Zwölftafelgesetz

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Das Zwölftafelgesetz (lateinisch Lex duodecim tabularum), eigentlich Zwölftafelgesetze (XII Tafeln, Leges duodecim tabularum), ist eine um 450 v. Chr. in Rom entstandene Gesetzessammlung, die in zwölf bronzenen Tafeln auf dem Forum Romanum ausgestellt war.

Die Schaffung des Zwölftafelgesetzes markiert den Höhepunkt der frühen Auseinandersetzungen zwischen Patriziern und Plebejern in der Römischen Republik. In der nachfolgenden Zeit wurden sie vielfach ergänzt und ausgebessert.

Vorbilder und Einflüsse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Roms ältestes Recht war schriftlich nicht kodifiziert, vielmehr war es mündlich überliefert worden. Es galt als präexistent, von den Göttern vorgegeben. Jedoch waren nur wenige im Stande und befugt, den über Generationen hinweg zusammengetragenen Schatz an Gesetzen zu überschauen. Recht (ius) wurde im Einzelfall daher von den Pontifices erkannt, festgestellt und ausgelegt. Sie behandelten die Geschäfts- und Klageformeln als Geheimwissenschaft. Obwohl die Priesterschaft es war, die das Recht fortentwickelte, enthielt das Privatrecht bereits zu Zeiten der XII Tafeln nur wenige sakrale Züge.[1]

Gemäß der Überlieferung empörte sich die aufständische plebs zunehmend über die ihr widerfahrene Ungleichbehandlung durch die adeligen Patrizier. Die Geschichtsschreibung berichtet, dass die Plebejer im Jahr 462 v. Chr. einen Vorstoß gewagt hätten, für ihren Stand rechtssichere Verhältnisse zu fordern. Sie forderten zudem, dass die zu treffenden Regelungen formale Verbindlichkeit erführen, also als Gesetze aufgezeichnet würden. Nach Überwindung anfänglicher Widerstände sollen die Patrizier der „plebs“ im Jahr 454 v. Chr. entgegengekommen sein und darin eingewilligt haben, dass eine dreiköpfige Kommission[2] zum Studium der solonischen Gesetze nach Athen entsandt würde (Livius, 3,31,8). Zwei Jahre später kehrten die Entsandten als Gelehrte des rechtsphilosophisch orientierten altgriechischen Rechts nach Rom zurück. Auf Druck der Volkstribunen habe nach Auskunft des Geschichtsschreibers Titus Livius der Senat 452/1 v. Chr. zehn patrizische Männer, die sogenannten decemviri, beauftragt, die Errungenschaften in römisches Recht zu transformieren und schriftlich zu fixieren (Livius, 3,32,4). Dafür sollen die decemviri mit höchster magistratischen Gewalt ausgestattet worden sein, um noch im selben Amtsjahr den Zenturiatkomitien die Gesetzestafeln zur Beschlussfassung vorzulegen. Abgefasst auf „zehn Tafeln“, seien die Gesetze daraufhin auf der Rednerbühne des Forum Romanum ausgestellt worden. Bereits im Folgejahr soll die Kodifikation um zwei weitere Tafeln ergänzt worden sein (Livius, 3,34,6–7; 3,37,4). Die beiden 450 v. Chr. ergänzten Tafeln seien auf eine patrizisch-plebejische Gemeinschaftsarbeit zurückzuführen und als Resultat der römischen Ständekämpfe zu betrachten.[1] Dem Gesetzeswerk wird in seiner Gesamtheit deshalb eine soziale Schlichtungsfunktion zugesprochen. Bereits formaljuristisch schützte die schriftliche Fixierung des Rechts auf den Tafeln die „plebs“ vor den zuvor stattgehabten, patrizischen Willkürmaßnahmen, die als Grund für Verarmung und wirtschaftliche Not derselben wahrgenommen worden waren und in Schuldknechtschaft und Selbstverpfändungen geführt hatten.

