Zweitausendeins

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Zweitausendeins ist eine 1969 in Frankfurt am Main gegründete, seit Juli 2011 in Leipzig[1] ansässige deutsche Verlags- sowie Musik- und Buchhandelsfirma mit Direktvertrieb über den Versandhandel und in Kooperation mit lokalen Buchhandlungen. Von 1974 bis 2016 führte das Unternehmen auch eigene Ladengeschäfte in Deutschland. Das wichtigste Marketing-Mittel ist der alle vier Wochen unter dem Titel Merkheft versandte kleinformatige Katalog, der Neuzugänge und einen Gutteil der lieferbaren Backlist aufführt, aber nicht das gesamte lieferbare Programm abdeckt. Zum weiteren Angebot zählen auch Medien anderer Verlage sowie Bücher und CDs aus dem Ausland.

Geschichte des Unternehmens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sortiment der Frankfurter Filiale (2012)

Gründungsjahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 1969 von Lutz Reinecke, verheirateter Kroth,[2] und Walter Treumann, der für die Finanzen zuständig war, in Frankfurt am Main gegründete Firma vertrieb zunächst Kuriosa und verramschte preisreduzierte Restauflagen von Büchern und Schallplatten, begann dann aber erfolgreich, Nachdrucke von vergriffenen Büchern und Zeitschriften herauszugeben. Siegfried Unseld war in den 1960er Jahren auf den jungen Buchhändler Reinecke aufmerksam geworden und hatte ihn mit dem Suhrkamp-Vertrieb betraut. Reinecke eröffnete 1969 mit Partnern seinen eigenen Verlag und benannte ihn nach dem Kultfilm 2001: Odyssee im Weltraum.[3] Unter der Leitung des weiteren Gesellschafters Wolfgang Müller (Ressort Musik) dehnte das Unternehmen sein Angebot auf Schallplatten aus.

Programm und Werbung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch ihre gezielte und außergewöhnliche Programmauswahl und den unkonventionellen Stil der Kundenansprache wurde die Firma zu einem bedeutenden Verlag der 68er-Generation. „Der Verlag von Lutz Reinecke und Walter Treumann wurde zum Kraftwerk der Alternativkultur, das die Jugend der Republik bis tief in das flache Land unter subkulturellen Strom setzte.“[4] Das vom „Guestwriter“ Bertel Schmitt jahrzehntelang anonym im Namen des Firmengründers Reinecke bzw. Kroth verfasste Hausorgan „Merkheft“ wurde Kultobjekt und Vorbild für viele Nachahmer.[5] Markenzeichen war das Editorial, das immer mit „Guten Tag“ begann, sowie die extrem kurze Schlusskolumne der Mitarbeiterin Annemarie Susemihl († 1997), die später auch als Sprecherin an einer Peter und der Wolf-CD mitwirkte. Das „Merkheft“ war lange Zeit auf unüblich dünnem Papier gedruckt, schwarzweiß und in den konservativen Schriftarten Times New Roman und Univers 67 gehalten. Zum wirtschaftlichen Erfolg trug auch die aggressive Preispolitik mit oft außerordentlich stark verbilligten Sonderangeboten bei.

Später erweiterte sich das Buchangebot um sehr preisgünstige, von anderen Verlagen lizenzierte Neuausgaben und selbst verlegte Neuerscheinungen, darunter Ausgaben vergessener Klassiker wie z. B. Boris Vian und Titel mit politischer und gesellschaftskritischer Thematik. Nach der Heirat von Lutz Reinecke mit Eva Kroth, deren Namen er annahm, erweiterte sich das Spektrum um ökologische und spirituelle Fragestellungen. Die kleinformatigen Buchklötze mit kompletten Zeitschriften-Nachdrucken (Kursbuch, Akzente) wurden von Franz Greno hergestellt. Dieser trennte sich später von Zweitausendeins, um einen eigenen Verlag zu gründen; Zweitausendeins gab aber weiterhin einen Teil der von ihm gestalteten Bücher heraus.

Vertrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zweitausendeins-Buchladen im Parkhaus Hauptwache in Frankfurt am Main (2009)

Der Verlag vertrieb lange Zeit nicht über den Buchhandel, sondern nur direkt im Versand und später in eigenen Läden. Das erste Ladengeschäft öffnete 1974 in Frankfurt am Main seine Türen. Filialen in Berlin, Freiburg, Hamburg und Mannheim folgten; zu den Blütezeiten des Unternehmens Mitte der 1990er waren es deutschlandweit 14 Geschäfte mit insgesamt über 200 Mitarbeitern. Erst seit 2006 gibt es „Partnershops“ in ausgewählten Buchhandlungen, meist in Universitätsstädten. Der Umsatz lag 2005 bei etwa 40 Millionen Euro, die Zahl der Mitarbeiter bei etwa 150. Die Zahl der Versandkunden beziffert das Unternehmen auf etwa eine Million. Da es in der Schweiz und in Österreich keine Zweitausendeins-Läden gibt, kann das Verlagsprogramm hier auch über den traditionellen Buchhandel bestellt werden.

