | |||||||||
| Perfekt | 1SG | 1PL | 1SG | 1PL | 1SG | 1PL | 1SG | 1PL | ||||
| 2SG | 2PL | 2SG | 2PL | 2SG | 2PL | 2SG | 2PL | |||||
| 3SG | 3PL | 3SG | 3PL | 3SG | 3PL | 3SG | 3PL | |||||
| Plusquamperfekt | 1SG | 1PL | ||||||||||
| 2SG | 2PL | |||||||||||
Die Konjugation wotischer finiter Verben basiert auf Tempus, Modus, Person, Numerus und Polarität.[5]
Nicht-finite Verben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Infinite Verben haben keine Polarität im Wotischen. Die infiniten Formen sind Infinitiv und Supinum (in Infinitivkonstruktionen) und aktive und passive Formen des Partizip Perfekts. Der Gebrauch nicht-finiter Klauseln im Partizip ist sehr begrenzt, stattdessen werden häufiger finite Relativsätze verwendet. Es gibt keine negativen Formen für nicht-finite Verben.[6]
Die Markierungen des ersten Infinitivs und des aktiven Partizips werden mit dem stammfinalen Konsonanten assimiliert.[7]
| Form | Morphem(e) | Beispiel |
|---|---|---|
| Erster Infinitiv / „TA Infinitiv“ | -a/-ä, -ā/-ǟ, -vvə̑/-vvə, jjə und
-ta/-tä (oder -tə̑/-tə) |
tahto-a („wollen“) |
| Zweiter Infinitiv / Supinum / „MA Infinitiv“ | -mā(sē̮)/-mǟ(sē) (oder -ma/-mä) | tahto-ma („wollen“) |
| Partizip Perfekt aktiv | -(n)nu/-(n)nü | vii-nü („tragen“) |
| Partizip Perfekt passiv | -(t)tu/-(t)tü | tuл-tu („kommen“) |
Der erste Infinitiv
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Westwotischen wird der erste Infinitiv mit -a/-ä, -ā/-ǟ, -vvə̑/-vvə, jjə und -ta/-tä (oder -tə̑/-tə) markiert, z. B.: üpätä („springen“), süvvä („essen“).[8][7]
Im Ostwotischen wird der velare Stop -G zusätzlich hinzugefügt, z. B.: sȫäG („essen“).[8]
Der erste Infinitiv drückt sowohl das gleichzeitige Geschehen einer Handlung aus als auch die Art, in der die Handlung stattfindet, z. B.: elǟzä en e̮лe̮ nähnü nī üvǟ lehmǟ („während ich gelebt habe“).[8]
Generell stimmt die Verwendung des ersten Infinitivs mit der im Estnischen überein. Es gibt allerdings auch Fälle, in denen der erste Infinitiv im Wotischen verwendet wird und der zweite im Estnischen, z. B.: aлke̮ tšüsüä („er fing an zu fragen“).[8]
Der erste Infinitiv kann dekliniert werden. Das Auftreten des Infinitivs im Inessiv ist sehr üblich, z. B.: nagrāza („während des Lachens“). Vor der Inessiv-Markierung wird bei Ein-Stamm Verben der Stammvokal verlängert oder -a/-ä wird zu -e-/-e̮- verändert in Zwei-Stamm Verben.[8]
Der zweite Infinitiv
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Westwotischen wird der zweite Infinitiv/Supinum mit -mā(sē̮)/-mǟ(sē) (oder -ma/-mä) markiert. Das Suffix wird an den Vokalstamm des Verbs angehängt, z. B.: vāttamā („schauen“).[9]
Typischerweise ist der zweite Infinitiv eigentlich der Illativ, z. B.: meni kaлā pǖtämǟ („Er ging Fische fangen.“).[9]
Der zweite Infinitiv wird aber auch zusammen mit dem Inessiv, Elativ und Abessiv verwendet.[9]
Beispiele[9]:
- Inessiv: isä on sȫmäzä („Vater ist am Essen.“)
- Elativ: tulin tšüntämässä („Ich kam vom Pflügen.“)
- Abessiv: ope̮n on sȫmättä („Das Pferd ist ohne Essen.“)
Zusätzlich wird der zweite Infinitiv auch für den Partitivus cum Infinitivo verwendet. Der Gebrauch dieser Konstruktion ähnelt der Verwendung im dialektalen Estnisch.[9]
Beispiele[9]:
as eb‿näü tšävelemǟ („Es scheint nicht so, als ob er gehen würde.“)
jue̮лti tuлe̮mā tuhkapǟn („Es wurde gesagt, er würde am Montag kommen.“)
Negation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das negative Auxiliarverb
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das negative Auxiliarverb kongruiert mit dem Subjekt im Bezug auf Numerus und Person, während das Hauptverb Tempus ausdrückt. Das negative Auxiliar wird als Kopf der negativen Phrase (NegP) über der „Tempus-Phrase“ (TP) generiert.[10] Das Hauptverb kann nicht nach T0 bewegen und die V-Features checken, aber das negative Hilfsverb blockiert die Bewegung des Hauptverbs nach Agr0 und dadurch gibt es keine Kongruenz zwischen dem Hauptverb und dem Subjekt. Anstelle vom Hauptverb bewegt sich das negative Auxiliar nach Agr0.[10]
Die Kategorie Modus ist beim negativen Auxiliar reduziert, da es nur Imperativ und Indikativ gibt.[11]
Das negative Auxiliar hat 6 indikative Formen und 3 imperative Formen.
