Zentrum für politische Schönheit

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Aktion „Lethe-Bomben“ vor dem Reichstagsgebäude, 2009

Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) ist ein Zusammenschluss von etwa 70[1] Aktionskünstlern und Kreativen unter der Leitung des Philosophen und Aktionskünstlers Philipp Ruch.[2]

Selbstverständnis und Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nina van Bergen, die „Informelle Bundeskanzlerin“ des Zentrums für Politische Schönheit

Die Mitglieder sehen ihre Verbindung als eine Denkfabrik, die Menschenrechte mit Aktionskunst verbinden soll. Ziel sei es, durch künstlerische Interventionen („Bewusstmachung“) auf „humanitäre Themen“ und den „Schutz von Menschenleben“ aufmerksam zu machen.[3] Genozide, Flüchtlingsbewegungen und politische Untätigkeit sind die bevorzugten Themen des ZPS. Wiedererkennungsmerkmal der Künstler sind mit Kohle geschwärzte Gesichter; die Asche soll als mahnendes Symbol an untergegangene Hochkulturen erinnern.[3]

Ruch geht davon aus, dass „die politischen Hoffnungen in Deutschland so überschaubar sind. Es hat sich ein Zynismus breit gemacht, der besagt, dass es uns besser gehe, wenn wir visionslos umherirren.“[4] Die humanitären Katastrophen in Syrien und Nordafrika fänden nicht genügend Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zur Hilfe sei unzureichend. Deshalb „bauen [wir] beim Zentrum moralische Hochdruckkammern. Und da dürfen auch mal Köpfe platzen, ja. Denn das Sterben geht einfach weiter an unseren Außengrenzen.“[4]

Ansatz des ZPS ist es, den Wert einer Handlung nicht nach dem aktuellen Nutzen, sondern aus der Perspektive zukünftiger Generationen zu beurteilen. Den Mitgliedern des ZPS geht es nach eigenem Bekunden darum, „die menschlichen Antriebe im reichsten und mächtigsten Land der Europäischen Union: Deutschland“ zu hinterfragen und darüber nachzudenken, „was wirklich große Ziele seien und wie politische Unternehmungen aussehen, die der Nachwelt als Akte strahlender Schönheit erscheinen können“. So wolle man „ein Bewusstsein dafür schaffen, in welch privilegiertem Zustand die Menschen innerhalb der westlichen Zivilisation leben und daran erinnern, welche Verpflichtungen an dieses Privileg geknüpft sind“. Daher sei das ZPS „eine Ideen-, Gefühls- und Handlungsschmiede für Menschen, die umtreibt, wie sie etwas Schönes und Großes tun können“.[3]

Die Gruppe erzielte mit ihren Aktionen zum Teil ein breites Medienecho: So berichteten unter anderen Kulturzeit (3sat),[5] Spiegel TV,[6] Tageszeitungen,[7][8][9] Online-Angebote,[10][11] und mehrere Radioprogramme. Der Gedenktag für die Opfer des Massakers von Srebrenica erzeugte ein internationales Presseecho.

Aktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste Aktion „Die Re-Formation der Geschichte“ begann am 8. Mai 2009 mit einem „Thesen-Anschlag auf den Deutschen Bundestag“[12] und bezog dann Menschen in der Warteschlange vor dem Reichstagsgebäude mit ein. Verkündet wurde unter anderem die Absicht, „ein Bündnis der Künste schmieden, das den Politikern hilft, die höchste Form aller Künste ins Werk zu setzen: gute und schöne Politik.“[12] Die Gruppe erreichte 2009 mit einer geplanten eBay-Versteigerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.[13][14][15]

Im Jahr 2012 warb die Gruppe auch damit, einen Sarkophag aus Beton nach dem Vorbild von Tschernobyl über der als vergleichbar bezeichneten „Todeszone“ des Rüstungsunternehmens Heckler & Koch mit Sitz in Oberndorf am Neckar zu errichten.[16] Während des Festivals Steirischer Herbst 2012 stellte die Gruppe die Performance Chancellor gone underground vor, bei der es um das allgemeine Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik geht.[17]

Im Jahr 2014 stellte die Gruppe ein „Soforthilfeprogramm des Bundes“ vor und bewarb die neue Kampagne „1 aus 100“. Demnach soll die Bundesregierung einem Prozent der 5,5 Millionen akut hilfsbedürftigen syrischen Kinder helfen. Laut eigener Angabe soll so der Bundesregierung ein „schlüsselfertiges Hilfsprogramm“ an die Hand gegeben werden, das diese nur noch umsetzen müsse.[18][19][20]