Literatur, Musik und Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den eigenen Buchreihen gehörte z. B. „Haidnische Alterthümer“, in der Hans-Michael Bock vergessene Romane des 18. und 19. Jahrhunderts unter dem Motto „Die Lieblingsbücher von Arno Schmidt“ publizierte. Daneben verlegte Zweitausendeins auch Bücher z. B. des Comic-Zeichners Robert Crumb, Gerichtsreportagen von Peggy Parnass, Texte von Bob Dylan, Übersetzungen von Harry Rowohlt, die Autobiografie von Woody Guthrie, die gesammelten Werke von Eckhard Henscheid und andere Werke der „Neuen Frankfurter Schule“ (F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, F. K. Waechter). Zweitausendeins vertrieb auch politisch wichtige Dokumentationen wie die „Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934–1940“ und verlegte Kunstbände und Bücher zu Film und Fotografie.

Zweitausendeins vertrieb von 1975 bis 1980 exklusiv die Bücher des März Verlages, heute sind die Bücher der Verlage Rogner & Bernhard und Haffmans ausschließlich bei Zweitausendeins erhältlich.

Neben dem Verlag und dem Buchvertrieb ist das umfangreiche CD-Angebot weiterhin das zweite Standbein der Firma. In neuerer Zeit sind weitere Medienformate wie Hörbücher (auch im MP3-Format), CD-ROM mit digitalen Nachschlagewerken und Software sowie DVD hinzugekommen.

Übernahme durch Gebrüder Kölmel und wirtschaftliche Krise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Beteiligungsgesellschaft MK Medien Beteiligungs GmbH der Kinowelt-Gründer und Brüder Michael Kölmel und Reiner Kölmel aus Leipzig übernahm Zweitausendeins 2006 zu einem nicht genannten Kaufpreis. Zu diesem Zeitpunkt war das Unternehmen bereits in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und hatte die eigene Logistikabteilung auflösen müssen.[6] Firmengründer Lutz Kroth verabschiedete sich im „Merkheft“ vom Januar 2007 von den Lesern und erklärte, sich nach 37 Jahren in den Ruhestand zurückzuziehen. An Lutz Kroths Stelle trat Till Tolkemitt als Geschäftsführer. In der Folge wurde versucht, durch Ausbau der Internetpräsenz und ein Shop-in-Shop-System in Kooperation mit örtlichen Buchhändlern den Umsatz zu steigern. Ende 2009 umfasste das Vertriebsnetz neben 14 eigenen Läden 35 solcher „Partnershops“.[7][8] Das Sortiment wurde um Film-DVDs, vor allem der Kinowelt-Marke „Arthaus“, erweitert.

Dennoch gingen die Umsätze, auch aufgrund der Krise im CD-Markt, weiter zurück,[9] Zweitausendeins machte siebenstellige Verluste pro Jahr und wurde nur durch zusätzliche Mittel des Eigentümers Michael Kölmel am Leben erhalten.[10] Weitere namhafte Mitarbeiter schieden aus: Nach exakt vierzigjähriger Zugehörigkeit beendete Guestwriter Bertel Schmitt 2009 nach Verfassen des Jubiläums-Merkhefts die Mitarbeit. Geschäftsführer Till Tolkemitt verließ am 1. Oktober 2009 das Unternehmen, um in Berlin den Verlag Haffmans & Tolkemitt zu gründen.[11] Wolfgang Müller, letztes verbliebenes Mitglied des Zweitausendeins-Gründertrios Reinecke-Treumann-Müller und zuständig für die Musiksparte, beendete zum 31. März 2010 seine Tätigkeit bei Zweitausendeins. Auf Tolkemitt folgten Ende 2009 als Geschäftsführer Ralph Koch und Bianca Krippendorf, bisher Justiziarin der MK Medien und Assistentin von Michael Kölmel. Um Kosten zu senken, wurden Anfang 2010 der Verlags- und Marketingstandort Hamburg aufgegeben und die Verwaltung in Frankfurt konzentriert.[8] Anfang Juni 2010 einigten sich Geschäftsführung und Betriebsrat zur Abwendung der drohenden Insolvenz auf ein Sanierungskonzept, das unter anderem die Entlassung von 51 der 116 Beschäftigten und die Aufgabe der eigenen Kundenbetreuung vorsah.[12] Im Jahr 2011 verlegte Zweitausendeins seinen Firmensitz von Frankfurt am Main nach Leipzig. Seit Februar 2017 liegt die Produktion und der Vertrieb des Zweitausendeins-Merkheftes bei der Ganske-Verlagsgruppe. Das Merkheft erscheint in der Frölich & Kaufmann GmbH, deren Geschäftsführer Andreas Kaufmann ist. Die Gesellschaft gehört zur Verlagsgruppe.[13] Hierzu wurde das Geschäftsvermögen des Merkhefts aus der Zweitausendeins Versand-Dienst GmbH in die in Berlin neu gegründete Merkheft GmbH überführt. Geschäftsführer der Merkheft GmbH ist ebenfalls Andreas Kaufmann.