| Person | Singular | Plural |
|---|---|---|
| 1 | en | emmə |
| 2 | eᴅ | ettə |
| 3 | eʙ | evɑ̈ᴅ |
Es gibt eine negative Partikel eʙ, welche die lexikalisierte Form des negativen Auxiliars ist.
| Person | Singular | Plural |
|---|---|---|
| 2 | elɑ̈ | elka |
| 3 | elko | - |
Verwendung von Negation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Alle negativen Verbformen werden analytisch gebildet mit einer persönlichen Form des negativen Auxiliarverbs und einer bestimmten Form des lexikalischen Verbs.[12]
| Modus und Tempus | 1SG | 3PL |
|---|---|---|
| Präsens Indikativ | en + Indikativ Konnegativ | evɑ̈ᴅ + Indikativ Konnegativ |
| Indikativ Imperfekt | en + Aktiv Partizip | evɑ̈ᴅ + Passiv Partizip |
| Indikativ Perfekt | en ē̮ + Aktiv Partizip | evɑ̈ᴅ ē̮ + Passiv Partizip |
| Konditional Präsens | en + Konditional Konnegativ | evɑ̈ᴅ + 3PL Konditional Präsens |
| Konditional Perfekt | en e̮lliz' + Aktiv Partizip | evɑ̈ᴅ e̮лtajz' + Passiv Partizip |
Alle Formen außer dem 1SG und 3PL unterscheiden sich von der Bildung der 1SG-Form nur durch die Anpassung des negativen Auxiliars.[13]
Im Präsens Indikativ und im Konditional Präsens werden Person und Numerus am negativen Auxiliar ausgedrückt und Tempus und Modus am Hauptverb.[14]
Im negativen Präsens Indikativ wird der Stamm des Hauptverbs verwendet im Konnegativ.[14]
Im negativen Konditional Präsens wird das Hauptverb im konditionalen Konnegativ (3SG Konditional Präsens) verwendet mit der Ausnahme von der dritten Person Plural, für welche die Form der 3PL Konditional Präsens verwendet wird.[14]
Beispiele[14]:
| siä | ku | tɑ̈tɑ̈ | suva-jajsizi-ᴅ | e-ᴅ | jɑ̈ttɑ̈.jz'. |
| 2SG | wenn | 3SG.PAR | lieben-COND-2SG | NEG-2SG | verlassen-CNG.COND |
| ,Wenn du ihn lieben würdest, hättest du (ihn) nicht verlassen.‘ | |||||
| hǖ | ku | minnua | suva-ttajz' | e-vɑ̈ᴅ | jɑ̈te-ttɑ̈jz'. |
| 3PL | wenn | 1SG.PAR | lieben-COND.3PL | NEG-3PL | verlassen-COND.3PL |
| ,Wenn sie mich lieben würden, hätten sie (mich) nicht verlassen.‘ | |||||
Im negativen Indikativ Imperfekt, dem negativen Indikativ Perfekt und dem negativen Konditional Perfekt wird das Partizip des Hauptverbs verwendet. Für 3PL wird die passive Form des Partizips verwendet und für alle anderen Formen wird die aktive Form des Partizips benutzt.[14]
Zur Bildung des Perfekts wird zusätzlich zum Partizip und dem negativen Auxiliarverb auch noch die negative Form des Auxiliars e̮ллɑ („sein“) benötigt.[14] Tempus wird auch am Auxiliar e̮ллɑ („sein“) ausgedrückt.[15]
Der Imperativ hat 4 Formen in affirmativen und 3 in negativen Klauseln. Die Bedeutung der fehlenden Form wird stattdessen durch eine analytische Konstruktion mit dem Partikel лɑ („lassen“) ausgedrückt.[13] Die negativen Formen werden im Imperativ mit der entsprechenden imperativen Form des negativen Auxiliars und der imperativen Form des Hauptverbs mit gleicher Person und Numerus gebildet.[13]
| Modus und Tempus | SG | PL |
|---|---|---|
| 2 Person Imperativ | elɑ̈ + 2SG Imperativ | elka + 2PL Imperativ |
| 3 Person Imperativ | elko + 3SG Imperativ | - |
