Zentralrat der Muslime in Deutschland

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Zentralrat der Muslime in Deutschland
(ZMD)
Logo des Zentralrates der Muslime in Deutschland
Zweck: Vertretung von Muslimen und islamischer Mitgliedsorganisationen in Deutschland
Vorsitz: Aiman Mazyek
Gründungsdatum: 1994[1]
Mitgliederzahl: 21 Mitgliedsorganisationen (2013)
Sitz: Köln[2]
Website: http://www.zentralrat.de/ und http://islam.de/

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. (ZMD) gilt neben der größeren Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DİTİB), dem Verband der Islamischen Kulturzentren, der Alevitischen Gemeinde Deutschland und dem Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland als einer der wichtigsten islamischen Dachverbände in Deutschland. Mit rund 10.000 Mitgliedern vertritt der ZMD nur einen kleinen Teil der etwa 5 Millionen Muslime in Deutschland (05-2016).[3]

Personal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründungsvorsitzender war seit 1994 Nadeem Elyas, späterer Ehrenvorsitzender des Zentralrats.[4] Als sein Nachfolger wurde 2006 Ayyub Axel Köhler gewählt. Ihm folgte 2010 Aiman Mazyek, der bisherige Generalsekretär. In der Funktion des Generalsekretärs folgte Mazyek die Rechtsanwältin Nurhan Soykan.[5] Sitz des Verbandes und Gerichtsstand ist Köln.[2]

Bedeutung und Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im ZMD sind mehrheitlich nichttürkische Muslime organisiert. Derzeit haben die dem ZMD angeschlossenen Organisationen etwa 10.000 Mitglieder. Eine Reihe von Organisationen arabischer, deutscher und multi-ethnischer Herkunft sind am Zentralrat beteiligt.[6][7][8] Die Bedeutung des Zentralrats als Dachverband in Deutschland ergibt sich aus dem Umstand, dass er als Verband mit multiethnischen Einzelorganisationen als Mitgliedern ein Gegengewicht zum mehr durch den türkischen Islam geprägten deutschen Islamrat bildet. Wenige organisierte religiös-liberal ausgerichtete Muslime, die sich durch keine der Dachorganisationen vertreten fühlen, haben sich im Liberal-Islamischen Bund zusammengefunden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein ging 1994 aus dem Islamischen Arbeitskreis Deutschland hervor. Bis 2000 war der Verband der islamischen Kulturzentren e.V. mit 22.000 Mitgliedern größter Mitgliedsverband des ZMD. Von der Gründung 1994 bis zum 30. Juni 2006 war Eschweiler Sitz des Zentralrats.[9] Der Zentralrat der Muslime ist Gründungsmitglied des seit April 2007 bestehenden Koordinierungsrats der Muslime.

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeinsam mit dem Islamrat hat er Kommissionen ins Leben gerufen, die Lobbyarbeit für die Erteilung islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen und für eine Ausnahmegenehmigung für das Schächten in Deutschland betreiben.

„Der Zentralrat der Muslime in Deutschland […] versteht sich als Diskussions- und Handlungsebene seiner Mitglieder und nimmt die Aufgabe eines Dialog- und Ansprechpartners für den deutschen Staat, die Verwaltung und die anderen Gruppen der Gesellschaft wahr.“

„Der Zentralrat will die Moscheegemeinden, islamischen Vereine, Verbände und Dachorganisationen weder ersetzen noch mit ihnen konkurrieren, er will vielmehr ihre gemeinsamen Interessen als Gesellschaftsgruppe vor den Behörden vertreten und die Rechte, die ihnen als Religionsgemeinschaft zustehen, in ihrem Namen verlangen.“

– Aus der Selbstdarstellung des ZMD

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ZMD finanziert sich vor allem durch Mitgliedsbeiträge, Spendensammlungen in Moscheen und private Zuwendungen.[2]

Kritik und Vorwurf einer Verbindung zum Islamismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dem Zentralrat wird gelegentlich vorgeworfen, sich nicht grundsätzlich von der Scharia distanziert zu haben, was allerdings gläubigen Muslimen auch nicht möglich ist, da der größte Teil der Scharia sich (gleich christlichen Katechismen) auf religiöse Bestimmungen bezieht.[10] Die Standpunkte des Zentralrats zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen werden kritisiert, da sie nicht den im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankerten Grundrecht der Gleichberechtigung entsprächen. Auch die Position der „Islamischen Charta“ – „Es besteht kein Widerspruch zwischen der islamischen Lehre und dem Kernbestand der Menschenrechte“[11] – wurde in der Öffentlichkeit kritisiert.

