B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Film
Titel B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 2015
Länge 92 Minuten
Altersfreigabe
Stab
Regie Jörg A. Hoppe,
Klaus Maeck,
Heiko Lange,
Miriam Dehne (Reenactments)
Drehbuch Jörg A. Hoppe,
Klaus Maeck,
Heiko Lange
Produktion Jörg A. Hoppe,
Klaus Maeck,
Heiko Lange
Musik Micha Adam,
Mark Reeder
Schnitt Alexander von Sturmfeder
Besetzung

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989 ist ein Essayfilm, der die West-Berliner Avantgarde-Szene, die Hausbesetzerszene und noch die Anfänge der frühen Loveparade zu einer Handlungslinie um den Protagonisten Mark Reeder zusammenführt. Er besteht aus dokumentarischem Filmmaterial der 1980er Jahre und wird durch neu gedrehte Szenen in historischer Optik verbunden. Die Premiere fand im Rahmen der Berlinale 2015 in der Sektion „Panorama“ statt.[2] Der Kinostart war am 21. Mai 2015.

Mark Reeder lebt in Manchester, ist Musiknerd, arbeitet in einem Plattenladen und ist Musiker in der Punkszene. Angeregt vom musikalischen Einfluss deutscher Bands wie Kraftwerk, Neu!, Tangerine Dream u. a. zieht er Ende der 70er Jahre nach West-Berlin in ein besetztes Haus und taucht in die dortige Avantgarde-, Musik- und Hausbesetzerszene ein. Er lernt wichtige Personen und Bands der Szene der Genialen Dilletanten wie Gudrun Gut, Blixa Bargeld und Die Tödliche Doris kennen. Man sieht ihn beim Feiern in Locations wie dem Risiko, Dschungel und SO36. Reeder wird bei unterschiedlichen Aktivitäten gezeigt, bei der Arbeit als Tontechniker für Mania D bzw. Malaria!, für Die Toten Hosen, als Synchronsprecher für Pornofilme, als Schauspieler für Jörg Buttgereits Splatterfilme – wofür Reeder sein Uniformfetisch zugutekommt, als Musiker (u. a. in der New-Wave-Band Shark Vegas) sowie als Szene-Fernsehjournalist für einen britischen Sender. Später holt er Nick Cave nach West-Berlin und organisiert ein Tote-Hosen-Konzert im Rahmen einer Blues-Messe in Ostberlin.[3] Am Ende sind die erste Loveparade und WestBam zu sehen, Mark Reeder tritt als Inhaber des Labels MFS auf, das elektronische Musik veröffentlicht.

Der Film bezieht sich also nicht nur auf eine Szene, sondern zeigt die popkulturelle Entwicklung von New Wave und anderen (elektronischen) Stilen der 80er Jahre bis zum Techno.[4][5] Dabei kommen bestimmte Szenen im Film nicht vor wie z. B. die Entwicklungen von Disco und Hi-NRG, weil kein Filmmaterial aus diesen Bereichen verfügbar war.[3]

Im Gegensatz zu üblichen Filmdokumentationen zu popkulturell-historischen Themen, die collagehaft berichten, ist B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989 ein Essayfilm. Mark Reeder hat hier nicht nur die Rolle des Ich-Erzählers inne, sondern auch die des ‚Erlebers‘. Der Film weist eine stark narrative Struktur mit einer radikal subjektiven Erzählweise auf: Mark Reeders Geschichte seines Umzugs nach und seines Lebens in West-Berlin wird von ihm selbst erzählt und mit entsprechenden Filmaufnahmen aus dieser Zeit ‚belegt‘. Zusätzlich verwendet der Film 2014 von Miriam Dehne gedrehte Spielszenen, in denen Marius Weber den jungen Mark Reeder darstellt.[6][7] Reeder betreibt Oral History aus seiner sehr persönlichen Perspektive, weist aber durch seine Aktivitäten und seine zahlreichen Verbindungen in die beschriebenen Musikszenen weit über seine Person hinaus. Seine (selbst)ironischen und die Narration unterstützenden Kommentare kommen aus dem Off, außer wenn Reeder auf dem historischen Filmmaterial selbst zu sehen ist.[4][8] Die Geschichten sind vereinfachte Darstellungen aus dem Erleben von Mark Reeder, sind also nicht – wie es der Vorspann behauptet – vollständig erfunden.[3]

Eine wesentliche Eigenschaft des Films ist die Komposition einer großen Fülle unterschiedlichsten Filmmaterials mit ebenso unterschiedlichen Materialqualitäten – Nachrichtensendungen, Experimentalfilme, Dokumentarfilme, Konzertmitschnitte, Amateuraufnahmen, Super-8-Aufnahmen von Reeder und seinem Umfeld, wie dem Filmemacher Knut Hoffmeister, sowie einige nachgestellte Szenen mit dem Mark-Reeder-Double Marius Weber – zu einem stilistischen Ganzen. In den Credits sind über 50 Quellen aufgezählt. Die Besonderheit dieser Komposition besteht in der Art und Weise des sehr integrativen künstlerischen Filmschnitts. Das Drehbuch ist also von Bildinhalten, von Bildqualitäten und besonders vom Filmschnitt des historischen Materials her gedacht. Das ist bei der Verarbeitung dokumentarischen Filmmaterials ungewöhnlich, findet aber eine Parallele im künstlerischen Radiofeature von z. B. Walter Filz oder Michael Lissek.[4][9]

  • 2015: Gewinner des Heiner-Carow-Preises der DEFA-Stiftung[10] auf der Berlinale 2015
  • 2015: Nominierung in der Kategorie Depth of Field Competition beim israelischen Filmfestival Docaviv
  • 2015: Nominierung in der Kategorie internationaler Wettbewerb Filme über Kunst beim polnischen Filmfestival Nowe Horyzonty
  • 2016: Nominierung in der Kategorie Information & Kultur/Spezial für den Grimme-Preis[11]

Parallel zum Film erschien ein Buch von Mark Reeder:

  1. Freigabebescheinigung für B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (PDF).Vorlage:FSK/Wartung/typ nicht gesetzt und Par. 1 länger als 4 Zeichen
  2. B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin. In: berlinale.de. Abgerufen am 10. Februar 2020.
  3. a b c Interview mit Mark Reeder zum Film, in: Alexandra Bondi de Antoni: mark reeder über das west-berlin der achtziger, in: VICE, 27. Mai 2015
  4. a b c Matthias Dell: Alle Bilder sind schon, in: Freitag, 21. Mai 2015
  5. Ensikat: „Ich brachte Musik rüber“. In: Tagesspiegel. 7. Januar 2014 (Online).
  6. Cindy Michel: Ohne Schauspiel-Erfahrung geradewegs zur Berlinale. In: Oberpfalznetz.de, 6. Februar 2015
  7. Goethe-Institut: B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin. Auf: Meet the Germans, 4. Juni 2015
  8. Christian Ihle: Berlinale: B-Movie. West-Berlin 1979–1989. In: taz, 10. Februar 2015.
  9. Jörg Brandes: B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989. In: Hamburger Morgenpost.
  10. Heiner Carow Preis der DEFA-Stiftung 2015 (Memento vom 8. April 2015 im Internet Archive)
  11. B-Movie - Das wilde West-Berlin der 80er Jahre (ZDF/Arte). (grimme-preis.de [abgerufen am 29. November 2017]).