Der Schwarze Schwan

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Illustration um 1790

Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse ist ein Buch des Publizisten und Börsenhändlers Nassim Nicholas Taleb. Danach wie bei anderen Veröffentlichungen Talebs wird ein Ereignis bezeichnet, das extrem unwahrscheinlich ist, völlig überraschend eintritt und sich im Nachhinein einfach erklären lässt.

Die erste Verwendung bei Nassim Nicholas Taleb im angeführten Sinne geht auf dessen 2001 erschienenes Buch Fooled By Randomness zurück, welches sich auf Ereignisse der Finanzgeschichte bezieht. 2007 veröffentlichte er unter dem Titel The Black Swan[1] ein eigenes Buch zu dem Begriff mit Betrachtungen jenseits der Börse.

Taleb betrachtet dabei wesentliche Entdeckungen, geschichtliche Ereignisse und künstlerische Errungenschaften als schwarze Schwäne.[2] Die Verwendung der Metapher in Talebs Deutung hat mittlerweile weitere Verwendung gefunden.

Hintergrund[Bearbeiten]

Das Bild vom „schwarzen Schwan“ als gänzlich unerwartetes Ereignis geht auf den Satiriker Juvenal zurück. In (Satiren VI, 161) nennt er eine treue Ehefrau rara avis in terris, nigroque simillima cygno (ein seltener Vogel in allen Ländern, am ähnlichsten einem schwarzen Schwan). Schwarze Schwäne waren damals in Europa unbekannt. In der Folge spricht Juvenal (Satiren VII, 202) auch vom „weißen Raben“: Felix ille tamen corvo quoque rarior albo (Ein solcher Glückspilz ist aber seltener als ein weißer Rabe).

Nachdem Willem de Vlamingh aber in Westaustralien 1697 tatsächlich schwarze Schwäne gesehen hatte und weitere Reisende über die schwarzen Schwäne Australiens berichteten,[3] wurde die Redensweise in der englischen Sprache zur Metapher eines zwar unwahrscheinlichen, aber möglichen Ereignisses. Bei John Stuart Mill und später Karl Popper diente der schwarze Schwan als Beispiel für eine deduktive Falsifizierung.

Inhalt[Bearbeiten]

Wie andere Bücher Talebs auch, ist der Schwarze Schwan in Form von Essays mit vielerlei autobiographischen Anspielungen und Querverweisen gehalten. Zunächst diskutiert er seine These mit seiner Jugend in der Levante und der Geschichtsschreibung im Allgemeinen. Er postuliert auch ein triplet of opacity, eine Dreifaltigkeit des Missverstehens in Bezug auf die Geschichte und ihre Auswirkung auf die Gegenwart:

  1. die Illusion, gegenwärtige Ereignisse zu verstehen
  2. die retrospektive Verzerrung historischer Ereignisse
  3. die Überbewertung von Sachinformation, kombiniert mit einer Überbewertung der intellektuellen Elite.

Taleb sieht es als müßig an, Schwarze Schwäne vorhersehen zu wollen. Sie zeichnen sich ja gerade durch ihr unerwartetes Erscheinen aus. Taleb geht es darum, Stabilität und Robustheit (abgeleitet vom Begriff der Robusten Schätzverfahren) gegenüber negativen Schwarzen Schwänen zu erreichen und bei positiven Schwarzen Schwänen diese besser auszunutzen. Taleb unterstellt dabei Banken und Aktienhändlern eine hohe Verwundbarkeit gegenüber schwarzen Schwänen.

Im weiteren Verlauf berichtet Taleb über eine Neurologin namens Yevgenia Nikolayevna Krasnova und deren Buch A Story of Recursion, welches aus einer Webveröffentlichung zum Weltbestseller geworden sein soll, in dem Sinne ein positiver Schwarzer Schwan. Taleb selbst schreibt seiner Heldin, wenngleich dieselbe eine Erzählfigur sei, eine Reihe von Charakterzügen seiner selbst zu. Krasnova selbst widerspreche der Trennung zwischen Erzählung und Tatsachenbericht. Weitere Abschnitte unterscheiden etwa zwischen den Ländern Extremistan und Mediocristan – letzteres hat keine Probleme, mit Normalverteilungen zu arbeiten, während in Extremistan das Vorgehen nach Carl Friedrich Gauß zu großen Gefahren führt.

