Zeit der Kannibalen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Filmdaten
OriginaltitelZeit der Kannibalen
Zeit der Kannibalen.jpg
ProduktionslandDeutschland
OriginalspracheDeutsch, Englisch
Erscheinungsjahr2014
Länge93 Minuten
AltersfreigabeFSK 12[1]
JMK 12[2]
Stab
RegieJohannes Naber
DrehbuchStefan Weigl
ProduktionMilena Maitz,
Andrea Hanke (WDR),
Georg Steinert (arte),
Cornelius Conrad (BR)
MusikCornelius Schwehr
KameraPascal Schmit
SchnittBen von Grafenstein
Besetzung

Zeit der Kannibalen ist nach Der Albaner Johannes Nabers zweiter Spielfilm. Er wurde am 10. Februar 2014 in der Sektion Perspektive Deutsches Kino der 64. Berlinale uraufgeführt. In die deutschen Kinos kam er am 22. Mai 2014, in Österreich lief er am 23. Mai 2014 an.

Die stark stilisiert inszenierte, kammerspielartige Kapitalismus-Satire spielt im Milieu global agierender Wirtschaftsberater. Kritiker lobten vor allem die starken Dialoge und die konsequent reduzierte Inszenierung.

Der Film erhielt beim Deutschen Filmpreis 2015 die Auszeichnung für das beste Drehbuch und eine Lola in Bronze.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die beiden erfahrenen Unternehmensberater Öllers und Niederländer sind auf dem gesamten Globus unterwegs, um im Auftrag der Company die Gewinne ihrer Kunden in Schwellen- und Entwicklungsländern zu maximieren. Die realen Folgen ihrer Transaktionen wollen und müssen sie nicht sehen, denn ihre Geschäfte wickeln sie in den immer gleichen Räumen einer internationalen Hotelkette ab; die Ortswechsel erkennt man nur daran, dass ihre Gesprächspartner wie auch das Hotelpersonal mal aus Chinesen, mal aus Indern, mal aus Nigerianern bestehen.

Im Austausch für ihren bisherigen Teamkollegen Hellinger, der zum Partner befördert wurde, wird ihnen überraschend die junge, ehrgeizige Einsteigerin Bianca März zugeteilt. Während Niederländer seiner sadistischen Ader freien Lauf lässt, indem er Hotelangestellte demütigt, streitet Öllers sich am Telefon ständig mit seiner Frau und gestattet sich immer wieder jähzornige Ausbrüche. Seine Frau wirft ihm vor, sich zu wenig um die Familie, insbesondere um den an Neurodermitis erkrankten Sohn zu kümmern. März kontert souverän die sarkastischen Macker-Sprüche ihrer Kollegen und scheint im Gegensatz zu diesen auch an der Außenwelt interessiert zu sein.

März soll die beiden für die Company evaluieren und bekommt mit, dass Öllers weibliche Hotelangestellte für Sex bezahlt. Als sie die beiden damit konfrontiert, reagieren Öllers und Niederländer mit zynischen Kommentaren. Damit ist für März das Maß voll und sie kündigt an, das Team zu verlassen. Doch nun dringt, trotz bestmöglicher Abschirmung, die Realität immer weiter zu ihnen vor: Erst erfahren sie, dass Hellinger sich umgebracht hat, dann, dass die Company verkauft wird. Ihnen droht die Arbeitslosigkeit. Stattdessen wird ihnen allen in einer Videokonferenz zu ihrem großen Erstaunen vom Chef der Company die ersehnte Partnerschaft angeboten. Öllers und Niederländer unterschreiben die Verträge sofort – nur März ist skeptisch.

Schließlich erreichen die politischen Unruhen ihres derzeitigen Einsatzgebietes, die vorher nur gedämpft aus einer schemenhaften Außenwelt zu hören waren, das Hotel. Die Ereignisse überschlagen sich, als die drei erfahren, dass die Company in unlautere Geschäfte verwickelt war und der Chef sich abgesetzt hat. Als Partner stehen sie nun in der persönlichen Haftung und werden von den USA per Internationalem Haftbefehl gesucht; ihre Kreditkarten wurden gesperrt. März, die den Vertrag nicht unterschrieben hat, will aus dem Hotel fliehen und bucht einen Flug zurück nach Europa. Sie wird jedoch von Niederländer in der Lobby gestoppt, zurück ins Hotelzimmer geführt und dort bedrängt, auch für Öllers und ihn Flüge zu buchen. Jedoch haben die Unruhen das sicher geglaubte Hotel bereits erreicht, sie können nicht mehr fliehen. In den Gängen fallen Schüsse, Menschen schreien. März denkt als einzige daran, die Zimmertür zu verbarrikadieren, während Öllers noch auf Rettung durch die deutsche Botschaft hofft. Doch dort geht niemand an das Telefon und das Travel-Management der Company fühlt sich nach dem Betriebsübergang nicht mehr zuständig. In der letzten Szene wird die Tür des Hotelzimmers von mehreren Kugeln durchschlagen und schließlich trotz Verbarrikadierung aufgebrochen. Das Bild wird schwarz, der Abspann setzt ein.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film kam am 22. Mai 2014 in die deutschen Kinos, am Folgetag lief er in Österreich an.[3] Er erreichte in diesen beiden Ländern im Jahr 2014 insgesamt 49.426 Zuschauer.[4]