„Lethe-Bomben“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2009 erinnerte die Gruppe mit Bomben-Attrappen (sogenannten „Lethe-Bomben“) vor dem Reichstag daran, dass die Krematorien im KZ Auschwitz von den Alliierten nicht angegriffen wurden. Die Aktion ging auch den Hintergründen des militärischen Falls der UN-Schutzzone von Srebrenica im Bosnienkrieg 1995 nach.[21] Fiktive „Vorstudien zum Zustand der Gesellschaft“ wurden in einer Zeitkapsel[22] eingeschlossen. Beim „Forum der verlorenen Hoffnungen“ trat ein fiktiver CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender aus dem Jahr 2034 auf.[23]

„Säulen der Schande“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das ZPS initiierte 2010 ein Mahnmalprojekt,[24] das die – so die Sichtweise der Gruppe – westliche Mitverantwortung für das Massaker von Srebrenica in Erinnerung rufen soll: Geplant ist die Errichtung einer etwa acht Meter hohen und sechzehn Meter breiten Betonskulptur.[25] Diese würde aus 16.744 Schuhen (für 8.372 Opfer) in der Form eines „U“ und eines „N“ (Abkürzung für United Nations) bestehen. Philipp Ruch bezeichnete die Skulptur bzw. ihre Projektierung als „eine Medienwaffe“: „Je mehr Schmerzen sie verursacht, desto mehr Respekt dürfen wir von der UNO gegenüber den Müttern von Srebrenica erwarten.“[26]

In einem offenen Brief an den Generalsekretär der Vereinten Nationen erklärte das Team: „Wenn wir weiter in der moralischen Gewissheit leben wollen, etwas aus den schlimmsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts gelernt zu haben, können wir Ihren Machenschaften nicht länger zusehen. […] Die UNO ist das einzige Instrument, das wir besitzen, um Genozide zu unterbinden. Menschen wie Raphael Lemkin sind Helden der Geschichte. Sie haben Akte von unfassbarer politischer Größe, Tragweite und Schönheit ins Werk gesetzt. Aber was die UNO in Bosnien angerichtet hat, lässt den Traum zerbrechen, dass wir heute in der Lage wären, den Bau von Auschwitz zu verhindern.“[27] Die Veröffentlichung des Briefes löste in Bosnien ein breites Echo aus. Die populäre Tageszeitung Dnevni avaz druckte ihn auf ihrer Titelseite.[28]

„Belohnung: 25.000 Euro“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 21. Mai 2012 startete die Aktion „Belohnung: 25.000 Euro“.[29][30] Das Zentrum bietet demjenigen 25.000 Euro, der dabei hilft, die Eigentümerfamilie der Firma Krauss-Maffei Wegmann („Panzerfamilie“) ohne Bewährung ins Gefängnis zu bringen. Burkhart von Braunbehrens, einer der Eigentümer, schrieb daraufhin einen offenen Brief an den Bundespräsidenten Joachim Gauck. Kurz danach wurde er, laut Medienberichten, aus dem Gesellschafterkreis des Unternehmens abgewählt.[31] Das ZPS informierte im Juni auf der Website der Aktion,[32] dass gegen das Kunstprojekt Klage eingereicht wurde.[33] Dem vorausgegangen waren eine Abmahnung und die Androhung einer Klage durch Rüdiger Braunbehrens über ein Stuttgarter Rechtsanwaltsbüro.[34] Das Ansehen des Mandanten sei in der Bevölkerung herabgewürdigt worden, der Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht sei durch Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit nicht gedeckt, hieß es dort. Die Aktivisten unterschrieben daraufhin eine Unterlassungserklärung – nach Angaben Philipp Ruchs aus rein finanziellen Gründen.[35]

„Erster Europäischer Mauerfall“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlässlich des 25. Jahrestages des Berliner Mauerfalls und des Ende des Kalten Krieges wollte die Gruppe auf Flüchtlinge und tausende Tote an den EU-Außengrenzen aufmerksam machen. Gedenkkreuze der Berliner Maueropfer wurden entwendet, allerdings kurze Zeit später in renoviertem Zustand wieder re-installiert. Es entstanden Fotos von Reproduktionen der Kreuze gemeinsam mit Flüchtlingen an europäischen Außengrenzen.[36][37] Parallel wurde eine Crowdfunding-Aktion initiiert, bei der um Geld für Busfahrten geworben wurde. Die organisierten Busse sollten an die europäischen Außengrenzen fahren, um dort die Zäune „abzubauen“. Zwei Busse fuhren wenig später tatsächlich an die europäischen Außengrenzen in Bulgarien und Griechenland. Die dortigen Behörden verboten jedoch, in Sichtweite der Grenzanlagen zu gelangen.