Im Laufe des Jahres 2017 wurde die Zweitausendeins Versand Dienst GmbH in die neue Zweitausendeins GmbH & Co. KG überführt, deren persönlich haftende Gesellschaft die Kinowelt Einzelhandels GmbH ist. Geschäftsführer sind Peter Deisinger und Nicolas Kölmel.

Die Zweitausendeins Zentraldienst Holding GmbH hat seit Mai Juli 2017 ihren Sitz in Feldafing.[14] Die Zweitausendeins Versand-Dienst GmbH hat seit August 2017 ebenfalls ihren Sitz in Feldafing.

Ende des Filialbetriebs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 2012 gab Zweitausendeins bekannt, die Läden schließen und sich auf den Versandhandel konzentrieren zu wollen.[15][16] Zweitausendeins bot über das Merkheft Investoren an, die Läden im Franchise-System zu übernehmen. Die Läden, für die sich keine Franchisenehmer fanden, wurden bis 2016 geschlossen.[17][18] Der einzige seit 2013 als Franchise geführte und somit letzte verbliebene Zweitausendeins-Laden in Frankfurt am Main schloss am 23. März 2017.[19][4] Es bleiben die derzeit 35 (Stand: April 2017) sogenannten Zweitausendeins-Kooperationen in örtlichen Buchhandlungen, die eine Auswahl des Sortiments führen sowie alle Artikel bestellen können.[20]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Merkheft 245, Juli 2011
  2. Lutz Kroth. taz, 23. Dezember 2006; abgerufen am 7. Mai 2017.
  3. Drei Frische als Verleger zeit.de, 14. Oktober 1994
  4. a b Hans Riebsamen: Zweitausendaus. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. März 2017, S. 9.
  5. Google-Suchanfrage: "Bertel Schmitt". Abgerufen am 10. September 2009.
  6. Zweitausendeins: In der Nische wachsen statt Kosten senken, FAZ.net vom 14. September 2006
  7. Zweitausendeins – 40 Jahre danach. „Wir feiern: Zweitausendeins ist 40!“ Mathias Bröckers hat unsere Geschichte aufgeschrieben. Abgerufen am 10. September 2009 (Februar 2009).
  8. a b Zweitausendeins: Umzug nach Mainhattan, boersenblatt.net vom 11. Dezember 2009
  9. Versandhandel: Zweitausendeins sieht die „schwarze Null“, faz.net vom 12. Februar 2008
  10. Tag der Entscheidung für Zweitausendeins, buchreport online vom 4. Juni 2010
  11. Tolkemitt und Haffmans machen sich selbstständig, boersenblatt.net vom 8. Oktober 2009
  12. Agenda Zweitausendeins. (Nicht mehr online verfügbar.) Buchreport, 9. Juni 2010; ehemals im Original; abgerufen am 7. Mai 2017.@1@2Vorlage:Toter Link/www.buchreport.de (Seite nicht mehr abrufbar; Suche in Webarchiven)
  13. Ab Februar übernimmt Frölich & Kaufmann: Zweitausendeins gibt „Merkheft“ ab. boersenblatt.net, 13. Dezember 2016, abgerufen am 14. Dezember 2016.
  14. northdata.de: Zweitausendeins Zentraldienst Holding GmbH
  15. Zweitausendeins in Frankfurt schließt, Buchreport, 6. Januar 2017, abgerufen am 15. Februar 2017
  16. Willi Winkler: Kulturrevolution ade. sueddeutsche.de vom 28. Juli 2012, abgerufen am 28. Juli 2012
  17. Franziska Gerlach: Der Letzte macht das Licht aus. sueddeutsche.de, 20. September 2013, abgerufen am 4. Februar 2017.
  18. Volker Albers: Kulturhändler Zweitausendeins: Auch die Filiale in den Colonnaden macht dicht abendblatt.de, 30. April 2013, abgerufen am 4. Februar 2017.
  19. Jan Willmroth: Der Zeitgeist siegt. In wenigen Wochen schließt der letzte Zweitausendeins-Laden. In: Süddeutsche Zeitung vom 26. Januar 2017, S. 18.
  20. Unsere Kooperationen, zweitausendeins.de, abgerufen am 7. April 2017.