Wrangelkiez

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Südöstliche Wrangelstraße von der Skalitzer Straße aus gesehen, an deren Ende die Taborkirche

Der Wrangelkiez (ursprünglich: Schlesisches Viertel)[1] ist ein hochverdichtetes, gründerzeitliches Wohnquartier in Berlin und bildet den östlichen Abschluss des Ortsteils Kreuzberg im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das 45 Hektar große Gebiet mit seinen rund 12.400 Einwohnern befand sich zu Mauerzeiten in einer Randlage. Die Bevölkerungsdichte liegt bei 27.556 Einwohnern je Quadratkilometer. Im Nordwesten wird das Gebiet von der Skalitzer Straße begrenzt, im Südwesten vom Görlitzer Park, im Nordosten von der Spree und im Südosten vom Landwehrkanal.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wrangel- /Ecke Falckenstein­straße in den späten 1980er Jahren
Oppelner Straße Mitte November 1989: DDR-Bürger beim Schlangestehen für das Begrüßungsgeld

Die Entstehungsgeschichte des Viertels kann von der des jenseits des Görlitzer Parks gelegenen Teils des ehemaligen Postzustellgebietes SO 36 nicht getrennt betrachtet werden. Das einstige Köpenicker Feld außerhalb der Stadtmauer (die dem Verlauf der heutigen Hochbahn folgte) wurde, neben der Spree, ab 1845 (Beginn der Bauarbeiten) vom Landwehrkanal umgrenzt. Die Erschließung des Gebiets begann aber erst ab 1858 nach Plänen von James Hobrecht. Der überarbeitete Bebauungsplan von 1862 wies den Straßen zunächst Nummern und den Plätzen Buchstaben zu. Mit dem Bau des Görlitzer Bahnhofs erhielten sie weitgehend ihre heutigen Namen.[2]

Das Gelände befand sich zunächst im Besitz Heinrich Andreas de Cuvrys, einem Berliner hugenottischer Abstammung, der hier (Ecke Schlesische Straße/Taborstraße) eine Fabrik errichtet hatte. Die Cuvrystraße war nach der Schlesischen Straße die erste, die einen Namen erhielt.[3] Ihr südlicher Teil heißt – nach der Trennung durch das Bahnhofs- und heutige Parkgelände – aber Ratiborstraße. Nach dem zweiten dort ansässigen Industriellen wurde später das Heckmannufer benannt.

Neben den Militärs Wrangel und Falckenstein wurden vor allem Orte, die in Richtung der stadtauswärts gerichteten Hauptstraßen lagen, Namenspaten: Görlitz, Liegnitz, Sorau, Oppeln und Tabor. Die in den Jahren 1866/1867 eröffnete Görlitzer Bahn brachte am gleichnamigen Bahnhof einen Strom von Zuwanderern, die oft in der nächsten Umgebung Arbeit und Wohnung suchten. So entstand rasch ein Mischgebiet aus Gewerbebetrieben und einfachem Wohnraum. Die entsprechend der Berliner Traufhöhe errichteten, mehrstöckigen Häuser waren in etwa gleich hoch, die Baupläne oft ähnlich. Zwei oder mehr Mietparteien teilten sich häufig eine Wohnung, die Toiletten befanden sich vielfach in den Ecken der Treppenhäuser.

Namensgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Generalfeldmarschall Friedrich von Wrangel

Die Bezeichnung Wrangelkiez für das Schlesische Viertel kam erst Ende der 1980er Jahre auf und ist aus heutiger Sicht unglücklich gewählt. Zum einen liegt hier nur der kleinere Teil der namensgebenden Wrangelstraße. Zum anderen marschierte General Friedrich von Wrangel im Jahr 1848 gegen das revolutionäre Berlin, verhängte das Kriegsrecht über die preußische Hauptstadt und machte der Revolution ein Ende. Allerdings galt wohl zu jener Zeit, in der die Bundesrepublik Deutschland die polnische Westgrenze noch nicht anerkannt hatte und sich auch einige Bundestagsabgeordnete der CDU explizit gegen diese Anerkennung aussprachen, die Bezeichnung Schlesisches Viertel als noch weniger erwünscht.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gehsteig in der Schlesischen Straße

Der Wrangelkiez ist ein Wohngebiet mit einer überdurchschnittlich jungen Bevölkerungsstruktur. Der Anteil der 18- bis 35-Jährigen liegt bei 34,2 %. Der Ausländeranteil gehört mit rund 40 % zu den höchsten in ganz Berlin und rechnet man die Menschen mit einem Migrationshintergrund dazu, so beträgt er 65 %. Der Anteil der türkischen Zuwanderer beträgt 35,8 %. Auch der Anteil an Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern liegt in diesem Kiez mit 30,5 % weit über dem Durchschnitt. Die gründerzeitliche Baustruktur befindet sich in einem vergleichsweise guten Zustand. Dies geht auf viele das Wohnumfeld verbessernde Maßnahmen in den Stadterneuerungsprogrammen der 1980er Jahre zurück. Es bietet für ein innerstädtisches Gebiet ein großes Angebot an Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten (Görlitzer Park, Treptower Park, Spree).

Seit der politischen Wende ist das Gebiet einem stetigen Umbruch unterworfen. Im Wrangelkiez lebten bis 1990 viele Menschen, die bewusst in diesen als abgelegen empfundenen Teil West-Berlins zogen, in dem es ausgeprägte soziale Netze gab. Die Integration von Migranten wurde vielfach als gemeinschaftliche Aufgabe empfunden. In den 1990er Jahren allerdings wandelte sich mit der stadträumlichen Lage auch das Image des Quartiers, viele Bewohner zogen vorwiegend nach Prenzlauer Berg und Friedrichshain um. Der Wegzug bürgerlicher Bevölkerungsschichten führte zu einem sozialen Wandel des Quartiers. Allerdings konnte sich die kleinräumige Gewerbestruktur, vor allem in der Wrangelstraße und rund um das Schlesische Tor, weitgehend erhalten. Inzwischen gilt das Gebiet um die Schlesische Straße wegen der Ansiedlung von Clubs, Bars und Künstleragenturen als aufstrebendes Szeneviertel in Berlin. Ebenso haben sich in der südlichen Görlitzer Straße mit Sicht auf den Görlitzer Park einige Lokale mit Szeneflair etabliert.

Arabische Imbisse haben laut der sozialwissenschaftlichen Geografin Miriam Stock die Gentrifizierung in Berliner Vierteln wie Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain mitgeprägt. Stock untersuchte in ihrer 2013 veröffentlichten Dissertation die Konstruktion dortiger Geschmackslandschaften anhand der Verteilung und der Inszenierung der jeweiligen Läden.[4] 2007 wurde in Berlin unter dem Motto Frittenskandal im Falafelkiez die Skandalisierung einer geplanten McDonald’s-Filiale im Wrangelkiez thematisiert.[5] Die US-Kette störte laut taz eine Authentizitätsblase, in der sich die bürgerliche, weiße Mittelschicht im traditionellen Alternativenviertel eingerichtet hatte. Der akademische Mittelschichtsgeschmack hielt sich eher an die Falafel, die ästhetisch, folkloristisch und authentisch erscheinen, die Fastfoodfiliale wurde zum Anlaufpunkt von unter anderem jugendlichen Migranten.[6]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Linker Turm der Liebfrauenkirche zwischen Moschee und Supermarkt
U-Bahnhof Schlesisches Tor mit dem ehemaligen Kaufhaus am Tor (abgekürzt: Kato) und späteren Club Kato

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oberbaumbrücke mit U-Bahn-Zug der Linie U1

