Otto Stiehl

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Otto Stiehl (* 24. Juni 1860 in Magdeburg; † 4. Juni 1940; vollständiger Name: Otto Max Johannes Stiehl) war ein deutscher Architekt, kommunaler Baubeamter, Fachschriftsteller und Hochschullehrer.

Leben und Wirken

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Rathaus Gardelegen

Stiehl studierte in den 1880er Jahren an der Technischen Hochschule (Berlin-)Charlottenburg Architektur bei Carl Schäfer. Aus dieser Zeit sind bereits erste Entwürfe für ein Künstlerhaus überliefert.[1]

Unter dem Einfluss von Schäfer, der sich vor allem mit der Baukunst des Mittelalters befasste, begann Stiehl, neben seiner praktischen Tätigkeit Fachbücher über diesen Bereich zu verfassen. Sein Wissen konnte er durch Studienreisen in verschiedenen Länder vertiefen.[2]

Nach Studienabschluss bekam er 1886 eine Anstellung als Magistratsarchitekt unter dem Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann.[3] Er arbeitete als Regierungs- bzw. Stadt-Bauinspektor bei Entwürfen für kommunale Einrichtungen mit und war bei Baukontrollen eingesetzt. Nachweislich war er außer in Berlin und dem Umland auch in Schlesien und Polen tätig.[4]

Im Jahr 1899[5] wurde er zusätzlich Privatdozent an der Technischen Hochschule Charlottenburg[6] und erhielt dort 1904 eine Professur.[7]

Stiehl war verheiratet und wohnte im damaligen Berliner Vorort Steglitz (heute Ortsteil Berlin-Steglitz), Lessingstraße 6 im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses.[6]

Am 19. November 1920 verlieh ihm die Technische Hochschule Braunschweig die Ehrendoktorwürde.[8] Außerdem war Stiehl als Mitglied in die Preußische Akademie des Bauwesens berufen. Um 1923 beförderte ihn die Baubehörde des Berliner Magistrats zum Oberbaurat.

1925 ging Otto Stiehl 1925 in den Ruhestand[9]; er wurde auf dem Friedhof Steglitz begraben.

