Zweiter Bildungsweg

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Abendgymnasium Hannover

Als zweiter Bildungsweg werden Bildungsgänge bezeichnet, die es ermöglichen, einen Schulabschluss nach Ende der Schulpflicht und nach einem Scheitern im ersten Bildungsweg, auf den Jugendschulen, nachzuholen. Initiiert wurde der gymnasiale zweite Bildungsweg von dem Mathematiker Alfred Clebsch.[1]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In vielen Ländern sind Schulen des ZBW Regelschulen in öffentlicher Trägerschaft. Dieser Bildungsweg ist in der Regel berufserfahrenen Studierenden zugänglich.

Schulen des zweiten Bildungsweges (ZBW) sind Abendgymnasien, Abendrealschulen und Kollegs, in NRW zu Weiterbildungskollegs zusammengefasst. Außerdem kann man in vielen Bundesländern vor den Schulaufsichtsbehörden eine externe Abschlussprüfung [Nichtschülerprüfung] ablegen, mit der man einen Schulabschluss erreichen kann.

Die Durchführung der Prüfungen liegt dabei in der Regel bei öffentlichen Schulen (z. B. Abendschulen, Schulen für Erwachsene usw.).

Private kommerzielle Institutionen sind nicht prüfungsberechtigt und können daher nur Vorbereitungskurse für externe Prüfungen anbieten, auch wenn sie oft irreführend werben..

Zum Bereich der Weiterbildung gehören die Schulformen / Bildungsgänge Abendgymnasium, Abendrealschule und Kolleg. Hierbei handelt es sich um kostenfreie öffentliche allgemeinbildende Schulen, die zu gleichen Abschlüssen führen wir die Jugendschulen, z. B. das Gymnasium. Berufstätige oder berufserfahrene Erwachsene können am ZBW ihr Abitur (3–4-jährige Kurse) oder die allgemeine Fachhochschulreife (2–3-jährige Kurse) nachholen. Man bezeichnet diese Schulen auch als Schulen für Erwachsene.

Traditionell ist der zweite Bildungsweg ein Teil der Erwachsenenbildung, allerdings sind inzwischen auch viele Jugendliche ohne Schulabschluss von Ausbildungsmangel und Arbeitslosigkeit betroffen und auf entsprechende Angebote angewiesen, die sie unter anderem in ausbildungsvorbereitenden Maßnahmen an Berufsschulen / Berufskollegs bekommen können.

Die Abschlüsse am zweiten Bildungsweg sind den Abschlüssen der Jugendschulen gegenüber gleichwertig, auch wenn sie unter anderen Bedingungen erworben werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine der ältesten Einrichtung des deutschen ZBW ist neben dem Silbermann-Kolleg (s.u.) in Berlin das Studienheim St. Klemens/ Clementinum in Warstein-Belecke, das am 3. Mai 1922 durch den katholischen Priester Bernhard Zimmermann und sein Clemens-Hofbauer-Hilfswerk eröffnet und aufgrund großen Zulaufs 1928 in einen Neubau ins ostwestfälische Bad Driburg verlegt wurde. Hier wurde durch qualifiziertes Lehrpersonal in Vollzeitunterricht ein Bildungsgang zum Abitur angeboten, der speziell auf Erwachsene ausgerichtet war, die zuvor im Beruf gestanden hatten und für die es bis dahin keine schulische Weiterbildungsstruktur gab. Die Schule wurde 1932 dem Provinzialschulkollegium in Münster (Westfalen) unterstellt, erhielt 1946 die volle staatliche Anerkennung und bestand bis ins Jahr 1997 fort, das angeschlossene Studienheim existiert noch heute.[2]

Nur ein Jahr nach dem Clementinum startete in Berlin-Neukölln der erste Arbeiter-Abiturientenkurs, an dessen Zustandekommen der Reformpädagoge Fritz Karsen und Kurt Löwenstein, der damalige Stadtrat für Volksbildungswesen in Berlin-Neukölln, wesentlichen Anteil hatten. Der erste Kurs nahm am 1. Juni 1923 seine Arbeit auf. Die Arbeiter-Abiturientenkurse fanden in enger Anbindung an das von Karsen zur Einheitsschule weiterentwickelten Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums, der späteren Karl-Marx-Schule statt. Erklärtes Ziel der bis zum Verbot der Einrichtung durch die Nationalsozialisten durchgeführten Vorbereitungskurse auf das Abitur war es, begabten jungen Menschen der unteren Volksschichten Zugang zur Universität zu eröffnen. In ihnen, den Kindern aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien, sah man aufgrund ihrer Herkunft verläßlichere Träger des republikanischen Staatsgedankens als bei Jungakademikern aus den privilegierteren Schichten der Gesellschaft.[3][4]

Die älteste Abendschule für Lehrlinge und Berufstätige von 14 bis 40 Jahren ist die private Abendrealschule Berlin. Sie wurde im Jahr 1923 von dem Autodidakten und Pionier des zweiten Bildungsweges Robert Frenzel (* 1888 in Berlin; † 1977 in Lüneburg) gegründet.[5] Die Schülerzahl stieg stetig, und im Jahre 1928 hatte die Schule 300 Schüler. Im Jahre 2001 erhielt Robert Frenzel eine Ehrentafel an der Schule Gipsstraße 23a durch die Stadt Berlin.[6]

Diese private Abendrealschule bestand ca. 25 Jahre lang unter Robert Frenzels Leitung. Sie kam zwar – wenn auch unter größten Schwierigkeiten – durch die Zeit des Nationalsozialismus, wurde aber nach dem Krieg im Februar 1948 auf Anordnung der Machthaber des Berliner Ostsektors als „Privatschule“ betrachtet und geschlossen.

