Zivilgesellschaft

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Das Wort Zivilgesellschaft (lateinisch societas civilis, französisch société civile, englisch civil society) ist im Deutschen ein Neologismus, der mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Bürgergesellschaft

Die Bedeutung des Begriffs Zivilgesellschaft ist in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Geschichts-, Sozial- und Verwaltungswissenschaft unterschiedlich akzentuiert und ausgerichtet. Ein verwandter und je nach zugrunde liegender Konzeption synonym verwendeter Begriff ist "Bürgergesellschaft". Ein anderer Strang begreift Zivilgesellschaft als die Gesamtheit der in einer Gesellschaft bestehenden Artikulationsmechanismen. Allgemein wird unter dem Begriff meist der Teil der Gesellschaft verstanden, der nicht durch den Staat und seine Organe (Behörden, Verwaltungen) gesteuert und organisiert wird. Nicht selten wird „Zivilgesellschaft“ auch bedeutungsgleich mit Gesellschaft verwendet.

Die verschiedenen Dimensionen der Zivilgesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zivilgesellschaft kann unter drei verschiedenen Dimensionen betrachtet werden. Aus normativer Perspektive wird Zivilgesellschaft mit einem demokratischen Gemeinwesen und einer gerechten Gesellschaft gleichgesetzt. Die habituelle Perspektive bezieht sich auf einen bestimmten Typus sozialen Handelns. Die akteurszentrierte Sichtweise legt den Fokus auf konkret handelnde Personen und Organisationen, die selbstorganisiert tätig sind.

Historischer Rückblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zivilgesellschaft als Begriff und Konzept kann auf eine lange Tradition zurückblicken. In der Klassischen Antike war societas civilis Synonym für die ideale Lebensweise von freien Bürgern. Alexis de Tocqueville, ein französischer Adeliger, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Vereinigten Staaten bereiste, war fasziniert von der Dynamik der amerikanischen Zivilgesellschaft mit ihrer Vielfalt von freiwilligen Vereinigungen (Assoziationen, Vereine) und ihrer Bedeutung für friedliches Zusammenleben, Problembewältigung, Demokratie und Selbstorganisation. Tocquevilles Beschreibung der damaligen Gesellschaft in den USA bietet die Blaupause für das Konzept einer "Zivilgesellschaft", in der die gesellschaftliche Selbstorganisation auf dem Engagement von Bürgern und Bürgerinnen beruht, das sich weder an den Kalkülen des Marktes orientiert, noch sich den Hoheitsansprüchen des Staates widerspruchslos beugt. Seitdem wird eine enge Verbindung zwischen der Fähigkeit einer Gesellschaft zur Selbstorganisation und der Robustheit ihrer demokratischen Verfasstheit gesehen.

Zivilgesellschaft wurde als Begriff auch von Antonio Gramsci geprägt. Er sah darin die Gesamtheit aller nichtstaatlichen Organisationen, die auf den Alltagsverstand und die öffentliche Meinung Einfluss haben. Hier findet die Auseinandersetzungen um kulturelle Hegemonie statt, die für das Überleben der Hegemonie des Kapitalismus erforderlich sind.

Die normativen Implikationen der Zivilgesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Meinungsbildung im Diskurs sowie unter Austausch gegensätzlicher Standpunkte sind zentrale Komponenten des Konzepts der Zivilgesellschaft. Das Konzept hat seit den frühen Anfängen eine normative Dimension (Kneer 1997). Zivilgesellschaft fungiert als Leitbild eines guten und gerechten Zusammenlebens in der Demokratie und hat als solches immer auch eine kritische Funktion gegenüber den herrschenden Entscheidungsinstanzen der Politik, Wirtschaft und öffentlichen Verwaltung. Insofern erklärt sich die Nähe des Konzeptes zu sozialen Bewegungen, wie etwa der Frauen-, Umwelt- oder Anti-Atomkraftbewegung (Roth/Rucht 2007; vgl. Klein 2001). Mehr noch besteht in autoritär oder autokratisch regierten Ländern ein enger Bezug von Zivilgesellschaft und Regimegegnern. So sind die Friedensnobelpreisträger Aung San Suu Kyi (1991) aus Myanmar und Liu Xiaobo (2010) aus China aufgrund ihres Einsatzes für die gewaltlose Einführung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in ihren Ländern wichtige Vertreter der Zivilgesellschaft.