Kasus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die typische finnische Opposition zwischen totalen und partiellen Objekten, in der totale Objekte mit Genitiv, Nominativ und Akkusativ markiert sind und partielle Objekte mit Partitiv markiert sind, ist neutralisiert in negativen Sätzen, da das Objekt in diesen immer mit Partitiv markiert ist.[16]
Negation in nicht-verbalen Klauseln
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Inklusions-, Attributions- und lokativen Prädikationsklauseln ist die negative Form des Verbs e̮ллɑ („sein“) der einzige Unterschied zwischen der negativen und affirmativen Form.[17]
- Inklusion[17]:
| mǖ | ē̮-mmə | re̮bɑke̮-ᴅ. | |||
| 1PL | sein.PRS-1PL | Fischer-PL.NOM | |||
| ,Wir sind Fischer.‘ | |||||
| mǖ | e-mmə | ē̮ | re̮bɑke̮-ᴅ. | ||
| 1PL | NEG-1PL | sein.CNG | Fischer-PL.NOM | ||
| ,Wir sind keine Fischer.‘ | |||||
- Attribution[17]:
| kɑne | tütö-ᴅ | e̮л-лɑ | лusti-ᴅ. | ||
| Diese | Mädchen-PL.NOM | sein-PRS.3PL | schön-PL.NOM | ||
| ,Diese Mädchen sind schön.‘ | |||||
| kɑne | tütö-ᴅ | e-väᴅ | ē̮ | лusti-ᴅ. | |
| Diese | Mädchen-PL.NOM | NEG-3PL | sein.CNG | schön-PL.NOM | |
| ,Diese Mädchen sind nicht schön.‘ | |||||
- Lokativ[18]:
| sǖmin | on | лɑvve̮-ллə. | |||
| Essen | sein.PRS.3SG | Tisch-ADALL | |||
| ,Das Essen ist auf dem Tisch.‘ | |||||
| sǖmin | e-ʙ | ē̮ | лɑvve̮-ллə. | ||
| Essen | NEG-3SG | sein.CNG | Tisch-ADALL | ||
| ,Das Essen ist nicht auf dem Tisch.‘ | |||||
In existentiellen und possessiven Prädikationsklauseln wird das existentielle oder possessive Objekt unterschiedlich markiert in negativen und affirmativen Konstruktionen. Die Objekte werden mit Nominativ in der affirmativen Form markiert und mit Partitiv in der negativen Form.[18]
- Existentielle Prädikation[18]:
| mettse-z | on | kɑru. | |||
| Wald-INE | sein.PRS.3SG | Bär[NOM] | |||
| ,Im Wald gibt es einen Bären.‘ | |||||
| mettse-z | e-ʙ | ē̮ | kɑrru-ɑ. | ||
| Wald-INE | NEG-3SG | sein.CNG | Bär-PAR | ||
| ,Im Wald gibt es keine(n) Bären.‘ | |||||
- Possessive Prädikation[19]:
| mi-ллə | on | ūs | leh'm'ə. | ||
| 1SG-ADALL | sein.PRS.3SG | neu[NOM] | Kuh[NOM] | ||
| ,Ich habe eine neue Kuh.‘ | |||||
| mi-ллə | e-ʙ | ē̮ | ūttə | leh'mɑ̈. | |
| 1SG-ADALL | NEG-3SG | sein.CNG | neu.PAR | Kuh.PAR | |
| ,Ich habe keine neue Kuh.‘ | |||||
Nebensätze
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In wotischen Nebensätzen wird die Standard-Negationsstrategie verwendet. In finiten Nebensätzen sind negative Formen gleich wie in Hauptsätzen.[19]
Negative Antworten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es ist im Wotischen üblich, eine Verbform zu verwenden für eine negative Antwort, jedoch nicht spezielle negative Adverbien oder Ausrufe.[20] Antworten ohne das Hauptverb sind möglich, allerdings steht dann meistens ein negatives Auxiliar vor der ganzen negativen Phrase. Antworten ohne das Hauptverb kommen vor, wenn das negative Auxiliar vor einem negativen Pronomen oder Adverb steht. In dem Fall kongruiert das Auxiliar entweder mit dem ausgelassenen Prädikat oder es hat die 3SG Form eʙ und wird als negative Partikel angesehen.[20]
Beispiele[20]:
| tɑho-ᴅ | tšɑ̄ju-ɑ? | ||||
| wollen.PRS-2SG | Tee-PAR | ||||