Die decemviri orientierten sich bei der Gesetzesabfassung intensiv an griechischen Vorbildern. Neben den solonischen Einflüssen waren dies, ausweislich des berühmten Cicero, auch drakonische Gesetze (Cicero in Verrem 5,72,187). Ob die drei einst entsandten Gelehrten wirklich bis in das Herz Griechenlands vorgestoßen waren, namentlich in die Städte Athen und Sparta, ist in der Forschung unklar geblieben. Für wahrscheinlicher wird es gehalten, dass sie es lediglich bis in die griechischen Städte Süditaliens geschafft hatten. Allerdings half den Römern, laut herrschender Meinung, ein Grieche namens Hermodor bei der Übersetzung griechischer Texte. Doch die „fremden“ Gesetze wurden nur dort übernommen, wo man es für unbedingt notwendig hielt. Inhaltlich waren die XII Tafeln von altrömischen Rechtsgrundsätzen geprägt. Ihre Darbietung an sich, stellt im Lichte der babylonischen Gesetzgebung König Hammurapis, der bereits im 18. Jahrhundert v. Chr. Gesetze in Stein hauen ließ, keine Besonderheit dar. Neu war, dass die Römer die erste „Wissenschaft vom Recht“ begründet hatten. Die Römer selbst bezeichneten die durch die Tafeln entstandene vorklassische Jurisprudenz deshalb als Grundlage ihres gesamten Rechtslebens (fons omnis publici privatique iuris, Livius, auf Deutsch in etwa „Quelle des gesamten öffentlichen und privaten Rechts“). Zudem galten sie für alle römischen Bürger, unabhängig von ihrer sozialen Zugehörigkeit.

Obwohl die Tafeln selbst in physischer Hinsicht nicht allzu lang überdauerten – sie wurden während der Eroberung Roms von den Galliern 387 v. Chr. zerstört – wurden viele Teile ihres Gedankenguts bis heute bewahrt und finden sich beispielsweise im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), im Grundgesetz (GG) und in der Europäischen Verfassung wieder.

Inhalt und Überlieferung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über den Inhalt des Gesetzgebungswerkes gibt eine Vielzahl von Zitaten und Hinweisen in späteren juristischen und rechtshistorischen Quellen Aufschluss. Die XII Tafeln waren inhaltlich auf die strukturellen Bedürfnisse des damaligen Agrarstaates zugeschnitten, wie er schon die Königszeit geprägt hatte. Verfassungsrechtliche Ausführungen sind in den Tafeln nicht enthalten. Geregelt wurden vornehmlich Privatrechtsmaterien, die das Schuld- und Sachenrecht, das Familien- und Erbrecht und das Delikts- und Sakralrecht (ius civile) betrafen. Da straf- und prozessrechtliche Themen nach Auffassung der Verfasser im unmittelbaren Annex zum materiellen Zivilrecht standen, finden sich in den XII Tafeln auch dazu Regelungsinhalte. Das Zivilprozessrecht nahm gar den breitesten Raum in der Rechtsordnung ein.

Das Werk der XII Tafeln ist weder systematisch aufgebaut, noch findet sich eine lückenlose Aufzeichnung des geltenden Rechts. So wurden einzelne Rechtsbereiche bis ins Detail geregelt, andere bestenfalls peripher berührt, wieder andere ganz übergangen. Es wurde nicht allein überliefertes Gewohnheitsrecht fixiert, vielmehr wurde von ihm abweichendes, neues Recht erzeugt. Die XII Tafeln definieren Rechtsbegriffe nicht, sie setzen Definitionen vielmehr voraus. Häufig finden sich statt verallgemeinerter Tatbestandsbeschreibungen kasuistische Fallbeispiele. Beispielsweise fand sich auf Tafel VI eine penible Ausführung darüber, dass ein gestohlener Balken, der bereits wieder verbaut war, nicht eigenmächtig entfernt werden durfte. Detaillierte und wortreiche Regelungen finden sich außerdem zu den Schuldnerschutzverfahren. An anderer Stelle sah das Gesetz für fehlgebildet geborene Kinder vor, dass das Kind kraft der patria potestas des pater familias („uneingeschränkte Verfügungsgewalt des Familienoberhauptes“) ausgesetzt werden durfte. Aber auch zweifelhafte Vaterschaft, soziale Not und Geburt an einem Unglückstag galten als hinreichender Grund für eine Kindesaussetzung.[3]