Insbesondere in Deutschland löste die Gruppe eine hochemotionale Debatte aus. Auch internationale Medien berichteten über das Projekt.[38] Die strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Gruppe wegen des Entfernens der Gedenkkreuze wurden im April 2015 eingestellt.[39][40]

„Die Toten kommen“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beerdigung eines syrischen Flüchtlings auf dem Landschaftsfriedhof Gatow, zahlreiche Mitglieder der Bundesregierung und des Innenministeriums waren symbolisch geladen worden.

Im Juni 2015 trat die Gruppe mit einer weiteren Aktion an die Öffentlichkeit, die zum Ziel hatte, auf die Folgen der europäischen Flüchtlingspolitik hinzuweisen.[41] Für die Aktion „Die Toten kommen“ wurden an den europäischen Außengrenzen verstorbene Flüchtlinge exhumiert und mit dem Einverständnis ihrer Familien nach Berlin überführt (unter anderem eine im Mittelmeer mit ihrem zweijährigen Kind ertrunkene Syrerin).[42] Die ersten Beisetzungen auf einem Berliner Friedhof fanden am 16. Juni 2015 statt.[43] Die Aktion erzeugte auch international[44] ein breites Medienecho.[45][46][47][48]

Eine Crowdfunding-Kampagne der Gruppe auf der Website Indiegogo mit dem Ziel, die Kosten für die Überführung aufzubringen, erreichte bereits am ersten Tag den angepeilten Mindestbetrag von 14.900 Euro.[49] Das Zentrum für Politische Schönheit vertritt die Ansicht, dass die europäische Flüchtlingspolitik und mithin die Bundesregierung mittelbar für die Tode an den Außengrenzen verantwortlich sei, da den Flüchtlingen kein anderer Weg zur Einreise gelassen werde.[41] Als Motivation für die Kampagne wurde angegeben, den Folgen der Flüchtlingspolitik mehr Sichtbarkeit zu verleihen und den Toten ein menschenwürdiges Begräbnis zu ermöglichen.[41]

Parallel zu den Beisetzungen kündigte das Zentrum eine Demonstration für den 21. Juni 2015 vor dem Bundeskanzleramt an, bei der angeblich auch Tote mitgeführt werden sollten. Die Polizei untersagte die Mitführung von Leichen und erließ Auflagen, den Demonstrationszug nicht wie geplant bis vor das Kanzleramt ziehen zu lassen.[43] Am 21. Juni 2015 versammelten sich weit über 5000 Menschen und zogen bis vor den Bundestag. Das zunächst eingezäunte Gelände wurde von den sich davor versammelnden Menschen gestürmt. Etwa 100 Gräber wurden symbolisch ausgehoben. Die Polizei nahm 91 Demonstranten fest.

Das Bezirksamt Berlin-Mitte gab tags darauf bekannt, dass ungefähr 10.000 Euro Schaden entstanden sei, der sich aus einer erneuten Rasenaussaat und der Reparatur der Zäune ergäbe.[50] In der Folge der Aktion legten in ganz Deutschland Unterstützer und Sympathisanten symbolische Gräber an, um auf die Situation der Flüchtlinge hinzuweisen.[51]

Im Rahmen der Aktion rief sie auch zur Tötung des Schweizer Journalisten Roger Köppel auf. Im Straßenmagazin Surprise ließ sie zu diesem Zweck ein ganzseitiges Inserat schalten.[52]

„Die Brücke“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 29. September 2015 wurde per Crowdfunding auf Indiegogo ein Projekt unter dem Namen „Die Brücke – Retten wir Europas Humanität“ ins Leben gerufen, bei dem scheinbar eine Brücke errichtet werden sollte, die Europa mit Afrika verbindet. Diese Brücke sollte bis 2030 fertiggestellt werden und dann einen sicheren Fluchtweg von einem Kontinent zum anderen ermöglichen.