Gewaltlosigkeit, d. h. der "zivile" Umgang miteinander ist eine weitere zentrale Komponente des Konzepts "Zivilgesellschaft". Strittige Themen oder Pläne sollen unter beiderseitigem Respekt der Beteiligten gewaltfrei diskutiert und einem Kompromiss zugeführt werden. Insofern können zivilgesellschaftliche Aktivitäten auch wirksam sein als "Schule der Demokratie", in der Verfahren des Meinungsaustausches sowie das Prozedere von Kompromissbildung und Verständigung erlernt werden. Zivilgesellschaft steht somit für eine Gesellschaft, die sich durch Zivilität im Sinne von Demokratie, Toleranz, Verantwortung und Vertrauen auszeichnet.

Zivilgesellschaftliche Akteure und ihre Motive[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zivilgesellschaft ist ein Bereich, in dem freiwillige Vereinigungen (Vereine), Stiftungen, Initiativen, Nichtregierungsorganisationen bzw. Non-gouvernemental Organizations (NGOs), Nonprofit-Organisationen (NPOs) tätig sind. Der Übergang zu sozialen Bewegungen ist fließend, da Bewegungen zivilgesellschaftliche Organisationen umfassen, aber als solche keine Organisationen sind. Ziele und Zwecke zivilgesellschaftlicher Akteure können auf allgemeingesellschaftliche Probleme wie auch auf Anliegen und Bedürfnisse spezieller Gruppen gerichtet und lokaler, regionaler oder internationaler Natur sein. Zivilgesellschaft bildet den Rahmen, innerhalb dessen sich bürgerschaftliches Engagement entfalten kann. Dabei geht es um die Schaffung bzw. Erbringung gemeinwohlorientierter Güter und Leistungen (z. B. Tafeln für Bedürftige, Hospizbewegung), wie um die Einflussnahme auf die öffentliche Meinung durch die Beteiligung an Debatten, Protesten und anderen öffentlichkeitswirksamen Aktionen (Leserbriefe, Partei-, Gewerkschafts- oder Bürgerinitiavenengagement).

In dieser Absicht übernehmen gemeinnützige Einrichtungen (Stiftungen, Genossenschaften, GmbHs) sowie Vereine, Verbände und Initiativen als freiwillige Vereinigungen Aufgaben in einem breiten Tätigkeitsspektrum: Sie informieren über Menschenrechtsverletzungen oder Umweltschädigungen, helfen Opfern von Naturkatastrophen, organisieren Armenküchen, betreiben Krankenhäuser und Kindergärten, markieren Wanderwege oder ermöglichen Sporttreiben von Aerobic bis Fußball. Das konkrete Engagement von Bürgern und Bürgerinnen bezieht sich also auf ein weites Feld gesellschaftlicher Probleme und Bedürfnisse, es dient karitativen oder politischen Anliegen wie auch der Freizeitbereicherung. Und es findet in traditionsreichen Organisationen ebenso statt wie in mitunter nur temporären sozialen Bewegungen. [1]

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements verwendete die Begriffe „Zivilgesellschaft“ und „Bürgergesellschaft“ synonym (vgl. Enquete-Kommission 2002: S. 59) obgleich Bürgergesellschaft und insbesondere bürgerliche Gesellschaft hierzulande lange Zeit mit einem Negativimage behaftet waren. Die Kommission hat eine umfassende Bestandsaufnahme des Forschungsstandes zur Zivilgesellschaft geleistet und dieser eine weite Definition des Begriffs des bürgerschaftlichen bzw. zivilgesellschaftlichen Engagements zu Grunde gelegt. Dementsprechend zählen dazu das politische und soziale Engagement, Aktivitäten in Vereinen, Verbänden und Kirchen sowie die Übernahme öffentlicher Funktionen (z. B. Schöffen), Formen der Gegenseitigkeit (z. B. Nachbarschaftshilfen), Selbsthilfe und Engagement in und von Unternehmen (Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility) (Enquete-Kommission 2002: S. 65 f.).