Robert Frenzels Abendschulgründung entstand aus einem sozialen und pädagogischen Engagement. Er wollte im Besonderen für Arbeiterkinder, die lediglich einen Volksschulabschluss hatten, durch den Erwerb der mittleren Reife eine Grundlage für berufliche Aufstiegsmöglichkeiten und ein evtl. Abitur und Studium schaffen.

Vier Jahre nach Gründung der ersten Berliner Abendrealschule wurde im Jahre 1927 das erste Berliner Abendgymnasium gegründet.[7] Peter A. Silbermann wurde der 1. Leiter dieser Schule bis zu seiner erzwungenen Emigration 1933. Auch das Abendgymnasium überstand die Zeit des Nationalsozialismus und existiert heute noch als Peter-A.-Silbermann-Schule in Berlin-Wilmersdorf.

Die Ideen der beiden Berliner Einrichtungen wurden nach 1945 in großem Umfang wieder aufgenommen.

Nach Schließung seiner Schule in Berlin gründete Robert Frenzel am 20. April 1948 die Abendoberschule Lüneburg unter dem damaligen Oberstadtdirektor Werner Bockelmann. Robert Frenzel leitete diese Schule als private Schule bis 1971. Erst dann ging sie in die Hände der Stadt über.

Auch in anderen Städten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Angebote des zweiten Bildungsweges eingerichtet. Dadurch bekamen viele junge Menschen, die durch das Kriegsgeschehen ihre Schule nicht beenden konnten, eine „zweite Chance“ auf Allgemeinbildung und erforderliche Schulabschlüsse. Eine zweite Gründungswelle von Schulen des zweiten Bildungswegs folgte seit etwa 1967 im Zuge der allgemeinen Bildungsexpansion.

Förderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Besuch des schulischen zweiten Bildungswegs ist frei von Gebühren, und die Förderung durch BAföG ist möglich. Förder-Unterschiede gibt es zwischen den Bildungsgängen des zweiten Bildungswegs. Während man etwa beim Abendgymnasium erst ab dem vierten Semester elternunabhängiges BAföG beantragen kann (verpflichtende Berufstätigkeit und geringerer Stundenumfang), kann beim Besuch eines Kollegs bereits ab dem ersten Semester BAföG beantragt werden. Elternunabhängig gewährtes Bafög muss nicht zurückgezahlt werden.

Hat man auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur erlangt, kann man trotzdem für ein Studium Studenten-BAföG beantragen.

Probleme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wer beim Eintritt in den Bildungsgang Abendgymnasium oder Kolleg über 30 Jahre alt ist, erhält keine Förderung. Ist dies der Fall

  • muss der volle Krankenkassenbeitrag gezahlt werden
  • wird das BAföG nur auf besonderen Antrag gewährt
  • wird in einem Master-Studiengang keine Leistung nach dem BAföG gewährt

Das Bafög-Gesetz ist in den vergangenen Jahren wiederholt geändert worden, aktuelle Infos finden Sie auf den entsprechenden Internet-Seiten.

Der Weg zum Erwerb des Abiturs dauert im zweiten Bildungsweg etwa drei bis dreieinhalb Jahre.

Österreich und Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Österreich gibt es in den großen Städten Abendgymnasien. Diese sind teilweise in Kooperationen mit Schulen für Berufstätige angelegt. Die Abendgymnasien in Österreich haben ein eigenes Internet-Portal.

In der Schweiz existieren ebenfalls Abendschulen für Berufstätige.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Henriette Hättich (Hrsg.): Demokratie braucht Demokraten. Studienförderung als gesellschaftspolitische Aufgabe. Friedrich-Ebert-Stiftung Abteilung Studienförderung, Bonn 2015, ISBN 978-3-89892-850-2. (Die Studie Demokratie braucht Demokraten ist auch über das Internet einsehbar.)
  • Gerd Radde: Fritz Karsen. Ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. Erweiterte Neuausgabe, Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main, 1999, ISBN 3-631-34896-7

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Robert Albinus: Königsberg Lexikon. Würzburg 2002, S. 56
  2. Rainer Hohmann, Ulrich Schulz (Hrsg.): Das Studienheim St. Klemens für Priesterspätberufene Bad Driburg, Belecke, Aschaffenburg und Paderborn (1922–2010). Zur Geschichte der ersten Schule des zweiten Bildungswegs zum Abitur im deutschen Sprachraum. Paderborn 2012.
  3. Henriette Hättich (Hrsg.): Demokratie braucht Demokraten. (Sehr gut und detailreich dokumentierte Geschichte der Arbeiter-Abirurientenkurse).
  4. Gerd Radde: Fritz Karsen. Ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit.
  5. Jens Nydahl (Hrsg.): Das Berliner Schulwesen. 1928, S. 197–199.
  6. Constance Döhrer: Spuren der Geschichte – Neue Gedenktafeln in Berlin-Mitte. 2012, S. 127–129.
  7. Jens Nydahl (Hrsg.): Das Berliner Schulwesen. 1928, S. 194–196.