Yue (Volksbezeichnung)

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Der Qin-Reich und die Yue-Stämme, 210 BC

Yue (chinesisch  bzw.  / , Yuè, vietnamesisch Việt) war ein von chinesischen Chronisten verwendeter Sammelbegriff für nicht-chinesische Volksgruppen („Barbaren“) im heutigen Südchina und im Norden des heutigen Vietnams.

Der Begriff ist erstmals für die späte Shang-Dynastie nachgewiesen, bezeichnete zunächst aber Gruppen nordwestlich des Shang-Reiches. Im frühen 8. Jahrhundert v. Chr. wurde ein Volk am Mittellauf des Jangtsekiang als Yangyue (揚越 / 扬越, Yángyuè, viet. Dương Việt) bezeichnet. Vom 7. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. existierte der Staat Yuyue (於越 / 於越, Yúyuè, viet. Ư Việt) am Mündungsbereich des Jangtse. Die Bezeichnung übertrug sich dann mit der Zeit auf nicht oder nur teilweise sinisierte Kulturgemeinschaften noch weiter im Süden.

Im um 239 v. Chr. erschienenen Buch Lüshi chunqiu ist erstmals von den „Hundert Yue-Stämmen - Baiyue“, (百越, bzw. 百粵 / 百粤, Bǎiyuè, viet. Bách Việt, synonym: 百越族, bzw. 百粵族 / 百粤族, Bǎiyuèzú) die Rede, die in der Region Lingnan beheimatet waren. Diese Bezeichnung wurde während der Qin- und Han-Zeit (3. Jahrhundert v. Chr. bis 3. Jahrhundert n. Chr.) weit gebräuchlich. Im Unterschied zu den Chinesen trugen die Baiyue das Haar kurz, tätowierten sich die Haut, lebten in Siedlungen in Bambus-Pfahlbauweise und kannten weder Pfeil und Bogen noch Pferde oder Wagen, dafür zeichneten sie sich im Schiffsbau aus.[1]

Wichtige Untergruppen waren die Minyue (閩越 / 闽越, Mǐnyuè, viet. Mân Việt), die Shanyue (山越, Shānyuè, viet. Sơn Việt), die Luoyue (雒越, Luòyuè bzw. 駱越 / 骆越, Luòyuè, viet. Lạc Việt), die Ouyue (甌越 / 瓯越, Ōuyuè, viet. Âu Việt) und besonders die Nanyue (南越, Nányuè, viet. Nam Việt). Bis Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. hatte die nach Süden expandierende Han-Dynastie diese Gruppen größtenteils unterworfen.

Die ethnisch-linguistische Zuordnung der Baiyue ist in der Wissenschaft umstritten; ebenso unklar ist die Verwandtschaft zwischen den einzelnen Untergruppen – also die Frage, ob es sich um eine gemeinsame Kulturgemeinschaft oder um mehrere nicht verwandte Völker handelt. Meist werden die Yue teils als austroasiatische (Mon-Khmer) und teils als Tai-Kadai-sprachige Volksgruppen angesehen. Neuere genetische Untersuchungen verbinden die Baiyue hingegen sowohl mit dem Tai-Kadai-Volk der Li auf Hainan als auch mit den austronesischen Ureinwohnern Taiwans.[2]

Die Luoyue (viet. Lạc Việt), die Ouyue (viet. Âu Việt) und die Nanyue (viet. Nam Việt) gelten in der vietnamesischen Geschichtsschreibung als die Vorfahren der Vietnamesen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass lediglich die chinesische Fremdbezeichnung Yue/Việt von lokalen proto-vietnamesischen Volksgruppen im Bereich des Mittellaufes und Deltas des Roten Flusses übernommen wurde. Deren Sprache – also das Ur-Vietnamesische – war noch weiter südlich im zentralvietnamesisch-laotischen Hochland entstanden und von dort aus nach Norden ins Delta gelangt, wurde also sicher nicht von den namensgebenden Yue/Việt gesprochen, die aus der entgegengesetzten Richtung in die Region migriert waren.[3]

Nachdem die Vietnamesen nach etwa tausendjähriger chinesischer Herrschaft ihre Unabhängigkeit erlangten, setzte sich als Bezeichnung ihres Staatswesens der Name Đại Việt (大越, Dàyuè ‚Große Yue‘) durch. Im 19. Jahrhundert entstand daraus wiederum der heutige Landesname Việt Nam / Vietnam (越南, Yuènán ‚Südliche Yue‘). Auch die chinesische Kurzbezeichnung Yue ( / ) für die Provinz Guangdong sowie das dort gesprochene Kantonesisch leitet sich von der historischen Volksbezeichnung ab.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • William Meacham: Defining the Hundred Yue, In: Bulletin of the Indo-Pacific Prehistory Association, Ausgabe 15, 1996, S. 93–100 (Volltext online verfügbar)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Robin Hutcheon: China–Yellow, Chinese University Press, 1996, S. 4;
    Ben Kiernan: A History of Vietnam, 211 BC to 2000 AD, Oxford University Press, 2017, S. 49
  2. DNA Analysis Reveals Taiwanese Have Ancestors on Mainland. Abgerufen am 11. April 2017.
  3. Ben Kiernan: A History of Vietnam, 211 BC to 2000 AD, Oxford University Press, 2017, S. 47–51