Das Vorhaben, eine Brücke zu bauen, erwies sich als Satire bzw. Kunstaktion. Tatsächlich wurde aber Geld für eine fest verankerte Rettungsplattform auf dem Mittelmeer gesammelt.

Der Zielbetrag der Kampagne lag bei 19.600 Euro. Bis zum Kampagnenende am 7. Oktober 2015 spendeten 632 Personen insgesamt 21.687 Euro.[53] Am 5. Oktober 2015 wurde die Rettungsplattform im Mittelmeer verankert.

„Bau das Holocaust-Mahnmal vor Höckes Haus!“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 22. November 2017 enthüllte das Künstlerkollektiv des ZPS unter dem Projektnamen „Bau das Holocaust-Mahnmal vor Höckes Haus!“ 24 Stelen, die zwei Meter aus dem Boden ragen, auf einem gepachteten Nachbargrundstück in Sichtweite zu Björn Höckes Haus im thüringischen Bornhagen. Die Installation ist ein verkleinerter Nachbau des Holocaust-Mahnmals in Berlin.[54] Mit der Kunstaktion protestierte das ZPS gegen Höcke, der in einer Rede im Januar 2017 in Dresden das Gedenken an die Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten diffamiert, „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert und gesagt hatte: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“.[55][56]

Die Aktion war ein Projekt des Berliner Herbstsalons, der vom Maxim-Gorki-Theater veranstaltet wurde.[57][55][58] Finanziert wurde sie über Crowdfunding. Bis zum 23. November waren rund 90.000 Euro eingegangen. Das ZPS hatte 28.800 Euro kalkuliert, um den Unterhalt der Stelen-Aktion für ein Jahr zu sichern.[59]

Zu der Aktion gehörte auch eine inszenierte, vorgebliche Überwachung des Hauses, in dem Höcke mit seiner Familie lebt. In einem Videoclip des ZPS hieß es: „Der Thüringer Verfassungsschutz deckte und protegierte über Jahre den Terror des NSU. Deshalb haben wir den zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz Thüringen gegründet“.[60][54] Nach eigenen Angaben hatte das ZPS bereits zehn Monate vor Errichtung der Stelen damit begonnen, Höcke zu beobachten und Informationen zu sammeln.[54] Auf mehreren Bäumen des Nachbargrundstücks installierte es Kameras, die Aufnahmen von Höckes Haus in ein als „Überwachungsraum“ bezeichnetes Zimmer übertrugen.[61] Auf Einwände, dass das ZPS hier Stasi-Methoden anwende, entgegnete Philipp Ruch: „Gegen Nazis wenden wir nur Nazimethoden an.“[54] Auf der Website deine-stele.de veröffentlichte das ZPS einen Film, der mit dem Satz begann: „Stellen Sie sich vor, in Ihrem Land hetzt wieder ein Rechtskadikaler.“ Dabei wurde Höckes Haus und Grundstück in Bornhagen eingeblendet.[62] Als Folge war der offizielle YouTube-Kanal des ZPS samt Livestream der Aktion am 22. November 2017 kurzzeitig gesperrt. Nach zahlreichen Protesten wurde die Sperre aufgehoben.[63] Das ZPS kündigte zunächst an, die Überwachung fortzusetzen, bis Höcke „wie einst Willy Brandt vor dem Denkmal auf die Knie fällt und für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg aufrichtig um Vergebung bittet“, ließ diese Forderung aber später fallen.[64]

Nach Morddrohungen gegen die Künstlergruppe war das Stelenfeld seit dem 24. November nach Angaben des ZPS aus Sicherheitsbedenken nicht mehr öffentlich zugänglich.[65][66][67] Ob die Künstler Höcke tatsächlich überwacht haben, blieb unklar.[60] Am 1. Dezember 2017 teilte das ZPS mit, die Quellen für die angebliche zehnmonatige Überwachung der AfD-Politikers „im Wesentlichen aus dessen eigenen Veröffentlichungen auf Sozialen Medien bezogen zu haben“.[58] Folge man der Darstellung des ZPS, so Spiegel Online, „sind Höcke und Teile der Öffentlichkeit einem präzise geplanten Verwirrspiel auf den Leim gegangen“.[68]