Es ist ein sehr umfassendes Verständnis von zivilgesellschaftlichem Engagement, das hier zugrunde gelegt wurde, wobei auch von der Enquete-Kommission mit dem Leitbild der Bürger- bzw. Zivilgesellschaft die Vision einer gerechteren und demokratischeren sowie wesentlich auf Partizipation beruhenden Gesellschaft verbunden wurde. Konkret benennt der Bericht der Kommission Ziele, Inhalte und Verfahrensweisen von Bürger- bzw. Zivilgesellschaft: "In der Bürgergesellschaft geht es um die Qualität des sozialen, politischen und kulturellen Zusammenlebens, um gesellschaftlichen Zusammenhalt und ökologische Nachhaltigkeit. So verstanden bildet das bürgerschaftliche Engagement in der Bundesrepublik einen zentralen Eckpfeiler in einer Vision, in der die demokratischen und sozialen Strukturen durch die aktiv handelnden, an den gemeinschaftlichen Aufgaben teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger mit Leben erfüllt, verändert und auf zukünftige gesellschaftliche Bedürfnisse zugeschnitten werden. Bürgergesellschaft betreibt eine gesellschaftliche Lebensform, in der sowohl den bürgerschaftlich Engagierten als auch ihren vielfältigen Formen und Vereinigungen mehr Raum für Selbstbestimmung und Selbstorganisation überlassen wird." (Enquete-Kommission 2002: 59) [2]

Die verschiedenen Sichtweisen auf Zivilgesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zivilgesellschaft kann unter einer normativen, einer habituellen bzw. handlungsorientierten sowie einer akteurszentrierten Perspektive betrachtet werden. Aus normativer Perspektive wird Zivilgesellschaft gleichgesetzt mit dem positiv in die Zukunft gerichteten Projekt eines demokratischen Gemeinwesens und einer gerechten Gesellschaft. Diese Sichtweise wurde insbesondere von den Dissidentenbewegungen in Osteuropa sowie von oppositionellen Kräften gegen die Militärdiktaturen in Lateinamerika vertreten: Zivilgesellschaft als demokratischer Gegenentwurf gegenüber dem bestehenden autoritären oder diktatorischen gesellschaftlichen und politischen Status quo (Klein 2001). Diese Perspektive wird immer dann eingenommen, wenn auf Zivilgesellschaft als Alternative und kritisches Potential verwiesen wird, wie es in den Medien bei Berichten über autoritäre oder anti-demokratische Regimes in Afrika, Asien, Lateinamerika sehr oft der Fall ist. Demgegenüber wird in etablierten Demokratien Zivilgesellschaft nicht als Alternative zum Status quo betrachtet, sondern vor allem mit Reformprojekten sozialer Bewegungen unter direkter Beteiligung von Bürgern und Bürgerinnen in Verbindung gebracht. Die habituelle oder handlungsorientierte Perspektive auf Zivilgesellschaft bezieht sich auf einen bestimmten Typus sozialen Handelns, nämlich auf den zivilen Umgang miteinander, gewaltfrei und kompromissorientiert: eine Gesellschaft, die sich durch Zivilität auszeichnet.

Dass ihre Mitglieder zivil miteinander umgehen, wird unterstützt durch politische Rahmenbedingungen, die ebenfalls durch Zivilität geprägt sind. Hierzu zählen die verfassungsrechtlich garantierten Menschen- und Grundrechte ebenso wie die Gleichheit vor dem Gesetz sowie die Ermöglichung menschenwürdiger Lebensumstände etwa im Sinne der Sicherung eines Existenzminimums (Rucht 2010a: 88). Zivilgesellschaft ist insofern Ausdruck einer politischen Kultur, die sich durch Gewaltfreiheit, Toleranz und Kompromissbereitschaft auszeichnet.