Da die Tafeln zerstört wurden, lassen sie sich nur ungefähr anhand von Zitaten, die z. B. Cicero liefert, rekonstruieren. Allerdings lassen sich bei Cicero auch persönliche Motive dafür nachweisen, die Zwölftafelgesetze in seinem Sinne ausgelegt zu haben, die zur Aufhellung der tatsächlichen Gesetzeswortlaute nicht beitragen.[4] In der Literatur wurde geäußert, dass zumindest eine bei Cicero erwähnte Stelle, die angeblich im Zwölftafelgesetz stand, von ihm selbst erfunden worden sein könnte.[5] Der erste, der sich der Aufgabe der Wiedergewinnung widmete und damit das Fach der Rechtsgeschichte begründete, war Aymar du Rivail im Jahr 1515. Eine Rekonstruktion lieferte Schöll im Jahr 1866, wovon Michael Crawford 1996 und Dieter Flach 2004 Neuauflagen publizierten. Wie sich die Regelungen im Einzelnen auf den Tafeln verteilten, lässt sich nur vage vermuten. Fest steht aber, dass jede der 12 Tafeln ein in sich abgeschlossenes Ganzes behandelte.

Form und Stil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • altlateinische Formen: em für eum, escit für erit, faxsit für fecerit
  • typischer Satzbau: Protasis — Apodosis. Auf einen Wenn-Satz, der den Tatbestand festlegt (Protasis), folgt ein Hauptsatz (Apodosis), welcher die diesem Tatbestand entsprechende Bestimmung enthält.
  • die Subjekte (z. B. Kläger/Angeklagter) sind häufig zu ergänzen.
  • häufige Verwendung des Imperativ II (z. B. ito)
  • lapidar eindringliche Kürze der Rechtstexte
  • häufig konkrete Fälle anstelle von Verallgemeinerungen und Definition

Nachwirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darstellung der Zwölftafelgesetze am Reichsgerichtsgebäude in Leipzig (als Gegenstück ist dort auch eine gleich aufgebaute Darstellung der Zehn Gebote angebracht)

Cicero gab an, dass man zu seiner Jugendzeit in den Schulen die Gesetzestexte der Tafeln auswendig gelernt habe. Ob das tatsächlich die wörtliche Wiedergabe der Texte betraf, wird bezweifelt. Cicero war bekannt dafür, dass er häufig Behauptungen aufstellte, um mit ihnen höchst eigene Interessen politisch zu instrumentalisieren.[4] Die Zwölftafelgesetzgebung genoss über die gesamte Zeit der römischen Reichsgeschichte ein überragendes Ansehen. Das Zwölftafelgesetz blieb bis zum Ende des römischen Reiches in Kraft und beeinflusste beispielsweise die Rechtswerke der Spätantike, so die justinianische Gesetzgebung, die Digesten und das Corpus iuris civilis. Die Tafeln selbst wurden vermutlich bei der „Gallierkatastrophe“ nach der Schlacht an der Allia 387 v. Chr. zerstört. Als antike Quellen können vornehmlich Cicero, die Schriftsteller und Gelehrten Festus, Gellius, Plinius der Ältere sowie die spätklassischen Juristen Gaius und Ulpian herangezogen werden.

Die zwölf Tafeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tafel I (Zivilprozessrecht)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die uns bekannten Fragmente der Tafel I enthalten Vorschriften zur Verfahrenseinleitung der Legisaktionen, vornehmlich Ladungs- und Verhandlungsvorschriften für bürgerliche Rechtsstreitigkeiten. Es ist häufiger in der Antike anzutreffen, dass Gesetzeswerke mit prozessrechtlichen Vorschriften eröffnet wurden. Es wird davon ausgegangen, dass die archaischen Streitstrukturen darauf abstellten, dass Maßnahmen zur Verhinderung beziehungsweise Beilegung von Streitigkeiten, von höchster Priorität zu sein hatten und deshalb voranstanden. Obwohl das spezifische prätorische Amt noch nicht geschaffen war, oblag es dem in den Tafeln bereits „Prätor“ genannten Beamten als Hauptaufgabe, anstehende Rechtsstreitigkeiten zu schlichten, auf gütliche Einigung hinzuwirken und beizulegen.[6]

Auszüge:

Si in ius vocat, [ito]. Ni it, antestamino. Igitur em capito.