Reaktionen
Auf einer Konferenz des rechtspopulistischen Magazins Compact in Leipzig am 25. November 2017 sagte Björn Höcke über die Aktion und ihre Macher: „Wer so etwas tut, ist in meinen Augen ein Terrorist.“ Das ZPS sei keine Künstlergruppe, sondern eine „terroristische Vereinigung“. Die Überwachung seiner Familie sei ein tiefer Eingriff in das „Schamgefühl eines Menschen“.[69] Der thüringische Landtagspräsident Christian Carius (CDU) kritisierte die Aktion scharf: Das Ausspionieren von Abgeordneten und deren Familien gleiche Stasi-Methoden und sei nicht zu rechtfertigen, die „Gesamtaktion des ZPS hat nichts mit Kunst zu tun“ und sei ein „Angriff auf die Freiheit des Mandats und die Unversehrtheit der Familie“.[70] Überdies bezichtigte er das ZPS der „Erpressung und Bedrohung eines Abgeordneten“ und forderte „mehr Solidarität“.[71] Der AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier erstattete Strafanzeige gegen das ZPS, er sieht in der Observierung einen „absolut unvertretbaren Eingriff“ in Höckes Privatleben.[72] Das ZPS wiederum ließ Jens Maier eine strafbewehrte Unterlassungserklärung zustellen, weil dieser behauptet hatte, bei der Observierung durch das ZPS seien auch die Kinder von Börn Höcke fotografiert worden, was die Künstlergruppe abstritt.[58]

Der Landessprecher der AfD Thüringen, Stefan Möller, sprach von „psychologischer Kriegsführung“ gegen Höcke und dessen Familie. Laut Möller beabsichtige Höcke rechtliche Schritte gegen die Aktion.[70] In der Gemeinde Bornhagen selbst gab es von AfD-Anhängern Unterstützung für Höcke und negative Resonanz auf die Aktion.[61] Die Polizei ermittelte wegen Verdachts auf Nachstellung, Nötigung und Diebstahl.[73] Es gebe Hinweise darauf, dass das ZPS eine Drohne über das Haus der Höckes habe fliegen lassen und das Verschwinden einer Papiertonne des Haushalts könne auch mit den Aktivitäten der Gruppe zusammenhängen.[73] Die Staatsanwaltschaft Mühlhausen teilte am 27. November 2017 mit, dass sie gegen das Künstlerkollektiv wegen Anfangsverdachts auf versuchte Nötigung ermittle.[74]

Das ZPS seinerseits erstattete Anzeige beim Landeskriminalamt Berlin, nachdem mehrere Morddrohungen eingegangen waren.[75][76] In Mails, die dem Deutschlandfunk in Auszügen vorlagen, drohten die Schreiber mit Vergasung, Schlachtung und Ertränken. Ein Anrufer, der sich als Vertreter der „AfD-Totenkopfstandarte“ ausgab, drohte damit, die Aktivisten zu erschießen, wenn die Stelen in Höckes Nachbarschaft nicht verschwänden.[77] Die Polizei Erfurt ermittelte außerdem wegen Sachbeschädigung der Stelen und zweier Autos des ZPS.[78]


Rezeption
Die Kunstaktion wurde in den ersten Kommentaren kontrovers diskutiert. Der Kunsthistoriker und Hochschullehrer Beat Wyss verteidigte das Projekt in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur. Er hielt die Aktion für eine Eulenspiegelei unserer Zeit. Kunst dürfe alles, „weil sie quasi als fünfte Gewalt in der Gesellschaft mit Machtlosigkeit geschlagen ist“. Sie habe die Aufgabe, „ein Fürsten-Spiegel zu sein“.[60] Zuspruch bekam die Aktion auch von den Grünen im Thüringer Landtag und der Journalistin Lea Rosh, die sich für die Errichtung des Holocaust-Mahnmals in Berlin eingesetzt hatte.[70] Die Jüdische Landesgemeinde Thüringen begrüßte grundsätzlich die Kunstaktion des ZPS, Björn Höcke eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals neben sein Haus zu stellen. Der AfD-Politiker müsse entzaubert und als das gesehen werden, was er ist: „eine Gefahr für die Demokratie“. Die konkrete Form der Aktion lehnte der Vorsitzende der Gemeinde, Reinhard Schramm, jedoch ab. Das ZPS sei an der Stelle zu weit gegangen, da Personen von dieser Aktion betroffen seien, die selbst keine Schuld hätten.[79][70]

