Zeitpräferenz

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Die Zeitpräferenz (auch Gegenwartspräferenz) ist ein Konzept der Volkswirtschaftslehre und beschreibt die Präferenz von Konsumenten, Konsum in der Gegenwart gegenüber künftigem Konsum vorzuziehen. Allgemeiner ausgedrückt, bestimmt die Zeitpräferenz, zu welchem Zeitpunkt ein Individuum den Konsum eines bestimmten Guts vorzieht, wenn es die Wahl zwischen mehreren möglichen Zeitpunkten hat (intertemporale Entscheidung).

In der Regel nimmt man an, dass ein Konsument ein Gut lieber in der Gegenwart als in der Zukunft genießen möchte und es lieber in der Zukunft als in der Gegenwart bezahlen möchte.[1] Dieser Fall einer positiven Zeitpräferenz liegt den meisten ökonomischen Modellen zugrunde. Es ist aber prinzipiell auch denkbar, dass eine Person ein Gut erst später konsumieren möchte (vgl. Vorfreude).

Das Konzept eröffnet Forschungsfragen zu (zeit-)inkonsistenten Präferenzen genauso wie zum hyperbolischen Diskontieren.

Zeitpräferenzrate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stärke der Zeitpräferenz wird als Zeitpräferenzrate angegeben (manchmal auch Diskontrate genannt). Sie ist definiert als

Dabei ist der Nutzen aus Sicht der Zeitperiode 0 des Konsums in dieser Zeitperiode und der Nutzen aus Sicht der Zeitperiode 0 eines Konsums in der Folgeperiode, wobei gilt:  = , das heißt der subjektive Nutzen des Konsums beider Güter in der jeweiligen Periode ist aus Sicht der jeweiligen Zeitperiode identisch.

Für den Fall, dass der heutige Nutzen aus dem zukünftigen Konsum größer ist als derjenige aus dem heutigen Konsum () wird die Zeitpräferenzrate negativ.

Beispiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konsument A möchte einen DVD-Film sehen. Er ist bereit, hierfür 10 € zu bezahlen. Damit ist  = 10 (Annahme: ein Euro stiftet genau eine Nutzeneinheit). In einem Jahr wird seine Zahlungsbereitschaft identisch sein:  =  = 10.

Doch wie viel billiger müsste nun die DVD in einem Jahr sein, dass A mit dem Konsum warten wird? Wenn sie in einem Jahr 9 € kosten wird, kauft er sie weiter lieber heute; wird sie nur 7 € kosten, wartet er lieber ein Jahr. Bei einem erwarteten Preis von 8 € ist er unschlüssig, es gilt:  =  + 2 €.

Daher ist seine Zeitpräferenzrate bezüglich dieses Gutes

Anwendung in Neoklassik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der neoklassischen Wirtschaftstheorie versucht man, die Zeitpräferenz in ein Discounted Utility-Modell (kurz DU-Modell, dt. in etwa „Modell abgezinsten Nutzens“ oder „Nutzendiskontierungsmodell“) zu fassen. DU-Modelle nehmen an, dass sich künftiger Nutzen abzinsen und so ein Gegenwartswert berechnen lässt. Die Zeitpräferenz wird hierbei in der Regel durch einen einzigen Parameter, nämlich den Zinssatz, abgebildet. Den so ermittelten Gegenwartswert vergleicht in diesem Modell das Individuum mit dem gegenwärtigen Nutzen und trifft damit optimale intertemporale Entscheidungen.

Anwendung in Agiotheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Zeitpräferenz wird in der Agiotheorie der Zins erklärt.[2] Es wird angenommen, dass in aller Regel Menschen gegenwärtigem Konsum eine höhere Wertschätzung entgegenbringen als zukünftigem, und daher alle Haushalte tendenziell Kredit aufnehmen wollen. Das sei aber nur möglich, wenn es Wirtschaftssubjekte gibt, die zum Sparen bereit sind. Damit sich zwischen Spar- und Kreditvolumen ein Gleichgewicht einstellt, müsse das Sparen hinreichend attraktiv sein. Das sei es nur, wenn die Realverzinsung positiv ist. Je höher der Zins, desto unattraktiver sei das Aufnehmen eines Kredits. Durch die steigenden Zinsen würden einige der potentiellen Kreditnehmer zu Nicht-Kreditaufnehmern oder sogar zu Sparern; so stelle sich ein Gleichgewicht ein.[3]

Die Deutsche Bundesbank widerlegt die Aussage, Kredite könnten nur vergeben werden, wenn andere Wirtschaftssubjekte sparen würden. [4] Bei Kreditgewährung durch eine Geschäfts- oder Zentralbank wird die dem Kreditnehmer gebuchte Summe neu erschaffen - geschöpft.

Geschichte und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der britische Mathematiker Frank Plumpton Ramsey beschrieb die Idee der Diskontierung von Nutzen bzw. das Konzept der Zeitpräferenz als ethisch nicht haltbar und nur durch eine Schwäche in der Vorstellungskraft begründet:

„[...] it is assumed that we do not discount later enjoyments in comparison with ealier ones, a practice which is ethically indefensible and arises merely from the weakness of the imagination;“

Ramsey, Frank Plumpton. "A mathematical theory of saving." The economic journal (1928): 543-559.

Eine weitere Rechtfertigung der Diskontierung zukünftigen Nutzen basiert auf dem durch technischen Fortschritt ermöglichten Wirtschaftswachstum. Dadurch würden künftige Generationen „reicher“ sein als die heutigen. Demnach nimmt der Grenznutzen der zukünftigen Generation ab. In Erwartung von Wirtschaftswachstum scheint es daher gerechtfertigt, eine Diskontierung vorzunehmen.

Andererseits besteht die grundsätzliche Kritik, dass diese Form von Diskontierung zu unzureichenden Maßnahmen gegen Klimawandel und Umweltzerstörung führe und damit die Lebensgrundlage zukünftiger Generationen zerstöre. Es entsteht ein Generationenkonflikt.

Diskontierung könnte also zu einem zu optimistischen Paradoxon führen: in Erwartung von Wachstum wird gerechtfertigt mehr Ressourcen zu verbrauchen, als ohne diese Wachstumsannahme. Deshalb könnten zukünftige Generationen, von denen angenommen wird, dass es ihnen besser gehen wird, am Ende schlechter gestellt sein. Die Wachstumserwartung sollte also neben ökonomischen Aspekten auch ökologische oder ethische Gesichtspunkte inkorporieren.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zeitpräferenz – Definition im Gabler Wirtschaftslexikon: Gegenwartspräferenz, Time Preference; Bezeichnung für die Bevorzugung der Gegenwart (bzw. gegenwärtiger Güter, Bedürfnisse) gegenüber der Zukunft (Gesetz der Höherschätzung von Gegenwartsbedürfnissen).
  2. Agiotheorie – Definition im Gabler Wirtschaftslexikon
  3. Exkurs - Intertemporale Konsumentscheidungen – Artikel bei mikrooekonomie.de
  4. Bundesbank-Broschüre: Geld und Geldpolitik, 2010, S. 68ff

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernd Hempelmann, Markus Lürwer, Kai Brackschulze: Modellierung der Zeitpräferenz bei intertemporalen Entscheidungen in: Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 31. Jahrgang, Heft 7, 2002, S. 381-386.
  • Shane Frederick, Georg Loewenstein, Ted O’Donoghue: Time Discounting and Time Preference: A Critical Review. In: Journal of Economic Literature. Band 40, Juni 2002, S. 351–401, doi:10.1257/002205102320161311 (PDF).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]