| ,Möchten Sie etwas Tee?‘ | |||||
| e-n | tɑho. | ||||
| NEG-1SG | wollen.CNG | ||||
| ,Nein.‘ (lit. „Ich möchte keinen“) | |||||
| kuzɑ | siɑ̈ | e̮li-ᴅ? | |||
| wo | 2SG | sein.IMPF-2SG | |||
| ,Wo warst du?‘ | |||||
| e-n | kuzzɑ. | ||||
| NEG-1SG | wo.NEG | ||||
| ‘,Nirgendwo.‘ | |||||
Interrogativadverbien und -pronomen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Mikɑ̈ („Was“)
- millɑ̈jn/miltɑ̈jn („Welche/s/r“)
- tšen („Wer“)
- ke̮ns („Wann“)
- kuza („Wo“)
- kuhe̮ („Wohin“)
- kussə („Von wo“)
Interrogativadverbien und -Pronomen haben im Wotischen spezielle negative Formen, welche nur in negativen Sätzen in Verbindung mit dem negativen Hilfsverb auftreten und manchmal zusätzlich mit dem Hauptverb.[21] Diese Interrogativadverbien und -pronomen haben keine feste Stelle im Satz, an der sie auftreten müssen, sie können sogar manchmal zwischen dem negativen Hilfsverb und dem Hauptverb auftreten.
Im Luuditsa-Dialekt (welcher wahrscheinlich unter Einfluss der ischorischen Sprache entstanden ist) des Wotischen können die negativen Formen der Interrogativadverbien und -Pronomen auf drei verschiedene Arten gebildet werden[22]:
- Gemination von Konsonanten im Stamm
- Die Addition oder Ersetzung des wortfinalen Vokals (mit) ɑ/ɑ̈
- Beibehaltung der gleichen Form für beide Polaritäten
| Kasus und Markierung | Positive Form | Beide Polaritäten | Negative Form |
|---|---|---|---|
| NOM (Ø) | tšen | tšenni | |
| GEN (Ø) | tšene | tšene / tšenne | |
| PAR (-tə/-ɑ/-ɑ̈) | tšenɑ̈ | tšettɑ̈ | |
| ILL (Ø) | tšenne | ||
| INESS (-z) | tšenez | ||
| ELA (-ssə) | tšenessə | ||
| ADALL (ллə/-llə) | tšellə | tšellɑ̈ | |
| ABL (лtə/ltə) | tšeltə | tšeltɑ̈ | |
| TRA (-ssi) | tšenessi | ||
| COM (-ka) | tšene-kɑ | tšene-kɑ / tšenne-kɑ |
Die negativen Formen werden nicht anhand des „Stamm + Suffix“-Prinzips gebildet. Die Gemination dient als unabhängige morphologische Operation und nicht als morphophonologischer Prozess, der mit dem Anhängen eines Suffixes einhergeht.
Abessive/karitive Negation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Um Bedeutungen wie „ohne“ oder „un-“ auszudrücken, wurde in der wotischen Sprache das karitive Suffix -tojn verwendet, welches Adjektive aus Nomen und Verben deriviert.[23]
Beispiel: e̮nne̮tojn („unglücklich“) von e̮nni („Glück“/„Glücklichkeit“)
Dieses Suffix ist allerdings nicht mehr produktiv und kommt nur noch in einer begrenzten Anzahl von Adjektiven vor.
Die abessive Form kann nur im Zusammenhang mit dem Supinum gebildet werden. Das abessive Suffix -ttə wird an die Markierung -mɑ/-mɑ̈ des Supinums angehängt, wobei der Vokal sich beim Supinum zu e oder e̮ verändern kann durch Vokalharmonie. Es ist jedoch üblicher, den gleichen Inhalt mit der normalen Negationsstrategie wiederzugeben.[24]
Beispiel[24]:
| kɑse | pe̮лto | on | tšünte-me-ttə. | ||
| Dieses | Feld | sein.PRS.3SG | pflügen-SUP-ABE | ||
| ,Dieses Feld ist nicht gepflügt.‘ (lit. „ohne Pflügung“) | |||||
In der gesprochenen wotischen Sprache kommen abessive Formen von Nomen nicht vor. Stattdessen wird eine Präpositionalphrase mit iлmə („ohne“) und der partitiven Form des Nomens verwendet.
