Zuchttauglichkeitsprüfung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Tierärztliche Untersuchung: Abhören von Herz und Lunge mit dem Stethoskop

Die Zuchttauglichkeitsprüfung ist eine von Zuchtverbänden für Rassehunde eingeführte Vorsorgemaßnahme sowie eine Maßnahme zur Qualitätssicherung in der Hundezucht, bei der die Gesundheit von für die Zucht eventuell in Frage kommenden Hunden untersucht wird.

Funktion und Zuständigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Zuchttauglichkeitsprüfung wird eine Vielzahl von Eigenschaften begutachtet, bevor darüber entschieden wird, ob ein Hund alle Voraussetzungen erfüllt, um zur Zucht eingesetzt zu werden. Bei Rassehunden begutachten Formwertrichter auf Hundeausstellungen bzw. Zuchtschauen [1] die Ausprägung der erwünschten rassetypischen Merkmale und erteilen eine Formwertnote. Bei den veterinärmedizinischen Untersuchungen zur Zuchttauglichkeit geht es jedoch um eine Vielzahl gesundheitlicher Merkmale, die sowohl die Zuchttiere selbst als auch die zu erwartende Nachkommenschaft betreffen. Hiermit wird auch dem § 11 des Tierschutzgesetzes [2] Rechnung getragen. Bei vielen Züchtervereinen sind die Vorgaben zur Zuchttauglichkeitsprüfung fester Bestandteil ihrer Zuchtordnung. Zuchttauglichkeit, Formwertnote und eine günstige Verhaltensbeurteilung sind entscheidend für die Zuchtzulassung durch den Verein. [3] Die rassespezifische Ausgestaltung der Zuchtzulassungsprüfung obliegt beim VDH aufgrund der föderalen Struktur des Verbandes den einzelnen Rassehunde-Zuchtvereinen. Es gibt Vereine, in denen lediglich eine Zuchttauglichkeitsprüfung durch einen Zuchtrichter bzw. Zuchtwart vorgeschrieben ist, dem die Untersuchungsmöglichkeiten eines Tierarztes nicht zur Verfügung stehen. In der Regel arbeiten die Zuchtwarte mit den Tierärzten zusammen. [4] [5] [6] [7] [8] [9] Bei Gebrauchshunden sind zudem erfolgreich absolvierte Gebrauchshundprüfungen Voraussetzung für die Zuchtzulassung.

Zuchtziel: gesunde Nachkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Vielzahl von Untersuchungsmethoden kommt zur Anwendung, um festzustellen, ob Hunde gesunde Erbeigenschaften mitbringen [10]. Von den bekannten Erbkrankheiten treten manche bei bestimmten Rassen häufiger auf oder nur bei diesen und bei nah verwandten Rassen. Die Vorgaben der Züchtervereine, welche Untersuchungen bei der jeweiligen Rasse vorgenommen werden müssen, sind daher unterschiedlich. Es gibt auch Züchter, die darüber hinaus auch nicht zwingend vorgeschriebene Untersuchungen freiwillig vornehmen lassen.

Untersuchungen auf Erbfehler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Tierarzt erkennt am Aussehen des Hundes Erbfehler wie beispielsweise Entropium, Ektropium, erblichen Augenausfluss, Gebissfehler, Brachycephalie und sonstige sichtbare Missbildungen. Der Gang des Hundes erlaubt Rückschlüsse auf den Zustand der Muskulatur und des Knochensystems.

Durch manuelle Untersuchungen erhält der Tierarzt Tastbefunde beispielsweise von den Kniescheiben, um eine Patellaluxation festzustellen oder auszuschließen. Bei Verdacht erfolgt eine Befunderhebung durch ein bildgebendes Verfahren.

Röntgenaufnahmen der Hüftgelenke können erforderlich sein, um eine Hüftgelenksdysplasie (HD) sicher auszuschließen.

Erbfehler, die dominant vererbt werden, kann der Tierarzt am Phänotyp feststellen. Erbfehler, die rezessiv vererbt werden, kann er nur bei Individuen feststellen, die die betreffende Erbanlage homozygot haben.

Genetische Untersuchung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Hunden, die eine Ahnentafel haben, kann der Züchter oder der Zuchtwart eine Stammbaumanalyse vornehmen, um zu sehen, ob rezessive unerwünschte Erbanlagen vorhanden sein könnten, die am Phänotyp des Hundes nicht in Erscheinung treten. Hierzu zählen auch die Fehlfarben. Möglicherweise vorhandene unerwünschte rezessive Anlagen im Genotyp können dann durch DNA-Analyse festgestellt bzw. ausgeschlossen werden. Hierfür wird dem Hund vom Tierarzt an einer Vene am Vorderlauf Blut abgenommen, das an ein genetisches Untersuchungslabor eingeschickt wird.