Wenn jemand [der Kläger] einen andern [den Beklagten] zu Gericht ruft, soll er kommen. Wenn er nicht kommt, soll man einen Zeugen hinzuziehen. Alsdann soll man ihn abholen.

Si calvitur pedemve struit, manum endo iacito. Si morbus aevitasve vitium escit, iumentum dato. Si nolet, arceram ne sternito.

Wenn er [der Beklagte] sich drückt oder die Flucht vorbereitet, soll er [der Kläger] ihn festnehmen. Steht Krankheit oder Alter [dem Erscheinen vor Gericht] im Wege, soll [der Kläger] ein Lasttier stellen. Wenn er [der Beklagte] das nicht will, braucht er [der Kläger] keinen Wagen mit Verdeck stellen.

Adsiduo vindex adsiduus esto. Proletario [iam civi] quis volet vindex esto.

Für einen Bürger mit Grundbesitz soll ein Bürger mit Grundbesitz bürgen. Für einen Bürger ohne Grundbesitz aber soll bürgen, wer will.

Rem ubi pacunt, orato. Ni pacunt, in comitio aut in foro ante meridiem causam coiciunto. Com peroranto ambo praesentes. Post meridiem praesenti litem addicito. Si ambo praesentes, solis occasus suprema tempestas esto.

Wo sie sich vergleichen, da soll man [der Prätor den Vergleich für rechtskräftig] das verkünden. Wenn sie sich nicht einig werden, sollen sie ihre Sache vormittags in der Volksversammlung oder auf dem Forum [an einem Gerichtstag] einbringen. Sie sollen beide plädieren und beide anwesend sein. Nachmittags soll er [der Prätor] den Streitgegenstand einer anwesenden Partei zusprechen. Wenn beide anwesend sind, soll der Sonnenuntergang das Fristende 〈für die Urteilsverkündung〉 sein.

Tafel II (Zivilprozessrecht)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom Inhalt der Tafel II ist sehr viel verlorengegangen. Die darin enthaltenen Bestimmungen beschäftigten sich hauptsächlich mit dem Prozessverfahren im Zivilrechtsstreit. Der Gaiusfund aus dem Jahr 1933 brachte die wichtigste Bestimmung, I b zutage, die die altrömische Stipulation geregelt hatte.[6]

Auszüge:

[…] morbus sonticus […] aut status dies cum hoste […] quid horum fuit [vitium] iudici arbitrove reove, eo dies diffisus esto.

[…] eine schwere Krankheit […] oder ein Termin mit einem Ausländer […] [einen Prozessbeteiligten von der Teilnahme am Prozess abhält]: was davon einem Richter oder Schiedsrichter oder einer Partei zustößt, dadurch soll der Prozess vertagt sein.

Cui testimonium defuerit, is tertiis diebus ob portum abvagulatum ito.

Wenn ein geladener Zeuge ausgeblieben ist, so soll [die dadurch beschwerte Prozesspartei] alle drei Tage vor dem Haus [des Zeugen] erscheinen und ihn vor aller Öffentlichkeit zum Erscheinen auffordern.

Tafel III (Schuldrecht)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Tafel III ist das archaische Vollstreckungsrecht geregelt. Dieses stand noch vornehmlich im Zeichen von Selbstjustiz und Privatrache. Vollstreckungsvoraussetzung war das gerichtliche Anerkenntnis der Geldschuld (aes confessum) beziehungsweise eine rechtskräftige Verurteilung im Prozess (res iudicata). Der Gläubiger konnte sich dabei im Zwangsvollstreckungsverfahren der legis actio per manus iniectionem (körperliche Haftung des Schuldners) bedienen.[6]

Auszüge:

Aeris confessi rebusque iure iudicatis triginta dies iusti sunto.

Für eine eingestandene Schuld, oder wenn ein Gerichtsurteil gesprochen ist, sollen dreißig Tage 〈als Erfüllungsfrist〉 recht sein.

Post deinde manus iniectio esto. In ius ducito. Ni iudicatum facit aut quis endo eo iniure vindicit, secum ducito, vincito aut nervo aut compedibus XV pondo, ne minore aut si volet maiore vincito. Si volet suo vivito, ni suo vivit, qui eum vinctum habebit, libras farris endo dies dato. Si volet, plus dato.

Danach dann soll eine Festnahme geschehen. Man soll 〈den Schuldner〉 vor Gericht führen. Wenn er das, zu dem er verurteilt ist, nicht tut und niemand dafür vor Gericht als Bürge eintritt, dann soll man ihn mitnehmen und ihn mit Banden fesseln oder mit einem Fußgewicht von 15 〈Pfund〉 Gewicht, nicht mehr, aber wenn er will, weniger, fesseln. Wenn 〈der Schuldner〉 will, soll er [in Privathaft] auf seine Kosten leben; wenn er nicht auf seine Kosten lebt, soll 〈ihm〉, wer ihn gefangen hält, ein Pfund Spelzweizen täglich geben. Wenn er will, soll er ihm mehr geben.

Tertiis nundinis partis secanto. Si plus minusve secuerunt, se fraude esto.

Am dritten Markttag (nundinae) sollen sie [mehrere Gläubiger] das Schuldnervermögen untereinander aufteilen (partes secanto). Wenn einer [dabei] etwas mehr oder weniger erlangt, als ihm zusteht, soll das nicht als unzulässige Bereicherung angesehen werden (se fraude esto).

Adversus hostem aeterna auctoritas esto.

Gegen einen Ausländer soll ewige Gültigkeit [des Eigentums] sein.

Tafel IV (Familienrecht)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Tafel IV und V war das Familienrecht geregelt. Insbesondere war in Tafel IV das Recht der patria potestas enthalten, das Recht der väterlichen Gewalt. Auch von dieser Tafel ist viel verloren gegangen.[6]

Auszüge:

Cito necatus insignis ad deformitatem puer esto.

Rasch soll ein offensichtlich missgestaltetes Kind getötet werden [können].

Si pater filium ter venum dabit, filius a patre liber esto.

Wenn ein Vater einen Sohn dreimal verkauft, soll der Sohn vom Vater frei sein.

Tafel V (Erbrecht)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben Teilen des Familienrechts regelte Tafel V das Erbrecht. Geregelt wurden das Recht der Vormundschaft, Ersitzungsverbote, Grundsätze letztwilliger Verfügungen, gesetzliche Erfolgeordnungen, Vermögensverwaltung im Falle von Geisteskrankheit, das Freigelassenenerbrecht und Forderungen gegen den Nachlass.[6]

Auszüge:

Uti legassit super pecunia tutelave suae rei, ita ius esto.

Wie [jemand] über sein Vermögen[7] und die Obhut seiner Sachen bestimmt hat, so soll es rechtens sein.

Si intestato moritur, cui suus heres nec escit, adgnatus proximus familiam habeto. Si adgnatus nec escit, gentiles familiam [habento].

Wenn jemand stirbt, ohne vorher seinen Letzten Willen bekanntgegeben zu haben, der auch keinen Erben hat, so soll der nächste Verwandte von väterlicher Seite [Agnat] das Vermögen haben. Wenn es keinen Verwandten väterlicherseits gibt, sollen die Sippengenossen das Vermögen haben.

Si furiosus escit, adgnatum gentiliumque in eo pecuniaque eius potestas esto.

Wenn [jemand] rasend [geisteskrank] ist, soll die Gewalt über ihn und sein Vermögen[7] bei den Verwandten väterlicherseits und den Sippengenossen sein.

Tafel VI (Sachenrecht)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tafel VI hatte vornehmlich Bestimmungen über das Vertragsrecht und Eigentum (Sachenrecht) zum Gegenstand, so zum nexum, zur mancipatio, Vertragswirksamkeit und nachbarrechtlichen Bestimmungen.[6]

Auszüge:

Cum nexum faciet mancipiumque, uti lingua nuncupassit, ita ius esto.

Immer wenn [jemand] ein Nexum oder eine Manzipation vollführt, soll es so, wie er es feierlich und öffentlich mündlich gelobt hat, rechtens sein.

Tignum iunctum aedibus vineave sei concapis ne solvito.