Beispiel[23]:
| nɑ̈mɑ̈ᴅ | tuл-ti | iлmə | tɑ̈ttoj. | |
| 3PL | kommen-IMPF.3PL | ohne | Vater.PL.PAR | |
| ,Sie kamen ohne ihre Väter.‘ | ||||
Skopus der Negation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wenn die 3SG-Form des negativen Auxiliars eʙ als negative Partikel verwendet wird, kann diese den Skopus der Negation eingrenzen (dies kommt durch Einflüsse vom Russischen). In Infinitiv-Sätzen kann der Skopus eingegrenzt werden durch das Einfügen des Partikels eʙ vor dem Infinitiv.[25]
Negative Polaritätselemente
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Interrogativadverbien und -Pronomen, Adverbien wie ennɑ̈ („nicht mehr“) und Verben wie kehtɑmɑ („Lust haben etwas zu tun“) werden so gut wie nie in affirmativen Konstruktionen verwendet.[26]
Negative Konjunktionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einfache Konjunktion[27]:
- ni
- e(p)-ku / e(p)-ko
Doppelte Konjunktion[27]:
- ni … ni
- e(p)-ko … e(p)-ko / e(p)-ku … e(p)-ku („weder … noch“)
Ni ist vom Russischen geliehen, die anderen beiden Formen sind original wotisch.
Diese Konjunktionen drücken nicht alleine Negation aus, sondern sie müssen von der negativen Form des Verbs begleitet werden.
Ni (einfach und doppelt) kann verwendet werden um Infinitiv-Sätze zu bilden und Sätze die aus koordinierenden Konjunktionen entstehen. Ni kann jedoch nicht verwendet werden, um zwei Hauptprädikate zu verbinden.[28]
E(p)-ku / E(p)-ko funktionieren ähnlich, jedoch sind sie besonders, da ihr erster Teil eigentlich das negative Hilfsverb ist, welches konjugiert wird. Außerdem können einfache und doppelte Konjunktionen mit diesen Formen Hauptprädikate verbinden. In diesem Fall ist eʙ das negative Auxiliar, welches das Hauptprädikat formt, und ep-ku/ep-ko ist eine einfache Konjunktion. Als Alternative kann eʙ als erster Teil der doppelten Konjunktion interpretiert werden, bei dem die Partikel ku/ko weggelassen wurde, und die Konjunktion fungiert als das negative Auxiliar.[29]
Wenn die Konjunktion Subjekte voneinander trennt, kongruiert das negative Auxiliar normalerweise in Numerus und Person mit der Nominalphrase, die auf das Verb folgt, und manchmal mit der Nominalphrase, die dem Verb vorangeht. Wenn die Konjunktion Objekte voneinander trennt, kongruiert das negative Auxiliar mit dem Subjekt. Wenn der Satz kein Subjekt im Nominativ enthält, dann wird die 3SG-Form des negativen Auxiliars verwendet.[30]
Die Partikeln ko und ku können weggelassen werden vom ersten Teil einer doppelten Konjunktion ohne Verlust der Bedeutung.[31]
Derivationelle Morphologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die wotische Sprache ist reich an derivationellen Suffixen, da der grundlegende Derivationsmechanismus die Suffigierung ist.[32] Eine weitere übliche Methode ist die Bildung von Komposita.[33]
Komposita
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der gesprochenen wotischen Sprache wird beim Großteil der Komposita die Verbindung der Wörter nicht strikt ausgeführt. Es gibt demnach Komposita wie rehenneüZ („Eingangshalle“), welche komplett verbunden sind, und Komposita wie einä-re̮ukko („Heuhaufen“), in denen eine mentale Trennung der Wörter stattfindet.[33]
Komposita können aus mehr als zwei Teilen bestehen, z. B.: kuлta-sarvi-pe̮dra („goldener gehörnter Elch“).[33]
Nicht nur das komplexe Wort, sondern auch dessen individuelle Teile können ihre Form verändern/dekliniert werden. Normalerweise wird aber nur der letzte Teil verändert.[33]
Es findet auch oft Apokope (Abfall eines Auslauts) statt beim ersten Teil eines Kompositums, z. B.: raut-ampäD („Eisen-Zähne“) (rauta = „Eisen“)[33]