Während der Film international bislang weitgehend unbeachtet blieb, waren die Reaktionen der deutschsprachigen Kritik überwiegend positiv, teilweise sogar begeistert. Das schlug sich auch in der Verleihung des deutschen Kritikerpreises 2014 nieder. Viele Kritiker sind sich einig, dass Zeit der Kannibalen „einer der aufregendsten neuen deutschen Filme“[5] seit Langem sei, und so wundert sich Michael Meyns von Programmkino.de, warum der Film zwar auf der Berlinale gezeigt wurde, aber nicht im Wettbewerb lief.[6]

Insbesondere die „rasiermesserscharfen Dialoge“[7], die in ihrer „stilistischen Brillanz“[8] im deutschen Film selten seien, fanden großen Anklang. Während Andreas Busche von der taz meint, Drehbuchautor Weigl reduziere die Satire „auf knappe Schlagworte“ und lege damit nicht „das System“ offen[9], verweisen viele Kritiker darauf, dass die „perfiden Pointen im Dialog“[10] ein gelungenes Mittel seien, den Blick auf „verborgene Zusammenhänge und Zustände“[7] bei den Akteuren der globalkapitalistischen Gegenwart zu öffnen.

Große Zustimmung fand auch das stark stilisierte Szenenbild, das konsequent „auf konkrete Verortung“[11] verzichtet und damit „in höchst filmischer Form“[12] sowohl die Austauschbarkeit spezifischer Handlungsorte als auch die Ignoranz der Handelnden für die konkreten mikroökonomischen und kulturellen Zusammenhänge veranschaulicht.

Die Figuren seien dank Drehbuch und der starken Leistung der Schauspieler „mit äußerster Genauigkeit“[5] gezeichnet, die Charaktere „nicht einfach Knallchargen“[8], sondern „mit wenigen Pinselstrichen vieldimensional entwickelt“[13] und „präzise gespielt“.[6]

Das Netzwerk für Film und Medienkompetenz Vision Kino empfiehlt den Film für den Unterricht ab Ende der Mittelstufe in den gemeinschaftskundlichen und Wirtschaftsfächern.[14]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Preise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Prix Europa 2014: Prix Geneve-Europe – Best script by a newcomer für Stefan Weigl [19]

Nominierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Internationale Festivals[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Freigabebescheinigung für Zeit der Kannibalen. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, April 2014 (PDF; Prüf­nummer: 144 289 K).
  2. Alterskennzeichnung für Zeit der Kannibalen. Jugendmedien­kommission.
  3. Zeit der Kannibalen. In: boxofficemojo.com. Abgerufen am 9. August 2016.
  4. Zeit der Kannibalen. In: Lumiere. lumiere.obs.coe.int; abgerufen am 9. August 2016.
  5. a b Anke Westphal: "Zeit der Kannibalen": Der Sound des Dschihad. In: fr-online.de. Frankfurt 21. Mai 2014 (fr-online.de).
  6. a b programmkino.de: Rezension von Michael Meyns abgerufen am 25. Mai 2015
  7. a b Hanns-Georg Rodek: Grüne Unternehmensberater zerstören ihre Umwelt. In: Die Welt. 22. Mai 2014 (welt.de).
  8. a b Oliver Kaever: "Zeit der Kannibalen": Kammerspiel der Kapitalisten. In: Zeit Online. 22. Mai 2016; abgerufen am 9. August 2016.
  9. Andreas Bursche: Zeit der Kannibalen. In: taz.de. 22. Mai 2014; abgerufen am 9. August 2016.
  10. Film: Das kann nur im Kollaps enden. In: diepresse.com. 21. Mai 2014; abgerufen am 9. August 2016.
  11. Till Kadritzke: Zeit der Kannibalen | Kritik. In: critic.de. 21. April 2014; abgerufen am 9. August 2016.
  12. Ullrich Kriest: Einzelansicht. In: filmdienst.de. November 2014; abgerufen am 9. August 2016.
  13. Kirsten Dießelmann: Kapitalismus-Groteske "Zeit der Kannibalen": Absturz der Alphamännchen. In: Spiegel Online. SPIEGEL ONLINE, 26. Mai 2014; abgerufen am 9. August 2016.
  14. Empfehlung. In: visionkino.de. Archiviert vom Original am 15. Mai 2014; abgerufen am 9. August 2016.
  15. Preisträger 2014, Verband der deutschen Filmkritik, abgerufen am 13. Mai 2015
  16. Günter-Rohrbach-Filmpreis 2014, abgerufen am 13. Mai 2015
  17. Preisverleihung 2014, 26. Internationales Filmfest Emden Norderney, abgerufen am 13. Mai 2015
  18. Institut für Neue Musik, Freiburg: Prof. Cornelius Schwehr erhält Preis für beste Filmmusik für „Zeit der Kannibalen“, abgerufen am 19. Mai 2015
  19. Prix Europa: Gewinner 2014, abgerufen am 13. Mai 2015
  20. Die Preisträger (PDF), Deutscher Filmpreis, abgerufen am 20. Juni 2015
  21. Nominierungen 2014, Fernsehfilmfestival Baden-Baden, abgerufen am 13. Mai 2015
  22. Zeit der Kannibalen auf berlinale.de, abgerufen am 18. Mai 2015
  23. IMDb, abgerufen am 13. Mai 2015