Hauptachsen sind die Skalitzer Straße – Oberbaumstraße und die Schlesische Straße. Bereits im späten 19. Jahrhundert wurden die Hauptachsen durch Straßenbahnen erschlossen. Später gab es auch in der Falckensteinstraße und der Görlitzer Straße zum Görlitzer Ufer hin eine Strecke.[11][12] Sie wurde zunächst über die Wrangel- und die Taborstraße geführt,[13] woran die Pflasterung bis Anfang der 1980er Jahre noch erinnerte. 1945 wurden nur die Strecken von der Oberbaumbrücke bis zum Schlesischen Tor (Linie 4), in der östlichen Falckensteinstraße (Linie 3) und in der Schlesischen Straße (Linien 3, 87 und 92) reaktiviert.[14][15] Auch nach der Währungsreform fand hier, im Gegensatz zu anderen Linien, kein Schaffnerwechsel statt.[16] Auf dem Linienplan der BVG von 1954 sind sie bereits durch die Buslinie A28 ersetzt. Aufgrund des Mauerbaus gab es nach dem 13. August 1961 hier keinen Durchgangsverkehr mehr. Straßenbahnstrecken wurden endgültig zerschnitten, und auch die U-Bahn endete nun am Schlesischen Tor. Während die zweitgenannte Achse nach dem Fall der Mauer bald wieder geöffnet werden konnte, zog sich die Instandsetzung der Oberbaumbrücke bis 1995 hin.

Aktuell verkehrt hier die Buslinie 265. Eine Verlängerung der Straßenbahnlinie M10 entlang der Falckensteinstraße zum Hermannplatz ist seit langem in der Diskussion.

Der Hochbahnhof Schlesisches Tor der Linie U1 der Berliner U-Bahn wurde durch das Musical Linie 1 des Grips-Theaters weltberühmt. Von 1961 bis 1995 war er der Endbahnhof der Linie.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dieter Kramer: Kreuzberg 1968–2013. Abbruch, Aufbruch, Umbruch. Nicolai, Berlin 2013, ISBN 978-3-89479-805-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dieter Kramer: Kreuzberg 1968–2013. Abbruch, Aufbruch, Umbruch, S. 48
  2. Emil Galli: Görlitzer Bahnhof / Görlitzer Park, S. 55
  3. Emil Galli: Görlitzer Bahnhof / Görlitzer Park, S. 54
  4. Miriam Stock: Der Geschmack der Gentrifizierung: Arabische Imbisse in Berlin. transcript Verlag, 2016, ISBN 978-3-8394-2521-3 (google.de [abgerufen am 30. Dezember 2016]).
  5. Der Geschmack der Gentrifizierung: Arabische Imbisse in Berlin, von Miriam Stock, S. 7
  6. Anne Haeming: „Falafel ist ein Armeleuteessen“. In taz am Wochenende, 18./19. Januar 2014
  7. Infos und eine Audiodatei für Blinde
  8. Wrangelkiez.de Kiezkunst
  9. Kreuzberg trägt schwarz: Kult-Graffiti übermalt. Bei: tagesspiegel.de, abgerufen am 13. Dezember 2014
  10. Landesdenkmalamt Berlin – Seniorenclub, abgerufen am 1. April 2017
  11. Straßenbahn Special: Straßenbahnen in Berlin, Heft 1/2005, S. 31
  12. Historische Straßenbahn-Netzpläne von 1925 und 1936 auf www.berliner-verkehrsseiten.de (PDF)
  13. Alt-Berlin-Info abgerufen am 25. März 2012
  14. Sigut Hilkenbach / Wolfgang Kramer: Die Straßenbahnen in Berlin, S. 64
  15. Straßenbahn Special, Heft 2/2011: Nahverkehr in Berlin 1945–1990, S. 12
  16. Straßenbahn Special, Heft 2/2011: Nahverkehr in Berlin 1945–1990, S. 29

Koordinaten: 52° 30′ N, 13° 27′ O