Gemeinsames Baumaterial, etwa an einem Haus oder Weingarten, soll man, wenn es eine fortlaufende Verbindung darstellt, nicht herauslösen.

Tafel VII (Immobiliarrecht)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegenstand von Tafel VII war vornehmlich die Regelungsmaterie nachbarschaftlicher Verhältnisse im altrömischen Agrarstaat. Dazu gehörten Grenz- und Gebäudeabstände, Ersitzungsausschlüsse am Grenzrain, Streitigkeiten im Zusammenhang von Grenzziehungen, Wegerechte, Rechte bezüglich der Erschließungsinfrastrukturen und Fruchtziehungsrechte.[6]

Auszüge:

Viam muniunto: ni sam delapidassint, qua volet iumento agito.

[Grundstückseigentümer, an deren Grund ein Wegerecht anderer besteht], sollen [dafür] einen befestigten Weg anlegen. Wenn sie ihn nicht mit Steinen befestigt haben, soll [der Wegberechtigte] sein Zugvieh [dort über das Grundstück] führen, wo er will.

Tafel VIII (Schadenersatzrecht)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Tafel VIII waren Regelungen des Deliktsrechts und strafrechtliche Bestimmungen enthalten. Im Gegensatz zu anderen Tafeln, ist der fragmentarisch erhaltene Fundus hier hoch. Unter Strafe wurden Schmähungen gestellt, die man sich als dem Zauber verschriebene Verwünschungsformeln wird vorstellen müssen, talionsrechtliche Regelungen für Körperverletzungsdelikte, Sanktionen bei Tier- und Sachbeschädigungen, Vorschriften gegen den Missbrauch von Weide- und Ernteertragsrechten und Gegenrechte gegen Diebstahlsdelikte. Aber auch Garantien waren auf der Tafel verbrieft, so die Privatautonomie im Vereinsrecht.[6]

Auszüge:

Qui malum carmen incantassit […]

Wer einen üblen Zauberspruch hergesagt hat … sinngemäß nach Christian Gizewski: Wenn jemand in übler Nachrede einen anderen irgendwelcher Verbrechen oder Ehrlosigkeiten bezichtigt, ... [so erhält er dafür eine Kapitalstrafe].

Si membrum rupsit, ni cum eo pacit, talio esto.

Wenn [jemand einem anderen] ein Glied verletzt hat und sich nicht mit ihm einigt, soll Gleiches mit Gleichem vergolten werden. (siehe: Talionsrecht)

Manu fustive si os fregit libero, CCC, si servo, CL poenam subito.

Wenn [jemand] mit der Hand oder einem Stock einem Freien einen Knochen gebrochen hat, soll er 300, wenn einem Sklaven, 150 〈Asse〉 Strafe zahlen.

Si iniuriam faxsit, viginti quinque poenae sunto.

Wenn [jemand] Unrecht getan hat, sollen 25 [Asse] zur Strafe gereichen.

Qui fruges excantassit […] [carmi] neve alienam segetem pellexerit […]

Wer Feldfrüchte weggezaubert … oder mit einem Zauberspruch fremde Saaten zu sich gezogen hat … Sinngemäß: Wer Früchte auf fremdem Feld beschworen ... oder durch [Zauberei]... fremde Saat zu sich herübergezogen hat, ...[ wird mit schwerster Strafe bestraft]

Si nox furtum faxsit, si occisit, iure caesus esto.

Wenn jemand nachts einen Diebstahl begangen hat und erschlagen worden ist, so soll er zu Recht erschlagen sein.

Luci […] si se telo defendit, […] endoque plorato.

[Wenn jemand ] am hellen Tage ... [in seinem Haus von einem Dieb heimgesucht wird, so kann er], wenn er sich bewaffnet verteidigt, ...[den Eindringling töten] und soll die Leute in der Nachbarschaft [zu Hilfe oder als Zeugen] zu sich hereinrufen.

Si adorat furto, quod nec manifestum erit […], 〈duplione damnum decidito〉.

Wenn [jemand einen anderen] wegen eines Diebstahls anklagt, der nicht auf frischer Tat ertappt wurde, [so soll der Dieb es mit dem doppelten Wert des Diebesguts als Schadensersatz abmachen].