Die dritte Perspektive auf Zivilgesellschaft ist akteurszentriert. Das heißt, dass hier der Fokus auf konkret handelnden Personen und Organisationen liegt, die selbstorganisiert tätig werden. Dies geschieht nicht in traditionellen Familienstrukturen und auch nicht im Rahmen von privatwirtschaftlichen Unternehmen oder staatlichen Behörden, sondern primär in einem gesellschaftlichen Bereich jenseits von Markt, Staat und Privatsphäre und damit im Kontext von Vereinen, Verbänden, Stiftungen Netzwerken, informellen Zirkel, sozialen Beziehungen und Bewegungen sowie Nichtregierungsorganisationen (NGOs). [3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurzdefinitionen
Gesamtdarstellungen und Begriffsgeschichte
  • Frank Adloff: Zivilgesellschaft Theorie und politische Praxis. Frankfurt a.M. 2005, ISBN 978-3-593-37398-0.
  • Dieter Gosewinkel, Dieter Rucht, Wolfgang van den Daele, Jürgen Kocka (Hrsg.): Zivilgesellschaft – national und transnational. Berlin 2004, ISBN 3-89404-299-0.
  • V. Finn Heinrich, Lorenzo Fioramonti (Hrsg.): CIVICUS Global Survey of the State of Civil Society. Comparative Perspectives. Band 2. Kumarian Press, Sterling, VA 2007, ISBN 978-1-56549-244-8 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Theo Votso: Der Begriff der Zivilgesellschaft bei Antonio Gramsci. Hamburg 2001, ISBN 3-88619-281-4.
  • Volker Heins: Das Andere der Zivilgesellschaft. Zur Archäologie eines Begriffs. transcript Verlag, Bielefeld 2002, ISBN 3-933127-88-2.
  • Daniel Kremers, Shunsuke Izuta: Bedeutungswandel der Zivilgesellschaft oder das Elend der Ideengeschichte: Eine kommentierte Übersetzung von Hirata Kiyoakis Aufsatz zum Begriff shimin shakai bei Antonio Gramsci (Teil 1). Asiatische Studien 71(2): 713-739, DOI 10.1515/asia-2017-0044.
Nationale Darstellungen
  • Ahad Rahmanzadeh et al: IRAN – Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen in einem islamischen Land. BFTE, Bonn 2008, ISBN 978-3-00-021915-3.
  • Sabine Reimer: Die Stärken der Zivilgesellschaft in Deutschland. Eine Analyse im Rahmen des CIVICUS Civil Society Index Projektes / The Strength of Civil Society in Germany: An Analysis in the Context of the CIVICUS Civil Society Index Project. Maecenata Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft. Maecenata Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-935975-45-7.
  • Richard Traunmüller, Isabelle Stadelmann-Steffen, Kathrin Ackermann, Markus Freitag: Zivilgesellschaft in der Schweiz. Analysen zum Vereinsengagement auf lokaler Ebene. Seismo Verlag, Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen, Zürich 2012, ISBN 978-3-03777-113-6.
Internationale Darstellungen
  • Helmut K. Anheier, Stefan Toepler: International Encyclopedia of Civil Society. 1. Auflage. Springer-Verlag New York Inc., New York 2010, ISBN 978-0-387-93996-4.
  • Lester M. Salamon, Helmut K. Anheier, Regina List, Stefan Toepler, S. Wojciech Sokolowski: Global Civil Society. Dimensions of the Nonprofit Sector. The Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project. The Johns Hopkins Center for Civil Society Studies, Baltimore 1999, ISBN 1-886333-42-4.
  • Michèle Knodt, Barbara Finke (Hrsg.): Europäische Zivilgesellschaft. Konzepte, Akteure, Strategien. Bürgergesellschaft und Demokratie. Band 18, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, ISBN 3-8100-4205-6.
Einzelaspekte
Kritik an Konzepten der Zivilgesellschaft
  • Frane Adam u. Borut Roncevic: Social Capital. Recent Debates and Research Trends. In: Social Science Information Jg. 42, 2003, ISSN 0539-0184.
  • Jan W. van Deth u. Sonja Zmerli: Introduction. Civicness, Equality, and Democracy – A „Dark Side“ of Social Capital? In: American Behavioral Scientist Jg. 53, 2010, S. 631–639, ISSN 0002-7642 .
  • Robert Heise, Daniel Watermann, Vereinsforschung in der Erweiterung: Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. In: Geschichte und Gesellschaft Jg. 43, 2017, S. 5–31, ISSN 0340-613X.
  • Roland Roth: Die dunklen Seiten der Zivilgesellschaft. Grenzen einer zivilgesellschaftlichen Fundierung von Demokratie, in: Ansgar Klein u. a. (Hrsg.): Zivilgesellschaft und Sozialkapital. Herausforderungen politischer und sozialer Integration, Wiesbaden 2004, S. 41–64, ISBN 978-3-322-80963-6.
  • Sheri Berman: Civil Society and the Collapse of the Weimar Republic. In: World Politics Jg. 49, 1997, S. 401–429, ISSN 0198-0300.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sonderaspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bundeszentrale für politische Bildung, Zimmer, Annette, 2012
  2. Bundeszentrale für politische Bildung, Zimmer, Annette, 2012
  3. Bundeszentrale für politische Bildung, Zimmer, Annette, 2012