Bauten und Entwürfe

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Detailansicht der rekonstruierten gotischen Farbfassungen an der Fassade der Marienkirche in Frankfurt (Oder)
Giebel auf der Südseite der Kirche St. Nikolai in Berlin-Spandau
  • 1902/1903: Anbau des Staffelgiebels an der Südkapelle der St.-Nikolai-Kirche in Berlin-Spandau[16]
  • 1902–1904: 240./254. Gemeindedoppelschule in Berlin-Moabit, Waldenser Straße 20/21 (zusammen mit Ludwig Hoffmann, Georg Matzdorff und Carl Roemert)[17]
  • 1903–1906: Restaurierung des Südgiebels des Rathauses in Frankfurt (Oder)
    Mit seinen Kenntnissen über Bauten des Mittelalters gelang es Stiehl, nach Freilegung vorhandener Reste die ursprüngliche beeindruckende Farbfassung von schwarz, grün, rot und weiß, teilweise direkt auf die Backsteine aufgetragen, wieder sichtbar zu machen.[2]
  • 1905/1906: Schule in Berlin-Wedding, Bochumer Straße (Mitarbeit)
    Die erhaltenen Gebäudeteile werden seit 1937 bis heute von der Staatlichen Technikerschule Berlin genutzt.[18]
  • 1907: Rekonstruktion des Salzwedeler Tors in der Stadtmauer von Gardelegen[19]
  • 1907: Turnhalle für eine 1891 errichtete Schule in Berlin-Moabit, Alt-Moabit / Wilsnacker Straße
    Der eingeschossige, gedrungene Backsteinbau mit Walmdach ordnet sich durch Rundbogenfenster und schmucklose Backsteinflächen den benachbarten Kirchenbauwerken von Karl Friedrich Schinkel und Friedrich August Stüler relativ unauffällig unter.[3]
  • 1907: Schulneubau in Berlin-Friedrichshain, Zwinglistraße (Mitarbeit)[18]
  • 1908/1909: Feuerwache Friedrichshain, Memeler Straße (seit 1950 Marchlewskistraße)[13]
  • 1910: Römische Villa für die II. Ton-, Zement- und Kalkindustrie-Ausstellung Berlin 1910[20]
  • 1914: Turnhalle (mit Schulküche) als Erweiterung der 1895 fertiggestellten 168./182./189. Gemeindeschule in Berlin-Moabit (Architekten Hermann Blankenstein und Fridolin Zekeli)[21]
  • 1913/1914: Rathaus n Tangermünde (Backsteinbau mit Schmuckfassade)[13]
  • 1914/1915: Totalrekonstruktion und Erweiterungsbau zum Rathaus in Gardelegen (aus teilweise verputztem Backsteinmauerwerk; An den Umbauarbeiten zum Rathaus war ebenfalls der Baumeister Tobias Thieme beteiligt („Hausmannsturm“).)[13]
  • 1915/1916: Gedenkstein für die Tataren in Zehrensdorf (heute zu Wünsdorf gehörend)
    Die Tataren waren zusammen mit weiteren Ausländern im Ersten Weltkrieg von den Alliierten eingesetzt worden und gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Rund 600 Kämpfer starben und erhielten auf dem früheren Dorffriedhof ihre letzte Ruhestätte. Das Preußische Kriegsministerium veranlasste die Errichtung der Kriegsgräbergedenkstätte. Der Stein nach Entwurf vom Architekten Otto Stiehl, der in dieser Zeit stellvertretender Kommandant der Wünsdorfer Sonderlager war, enthielt folgende Inschrift in Deutsch und Turkotatarisch: „Grabstätte der kriegsgefangenen mohammedanischen Kasan Tartaren, die unter der Regierung Wilhelm II. während des Weltkriegs starben“. Das Tatarendenkmal wurde während des Bayramfestes (dem Fest des Fastenbrechens) im August 1916 unter Anwesenheit türkischer Offiziere und des Botschafters eingeweiht. Für die anderen Verstorbenen sind weitere Gedenksteine errichtet worden. In den darauf folgenden Jahrzehnten geriet der Friedhof in Vergessenheit, die Natur überwucherte vieles und die spätere Lage im Lager der Sowjetischen Streitkräfte tat das Ihrige. Im Jahr 1995 erfolgte seine Restaurierung.[22]
  • Carl Schaefer (Autor), Otto Stiehl (Hrsg.): Die mustergültigen Kirchenbauten des Mittelalters in Deutschland. Geometrische und photographische Aufnahmen nebst Beispielen der originalen Bemalung. Ernst Wasmuth, Berlin 1892.
  • Backsteinbauten romanischer Zeit besonders in Oberitalien und Norddeutschland. Leipzig 1898.
  • Altarmenische Backsteintechnik. In: Prometheus, Illustrirte Wochenschrift über die Fortschritte in Gewerbe, Industrie und Wissenschaft, 12. Jahrgang 1901.
  • Mittelalterliche Baukunst und Gegenwart. (Festrede, gehalten im Architekten-Verein zu Berlin zum Schinkelfest 1903) Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin 1903.
  • Neuere technisch-künstlerische Bestrebungen im Backsteinbau. In: Bautechnische Zeitschrift. 19. Jahrgang 1904, S. 386 f.
  • Die Sammlung und Erhaltung alter Bürgerhäuser. Denkschrift im Auftrag des vom 5ten Tag für Denkmalpflege eingesetzten Ausschusses. Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin 1905.
  • Das Deutsche Rathaus Im Mittelalter. In Seiner Entwickelung geschildert... Leipzig 1905.
  • Die Baustile. Historische und technische Entwicklung. (= Handbuch der Architektur, Teil 2, Band 4: Die romanische und die gotische Baukunst. 2. Heft: Der Wohnbau des Mittelalters.) In 1. Auflage bearbeitet vom Geheimen Rat Direktor Dr. August von Essenwein. Zweite Auflage von Professor Otto Stiehl, Magistratsbaurat und Privatdozent an der Technischen Hochschule Berlin. Alfred Kröner / J. M. Gebhardt’s Verlag, Leipzig 1908.
  • Neues vom Backsteinbau. In: Berliner Architekturwelt, 10. Jahrgang 1907/1908, Heft 2 (Mai 1907), S. 45–48.
  • Vom Stammbaum der Schleswig-Holsteinischen Backsteinbauten. In: Schleswig-Holsteinischer Kunstkalender, 1914, S. 30–42 (Digitalisat).
  • Unsere Feinde. 96 Charakterköpfe aus deutschen Kriegsgefangenenlagern. Stuttgart 1916. (Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin.) (Fotos von Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs.)
  • Die Baukunst, ein Werkstein zum Neuaufbau des deutschen Geistes. (Festrede zum Schinkelfest des Architekten-Vereins zu Berlin am 13. März 1920) Hoffmann, Stuttgart 1920.
  • Backsteinbauten in Norddeutschland und Dänemark. (= Bauformen-Bibliothek, Band 17.) Hoffmann, Stuttgart 1923.
  • Der Weg zum Kunstverständnis. Eine Schönheitslehre nach der Anschauung des Baukünstlers. Walter de Gruyter, Berlin 1930.
  • Neuere Veröffentlichungen zur Geschichte des märkischen Backsteinbaues. In: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte, 45. Jahrgang 1933, S. 454f.
  • Backsteinbau. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. 1, Stuttgart 1937, Sp. 1340–1345. (Abschrift auf rdklabor.de, abgerufen am 30. Januar 2024).