Zuchtziel: rassetypische Nachkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Rassehunde gibt es genaue Vorgaben der einzelnen Zuchtverbände, welche Formwertnoten Zuchttiere haben müssen. Bei Rüden wird meist eine höhere Formwertnote verlangt, während bei Hündinnen die gesundheitlichen Voraussetzungen für Trächtigkeit und Welpenaufzucht im Vordergrund stehen. Bei Hündinnen muss die Formwertnote je nach Züchterverein mindestens ‚‘‘gut‘‘ oder ‘‘sehr gut‘‘ sein, während der Deckrüde meist mindestens ‘‘sehr gut‘‘ aber idealerweise ‘‘vorzüglich‘‘ sein soll. Die Formbewertungen haben für die medizinische Zuchttauglichkeit meist keine Bedeutung, wohl aber für die Zuchtzulassung.

Voraussetzungen für eine Paarung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird sichergestellt, dass keine körperlichen Beeinträchtigungen vorliegen, die einer natürlichen Paarung entgegenstehen würden.

Bei Hündinnen kann der Tierarzt durch einen Vaginalabstrich Infektionen feststellen bzw. ausschließen. Bei einer Infektion mit dem caninen Herpesvirus 1, die bei der Hündin möglicherweise symptomlos verläuft, sterben ihre Welpen im Mutterleib oder nach der Geburt in den ersten Lebenstagen. [11] Besitzer eines Deckrüden können einen Vaginalabstrich bei der Hündin zur Bedingung machen, damit der Rüde nicht zum Überträger wird. Solche Untersuchungen sind jedoch nicht Bestandteil einer Zuchttauglichkeitsprüfung, bei der die Hündinnen im Normalfall noch jungfräulich sind.

Voraussetzungen für eine Trächtigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Trächtigkeit der Hündin ist eine Phase hoher körperlicher Beanspruchung sowohl hinsichtlich der Stoffwechselleistung als auch der mechanischen Belastung von Gelenken, Muskulatur und Bindegewebe durch das stark erhöhte Körpergewicht in den letzten Trächtigkeitswochen. In der veterinärmedizinischen Untersuchung wird der Gesundheitszustand der Hündin festgestellt, um hinsichtlich ihrer Belastbarkeit eine Vorhersage machen zu können. Das Mindestgewicht von Hunden, die zur Zucht verwendet werden, muss laut VDH-Zuchtordnung 2 Kilo betragen.

Voraussetzungen für eine Geburt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen der abnehmenden Belastbarkeit von Gelenken, Muskulatur und Bindegeweben gibt es Altersgrenzen, ab denen mit einer Hündin nicht mehr gezüchtet werden darf. Wegen der abnehmenden Elastizität des Geburtskanals muss die Hündin bei einer Erstgeburt jedoch deutlich jünger sein als in dieser oberen Altersgrenze festgelegt ist. Hier kann der Tierarzt eine Empfehlung geben, ob eine Erstschwangerschaft und Erstgeburt mit Risiken behaftet wären. Hündinnen, bei denen bei zwei Würfen mit Kaiserschnitt entbunden wurde, gelten nicht mehr als zuchttauglich.

Voraussetzungen für das Säugen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hündin muss eine ausreichende Zahl voll entwickelter Zitzen haben. Die zu erwartende Wurfstärke ist bei den Hunderassen unterschiedlich. Das Säugen stellt hohe Anforderungen an die Stoffwechselleistungen Hündin. Der Allgemeinzustand der Hündin muss dafür sprechen, dass sie dieser Belastung voraussichtlich gewachsen sein wird.

Größe der Elterntiere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bestehen der Zuchttauglichkeitsprüfung gilt für eine Hündin nur in Bezug auf eine Verpaarung mit einem in Rasse und Körpergröße passenden Rüden. Wird eine Hündin mit einem erheblich größeren Rüden belegt, können die Welpen vor der Geburt so groß sein, dass ein Kaiserschnitt notwendig wird, weil die Hündin sonst in den Geburtswehen sterben würde. Bei einer natürlichen Geburt sehr großer Welpen können die Geburtswege der Hündin so in Mitleidenschaft gezogen werden, dass Verletzungen und Entzündungen entstehen. Besonders bei Zwergrassen wird oft vorsichtshalber ein Deckrüde gewählt, der kleiner ist als die Hündin.