Wörter, welche die Endung -n/-ne/-ne̮ im Nominativ haben und -zē/-zē̮ im Genitiv, haben den Konsonantenstamm in einem Kompositum.[33]
Die Wörter, die verbunden werden, sind normalerweise im Nominativ, allerdings kann der erste Teil des Kompositums auch in einem anderen passenden Obliquus/schiefen Kasus vorkommen. So zum Beispiel in aigassaika („Jahr“), wo der erste Teil des Wortes im Elativ ist.[33]
Wörter, die im Genitiv kombiniert werden, sind auch relativ häufig, z. B.: rehenneüZ („Eingangshalle“).[33]
Auch wenn viele Komposita in der wotischen Sprache nicht strikt zusammengefügt werden, gibt es aber manche Wörter die eindeutig verbunden sind, z. B.: e̮unappū („Apfelbaum“; e̮una + pū).[33]
Es gibt auch Wörter, bei denen es den Sprechern nicht mehr oder nur teilweise bewusst ist, dass sie aus mehreren Teilen bestehen, z. B.: ähüpǟ („Bereich oben auf dem Ofen“ (obere Oberfläche)) → ahjo („Ofen“) + pǟ („Kopf“, „Ende“)[33]
Transpositionelle Derivation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Adjektiv | |||
|---|---|---|---|
| Morphem | Beispiel | ||
| -ssi | kehno → kehnossi
(miserable, poor → miserably, poorly) | ||
| -ttā | saлamittā
(secretly) | ||
| Adjektiv | Verb | ||
|---|---|---|---|
| Morphem | Beispiel | Morphem | Beispiel |
| -uZ/-üZ | nōri → nōruZ
(jung → Jugend) |
-me/-me̮ | ve̮ttā → ve̮ttimē̮
(nehmen → Schlüssel) |
| -eлmo/-e̮лmo | ahaZ → ahe̮лmo
(eng → eine enge Stelle) |
-e/-e̮
(mit „G“ am Ende des Suffix im Ostwotischen) |
tiлkkua → tiлke̮
(tropfen → Eiszapfen) |
| -o | mahsā → mahso
(bezahlen → Bezahlung) | ||
| -u/-ü | nagrā → nagru
(lachen → Gelächter) | ||
| -ri | jōmā → jōmari
(trinken → Säufer) | ||
| -eлmo/-e̮лmo | katke̮mā → kadge̮лmo
(abbrechen → Bruchstück) | ||
| Nomen | Adjektiv | ||||
|---|---|---|---|---|---|
| Morphem | Anwendung | Beispiel | Morphem | Anwendung | Beispiel |
| -tta/-ttä | für kausative Verben
abzuleiten |
api → avittä
(Hilfe → helfen) |
-u-/-ü- | für reflexive und intransitive
Verben abzuleiten |
itšävä → itšävüä
(langweilig → sich langweilen) |
| -ttsā | eлkko → eлkottsā
(Blüte → blühen) |
-tta/-ttä | für kausative Verben
abzuleiten |
tühjä → tühjettä
(leer → entleeren) | |
| Nomen | |
|---|---|
| Morphem | Beispiel |
| -kaZ | veri → verekaZ
(Blut → blutig) |
| -va/vä | vätši → vätševä
(Stärke/Kraft → stark/mächtig) |
| -za | rutto → ruttoza
(Schnelligkeit → schnell) |
| -in | e̮лltši → e̮лtšin
(Stroh → aus Stroh gemacht) |
| -llin/llīn | armo → armollin
(Gnade → gnädig) |
| -tō | leipä → leivätō
(Brot → brotlos) |
Diminuitiva und Superlative
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Nomen | |
|---|---|
| Morphem | Beispiel |
| -(i)kko | tšiutto → tšiutikko
(Hemd → kleines Hemd) |
| -ikka | sauna → saunikka
(Badehaus → kleines Badehaus) |
| -kke̮in | tšivi → tšivikke̮in
(Stein → kleiner Stein) |
| -uD/-üD
(Verwendung vor allem in Volksliedern) |
velli → vellüD
(Bruder → Bruder (dim.)) |
| -ška/-ško
(abwertende/humorvolle Anwendung; auch aus Verben ableitbar) |
kantā → kandaška
(tragen → Schatz-bringender Goblin) |
| -jain | лaukopäivä → лaukojain
(Samstag (Waschtag) → Waschfrau (dim.)) |
| -o | pojo
(Junge) |
Superlative
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Superlative werden gebildet, wenn ein alliteratives Pseudoaffix vor einem Adjektiv steht.[33]
Z. B.: upi-ūsi („komplett neu“); puri-puhaZ („komplett sauber“)
Sonstige Derivationen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Morphem | Beispiel |
|---|---|
| -lēʙ | kuilēʙ (irgendwie) |
| Morphem | Beispiel |
|---|---|