Einzelnachweise

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  1. Grundriss, Ansicht und Fassadenschnitt für ein Künstlerhaus beim Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin
  2. a b Ernst Badstübner, Dirk Schumann (Hrsg.): Backsteintechnologien in Mittelalter und Neuzeit. Lukas Verlag, Berlin 2003, S. 180.
  3. a b Baudenkmal Gesamtanlage St.-Johannis-Kirchhof mit Kirche, Gemeinde- und Küsterhaus, Schule und Turnhalle sowie Arkadengang
  4. Stiehl, Otto. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 32: Stephens–Theodotos. E. A. Seemann, Leipzig 1938, S. 40 (biblos.pk.edu.pl).
  5. Stiehl, Otto. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 32: Stephens–Theodotos. E. A. Seemann, Leipzig 1938, S. 40 (biblos.pk.edu.pl).
  6. a b Stiehl, Otto. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1900, I, S. 1550. „Stadt-Bauinspector, Priv.-Doz. a. d. Kgl.-techn. Hochschule; Steglitz, Lessingstraße 6“ (Im Jahr 1899 ist er noch nicht als „Dozent“ notiert.).
  7. Stiehl, Otto. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 32: Stephens–Theodotos. E. A. Seemann, Leipzig 1938, S. 40 (biblos.pk.edu.pl). - Im Berliner Adressbuch erst ab 1906 mit dem Zusatz „Professor“ eingetragen.
  8. Übersicht der Ehrendoktoren der Technischen Universität Braunschweig (Memento vom 8. Dezember 2012 im Internet Archive)
  9. Im Adressbuch 1926 „a.D.“; danach bis zu seinem Tode „i.R.“
  10. Entwurf Künstlerhaus (um 1882) In: Samml. architekt. Entwürfe d. Studierenden der TH Berlin.
  11. Schutzbau über dem Einstiegsschacht einer Tropfsteinhöhle; Monatskonkurrenz Dezember 1888
  12. Detert & Ballenstaedt (Hrsg.): Architektur 1900. Band 1, S. 361.
  13. a b c d e 2 Fotos und Erläuterungen betreffs Arbeiten von Otto Stiehl auf bildindex.de; Bildarchiv Foto Marburg
  14. Baudenkmal Kühlhaus in Berlin-Kreuzberg, Luckenwalder Straße
  15. Märkischer Platz. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1902, Teil 3, S. 430. „Kaufhaus Neu-Kölln GmbH; Eigentum (E) Städtische Bau-Deputation, Abth. I“.
  16. Zeittafel zu Spandau auf einer privaten Website (Memento vom 8. September 2013 im Internet Archive)
  17. Baudenkmal Schulkomplex Moabit, Waldenser Straße 20/21
  18. a b Hans-Peter Doege: Zwischen Bolle und Kloster. Ludwig Hoffmanns Schulen im Detail. In: Berlinische Monatsschrift (Luisenstädtischer Bildungsverein). Heft 4, 2000, ISSN 0944-5560, S. 101–107 (luise-berlin.de).
  19. Salzwedeler Tor (Memento vom 24. September 2015 im Internet Archive) auf sachsen-anhalt.wiki
  20. Ulrich Bücholdt: II. Ton-, Zement- und Kalkindustrie-Ausstellung Berlin 1910., abgerufen am 16. Februar 2020.
  21. Baudenkmal Schulkomplex Stephanstraße 27 bis Quitzowstraße 115A in Berlin-Moabit
  22. Christoph Richter: Nicht Mekka sondern Zehrensdorf. Muslimische Totenruhe in Brandenburg. neu abgerufen am 9. Februar 2016.