Zudem sieht Taleb die Interpretation eines Ereignisses als Schwarzer Schwan als abhängig vom Beobachter. Wenn ein Truthahn geschlachtet werde, sei dies womöglich ein Schwarzer Schwan für den Truthahn, während der zugehörige Metzger schlicht seinen Job macht. In dem Sinne sei es wichtig, die Truthahnposition zu vermeiden, um einen Schwarzen Schwan zu weißeln.

Taleb glaubt, dass die meisten Menschen – fest davon überzeugt, es gäbe nur weiße Schwäne – „schwarze Schwäne“ ignorierten, weil es angenehmer sei, die Welt als geordnet und verständlich zu betrachten. Taleb nennt diese Blindheit „platonischer Fehlschluss“ und legt dar, dass er zu drei kognitiven Verzerrungen führt:

  • Narrative Verzerrung (narrative fallacy): Das nachträgliche Schaffen einer Erzählung, um einem Ereignis einen plausiblen Grund zu verleihen.
  • Ludische Verzerrung (ludic fallacy): Der Glaube daran, dass der strukturierte Zufall, wie er in Spielen anzutreffen ist, dem unstrukturierten Zufall im Leben gleicht. Taleb beanstandet die unreflektierte Anwendung von Modellen der modernen Wahrscheinlichkeitstheorie wie dem Random Walk.
  • Statistisch-regressive Verzerrung (statistical regress fallacy): Der Glaube, dass sich das Wesen einer Zufallsverteilung aus einer Messreihe erschließen lässt.

Taleb zufolge ist kontrafaktisches Denken eine Möglichkeit, sich wider schwarze Schwäne, gegen unbekanntes Nichtwissen zu schützen.

Anwendungen und Rezeption[Bearbeiten]

Talebs Buch wurde ein populärwissenschaftlicher Bestseller, mehrfach aufgelegt und in verschiedene Sprachen übersetzt.[4] Es gibt zudem eine Reihe wissenschaftlicher Anwendungen zu seinen Überlegungen, so anhand der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011.[5]

Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman wies dem Buch einen erheblichen Einfluss auf seine Gedankenwelt zu und erläuterte dies in seinem 2011 erschienenen Buch Schnelles Denken, langsames Denken. Der Kritik Talebs an statistischen Modellen wurde insoweit widersprochen, als Statistik auch ermögliche, drohende Schwarze Schwäne zu identifizieren. Der Begriff an sich wurde weniger in Frage gestellt. Talebs Stil und sein erzählender Vortrag werden sowohl mit dem Begründer des Essays als Stilform, Michel de Montaigne, verglichen wie als wissenschaftlich unzureichend kritisiert.

Ausgaben[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der schwarze Schwan – Konsequenzen aus der Krise / Nassim Nicholas Taleb. Aus dem Engl. von Ingrid Proß-Gill Verleger, Dt. Taschenbuch-Verl., München 2012, ISBN 9783423347341
  2. N.N. Taleb: Prologue. In: The Black Swan, Second, Penguin, 2010.
  3. Encyclopaedia Perthensis, Bd. 22, Edinburgh 1816, S. 25. Online
  4. Rezension der FAS Was schiefgehen kann, geht auch irgendwie schief. 12. Oktober 2008 · Ein ehemaliger Börsenhändler hat einen ungewöhnlichen Blick auf das Risiko. Sein Buch ist in Amerika ein Bestseller.
  5. Niklas Möller & Per Wikman-Svahn (2011): Black Elephants and Black Swans of Nuclear Safety, Ethics, Policy & Environment, 14:3, 273–278, doi:10.1080/21550085.2011.605853