Jan Heidtmann von der Süddeutschen Zeitung hielt es für einen „wichtigen Beitrag“, die AfD und Höcke mit seiner Aussage zum Holocaust-Gedenken zu konfrontieren.[80] Knut Cordsen meinte im Bayerischen Rundfunk, das Zentrum für politische Schönheit habe sich als „Zentrum für politische Torheit“ geoutet, da es Björn Höcke dazu verholfen habe, sich als Opfer stilisieren zu können.[81] Andrian Kreye kritisierte in einem Kommentar die Kunstaktion als „ein politisches Geschenk an die AfD“. Ausgerechnet Björn Höcke, der in seiner Partei doch schon an den Rand gedrückt war, dürfe sich nun als Verfolgter stilisieren. „Die Opferjammerlappen der AfD aber ließen die Chance nicht ungenutzt: Sie beklagten die linke Gesinnungshetze und die Übergriffigkeit der Aktion.“[82] In der Frankfurter Rundschau kommentierte Harry Nutt die Kunstaktion. Das ZPS sei „mutwillig über die Grenzen des guten Geschmacks“ hinausgegangen. Auf die Radikalisierung der politischen Verhältnisse habe es mit einer Verschärfung der ästhetischen Mittel geantwortet.[83] Was das Zentrum für Politische Schönheit mache, sei Kunst, schrieb Georg Diez in seiner SPON-Kolumne, und er kritisierte die Art und Weise, wie in der medialen Debatte um die aktuelle Aktion verschiedene Sphären vermischt würden. Dies zeige nur „wie verschwindend das Wissen um das Wesen der Kunst und damit das Freiheitspotenzial unserer Gesellschaft zu sein scheint“.[84]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Zentrum für politische Schönheit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sebastian Fischer: Streit um Filmzitat: Deutsche Bank beugt sich Protest. In: taz.de. 18. Dezember 2011, abgerufen am 2. Dezember 2017
  2. Eva Marie Kogel: Politik-Querulant: Ein Aktionskünstler wühlt die Berliner Republik auf. In: welt.de. 21. Mai 2014, abgerufen am 2. Dezember 2017
  3. a b c Konzeption. ZPS-Website
  4. a b Martin Kaul: „Die Wirklichkeit ist eine Zumutung“. In: taz.de. 1. August 2015; abgerufen am 2. Dezember 2017 (Gespräch mit Philipp Ruch).
  5. Zentrum für Politische Schönheit: Aktionen 2009 auf YouTube: Mitschnitt Kulturzeit (3sat)
  6. Polit-Satire: Bundeskanzlerin zu versteigern. In: Spiegel Online. 12. August 2009; abgerufen am 3. Dezember 2017 (Video; 3:33 Minuten).
  7. Anne Lena Mösken: Außerparlamentarische Opposition heute: das Zentrum für Politische Schönheit und sein Beitrag zum Bundestagswahlkampf – Theater für die Generation, die nichts mehr wollte. In: berliner-zeitung.de. 26. September 2009; abgerufen am 3. Dezember 2017.
  8. Frauke Adesiyan: Sehnsucht nach dem guten Leben. In: taz. Nr. 8983, 9. September 2009, S. 24 (Online [abgerufen am 3. Dezember 2017]).
  9. Ferda Ataman: Aktionskunst: Poetischer als die Polizei erlaubt. In: tagesspiegel.de. 7. August 2009; abgerufen am 4. Dezember 2017.
  10. Stephan Maus: Auktionskünstler Philipp Ruch: „Wir wollen weg von den Politikverwaltern“. In: stern.de. 23. August 2009; abgerufen am 4. Dezember 2017 (Gespräch mit Philipp Ruch).
  11. Philipp Mattheis: Das Leben ist schön. In: jetzt.de. Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH, 26. Mai 2009; abgerufen am 6. Dezember 2017.
  12. a b Die Re-Formation der Geschichte. In: politicalbeauty.de. ZPS; abgerufen am 7. Dezember 2017.
  13. Michael König: Wahlkampf paradox – Kanzlerin gebraucht abzugeben. In: sueddeutsche.de. 17. Mai 2010; abgerufen am 12. Dezember 2017.
  14. Online Versteigerung von Merkel gestoppt. (Memento vom 22. Februar 2010 im Internet Archive) In: zeit.de
  15. Merkel und Steinmeier auf eBay zu ersteigern. In: heute-journal
  16. Sarkophag für Heckler & Koch. Bei: wp.de, 22. Oktober 2012
  17. Programm: Truth is concrete während des Steirischen Herbstes (PDF; 1,8 MB)
  18. Ihr Kinderlein kommet. In: taz
  19. Syrische Pflegekinder in Deutschland: Danke, Manuela Schwesig! Bei: Spiegel Online.
  20. Pseudo-Hilfsaktion bringt Schwesig in Bedrängnis. In: Die Zeit
  21. Bergungsarbeiten auf Lethe. ZPS-Website
  22. Die Zeitkapsel-Versuche. ZPS-Website
  23. Frankhelm Weber vor dem Bundeskanzleramt Youtube
  24. Webdokumentation des Projekts: Die Säulen der Schande
  25. Die Witwen klagen an. In: FAZ
  26. Interview mit Philipp Ruch, Initiator der „Säulen der Schande“. Bei Balkan24
  27. Großangriff auf die UNO. Der Spiegelfechter
  28. Ruch poručio Ki-munu: Vi ste saučesnici u genocidu nad bosanskim narodom i za to ćemo vas tužiti! Dnevni Avaz
  29. Aktion „Belohnung: 25.000 Euro“.
  30. D: Webgemeinde jagt ‚Panzerfamilie‘ per Kopfgeld. Bei: krone.at
  31. Krauss-Maffei Wegmann: Haben keinen Panzerauftrag aus Saudi-Arabien. In: Focus online, 18. Juni 2012.
  32. Webdokumentation der Aktion: 25.000-Euro Belohnung
  33. Klage gegen das Kunstprojekt „25000-Euro“. Heise.de
  34. Waffenhersteller Krauss-Maffei: Das Halali ist geblasen. In: Badische Zeitung
  35. Braunbehrens stoppt „Kopfgeld“-Aktion. In: taz
  36. Erster Europäischer Mauerfall.
  37. Mit Bolzenschneidern, nicht mit warmen Worten. In: jungewelt.de
  38. Art group removes Berlin Wall memorial. In: The Guardian, 3. November 2014
  39. Ermittlungen wegen Mauerkreuz-Aktion eingestellt. Bei: rbb-online.de
  40. Tobias Bütow: Mauerfall 2014. In: Der Tagesspiegel, 8. November 2014
  41. a b c „Die Toten kommen“: Aktivisten wollen tote Flüchtlinge vor dem Kanzleramt beerdigen. Bei: Süddeutsche Zeitung Online, abgerufen am 16. Juni 2015
  42. Leichen vors Kanzleramt – Kunstaktion gegen Flüchtlingspolitik. Bei: taz.de, abgerufen am 16. Juni 2015
  43. a b Keine Flüchtlingsleichen vor dem Kanzleramt erlaubt. Bei: zeit.de, abgerufen am 21. Juni 2015
  44. Migrant’s Funeral in Berlin Highlights Europe’s Refugee Crisis. In New York Times, abgerufen am 30. Juni 2015
  45. Die Toten vom Mittelmeer kommen und sie klagen an. Bei: welt.de, abgerufen am 17. Juni 2015
  46. Die Toten kommen und die Minister bleiben fern. Bei: sueddeutsche.de, abgerufen am 17. Juni 2015
  47. Aufmerksamkeit für Flüchtlingsleichen – Die Toten kommen. Bei: derstandard.at, abgerufen am 17. Juni 2015
  48. Politaktion: Künstler holen Flüchtlingsleichen nach Berlin. Bei: spiegel.de, abgerufen am 17. Juni 2015
  49. Crowdfunding Kampagne auf Indiegogo, abgerufen am 16. Juni 2015
  50. Linke: Gräber auf Reichstagswiese als Mahnung erhalten. Bei: tagesspiegel.de, abgerufen am 22. Juni 2015
  51. 5000 Menschen vor Kanzleramt – Mahnmale in ganz Deutschland. In: Kölner Stadt-Anzeiger, abgerufen am 30. Juni 2015
  52. Die Idioten kommen. In: Neue Zürcher Zeitung, 11. September 2015, abgerufen am 19. September 2015.
  53. Die Brücke. Bei: Indiegogo
  54. a b c d Arno Frank: Aktion des Zentrums für politische Schönheit: Ein Holocaust-Mahnmal – bei Björn Höcke vor der Haustür. In: spiegel.de. 22. November 2017; abgerufen am 2. Dezember 2017.