„Es ist positiv hervorzuheben, dass man eine Übereinstimmung im Kernbestand, insbesondere dem Schutz des Individuums vor dem Missbrauch staatlicher Gewalt, sieht und dabei erneut auf die Notwendigkeit der Anerkennung der „lokalen Rechtsordnung“ hinweist. Doch gleichzeitig bedeutet die Formulierung „Kernbestand“, dass bestimmte Bereiche der internationalen Menschenrechtserklärungen nicht als verpflichtend angesehen werden. Der Zentralrat scheint in seiner Auffassung der Position islamischer Menschenrechtserklärungen (von 1981 und 1990) zu folgen, in denen Menschenrechte als Geschenk und Gnade Gottes verstanden und an die Erfüllung religiöser Pflichten gebunden werden. Angesichts der Befürchtungen, die sich nicht nur bei Nicht-Muslimen, sondern auch in großen Teilen der muslimischen Bevölkerung mit einer konservativen Interpretation der Scharia verbinden, trägt diese These nicht zur Vertrauensbildung bei, sondern bestätigt vorhandene Befürchtungen.“

Kirchenamt der EKD: zur „Islamischen Charta“ des ZMD (Januar 2003)[12]

Auch von muslimischer Seite kam Kritik zu diesem Passus. So erklärte Ahmad von Denffer: „Tatsächlich bestehen aber zwischen der islamischen Lehre und den 'Menschenrechten' unüberbrückbare Unterschiede, insbesondere im Hinblick auf die Frau.“[13] Denffer kritisiert, dass der Zentralrat sich auf Dauer damit zufriedengeben will, dass Muslime ihre Angelegenheiten auch künftig nicht nach islamischem Recht regeln können.

Insbesondere wird dem Zentralrat vorgeworfen, sich nach außen hin dialogbereit darzustellen, während nach innen die Errichtung einer islamischen Gesellschaft in Deutschland Ziel sei. [14] Auch wird er von einem Mitgliedsverein, der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), stark beeinflusst. Die IGD gilt dem Verfassungsschutz als deutscher Ableger der internationalen, islamistischen Muslimbruderschaft. Als einen ihrer großen Vordenker verehren die Muslimbrüder den Gelehrten Yusuf al-Qaradawi (dessen Bücher die IGD in Deutschland populär machte). Er fordert unter anderem die Todesstrafe für Apostaten, Ehebrecher und Homosexuelle. Zwar hält der Zentralrat hiesige Muslime dazu an, die Verfassung zu respektieren, das aber mit einer bestenfalls pragmatischen Begründung: nicht, weil die Menschenrechte unveräußerlich wären, sondern weil Muslime nach traditioneller Lehre stets die "lokale Rechtsordnung" befolgen sollten. Zugleich fordern im Zentralrat geschätzte Denker wie al-Qaradawi aber, einen an der Scharia orientierten islamischen Staat zu errichten, sobald Muslime die Mehrheit stellten. [15] Die Muslimbruderschaft propagiert die Rückkehr zu den „wahren“ Werten des Islam und strebt die Schaffung eines „wahrhaft Islamischen Staates“ an. Am Ende des Prozesses soll ein föderales, islamisches Weltreich unter der Führung eines Kalifen (Kalifat) stehen. [16] Der für die Stiftung Wissenschaft und Politik arbeitende Nahosthistoriker Guido Steinberg verortet den ZMD als gemeinsames Projekt der in Deutschland im Exil befindlichen Teile der syrischen und ägyptischen Muslimbruderschaft.[17]

Im Hinblick auf den Vorrang der deutschen Rechtsordnung vor religiösen Vorschriften werden auch Internetseiten des Zentralrats kritisch betrachtet, die darstellen, dass Muslime nur insoweit an die Einhaltung von Rechtsnormen eines nicht-islamischen Rechtsstaats, in dem sie sich aufhalten, gebunden seien, „solange diese nicht im Widerspruch zum Islam stehen“.[18]

Mitgliedsorganisationen des Zentralrats[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(Stand 2013)[19]