Patronus si clienti fraudem fecerit, sacer esto.

Wenn ein Patron seinen Klienten betrogen hat, soll er verflucht sein.

Qui se sierit testarier libripensve fuerit, ni testimonium fatiatur, inprobus intestabilisque esto.

Wer sich herbeigelassen hat, als Zeuge aufzutreten, [oder bei einem Kauf- oder Schenkungsakt] Waagehalter gewesen ist, der soll, wenn er nicht [auf Verlangen] Zeugnis ablegt, ehrlos und zeugnisunfähig sein.

Si telum manu fugit magis quam iecit, arietem subicito.

Wenn die Waffe mehr der Hand entflohen ist, als dass 〈jemand〉 sie geworfen hat, so soll 〈der Werfer〉 einen Widder als Strafe zahlen.

Tafel IX (Verfassungsgrundsätze)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fragmente der Tafel IX enthalten öffentlich-rechtliche, vornehmlich strafrechtliche Bestimmungen. Die Tafel ist größtenteils untergegangen und im Wortlaut ist nichts enthalten. Abgehandelt wurden Kapitalstrafen für bestochene Richter, Fälle des Landesverrats, Verstöße gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz oder der Zwang gerichtlicher Verfahren bei Verhängung von Todesstrafen.[6]

[Nichts im Wortlaut erhalten.]

Tafel X (Bestattung)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich die letzte Tafel der ersten decemvirn, enthielt diese Regeln zur Leichenbestattung und damit zusammenhängenden Vorschriften. Nahezu sämtliche Überlieferungen dieser Tafel gehen auf Cicero zurück (De legibus).[6]

Auszüge:

Hominem mortuum in urbe ne sepelito neve urito.

Den Leichnam eines Menschen soll man in der Stadt weder begraben noch verbrennen.

[…] hoc plus ne facito: rogum ascea ne polito.

[…] mehr als das soll er nicht tun; das Holz des Scheiterhaufens soll er nicht mit der Axt glätten.

Mulieres genas ne radunto neve lessum funeris ergo habento.

Frauen sollen ihre Wangen nicht zerkratzen und bei der Leichenfeier kein Totengeheul erheben.

Homine mortuo ne ossa legito, quo post funus faciat.

Von einem Toten soll man nicht die Knochen auflesen, um damit später eine Leichenfeier zu veranstalten.

Qui coronam parit ipse pecuniave eius honoris virtutisve ergo adduitor ei […]

Wer selbst oder durch 〈Einsatz〉 sein〈es〉 Vermögen〈s〉 einen Ehrenkranz erworben hat, dem soll er wegen seines Ansehens und seiner Tugend beigegeben werden …

[…] neve aurum addito. At cui auro dentes iuncti escunt, ast in cum illo sepeliet uretve, se fraude esto.

[…] und man soll 〈dem Leichnam〉 kein Gold beigeben. Aber wer Zahnbrücken aus Gold hat, den damit zu begraben oder zu verbrennen soll dagegen kein Vergehen sein.

Tafel XI (Eherecht)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Tafel XI enthielt Nachträge verschiedenen Inhalts und zur Ergänzung des gesetzlichen Gesamtzusammenhangs. Hierin sollen Vorschriften des Fetialrechts eingearbeitet gewesen sein, faliskisches (etruskisches) Stadtrecht. Patrizier und Plebejer dürfen untereinander nicht heiraten, wenn doch, ist die Ehe ungültig (gesetzliche Ausnahme zum sonst durchgehend gewürdigten Gleichbehandlungsgebot). (Ein lateinischer Text fehlt).[8] Die Zulassung des conubium zwischen den beiden Ständen brachte erst die lex Canuleia im Jahr 445 v. Chr. Es entstand auch vermehrte Publizität des Gerichtsalltags, Festlegung von Gerichtsterminen, Planung per Gerichtskalender (fasti).[6]

Tafel XII (Verbrechen)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch auf Tafel XII waren Nachträge zu den Tafeln I–X enthalten. Enthalten war das besondere Vollstreckungsverfahren der Legis actio per pignoris capionem (Pfändung). Weiterhin war auf der Tafel die auf das frühe römische Recht zurückgehende Haftung des Gewalthabers für den Gewaltunterworfenen geregelt, die mittels Noxalklagen durchgesetzt werden konnten.[6]

Auszüge:

Si servo furtum faxit noxiamve no〈x〉it […]

Wenn 〈jemand〉 einen Sklaven bestiehlt oder verletzt …

Si vindiciam falsam tulit, si velit is […] 〈prae〉tor arbitros tris dato, eorum arbitrio […] fructus duplione damnum decidito.