Mischlinge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Mischlingshunden liegt ein Problem darin, dass keine Zuchtbücher geführt werden, somit keine Stammbaumanalysen möglich sind und keine Vorhersagen zur Vererbung gemacht werden können. Das Erzeugen von Mischlingen aber besonders deren weitere Verpaarung ist daher umstritten. Falls Rassehunde verschiedener Rassen verpaart werden sollen, um sogenannte Hybridhunde zu erhalten, werde sie ebenfalls vorher auf Zuchttauglichkeit untersucht. Auch bei Mischlingen kann der Tierarzt diese aus Tierschutzgründen bedeutsame Vorsorgeuntersuchung durchführen.

Nicht erfassbare Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da die Hunde bei der Zuchttauglichkeitsprüfung erwachsen sein müssen, können unerwünschte Erbanlagen wie persistierende Milchzähne, die schon lange vorher vom Tierarzt gezogen wurden, bei einer Zuchttauglichkeitsprüfung nicht mehr festgestellt werden.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Dokumentationen wie beispielsweise Pedigree Dogs Exposed wurde bemängelt, dass durch das hohe Maß an Autonomie, das den Rassehunde-Züchtervereinen von der Fédération Cynologique Internationale, vom kynologischen Dachverband The Kennel Club und in Deutschland vom VDH zugestanden wird, die Vereine relativ weite Spielräume für die Gestaltung ihrer Zuchtordnungen haben. Beispielsweise werden Vorgaben kritisiert, die versteckte Toleranzen für das Weitervererben von genetischen bedingten Mängeln ermöglichen:

VDH-Zuchtordnung § 5 Absatz 3: "Die Zuchtzulassung eines Hundes ist insbesondere zu widerrufen, wenn bei den Nachkommen eine für diese Rasse besondere Häufung erblicher Defekte nachgewiesen wurde". [12] Diese Formulierung bedeutet indirekt, dass eine für die Rasse durchschnittliche Häufung toleriert werden könne. Dies steht einer nachhaltigen Bekämpfung von Erbkrankheiten entgegen, denn wenn bei einem einzigen Welpen im Phänotyp eine rezessive Erbkrankheit erkennbar wird, ist davon auszugehen, dass sich außerdem noch 50 % Konduktoren im Wurf befinden ebenso wie bei den Fehlfarben. Wenn ein Deckrüde wegen seiner Formwertnote seine Zuchtzulassung behält und weitere Hündinnen belegt, kommt es zur Ausbreitung seiner unerwünschten Erbanlage im Genpool der Rasse, ebenso wenn die phänotypisch gesunden Konduktoren unter seinen Nachkommen nicht von der Zucht ausgeschlossen werden.

Dennoch verhängen FCI und VDH bislang kein generelles, für alle angeschlossenen Vereine gültiges Zuchtverbot für Tiere, in deren Nachkommenschaft krankheitsauslösende Gendefekte erkennbar werden. Somit ist es den Vereinen und häufig sogar den Züchtern selbst überlassen, bei der veterinärmedizinischen Zuchttauglichkeitsprüfung freiwillig Untersuchungen vornehmen zu lassen und bei ungünstigem Befund finanzielle Interessen zugunsten der Zukunft der Rasse zurück zu stellen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zuchtschau DK [1]
  2. http://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/__11b.html
  3. http://www.vdh.de/fileadmin/media/ueber/downloads/satzung/Zucht-Ordnung.pdf
  4. http://www.uci-ihu.de/zucht/zuchtbestimmungen
  5. http://www.idr-ev.de/zuchtordnung.htm
  6. http://www.deutsch-kurzhaar.de/zpw.htm
  7. http://www.deutsch-kurzhaar.de/HD-1.htm
  8. http://ckvr.jimdo.com/unser-verein/zuchtordnung/
  9. http://vddh-ev.de/index.php/zuchtbestimmungen
  10. Inge Hansen: Vererbung beim Hund, Müller Rüschlikon Verlag 2008, ISBN 978-3275016525
  11. http://www.tiermedizinportal.de/tierkrankheiten/hundekrankheiten/canine-herpes-virus-infektion-welpensterben/324532
  12. http://www.vdh.de/fileadmin/media/ueber/downloads/satzung/Zucht-Ordnung.pdf