Zwergstendel

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Zwergstendel
Zwergstendel (Chamorchis alpina)

Zwergstendel (Chamorchis alpina)

Systematik
Familie: Orchideen (Orchidaceae)
Unterfamilie: Orchidoideae
Tribus: Orchideae
Untertribus: Orchidinae
Gattung: Zwergstendel
Art: Zwergstendel
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Chamorchis
Rich.
Wissenschaftlicher Name der Art
Chamorchis alpina
(L.) Rich.

Der Zwergstendel (Chamorchis alpina), auch Zwerg-Knabenkraut oder Zwergorchis genannt, ist die einzige Art der monotypischen Gattung Chamorchis innerhalb der Pflanzenfamilie der Orchideen (Orchidaceae). Sie ist unscheinbar und gedeiht in der hochalpinen Höhenstufe. Wegen ihrer geringen Größe und der unauffälligen Blüten ist es nicht leicht sie zu finden.

Beschreibung und Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration

Vegetative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Zwergstendel ist eine zierliche ausdauernde krautige Pflanze. Sie bildet kleinen, länglich-ovalen Knollen als Überdauerungsorgane aus. Durch die Fähigkeit mehr als eine neue Knolle pro Jahr zu bilden (vegetative Vermehrung), stehen die Pflanzen meist in kleinen Gruppen.

Die grasähnlichen Laubblätter sind meist kürzer als 5 Zentimeter.

Generative Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Blütenstand enthält bis zu zwölf Blüten. Die zwittrigen Blüten sind zygomorph. Die Blütenhülle ist gelb-grün und meist rotbraun überlaufen. Die Blütenhüllblätter des äußeren Perigonkreises und die beiden seitlichen des inneren Kreises sind zu einem Helm zusammengeneigt. Die spornlose Lippe ist 3 bis 5 Millimeter lang und meist nur andeutungsweise dreilappig. Seine Blüten duften nicht, aber sondern reichlich Nektar ab. Als Bestäuber wurden Schlupfwespen, Fliegen und Käfer beobachtet.

Die Blütezeit reicht vom Juli bis in den August. Während der Samenreife sind die Blüten meist noch nicht vollständig verblüht. Die Lippe vertrocknet, aber der Helm ist noch intakt. Die Blüten werden zwar bestäubt, wenn dies aber ausbleibt, sind die Blüten autogam, da meist alle Kapselfrüchte reifen.

Genetik und Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Zwergstendel hat einen Karyotyp von zwei Chromosomensätzen und jeweils 21 Chromosomen (Zytologie: 2n = 42). Der Same dieser Orchidee enthält keinerlei Nährgewebe für den Keimling. Die Keimung erfolgt daher nur bei Infektion durch einen Wurzelpilz (Mykorrhiza).

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über diejenigen Teile der Alpen und der Karpaten, die Hochgebirgscharakter besitzen, sowie über das westskandinavischen Gebirge. Ihr Verbreitungsgebiet umfasst das subarktische und subalpine Europa.[1] Der Zwergstendel ist (nach BUTTLER) ein alpisches, skandinavisches, karpatisches, lapponisches Florenelement.

Standortbedingungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Typischer Standort auf Polsterseggenrasen in den Allgäuer Alpen zwischen Silberwurz, im Hintergrund verblühter Clusius-Enzian

Der Zwergstendel ist eine kalkliebende Pflanze und bevorzugt extreme Standorte oberhalb der Baumgrenze mit wenig Schneebedeckung und häufigem Wind. Auch die Sonneneinstrahlung ist an diesen Standorten hoch. Das Edelweiß und die Weiße Silberwurz wachsen oft in seiner Nähe. Seltener wächst er zusammen mit Kohlröschen-Arten, welche die extremen Standorte weitgehend meiden.

Es findet sich in der Pflanzengesellschaft Polsterseggenrasen (Assoziation Caricetum firmae) aus dem Verband Seslerion.[2]

Standorte und Verbreitung in Mitteleuropa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Zwergstendel gedeiht am besten auf kalkreichen, lockeren und daher oft steinigen, humushaltigen und eher etwas feuchten als trockenen, kühlen Böden.

Er wächst fast nur über Kalkgestein oder Dolomit, seltener über kalkhaltigen Schiefern (z. B. Bündnerschiefer). Er kommt in Mitteleuropa ausschließlich in den Alpen vor und besiedelt dort vorzugsweise Höhenlagen von 1500 bis 2800 Metern. In den Allgäuer Alpen steigt es am Sattel zwischen Biberkopf und Hochrappenkopf in Bayern bis in eine Höhenlage von 2320 Meter auf.[3]

Der unscheinbare Zwergstendel ist ausgesprochen kältefest und erträgt auch Zugluft. Man findet ihn daher besonders an windausgesetzten Stellen (z. B. auf Graten, an Felsvorsprüngen oder in Rasenbändern in Steilwänden).

Naturschutz und Gefährdung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie alle in Europa vorkommenden Orchideenarten steht auch der Zwergstendel unter strengem Schutz europäischer und nationaler Gesetze.

RL Deutschland: * (ungefährdet).
RL Bayern:* (ungefährdet).

Durch sein unauffälliges Aussehen und ihre geringe Größe wird der Zwergstendel kaum gepflückt. In der Nähe von Berggipfeln sind Trittschäden durch Wanderer möglich. Die Bestände sind gegenwärtig trotz des kleinen Verbreitungsgebiets noch weitgehend stabil und ungefährdet. Vermutlich sind viele Standorte unbekannt, da sie in unzugänglichen Regionen liegen.

In seinem skandinavischen Verbreitungsgebiet wird der Zwergstendel als gering gefährdet eingestuft. Ursachen für eine Gefährdung sind Sukzession und Überweidung durch Rentierzucht.[4]

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstveröffentlichung erfolgte 1753 unter dem Namen (Basionym) Ophrys alpina durch Carl von Linné. Zur damaligen Zeit wurden Orchideen mit spornlosen Blüten zur Gattung Ragwurzen (Ophrys) gestellt. Die Neukombination zu Chamorchis alpina wurde 1817 durch Louis Claude Marie Richard veröffentlicht mit der er die Gattung Chamorchis aufstellte.

Die Verwandtschaftsverhältnisse zu den anderen Vertretern des Subtribus Orchidinae war lange Zeit ungeklärt. Die Untersuchungen der genetischen Merkmale durch Bateman 1997 haben gezeigt, dass die nächste Verwandte dieser Art die Kugelorchis (Traunsteinera globosa) ist.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rafaël Govaerts (Hrsg.): World Checklist of Orchidaceae. Chamorchis. Royal Botanic Gardens, Kew. Zuletzt eingesehen am 27. November 2016.
  2. Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. Unter Mitarbeit von Angelika Schwabe und Theo Müller. 8., stark überarbeitete und ergänzte Auflage. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2001, ISBN 3-8001-3131-5, S. 277.
  3. Erhard Dörr, Wolfgang Lippert: Flora des Allgäus und seiner Umgebung. Band 1, Seite 390. IHW-Verlag, Eching bei München, 2001, ISBN 3-930167-50-6.
  4. T. Perschke: Status gefährdeter Orchideen des baltisch-fennoskandischen Raumes. In: Journal Europäischer Orchideen, Band 38, Nr. 4, 2006, S. 717–798, ISSN 0945-7909

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Standardliteratur über Orchideen

  • Karl-Peter Buttler: Orchideen, die wildwachsenden Arten Europas. Mosaik Verlag 1986, ISBN 3-570-04403-3.
  • H. Baumann, S. Künkele: Die wildwachsenden Orchideen Europas. Franckh, 1982, ISBN 3-440-05068-8.
  • Robert L. Dressler: Die Orchideen - Biologie und Systematik der Orchidaceae. 1996.
  • Hans Sundermann: Europäische und mediterrane Orchideen. Brücke-Verlag, 2. Auflage: 1975, ISBN 3-87105-010-5.
  • J. G. Williams: Orchideen Europas mit Nordafrika und Kleinasien. BLV Verlag, ISBN 3-405-11901-4.
  • Dietmar Aichele, Heinz-Werner Schwegler: Die Blütenpflanzen Mitteleuropas. Band 5 Schwanenblumengewächse bis Wasserlinsengewächse. Franckh-Kosmos-Verlag, 2. überarbeitete Auflage, Stuttgart 2000, ISBN 3-440-08048-X.

Spezielle Literatur

  • R. M. Bateman, P. M. Hollingsworth, J. Preston, Y.-B. Luo, A. M. Pridgeon, M. W. Chase: Molecular phylogenetics and evolution of Orchidinae and selected Habenariinae (Orchidaceae). In: Bot. J. Linn. Soc., Volume 142, 2003, S. 1–40.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Zwergstendel (Chamorchis alpina) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Bildgalerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]