Zahnschmerzen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klassifikation nach ICD-10
K08.8 Sonstige näher bezeichnete Krankheiten der Zähne und des Zahnhalteapparates
Zahnschmerz o.n.A.
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Entwicklung der Karies mit Darstellung der Symptomatik
Bild 1: Karies
Bild 2: Pulpitis
Bild 3: apikale Ostitis

Als Zahnschmerzen bezeichnet man ein zumeist starkes, kontinuierliches Schmerzgefühl, das von den Zähnen ausgeht. Schmerzen, die durch Entzündungen des Zahnfleisches oder des Zahnhalteapparates ausgehen, werden indirekt zu den Zahnschmerzen dazugezählt, wobei meist die Befallszonen und Nervenreizung Hand in Hand gehen. Vom Zahn oder Zahnhalteapparat ausgehende Entzündungen werden als odontogene Infektionen bezeichnet.

Ursachen[Bearbeiten]

Trotz ihrer scheinbar festen, robusten Struktur gehören Zähne zu den Körperteilen, die bei Krankheit oder Schädigung stärkste Schmerzen verursachen können. Dies liegt an den ausgeprägten und empfindlichen Nervensträngen, die jeder einzelne Zahn besitzt. Das zeigt sich schon an der Empfindlichkeit der Zähne gegenüber heißer bzw. kalter Nahrung bei deren Aufnahme in den Mund. Besonders ersichtlich und erheblich wird diese schmerzhafte Reizung bei freiliegenden Zahnhälsen, da Zähne in diesem Bereich keine schützende Schmelzschicht aufweisen. Ohne Zahnschmelz kann schon ein gezielter Druck, etwa mit einem Fingernagel, auf die entsprechenden Stellen leichte stechende Reizungen hervorrufen, vor allem, wenn die Schädigung noch relativ frisch ist.

Zahnschmerzen können durch odontogene, etwa den Dentin-Pulpa-Komplex oder das Parodont und nicht-odontogene Faktoren verursacht sein. Dazu werden beispielsweise eine Nasennebenhöhlenentzündung oder Angina Pectoris gezählt. Obwohl es zahlreiche mögliche Ursachen nicht-odontogener Zahnschmerzen gibt, ist der weit überwiegende Teil durch odontogene Faktoren bestimmt.[1]

Sowohl das Parodont als auch die Zahnpulpa haben Nociceptoren (Schmerzrezeptoren), allerdings hat die Pulpa keine Rezeptoren für die Position (Propriozeptoren) oder mechanische Einflüsse (Mechanorezeptoren)[2][3][4] Aus diesem Grund können Schmerzen, die von der Pulpa ausgehen, oftmals schlecht lokalisiert werden, während Schmerzen, die aus dem Parodont stammen, typischerweise gut lokalisiert werden können.

Ursachen für odontogene Zahnschmerzen sind u.a. fehlender Zahnschmelz, Karies und entzündliche Krankheiten wie Parodontitis, aber natürlich auch rein mechanische Verletzungen und Beschädigungen. Hierzu gehört nicht nur das Zähneknirschen, sondern auch schlecht sitzende Zahnkronen, unter denen ebenso eine Entzündung vorliegen kann, oder Überbelastungen durch Zahnprothesen, Implatate oder Zahnspangen.[5] Gefördert wird die Erkrankung der Zähne und von allen weiteren relevanten Mundorganen durch den hohen Anteil an Mikroorganismen, insbesondere Bakterien, die sich wegen der Funktion der Nahrungsaufnahme in der Mundhöhle befinden. Speisereste, Feuchtigkeit und die relativ geringe Dichte an körpereigenen Antikörpern (auch im Speichel) bieten ein günstiges Milieu für eine wirtsfremde Fauna.

Differentialdiagnose[Bearbeiten]

Die Anamnese der Schmerzqualität und Schmerzquantität dient dem Zahnarzt zusammen mit dem Perkussionstest, der Sensibilitätsprüfung und dem Röntgenbild zur Unterscheidung zwischen Karies, Pulpitis und apikaler Ostitis.

