Zwergseidenäffchen

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Zwergseidenäffchen
Dværgsilkeabe Callithrix pygmaea.jpg

Zwergseidenäffchen (Cebuella pygmaea)

Systematik
Unterordnung: Trockennasenprimaten (Haplorrhini)
Teilordnung: Affen (Anthropoidea)
ohne Rang: Neuweltaffen (Platyrrhini)
Familie: Krallenaffen (Callitrichidae)
Gattung: Cebuella
Art: Zwergseidenäffchen
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Cebuella
J. E. Gray, 1866
Wissenschaftlicher Name der Art
Cebuella pygmaea
(Spix, 1823)

Das Zwergseidenäffchen (Cebuella pygmaea, Syn.: Callithrix pygmaea) ist eine Primatenart aus der Familie der Krallenaffen. Es ist der kleinste Vertreter der Eigentlichen Affen und lebt im westlichen Südamerika. Es lebt in Gruppen und ernährt sich vorwiegend von Baumsäften.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwergseidenäffchen erreichen eine Kopfrumpflänge von 12 bis 15 Zentimetern, der Schwanz ist mit 17 bis 23 Zentimetern deutlich länger. Ihr Gewicht beträgt 85 bis 140 Gramm. Sie sind damit die kleinsten Affen – nicht aber die kleinsten Primaten, da beispielsweise die Mausmakis kleiner sind.

Ihr Fell ist insbesondere am Kopf buschig und fällt nach hinten, es ist am Kopf und am Nacken dunkelbraun oder graubraun gefärbt, der Rücken ist grau und weist oft schwarze oder grünliche Einsprenkelungen auf. Der Bauch ist je nach Unterart gelblich-braun oder weißlich, die Pfoten gelb-orange gefärbt. Der lange, buschige Schwanz ist schwarz-grau geringelt. An der Oberlippe befinden sich zwei weiße Flecken, auch auf der Nase verläuft ein weißer Streifen. Wie bei allen Krallenaffen befinden sich an den Fingern und Zehen (mit Ausnahme der Großzehe) Krallen statt Nägeln.

Verbreitung und Lebensraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitungsgebiet
Zwergseidenäffchen
Zwergseidenäffchen

Zwergseidenäffchen leben im westlichen Amazonasbecken zwischen Rio Japurá im Norden und Rio Madeira im Osten und Süden. Das Verbreitungsgebiet umfasst damit Teile des westlichen Brasilien, das südliche Kolumbien, das östliche Ecuador, das östliche Peru und den Norden Boliviens. Ihr Lebensraum sind Regenwälder vor allem zeitweise überflutete Tieflandregenwälder, aber auch Terra Firme-Wälder, Bambusbestände, Lianendickichte und Sekundärwälder. Zwergseidenäffchen teilen ihren Lebensraum oft mit verschiedenen Arten der Tamarine. Wo sie zusammen vorkommen sind die Tamarine generell zahlreicher in den Terra Firme-Wäldern, die in der Regenzeit nicht überflutet werden, während sie in den von den Zwergseidenäffchen bevorzugten Flusswäldern weniger häufig vorkommen.[1]

Lebensweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwergseidenäffchen sind tagaktive Baumbewohner, am aktivsten sind sie am Morgen und am späten Nachmittag. Als Schlafplätze dienen ihnen Pflanzendickichte und seltener Baumhöhlen. Sie bewegen sich auf waagerechten Ästen auf allen vieren laufend, können aber gut springen und dank ihrer Krallen auch Baumstämme hinauf oder hinab klettern.

Sie leben in Gruppen von zwei bis neun Tieren zusammen. Gruppen setzen sich aus ein bis zwei Männchen, ein bis zwei Weibchen sowie den Jungtieren zusammen. Gibt es mehrere Weibchen, erringt eines die Dominanz über die Gruppe und ist auch das einzige, das sich fortpflanzt. Die gegenseitige Fellpflege spielt eine wichtige Rolle bei der Interaktion innerhalb der Gruppe.

Gruppen bewohnen sehr kleine Reviere von 0,3 bis 0,5 Hektar Größe. Diese Reviere sind oft um einen größeren, zur Baumsaftgewinnung geeigneten Baum gelegen. Geht die Produktion dieses Baums zurück, sucht sich die Gruppe ein neues Revier, meist in der Nähe des alten. Die Territorien benachbarter Gruppen überlappen sich nicht, zwischen den Gruppen gibt es sehr wenig Interaktion.

Nahrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Skelett

Die Nahrung der Zwergseidenäffchen besteht vorwiegend aus Baumsäften (60 bis 80 %) und Kleintieren (12–16 %). Wie alle Marmosetten sind sie dank der spezialisierten Zähne im Unterkiefer in der Lage, Löcher in die Baumrinde zu nagen, um so an die Nahrungsquelle zu gelangen. An Kleintieren nehmen sie Springschrecken, Käfer, Schmetterlinge, Ameisen und Spinnen zu sich. In geringem Ausmaß verzehren sie auch Früchte, Knospen und andere Pflanzenteile sowie gelegentlich kleine Wirbeltiere.

Fortpflanzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Regel pflanzt sich nur das dominante Weibchen fort, die anderen helfen bei der Jungenaufzucht. Gibt es mehrere zeugungsfähige Männchen, übernimmt eines die Führungsrolle und hält alle anderen von der Paarung mit dem dominanten Weibchen ab.

Nach einer rund 140-tägigen Tragzeit kommt der Nachwuchs zur Welt, wie bei allen Krallenaffen überwiegen zweieiige Zwillinge. Der Vater und die übrigen Gruppenmitglieder beteiligen sich intensiv an der Jungenaufzucht, sie tragen die Jungen, spielen mit ihnen und übergeben sie der Mutter nur zum Säugen. Nach rund drei Monaten werden die Jungen entwöhnt. Die Geschlechtsreife tritt im zweiten Lebensjahr ein, aufgrund der Sozialstruktur pflanzen sich die meisten Tiere aber erst später erstmals fort. Die Lebenserwartung beträgt rund 12 Jahre.

Bedrohung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund ihrer hohen Fortpflanzungsrate und ihrer relativen Anspruchslosigkeit in Bezug auf den Lebensraum sind Zwergseidenäffchen nicht bedroht. Hauptgefahr ist die Bejagung, da sie häufig zu Heimtieren gemacht werden. Die IUCN listet die Art als nicht gefährdet (least concern).[2]

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Systematisch bildet das Zwergseidenäffchen den einzigen Vertreter der Gattung Cebuella (als Cebuella pygmaea). Der Rang einer eigenen Gattung ist vor allem in den deutlich kleineren Ausmaßen und Unterschieden im Bau des Penis begründet. In älteren Veröffentlichungen wurde es in die Gattung Callithrix (als Callithrix pygmaea) gestellt. Das Zwergseidenäffchen ist die Schwestergattung der Seidenäffchen (Mico). Der Rio Madeira, ein rechter Nebenfluss des Amazonas, trennt das Verbreitungsgebiet der Zwergseidenäffchen von dem der Seidenäffchen.

Innerhalb der Zwergseidenäffchen werden zwei Unterarten unterschieden: Cebuella pygmaea pygmaea ist durch einen gelblich-hellbraunen Bauch gekennzeichnet der nicht scharf vom olivbraun gescheckten Rücken abgegrenzt ist. Die Unterart lebt nördlich des Amazonas und südlich des Rio Japurá. C. p. niveiventris hat einen weißen Bauch, der durch seine Farbe deutlich vom übrigen Körper abgegrenzt ist, und weiße, in Richtung der Hände und Füße zunehmend gelber werdende Innenseiten von Armen und Beinen. Das Äffchen kommt zwischen Amazonas, Rio Madeira und den östlichen Vorbergen der Anden vor.[1] Die Teilung in zwei deutlich unterschiedliche Kladen wird durch molekularbiologische Untersuchungen bestätigt. In beiden Kladen ist die Divergenz deutlich geringer als zwischen den beiden Kladen. Die beiden Unterarten sollen sich am Übergang vom Pliozän zum Pleistozän vor etwa 2,5 Millionen Jahren voneinander getrennt haben. Damit ist die Divergenzzeit der beiden Unterarten der Zwergseidenäffchen länger als die zwischen dem Zweifarbentamarin (Saguinus bicolor) und seiner Schwesterart, dem Martin-Tamarin (Saguinus martinsi). Die beiden Unterarten der Zwergseidenäffchen könnten deshalb auch als eigenständige Arten klassifiziert werden. Neben den beiden anerkannten Unterarten gibt es im oberen Einzugsgebiet des Rio Juruá im brasilianischen Bundesstaat Acre eine Zwergseidenäffchenform, die eine dunklere Fellfärbung hat. Ob es sich dabei um eine weitere Unterart handelt ist bisher noch nicht geklärt.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Geissmann: Vergleichende Primatologie. Springer-Verlag, Berlin u. a. 2003, ISBN 3-540-43645-6.
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World. 6th edition. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD 1999, ISBN 0-8018-5789-9.
  • Michael Schröpel: Krallenaffen. Waldzwerge aus Südamerika. Books on Demand, Norderstedt 2007 ISBN 978-3-8334-7213-8.
  • Don E. Wilson, DeeAnn M. Reeder (Hrsg.): Mammal Species of the World. A taxonomic and geographic Reference. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD 2005, ISBN 0-8018-8221-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b A. B. Rylands & R. A. Mittermeier: Family Callitrichidae (Marmosets and Tamarins). Seite 307–308 in Russell A. Mittermeier, Anthony B. Rylands & Don E. Wilson: Handbook of the Mammals of the World: Primates: 3. (2013) ISBN 978-84-96553-89-7
  2. IUCN-Eintrag
  3. Jean P. Boubli, Maria N.F. da Silva, Anthony B. Rylands, Stephen D. Nash, Fabrício Bertuold, Mário Nunes, Russell A. Mittermeier, Hazel Byrne, Felipe E. da Silva, Fábio Röhe: How many Pygmy Marmoset (Cebuella Gray, 1870) species are there? A taxonomic re-appraisal based on new molecular evidence. Molecular Phylogenetics and Evolution, November 2017, doi: 10.1016/j.ympev.2017.11.010

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Cebuella pygmaea – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien