NS-Zwangsarbeit im Raum Berlin

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Französische Zwangsarbeiterinnen bei Siemens, Berlin 1943
14-jähriger Ukrainer im Instandsetzungswerk der Wehrmacht, Berlin 1945
Gedenktafel kirchliches Zwangsarbeiterlager, Berlin-Neukölln

NS-Zwangsarbeit im Raum Berlin diente der Aufrechterhaltung der dortigen Produktion während des Zweiten Weltkriegs.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der völkerrechtswidrige Einsatz von Kriegsgefangenen begann in Berlin im Juni 1941 mit dem Einsatz von 1673 Kriegsgefangenen unbekannter Nationalität in Rüstungsbetrieben. Neben sowjetischen Kriegsgefangenen, die als so genannte Ostarbeiter besonders schlecht behandelt wurden und wie KZ-Häftlinge nicht entlohnt wurden, internierte man ab 1943 (Kriegserklärung des ehemals Verbündeten) auch die ursprünglich auf freiwilliger Basis angeworbenen italienischen Arbeitskräfte und setzte sie zur Zwangsarbeit ein. Als Militärinternierte wurden sie den sowjetischen Arbeitern gleichgestellt und unter besondere Bewachung gestellt; so sahen die Richtlinien für die Unterbringung der italienischen Militärinternierten vor, dass selbst der Besuch von Sanitäreinrichtungen nur im Beisein eines Polizisten erfolgen durfte.[1]

Der Siemens-Konzern (Siemens & Halske, Siemens-Schuckertwerke, Siemens-Reiniger-Werke) beutete in und um Berlin besonders die Arbeitskraft von KZ-Häftlingen aus. Nach dem Bau von zwanzig Fertigungsbaracken für 800 Frauen direkt auf dem Gelände des Konzentrationslagers Ravensbrück im Jahr 1942 setzte man KZ-Häftlinge 1943/1944 bei der Siemens-Kabel-Gemeinschaft (SKG) in Berlin-Gartenfeld und 1944/45 in den Siemens-Schuckertwerken in Berlin ein.[2]

Ab dem Jahr 1941 stieg die Zahl der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Berlin sprunghaft an. Ihre Zahl einschließlich der Kriegsgefangenen lag zum 1. September 1944 bereits bei über 300.000. Ende des Jahres waren es bereits 350.000. Den Hauptanteil bildeten Bürger der Sowjetunion mit 19,2 Prozent, gefolgt von Zwangsarbeitern aus Polen mit 14,5 Prozent und aus Frankreich mit 12 Prozent. In der Reichshauptstadt Berlin, die der zentrale Rüstungsstandort war, wurden während des Krieges über 500.000 Menschen durch Zwangsarbeit ausgebeutet, das entsprach etwa 20 Prozent aller Beschäftigten.[3] Das zentrale Durchgangslager, von dem aus das Arbeitsamt Arbeitskräfte nach Berlin zuwies, befand sich in der Nordmarkstraße (heute Fröbelstraße) im Bezirk Prenzlauer Berg. Das einzige Arbeitserziehungslager der Stadt (nur für Männer) befand sich in Wuhlheide. Hier musste (beispielsweise wegen „Nichterfüllung der Arbeitspflicht“) äußerst harte Zwangsarbeit unter Einsatz der Prügelstrafe verrichtet werden. Die bekanntesten Häftlinge in Wuhlheide waren der Sportler Werner Seelenbinder und der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg.[4]

Die Kirchengemeinden setzten gleichfalls Zwangsarbeiter ein, zum Beispiel die „Sklaven der Kirche“ in der Berliner Hermannstraße, die Bestattungen der Kriegstoten durchführen mussten.

1944 verlegten viele Berliner Firmen ihre Produktionsstätten aus Angst vor Bombenangriffen in das Berliner Umland. Aus diesem Grund erhöhte sich die Anzahl von Zwangsarbeitern in Berlin nicht mehr. Der Siemens-Konzern ohne die dazugehörenden Gesellschaften beschäftigte am Jahresende 1944 von 65.400 Arbeitskräften allein 17.400 Zwangsarbeiter, das entspricht 26,6 Prozent der Belegschaft. Die Graetz–Radio AG in Berlin-Treptow, Elsenstraße, hatte die von 1940 bis zum Abtransport in die Vernichtungslager 1943 eingesetzten jüdischen schrittweise durch russische (seit Juni 1942), französische und niederländische Zwangsarbeiter ersetzen lassen. Insgesamt waren es etwa 1100 Personen. Während die russischen Arbeitskräfte als Gefangene galten, die unter ständiger Bewachung auch am Arbeitsplatz standen, bekamen die niederländischen Zwangsarbeiter den gleichen Akkordlohn wie deutsche nichtjüdische Arbeiter. Zudem unterlagen sie keiner Bewachung, konnten sich also außerhalb der Arbeitszeit frei bewegen, wogegen die Graetz AG zur Internierung ein eigenes „Russinnenlager“ in der Köpenicker Landstraße 208–218 in Berlin-Baumschulenweg unterhielt. In Begleitung einer Wachperson wurde ihnen unter bestimmten Voraussetzungen gestattet, in Gruppen bis zu fünf Personen „ausgeführt“ zu werden.[5]

In Berlin existierten in der Zeit zwischen 1939 und 1945 über 1000 Lagerstandorte innerhalb des Berliner Autobahnrings. Die meisten Lager hatten Platz für 100 bis 200 Personen. Die beiden größten Lager mit bis zu 3000 Personen befanden sich in Adlershof und Falkensee.[6] Neben Gemeinschaftslagern, die von der Deutschen Arbeitsfront betrieben wurden, existierten diverse betriebseigene Lager. In der metallverarbeitenden Industrie Berlins profitierten während des Zweiten Weltkrieges die großen Produktionsstätten von Siemens in der Siemensstadt und der AEG in Treptow (Apparate-Werke) ebenso wie viele kleinere und mittelgroße Betriebe, die zum größten Teil in Kreuzberg lagen, von der massenhaften Zwangsarbeit.

In der Salamander-Schuhfabrik wurden vor allem Frauen als Zwangsarbeiter eingesetzt.[7]

Würdigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1997 wurde an einer der Fassaden des Ehrenhofs des Siemens-Verwaltungsgebäudes in Berlin die Erinnerungstafel Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung angebracht.[8] Das von den Künstlern Beate Passow und Andreas von Weizsäcker geschaffene Mosaik zeigt im Andenken an die Siemens-Zwangsarbeiter vor aufgelöstem Hintergrund einen Siemens-D-Zug (populäre Bezeichnung für einen 1924 gefertigten Röhrenempfänger).[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein (Auswahl):

  • John Authers: The Victim’s Fortune. Inside the Epic Battle over the Debts of the Holocaust. Harper Perennial, New York 2003, ISBN 0-06-093687-8. (englisch)
  • Klaus Barwig u. a. (Hrsg.): Zwangsarbeit in der Kirche. Entschädigung, Versöhnung und historische Aufarbeitung. Stuttgart 2001, ISBN 3-926297-83-2.
  • Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57238-8 (zu den „besonderen“ Lagern).
  • Ulrich Herbert (Hrsg.): Europa und der ‚Reichseinsatz‘. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938–1945. Essen 1991.
  • Ulrich Herbert (Hrsg.): Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Neuauflage, Bonn 1999.
  • Jochen-Christoph Kaiser: Zwangsarbeit in Diakonie und Kirche 1939–1945. Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-018347-8.
  • Hans-Eckhardt Kannapin: Wirtschaft unter Zwang. Anmerkungen und Analysen zur rechtlichen und politischen Verantwortung der deutschen Wirtschaft unter der Herrschaft des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg, besonders im Hinblick auf den Einsatz und die Behandlung von ausländischen Arbeitskräften und Konzentrationslagerhäftlingen in deutschen Industrie- und Rüstungsbetrieben. Deutsche Industrieverlags-Gesellschaft, Köln 1966[9]
  • Felicja Karay: Women in Forced-Labor Camps. In: Dalia Ofer, Leonore J. Weitzman (Hrsg.): Women in the Holocaust. New Haven / London 1998, ISBN 0-300-07354-2, S. 285–309.
  • Gabriele Lotfi: Fremdvölkische im Reichseinsatz. Eine Einführung zum Thema NS-Zwangsarbeit. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. Heft 7/2000, S. 818–822, ISSN 0006-4416.
  • Alexander von Plato, Almut Leh, Christoph Thonfeld (Hrsg.): Hitlers Sklaven. Lebensgeschichtliche Analysen zur Zwangsarbeit im internationalen Vergleich. Böhlau Verlag, Wien / Köln 2008, ISBN 978-3-205-77753-3. (Fast 600 frühere Opfer aus 27 Ländern wurden befragt. Rezension. In: FAZ. 24. November 2008, S. 8).
  • Mark Spoerer: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1938–1945. Stuttgart / München 2001.
  • Carola Sachse (Hrsg.), Bernhard Strebel, Jens-Christian Wagner: Zwangsarbeit für Forschungseinrichtungen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. 1939–1945. Ein Überblick (= Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus Vorabdrucke … = Research program History of the Kaiser Wilhelm Society in the National Socialist era. Heft 11) (PDF; 620 kB), hrsg. im Auftrag der Präsidentenkommission der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V., Berlin: Forschungsprogramm „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“, 2003.

Regional (Auswahl):

  • Helga Bories-Salawa: Franzosen im „Reichseinsatz“. Deportation, Zwangsarbeit, Alltag. Erfahrungen und Erinnerungen von Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern. Verlag Lang, Frankfurt am Main / Bern / New York 1996.
  • Felicja Karay: Death Comes in Yellow – Skarzysko-Kamienna Slave Labor Camp. Amsterdam 1996.
  • Oliver Kersten: Herbergen als Verschiebebahnhöfe. Neue Forschungsergebnisse zum Einsatz von Fremd- und Zwangsarbeitern in diakonischen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg im Zweiten Weltkrieg. In: Erich Schuppan (Hrsg.): Sklave in euren Händen. Zwangsarbeit in Kirche und Diakonie Berlin-Brandenburg. Berlin 2003, ISBN 3-88981-155-8, S. 251–278.
  • Bernhard Strebel: „Verdammt sind meine Hände“: Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie in den Außenlagern des KZ Ravensbrück. In: Zeitgeschichte regional: Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern. Band 4.2000, 1, ISSN 1434-1794, S. 4–8.

Opfergruppen (Auswahl):

  • Erinnerung bewahren: Sklaven- und Zwangsarbeiter des Dritten Reiches aus Polen 1939–1945. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Dokumentationszentrum Berlin-Schöneweide. Warschau / Berlin 2007, ISBN 978-83-922446-0-8.
  • Im Totaleinsatz: Zwangsarbeit der tschechischen Bevölkerung für das Dritte Reich. Dokumentation und Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide. Prag / Berlin 2008, ISBN 978-80-254-1799-7.
  • Johannes-Dieter Steinert: Deportation und Zwangsarbeit. Polnische und sowjetische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und im besetzten Osteuropa 1939–1945. Klartext Verlag, Essen 2013, ISBN 978-3-8375-0896-3; Rezension

Zeitzeugenberichte (Auswahl):

Rechtliche Aspekte zur Entschädigungsfrage (Auswahl):

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: NS-Zwangsarbeit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tanja von Fransecky: Zwangsarbeit in der Berliner Metallindustrie 1939 bis 1945 (PDF; 453 kB), S. 12 f.
  2. Tanja von Fransecky: Zwangsarbeit in der Berliner Metallindustrie 1939 bis 1945 (PDF; 453 kB), S. 17.
  3. Tanja von Fransecky: Zwangsarbeit in der Berliner Metallindustrie 1939 bis 1945 (PDF; 453 kB), S. 17 f.
  4. Tanja von Fransecky: Zwangsarbeit in der Berliner Metallindustrie 1939 bis 1945 (PDF; 453 kB), S. 32.
  5. Tanja von Fransecky: Zwangsarbeit in der Berliner Metallindustrie 1939 bis 1945 (PDF; 453 kB), S. 67 f.
  6. Tanja von Fransecky: Zwangsarbeit in der Berliner Metallindustrie 1939 bis 1945 (PDF; 453 kB), S. 6.
  7. Vera Friedländer berichtet von ihrer Zwangsarbeit bei Salamander in Berlin.
  8. a b 100 Jahre Verwaltungsgebäude – Siemens AG. In: vg100.de. 1. August 2014, abgerufen am 27. Mai 2017.
  9. Eine frühe Rechtfertigung der Zwangsarbeit aus einem offiziellen Industrieverlag der Bundesrepublik Deutschland. Verf. nennt einen „Nationalsozialismus schlechter Prägung“ als Ursache. Die Protagonisten, u. a. Todt, Speer und viele andere bezeichnet er als „Gegner“ der Zwangsarbeit und als „Menschenfreunde“. Namensliste der Industriellen usw. S. 255.