| -(u)Z/-(ü)Z/-Z | se̮rmi → se̮rmuZ
(Finger → Ring) |
| -лain/-läin | sōmē̮ → sōmaлain
(Finnisch →ein Finne) |
| -llīn | tšihla → tšihлollīn
(Verlobung → Verlobte(r)) |
| -nikka | kaлa → kaлanikka
(Fisch → Fischer) |
| -ntima/-ntimä
(=„Stief-“) |
emä → emintimä
(Mutter → Stiefmutter) |
| -(i)kko | tšēli → tšēlikko
(Zunge → Petze/Verräter) |
| -ri | лammaZ → лampuri
(Schaf →Schafhirt) |
| -zikko | kahtši → kahtšizikko
(Birke → Birkenwald) |
| Morphem | Anwendung | Beispiel |
|---|---|---|
| -e̮лe̮-/-ele- | für frequentative Verben abzuleiten, aber
das Affix drückt größtenteils nicht mehr frequentative Handlungen aus |
se̮лe̮n
(Ich niese) |
| -hta-/-htä- | für momentane Verben abzuleiten | örtšähtǟ
(aufwachen) |
| -tta/-ttä | für kausative Verben abzuleiten | tiлkkua → tiлkuttä
(tropfen → etwas tropfen lassen) |
| -goittā | für kausative Verben abzuleiten | se̮isue → se̮itagoittā
(stehen → jmd./etwas stoppen) |
| -u-/-ü- | für reflexive und intransitive Verben anzuleiten | te̮mmata → te̮mpaun
(ziehen → Ich werde gezogen) |
| Morphem | Beispiel |
|---|---|
| -(k)ke̮in | ümpäri → ümmärke̮in
(ringsherum → rund) |
| -лain/-läin | e̮ma → e̮maлain
(eigener/s → jemandem sein/ihr eigenes) |
| -mein/-me̮in | takume̮in
(letzte(r)) |
| -e̮a/-iä | pimiä (dunkel)
ke̮rke̮a (hoch) |
Wortstellung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die grundlegende Wortstellung im Wotischen ist SVO, sowohl in negativen als auch in affirmativen Konstruktionen. Die Wortfolge ist jedoch relativ frei, da sie aus Gründen der Informationsstruktur verändert werden kann.[34]
Adjektive stehen vor Nomen. Adverbien und Pronomen werden oft zwischen Teilen einer analytischen Verbkonstruktion eingefügt. In negativen Sätzen stehen Pronomen beispielsweise oft zwischen dem negativen Auxiliar und dem Hauptverb.[32]
In polaren Fragen mit dem -ko Klitikon steht das Verb normalerweise an erster Stelle, ohne Klitikon bleibt die Wortstellung jedoch gleich wie in affirmativen Sätzen.[35]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Paul Ariste: A Grammar of the Votic Language. Curzon Press, Bloomington(?) 1997.
- Dmitri Tsvetkov: Vadja keele grammatika. Eesti Keele Sihtasutus, Tallinn 2008, ISBN 978-9985-79-216-2.
- Vadja keele sõnaraamat. Band 1. Eesti Keele Institut, Tallinn 1990, ISBN 978-9985-79-303-9.
- Eberhard Winkler: Wotisch. (PDF; 113 kB). In Miloš Okuka (Hrsg.): Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens. Klagenfurt 2002. (= Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens 10).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Belege
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Report for language code: vot. Ethnologue, abgerufen am 17. Oktober 2011 (englisch).
- ↑ Paul Ariste: A Grammar of the Votic Language. Band 68. Indiana University Publications, 1968 (theswissbay.ch [PDF]).
- ↑ The Oxford guide to the Uralic languages (= Oxford guides to the world’s languages). Oxford University Press, Oxford 2022, ISBN 978-0-19-876766-4.
- ↑ Matti Miestamo, Anne Tamm, Beáta Wagner-Nagy: Negation in Uralic languages. In: Negation in Uralic Languages (= Typological Studies in Language). John Benjamins Publishing Company, 2015, ISBN 978-90-272-0689-3, S. 490, doi:10.1075/tsl.108.01 (benjamins.com [abgerufen am 15. Oktober 2023]).
- ↑ Matti Miestamo, Anne Tamm, Beáta Wagner-Nagy: Negation in Uralic languages. In: Negation in Uralic Languages (= Typological Studies in Language). John Benjamins Publishing Company, 2015, ISBN 978-90-272-0689-3, S. 489, doi:10.1075/tsl.108.01 (benjamins.com [abgerufen am 15. Oktober 2023]).