Karies[Bearbeiten]

Bei der Diagnose der Karies (Bild 1) wird ein Schmerz durch süße, seltener durch saure, Lösungen oder Speisen provoziert. Salzige Lösungen kommen praktisch nicht in Frage, obwohl diese genauso wie süße Lösungen einen osmotischen Druck ausüben und damit Schmerzen verursachen können. Allerdings verträgt der menschliche Geschmack nur wesentlich geringere Konzentrationen an Salzlösungen (ca. 1%ige Lösung) als an Zuckerlösungen (mindestens 30%ige Lösung). Typisch ist der fehlende Spontanschmerz bei der Karies in frühen Stadien. Wenn nicht gegessen wird, beispielsweise nachts, dann gibt es auch keine Schmerzen. Die Sensibilität des Zahnes ist noch erhalten. Die Perkussionsprobe (Klopfprobe) ist negativ. Typische Zahnschmerzen nach süßen Schmerzauslösern klingen nach wenigen Sekunden oder Minuten wieder ab.[6]

Pulpitis[Bearbeiten]

Bei der Pulpitis (Bild 2) tritt Spontanschmerz auf – beispielsweise auch nachts. Die Schmerzattacken beginnen typischerweise schlagartig und halten wesentlich länger an als bei der Karies. Zwischen den Schmerzattacken gibt es Pausen mit relativer Schmerzfreiheit. Anfangs dauern diese schmerzfreien Pausen mehrere Stunden, im Laufe von einigen Tagen verkürzen sie sich aber auf wenige Minuten. Demgegenüber beträgt die Dauer der Schmerzattacken anfangs nur wenige Minuten, verlängert sich dann aber kontinuierlich. Oft besteht auch ein ununterbrochener Schmerz. Den typischen Schmerzverlauf einer Pulpitis trifft man nur bei 50 % der Pulpitiden an. Viele Varianten sind möglich.

Eine Vitalitätsprobe hilft bei der Pulpitis hauptsächlich zur Lokalisierung des schuldigen Zahnes, weniger jedoch zur Differenzierung zwischen Karies und Pulpitis. Bei einer Pulpitis treten oft sehr starke Schmerzen auf, die ausstrahlen können, so dass dem Patienten die Lokalisierung sehr schwer fallen kann. Er kann oft nur die betroffene Seite angeben, nicht jedoch ob die Ursache für die Schmerzen im Oberkiefer oder im Unterkiefer liegt und schon gar, welcher Zahn verantwortlich ist. Verlässt sich der Behandler allein auf die Angaben des Patienten, kann die Behandlung leicht einem falschen Zahn gelten. Er wird vor allem Zähne mit kariösen Defekten oder Zähne mit großen oder defekten Füllungen als „verdächtig“ ansehen und eventuell ein Röntgenbild zum Nachweis einer versteckten Karies fertigen.

Apikale Ostitis[Bearbeiten]

Typisch für die Schmerzqualität bei der apikalen Ostitis (Bild 3) ist das Hinzutreten des Klopfschmerzes. Je nach Fortschritt der Erkrankung können Schmerzen erst nach der Klopfprobe mit einem zahnärztlichen Instrument (zum Beispiel dem Griff der zahnärztlichen Sonde) auftreten, oder sie werden anamnestisch vom Patienten als leichte oder starke Aufbissschmerzen beschrieben. Der Zahn kann gelegentlich so stark berührungsempfindlich sein, dass ihn der Patient nicht einmal mit seiner Zunge berühren kann. Auf Kältereiz (durch die Vitalitätsprobe) reagiert der Zahn eventuell gar nicht mehr. Er kann auch noch positiv reagieren (starke Schmerzen durch den Kältereiz), wenn die Pulpa noch nicht völlig abgestorben ist.

Es gibt oft fließende Übergänge zwischen der Pulpitis und der apikalen Ostitis. Besonders die Perkussionsprobe kann bereits bei der Pulpitis eine leichte Klopfempfindlichkeit ergeben, da die ersten Toxine bereits die Wurzelspitze erreicht haben. Eine positive Perkussionsprobe spricht immer für einen Entzündungsprozess im Knochenbereich um die Wurzelspitze.

Bei der apikalen Ostitis muss dann differentialdiagnostisch abgeklärt werden, in welchen der vier möglichen Stadien (periapikal, enossal, subperiostal, submukös) sie sich befindet. Das geschieht mittels Röntgenbild und Abtasten des vestibulären Bereiches des Kieferknochens in Höhe der Wurzelspitze (im Mundvorhof).

Eine chronische apikale Ostitis verläuft meist völlig beschwerdefrei und schmerzfrei. Typischerweise berichtet der Patient aber über vorangegangene stärkere Schmerzen (vor einigen Wochen oder Monaten). Meist sichert das Röntgenbild die Diagnose.

