Ziyāra

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Die Wallfahrt zum Mausoleum von Imam Hussein in Kerbela, Beispiel für eine schiitische Ziyāra

Der arabische Begriff Ziyāra (arabisch ‏زيارة‎, DMG ziyāra ‚Besuch‘) bezeichnet als religiöser Terminus technicus im Islam den Besuch eines heiligen Ortes, der nicht mit der Heiligen Moschee in Mekka identisch ist. Wenn dafür längere Strecken zurückgelegt werden, lässt sich von einer Wallfahrt sprechen. Häufig befinden sich die Ziyāra-Orte aber auch in der unmittelbaren Umgebung der betreffenden Personen, so dass sie dafür keine Reise unternehmen müssen. Auch die Orte und Gebäude selbst, die Gegenstand von Ziyāra-Besuchen sind, werden häufig Ziyāra (pers. Ziyārat, türk. Ziyaret) genannt. Dementsprechend begegnet der Begriff in islamischen Ländern auch häufig in Toponymen.

Ziyāra-Ziele und -Bräuche[Bearbeiten]

Ziel dieser frommen Besuche sind meistens Gräber, deswegen wird der Brauch in der arabischen gelehrten Literatur üblicherweise unter dem Stichwort ‏زيارة القبور‎ / ziyārat al-qubūr / ‚Gräberbesuch‘ abgehandelt, aber in manchen Fällen gilt die Verehrung auch Höhlen, Bergen oder Bäumen oder Orten, die regelmäßig von Chidr aufgesucht werden sollen. Die Besucher dieser Orte bringen üblicherweise Weihegaben mit; umgekehrt versuchen sie durch das Aufsuchen dieser Orte deren Baraka (Segenskraft) zu erhalten.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Maulid am Grab von Ahmad al-Badawi in Tanta, Beispiel für eine sunnitische Ziyāra

Bräuche des Besuchs von Gräbern haben sich zunächst im schiitischen Islam herausgebildet. Schon seit dem siebten Jahrhundert ist der Besuch von Husains Grab in Kerbela belegt. Nachdem man im späten 8. Jahrhundert ʿAlīs Grab in Nadschaf aufgefunden hatte, wurde auch dieser Ort zum Ziel einer schiitischen Wallfahrt.[1] Im frühen 11. Jahrhundert errichteten die schiitischen Fatimiden in Ägypten über den Gräbern von Angehörigen der Prophetenfamilie (z.B. Saiyida Nafīsa und Saiyida Ruqaiya im Süden von Kairo) Mausoleen, womit sich hier ebenfalls Ziyāra-Bräuche entwickelten.

Ab dem 11. Jahrhundert verbreitete sich der Brauch des Gräberbesuchs zunehmend auch im Bereich des sunnitischen Islams, es wurde zum Beispiel üblich, den Haddsch nach Mekka mit einer Ziyāra des Prophetengrabes in Medina zu verbinden. Sunnitische Herrscher gingen außerdem dazu über, die Gräber von Persönlichkeiten des sunnitischen Islams zu Mausoleen auszubauen, wie diejenigen von Abū Ḥanīfa in Bagdad und von asch-Schāfiʿī in Kairo, so dass sich dort ebenfalls Ziyāra-Bräuche herausbildeten. Auch fingen Gelehrte jetzt an, Wallfahrtsführer speziell für sunnitische Gläubige, die Gräber besuchen wollten, abzufassen. Das bekannteste ist das "Buch der Fingerzeige zur Kenntnis der Pilgerorte" (Kitāb al-Išārāt ilā maʿrifat az-ziyārāt) von ʿAlī ibn Abī Bakr al-Harawī (gest. 1215), das das Gebiet von Syrien und Palästina als eine heilige Landschaft voller Wallfahrtsorte beschreibt.[2] Im 13. und 14. Jahrhundert entstanden im Zuge des Aufblühens der Heiligenverehrung im sunnitischen Islam an mehreren Orten Wallfahrtsorte von nationaler Bedeutung, so der Grabschrein des wundertätigen Sufi Ahmad al-Badawī (st. 1276) in Tanta, der Grabschrein von Muʿīn ad-Dīn Tschischtī (gest. 1230) in Ajmer und das Mausoleum von Ahmed Yesevi (st. 1166) in Türkistan.

Die Ziyāra des Prophetengrabes in Medina wurde im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit zum Gegenstand mehrerer Spezialabhandlungen. So verfasste zum Beispiel im 16. Jahrhundert der mekkanische Gelehrte ʿAbd al-Qādir al-Fākihī (gest. 1574) einen Traktat über die Regeln (ādāb), die bei diesem Wallfahrtsritus zu beachten waren. Er hat den Titel Ḥusn at-tawassul fī ādāb ziyārat afḍal ar-rusul.[3]

Kritik an Ziyāra-Bräuchen[Bearbeiten]

Kritik an den Ziyāra-Bräuchen kam schon im 10. und 11. Jahrhundert von verschiedenen Angehörigen der hanbalitischen Lehrrichtung, so zum Beispiel von al-Barbahārī und Ibn ʿAqīl. Besonders scharf kritisierten auch Ibn Taimīya und sein Schüler Ibn Qaiyim al-Dschauzīya diese Bräuche. Sie meinten, dass die meisten von ihnen eine unerlaubte Neuerung darstellten, bzw. als schirk anzusehen seien.[4] Unter Rückbezug auf diese Lehrtradition verdammten später auch die Deobandis, die Wahhabiten und die sonstigen Anhänger der Salafiyya diese Bräuche.

Literatur[Bearbeiten]

  • Behrens, Marcel: „Ein Garten des Paradieses“. Die Prophetenmoschee von Medina. Ergon, Würzburg, 2007. S. 227-276.
  • Harald Einzmann: Ziarat und Pir-e-Muridi: Golra Sharif, Nurpur Shahan und Pir Baba ; drei muslimische Wallfahrtstätten in Nordpakistan. Stuttgart 1988.
  • Marianus Hundhammer: Prophetenverehrung im Ḥaḍramaut: die Ziyāra nach Qabr Hūd aus diachroner und synchroner Perspektive. Berlin 2010.
  • Christopher S. Taylor: In the vicinity of the righteous : Ziyāra and the veneration of Muslim Saints in late medieval Egypt. Leiden 1999.
  • Artikel "Ziyāra" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. XI, S. 524-539. (Verschiedene Autoren)

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl. Irute Schober: Das Heiligtum ʿAlī ibn Abī Tālibs in Naǧaf. Grabstätte und Wallfahrt. Frankfurt/Main u.a. 1990.
  2. Vgl. die engl. Übersetzung von Josef W. Meri: Lonely Wayfarer's Guide to Pilgrimage : ʿAlī ibn Abī Bakr al-Harawī's Kitāb al-Ishārāt ilā Maʿrifat al-Ziyārāt. Princeton 2004.
  3. Vgl. Vgl. Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. Supplementband II. Leiden 1938. S. 529.
  4. Vgl. dazu Niels Hendrik Olesen: Culte des saints et pèlerinages chez Ibn Taymiyya (661/1263 - 728/1328). Paris 1991.

Siehe auch[Bearbeiten]