- ↑ Matti Miestamo, Anne Tamm, Beáta Wagner-Nagy: Negation in Uralic languages. In: Negation in Uralic Languages (= Typological Studies in Language). John Benjamins Publishing Company, 2015, ISBN 978-90-272-0689-3, S. 498–499, doi:10.1075/tsl.108.01 (benjamins.com [abgerufen am 15. Oktober 2023]).
- ↑ a b c Elena Markus, Fedor Rozhanskiy: The Oxford Guide to the Uralic Languages. Hrsg.: Marianne Bakró-Nagy, Johanna Laakso, Elena Skribnik. 1. Auflage. Oxford University PressOxford, 2022, ISBN 978-0-19-876766-4, S. 340–341, doi:10.1093/oso/9780198767664.001.0001 (oup.com [abgerufen am 20. Oktober 2023]).
- ↑ a b c d e f Paul Ariste: A Grammar of the Votic Language. Band 68. Indiana University Publications, 1968, S. 76–77 (theswissbay.ch [PDF]).
- ↑ a b c d e f Paul Ariste: A Grammar of the Votic Language. Band 68. Indiana University Publications, 1968, S. 77–78 (theswissbay.ch [PDF]).
- ↑ a b Erika Mitchell: The morpho-syntax of negation and the positions of NegP in the Finno-Ugric languages. In: Lingua. Band 116, Nr. 3, März 2006, S. 228–244, doi:10.1016/j.lingua.2004.08.005 (elsevier.com [abgerufen am 15. Oktober 2023]).
- ↑ a b c Matti Miestamo, Anne Tamm, Beáta Wagner-Nagy: Negation in Uralic languages. In: Typological Studies in Language. Band 108. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2015, ISBN 978-90-272-0689-3, S. 491, doi:10.1075/tsl.108.01 (benjamins.com [abgerufen am 15. Oktober 2023]).
- ↑ Matti Miestamo, Anne Tamm, Beáta Wagner-Nagy: Negation in contemporary Votic. In: Negation in Uralic Languages (= Typological Studies in Language). John Benjamins Publishing Company, 2015, ISBN 978-90-272-0689-3, S. 489, doi:10.1075/tsl.108.01 (benjamins.com [abgerufen am 20. Oktober 2023]).
- ↑ a b c d Matti Miestamo, Anne Tamm, Beáta Wagner-Nagy: Negation in Uralic languages. In: Typological Studies in Language. Band 108. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2015, ISBN 978-90-272-0689-3, S. 493, doi:10.1075/tsl.108.01 (benjamins.com [abgerufen am 15. Oktober 2023]).
- ↑ a b c d e f Matti Miestamo, Anne Tamm, Beáta Wagner-Nagy: Negation in Uralic languages. In: Typological Studies in Language. Band 108. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2015, ISBN 978-90-272-0689-3, S. 492, doi:10.1075/tsl.108.01 (benjamins.com [abgerufen am 15. Oktober 2023]).
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- ↑ a b Matti Miestamo, Anne Tamm, Beáta Wagner-Nagy: Negation in Uralic languages. In: Typological Studies in Language. Band 108. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2015, ISBN 978-90-272-0689-3, S. 498, doi:10.1075/tsl.108.01 (benjamins.com [abgerufen am 16. Oktober 2023]).
- ↑ a b c Matti Miestamo, Anne Tamm, Beáta Wagner-Nagy: Negation in Uralic languages. In: Typological Studies in Language. Band 108. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2015, ISBN 978-90-272-0689-3, S. 500, doi:10.1075/tsl.108.01 (benjamins.com [abgerufen am 16. Oktober 2023]).
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- ↑ a b The Oxford Guide to the Uralic Languages. 1. Auflage. Oxford University PressOxford, 2022, ISBN 978-0-19-876766-4, S. 343, doi:10.1093/oso/9780198767664.001.0001 (oup.com [abgerufen am 15. Oktober 2023]).
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t Ariste Paul: A Grammar of the Votic Language. Band 68. Indiana University Publications, 1968, S. 115–121 (theswissbay.ch [PDF]).
- ↑ Matti Miestamo, Anne Tamm, Beáta Wagner-Nagy: Negation in Uralic languages – Introduction. In: Negation in Uralic Languages (= Typological Studies in Language). John Benjamins Publishing Company, 2015, ISBN 978-90-272-0689-3, S. 494, doi:10.1075/tsl.108.01int (benjamins.com [abgerufen am 15. Oktober 2023]).
- ↑ The Oxford Guide to the Uralic Languages. 1. Auflage. Oxford University PressOxford, 2022, ISBN 978-0-19-876766-4, S. 343, doi:10.1093/oso/9780198767664.001.0001 (oup.com [abgerufen am 15. Oktober 2023]).