Gangrän[Bearbeiten]

Bei einer Gangrän kann eventuell jeglicher Zahnschmerz fehlen. Bei der Anamnese stellt sich manchmal heraus, dass der Patient einige Monate vorher stärkere Zahnschmerzen hatte. Wegen des typischen, starken, jauchigen, ekelerregenden Geruchs in der meist vorhandenen kariösen Kavität fällt die Diagnose allerdings nicht schwer. Sollte jedoch die gangränöse Pulpa durch eine intakte Dentinschicht verschlossen sein, dann kann sich in der Pulpa ein großer Druck mit entsprechenden starken Schmerzen und den Symptomen einer Pulpitis bzw. einer apikalen Ostitis aufbauen.

Atypische Zahnschmerzen[Bearbeiten]

Weitgehend ungeklärt ist die Ursache atypischer Zahnschmerzen (engl. atypical odontalgia), bei denen der Schmerz nicht mit einer erkennbaren physischen Beeinträchtigung von Zahn oder Zahnfleisch einhergeht. Zudem kann die schmerzende Stelle wechseln. Oft geht dieser Schmerz mit einer verstärkten Druckempfindlichkeit einher. Die Dauer kann von wenigen Tagen bis zu chronischem Schmerz variieren.[7][8]

Buddenbrook-Syndrom[Bearbeiten]

Das Buddenbrook-Syndrom ist eine sehr seltene, aber umso mehr gefürchtete Fehldiagnose in der Zahnheilkunde. Zahnschmerzenähnliche Beschwerden im Unterkiefer, bevorzugt der linken Seite, führen zum Aufsuchen eines Zahnarztes. Sollte sich tatsächlich ein medizinisches Korrelat finden lassen, beispielsweise ein pulpitischer oder devitaler, eitriger Zahn, bleibt die Primärursache unentdeckt, nämlich eine koronare Herzerkrankung, was lebensbedrohlich sein kann.

Hauptartikel: Angina pectoris

Verlauf und Symptome[Bearbeiten]

Zahnschmerzen, selbst wenn sie noch erträglich sind, führen sehr schnell zu einer Schwellung, einem entzündlichem Ödem, der Mundbereiche, die sich im Bereich der Schmerzquelle befinden, was sich an der typischen geschwollenen, „dicken“ Backe zeigt. Des Weiteren geht der Schmerz bei Entzündungen mit einem „Pochen“ einher, so als habe sich der spürbare Puls auf die schmerzenden Bereiche ausgedehnt (siehe auch Abszess). Dies liegt an der dadurch angeregten stärkeren Durchblutung. Die Kühlung des entsprechenden Bereiches schränkt die Durchblutung ein und hilft so, den Schmerz zu reduzieren.

Vorbeugung und Behandlung[Bearbeiten]

Regelmäßige und gründliche Zahnpflege reduziert die Menge an schädlichen Bakterien im Mundraum erheblich. Auch beginnende Schädigungen lassen sich damit aufhalten bzw. manchmal gar zurückbilden.

Bereits stark angegriffene, schmerzende Zähne müssen vom Zahnarzt behandelt werden, je nach Ursache durch Füllungen, eine Wurzelkanalbehandlung oder Parodontitisbehandlung. Nelkenöl dient als schmerzstillendes (nur oberflächlich), antibakterielles und entzündungshemmendes Mittel.

Siehe auch Schmerztherapie (Abschnitt Pharmakotherapie).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Zahnschmerzen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Zahnschmerz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hargreaves KM, Cohen S, Berman LH: Cohen's pathways of the pulp 10. Auflage, 2011. St. Louis, Mosby Elsevier. ISBN 978-0-323-06489-7.
  2. Shephard MK, MacGregor EA, Zakrzewska JM: Orofacial Pain: A Guide for the Headache Physician. (2014) Headache: The Journal of Head and Face Pain 54 (1): 22–39. doi:10.1111/head.12272. PMID 24261452
  3. Cawson, RA: Cawson's essentials of oral pathology and oral medicine. (2008) Edinburgh: Churchill Livingstone. S. 70. ISBN 0702040010.
  4. Balasubramaniam R, Turner LN, Fischer D, Klasser GD, Okeson JP: Non-odontogenic toothache revisited. (2011) Open Journal of Stomatology 01 (3): 92–102. doi:10.4236/ojst.2011.13015
  5. Zahnschmerzen unter Kronen
  6. Rateitschak K, Wolf H.: Parodontologie (3. Auflage 2012), Georg Thieme Verlag
  7. S. B. Graff-Radford, W. K. Solberg: Atypical odontalgia. In: Journal of craniomandibular disorders : facial & oral pain. Band 6, Nummer 4, 1992, S. 260–265, ISSN 0890-2739. PMID 1298761. (Review).
  8. http://facial-neuralgia.org/conditions/ao.htm
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!