  1. Bundesverband für Islamische Tätigkeiten e.V., Aachen
  2. Deutsch - Islamischer Vereinsverband (DIV - Rhein-Main)
  3. Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. (DMLBonn)
  4. Deutsche Muslim-Liga e.V.
  5. Freier Verband der Muslime FVM e.V.
  6. Haqqani Trust – Verein für neue deutsche Muslime e. V. / Osmanische Herberge, Kall
  7. Haus des Islam e.V. (HDI), Lützelbach
  8. Islamische Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe e.V. (IASE)
  9. Islamische Gemeinde Saarland e. V. (IGS), Saarbrücken
  10. Islamische Gemeinschaft Braunschweig e.V. (IGB)
  11. Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD), München
  12. Islamische Gemeinschaft in Hamburg e.V. (IGH)
  13. Islamisches Bildungswerk e.V., Duisburg
  14. Islamisches Zentrum Aachen e.V. (IZA)
  15. Islamisches Zentrum Dresden e.V.
  16. Islamisches Zentrum Hamburg e.V. (IZH)
  17. Islamisches Zentrum München e.V. (IZM)
  18. Muslim Studenten Vereinigung in Deutschland e.V. (MSV), Köln
  19. Union der Islamisch Albanischen Zentren in Deutschland (UIAZD)
  20. Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa e.V. (ATIB), Köln
  21. Union des Musulmans Togolais en Allemagne e.V. (UMTA)
  22. Vereinigung Islamischer Gemeinden NRW e.V. (VIG NRW)

Assoziierte Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deutsch-Islamische-Moscheestiftung Düsseldorf (DIMS)
  2. Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland
  3. Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland (RIGD), Frankfurt a. M.
  4. Deaf-Islam e. V.
  5. Islamische Gemeinde in Erlangen e. V. (IGE)
  6. Stuttgarter Moscheeverein e. V.

Vorsitzende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentralrat der Muslime in Deutschland Landesverband NRW[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2014 wurde der Zentralrat der Muslime in Deutschland Landesverband NRW in Wuppertal gegründet. [20] Der Vorsitzende ist Samir Bouaissa.[21] Zu seinen Stellvertretern gehört der Leiter der Jugendarbeit der ultranationalistischen ATIB, Mustafa Gölcuk.[22][23]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. Amtsgericht Köln, Vereinsregisternummer 12030. Vereinssatzung vom 26. März 1995
  2. a b c Satzung des ZMD
  3. Nurhan Soykan, stellvertretende Vorsitzende des ZMD in "Ihre Meinung - Ist der Islam gefährlich?" WDR, 12.05.2016
  4. islam.de am 10. Dezember 2011
  5. ZMD Vorstand zentralrat.de
  6. Die unfreundliche Republik – Zuwanderung und Flüchtlingsschutz in Deutschland, Evangelische Kirche in Deutschland (PDF)
  7. Polizei und Moscheevereine, Zentrale Geschäftsstelle Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (PDF)
  8. Die muslimischen Verbände in Deutschland fordern die Freilassung der im Irak entführten Reporterin Giuliana Sgrena, Die Zeit am 5. Februar 2005
  9. Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) verlegt Sitz nach Köln, Pressemitteilung des ZMD, 30. Juni 2006
  10. Was wir bei vielen Politikern hierzulande wahrnehmen, ist nicht Glaubensgewißheit, sondern Selbstgerechtigkeit und Selbstverliebtheit, Die Welt-Interview mit Ayyub Köhler, zentralrat.de, 27. August 2006
  11. „Islamische Charta“, vgl. Pos. 13
  12. Stellungnahme des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland zu der vom Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. vorgelegten „Islamischen Charta“, Januar 2003
  13. Ahmad von Denffer zur Charta
  14. http://www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/texte/selig_sind_die_belogenen.html
  15. Die Welt: Angriff auf den freundlichen Islam, 26. Januar 2014 abgerufen am 23. Juli 2015
  16. http://www.verfassungsschutz.de/de/download-manager/_vsbericht-2013.pdf
  17. Guido Steinberg : The Muslim Brotherhood in Germany, in Barry Rubin (Hrsg.) : The Muslim Brotherhood - The Organization and Politics of a Global Islamist Movement, New York, 2010, S. 152
  18. Arnd Diringer: Muslime in der Bundeswehr. Das Kreuz mit der Scharia. Artikel vom 11. Oktober 2011 im Portal lto.de (Legal Tribune Online), abgerufen am 30. September 2014
  19. Verzeichnis der Mitglieder beim ZMD
  20. http://zentralrat.de/24079.php
  21. http://islam.de/26586
  22. http://islam.de/24094_print.php?
  23. https://books.google.de/books?id=Lxpb0c3uJ14C&pg=PA126&dq=ATIB+ultranationalistische&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=ATIB%20ultranationalistische&f=false