Wenn 〈jemand〉 einen falschen Besitzanspruch gestellt hat, wenn der es will … soll der Prätor drei Schiedsrichter benennen, und nach deren Schiedsspruch … soll er die Sache mit dem Doppelten seines Gewinnes als Strafe abmachen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgaben:

  • Rudolf Düll: Das Zwölftafelgesetz. Texte, Übersetzungen und Erläuterungen. Heimeran, München 1944. 7. Auflage. Artemis und Winkler, Zürich 1995, ISBN 3-7608-1640-1 (Sammlung Tusculum).
  • Michael Henson Crawford: Roman Statutes. Band 2. Bulletin of the Institute of Classical Studies Supplement 64, London: Institute of Classical Studies, University of London, 1996. ISBN 978-0-900587-69-6.
  • Dieter Flach: Das Zwölftafelgesetz. Leges XII tabularum. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-15983-7 (Texte zur Forschung. Band 83).

Sekundärliteratur:

  • Rudolf Düll: Das Zwölftafelgesetz, Texte, Übersetzungen und Erläuterungen, München Heimeran Verlag, Tusculum-Bücherei, 1971, S. 71 ff.
  • Andreas Flach: Fortgeltung des Zwölftafelrechts. Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2004.
  • Marie Theres Fögen: Römische Rechtsgeschichten. Über Ursprung und Evolution eines sozialen Systems. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 172).
  • Herbert Hausmaninger, Walter Selb: Römisches Privatrecht, Böhlau, Wien 1981 (9. Aufl. 2001) (Böhlau-Studien-Bücher) ISBN 3-205-07171-9, S. 16–27.
  • Michel Humbert (Hrsg.): Le dodici tavole: dai decemviri agli umanisti. IUSS Press, Pavia 2005.
  • Max Kaser: Römisches Privatrecht. 2. Auflage. C.H.Beck Verlag, München 1971.
  • Detlef Liebs: Römisches Recht. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993.
  • Ulrich Manthe: Geschichte des römischen Rechts (= Beck'sche Reihe. 2132). Beck, München 2000, ISBN 3-406-44732-5, S. 40 f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Herbert Hausmaninger, Walter Selb: Römisches Privatrecht, Böhlau, Wien 1981 (9. Aufl. 2001) (Böhlau-Studien-Bücher) ISBN 3-205-07171-9, S. 16–27.
  2. Ulrich Manthe: Geschichte des römischen Rechts (= Beck'sche Reihe. 2132). Beck, München 2000, ISBN 3-406-44732-5, S. 40 f.
  3. Lateinisches Link Lexikon 2. Februar 2013
  4. a b Marie Theres Fögen: Das Lied vom Gesetz (erweiterte Fassung eines Vortrags am 14. März 2006). Carl Friedrich von Siemens Stiftung, München 2007. In der Reihe: THEMEN - Veröffentlichungen der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, Band 87. ISBN 978-3-938593-07-5, korrigierte ISBN 978-3-938593-07-3. S. 58–68.
  5. Zu Tafel IX, 1 mit dem Satz „Privilegia ne inroganto“ siehe Fögen: Gesetz, S. 60–61 mit Fußnote 124 mit Hinweis auf eine Publikation von Antonio Guarino in Labeo 34 (1988) S. 323–330.
  6. a b c d e f g h i j k l Rudolf Düll: Das Zwölftafelgesetz, Texte, Übersetzungen und Erläuterungen, München Heimeran Verlag, Tusculum-Bücherei, 1971, S. 71 ff.
  7. a b Gemeint ist das zeitliche Vermögen; siehe Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Bd. 2. 8. Auflage. Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1918, Sp. 1530f.
  8. Fragmentarische Übertragung der Texte (Christian Gizewski)
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