  55. a b Zentrum für Politische Schönheit: Initiatorin des Holocaustmahnmals für Nachbau vor Höckes Haus, Die Zeit, 22. November 2017
  56. Höcke soll auf die Knie gehen. Ist das Kunst? In: welt.de, 22. November 2017.
  57. Mounia Meiborg: Artivismus, Süddeutsche Zeitung, 22. November 2017
  58. a b c Zentrum für politische Schönheit baut Mahnmal vor Höckes Haus. Überwachen und Strafen.. in: Nachtkritik.de
  59. Zentrum für politische Schönheit baut Björn Höcke eigenes Holocaust-Mahnmal. Bei: BR.de, 22. November 2017.
  60. a b c Die legitimen Erben „von Till Eulenspiegel“. In: deutschlandfunkkultur.de, 22. November 2017.
  61. a b Peter Maxwill: Reaktion auf Kunstaktion in Bornhagen. „Dreckspack, lasst den Höcke in Ruhe!“ Bei: Spiegel Online, 22. November 2017.
  62. Jana Simon: Höcke hat Besuch, Dossier in Die Zeit No 49, 30. Oktober 2017, S. 17-19
  63. Youtube sperrt Account des Zentrums für politische Schönheit (Update). Bei: netzpolitik.org, abgerufen am 23. November 2017.
  64. Henry Bernhard: Zentrum für Politische Schönheit. Morddrohungen gegen Künstlerkollektiv, Deutschlandfunk Kultur, 27. November 2017
  65. Stelenfeld neben Haus von Björn Höcke vorerst geschlossen, FAZ, 24.November 2017
  66. Sicherheitsbedenken. Künstler schließen Holocaust-Mahnmal neben Höckes Wohnhaus. In: Spiegel Online, 25. November 2017
  67. Streit um "Kunstaktion" vor Wohnhaus von AfD-Mann. "Holocaust-Mahnmal" bei Höcke erstmal nicht zugänglich, MDR Thüringen, 24. November 2017
  68. Angebliche Überwachung von AfD-Politiker. Der Höcke-Bluff, Spiegel Online, 1. Dezember 2017
  69. Höcke nennt Mahnmal-Aktivisten eine „terroristische Vereinigung“, Die Welt, 25. November 2017.
  70. a b c d Kritik an Holocaust-Mahnmal vor Höcke-Haus im Eichsfeld. In: MDR.de, 22. November 2017.
  71. Carius, Christian – Präs.: Thüringer Landtag – Begrüßung und Feststellung der Tagesordnung 23.11.2017 08:33–08:41 (Video). Thüringer Landtag, 23. November 2017; abgerufen am 23. November 2017.
  72. „Denkmal der Schande“ neben Höckes Wohnhaus. Bei: faz.net, 22. November 2017.
  73. a b Holocaust-Mahnmal: Kündigung für Anti-Höcke-Gruppe, MDR, 23. November 2017
  74. Staatsanwalt ermittelt gegen „Zentrum für politische Schönheit“. Bei: tagesspiegel.de, 27. November 2017
  75. Holocaust-Mahnmal vor Höckes Haustür. Nach Morddrohungen geschlossen, Taz, 24. November 2017
  76. Stelenfeld neben Björn Höckes Haus vorerst geschlossen, faz.net, 24. November 2017.
  77. Henry Bernhard: Morddrohungen gegen Künstlerkollektiv, Deutschlandfunk Kultur, 27. November 2017
  78. Autos von Aktivisten in Bornhagen beschädigt, Süddeutsche Zeitung, Süddeutsche Zeitung, 2. Dezember 2017
  79. Jüdische Landesgemeinde sieht Mahnmal zwiespältig, in: Künstler stellen "NPD-Wahlplakate" mit Höcke-Konterfei auf, MDR Thüringen, 29. November 2017
  80. Jan Heidtmann: Das Mahnmal von nebenan, Süddeutsche Zeitung, 23. November 2017
  81. „Zentrum für politische Torheit“ statt Zentrum für politische Schönheit! In: Bayerischer Rundfunk, 28. November 2017
  82. Andrian Kreye: Kunstaktion bei Björn Höcke. Ein politisches Geschenk an die AfD, Süddeutsche Zeitung, 22. November 2017
  83. Harry Nutt: Mahnmal vor Höckes Haus. Symbolpolitisches Stalking, Frankfurter Rundschau, 23. November 2017
  84. Georg Diez: Stelen vor Höcke-Haus. Fragt nicht, was Kunst soll oder darf, Spiegel Online, 3. Dezember 2017