Emotionsgeschichte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Emotionsgeschichte (oder auch: Geschichte der Gefühle) hat sich in den 2000er Jahren zu einem neuen Forschungsgebiet der Geschichtswissenschaft entwickelt. Auch wenn es Vorläufer der Emotionsgeschichte gibt – allen voran die histoire des sensibilités eines Lucien Febvre[1] oder die Psychohistory von Peter Gay[2] - knüpft die Emotionsgeschichte methodisch eher an neuere historiographische Ansätze wie die Begriffsgeschichte, den historischen Konstruktivismus sowie die Körpergeschichte an.[3]

Entwicklung[Bearbeiten]

Ähnlich wie die Emotionssoziologie oder -ethnologie basiert die Emotionsgeschichte auf der Annahme, dass nicht allein der Gefühlsausdruck, sondern auch die Gefühle selbst erlernt werden. Kultur und Geschichte prägen und verändern demnach Gefühle ebenso wie ihren Ausdruck. Die gesellschaftliche Relevanz und Wirkmächtigkeit von Emotionen ist historisch und kulturell variabel. Aus Sicht vieler Emotionshistoriker ist „Emotion“ dementsprechend eine ebenso grundlegende Kategorie von Geschichte wie etwa Klasse, Rasse oder Geschlecht.

Eine Reihe unterschiedlicher methodischer Ansätze wurden in den letzten Jahren diskutiert. Einige Emotionshistoriker beschränken sich unter dem Stichwort emotionology[4] auf die historische Analyse von Gefühlsnormen und-regeln. Insbesondere in jüngster Vergangenheit wurde das methodische Spektrum der Emotionsgeschichte jedoch um performative, konstruktivistische und praxistheoretische Ansätze erweitert. Zu den derzeit grundlegenden methodischen Konzepten gehören emotive[5], emotionaler Habitus sowie emotionale Praxis.[6] Daneben gibt es eine Reihe von Begriffen, die die unterschiedliche Reichweite und Verbindlichkeit von Gefühlskulturen beschreiben wie etwa emotional community[7], emotional regime[8] oder emotional style[9].

Literatur[Bearbeiten]

Einführung[Bearbeiten]

Jan Plamper, Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte, München: Siedler 2012.

Forschungsberichte[Bearbeiten]

  • Susan J. Matt: Current Emotion Research in History: Or, Doing History from the Inside Out. In: Emotion Review 3, 1 (2011), S. 117–124.
  • Bettina Hitzer: Emotionsgeschichte - ein Anfang mit Folgen (PDF; 380 kB). Forschungsbericht, in: H-Soz-u-Kult, 23. November 2011.
  • Anna Wierzbicka: The „History of Emotions“ and the Future of Emotion Research. in: Emotion Review 2, 3 (2010), S. 269–273.
  • Nina Verheyen: Geschichte der Gefühle, Version 1.0. in: Docupedia-Zeitgeschichte, 18. Juni 2010. Online auf docupedia.de.
  • Barbara H. Rosenwein: Problems and Methods in the History of Emotions. In: Passions in Context: Journal of the History and Philosophy of the Emotions 1 (2010). Online auf www.passionsincontext.de. (PDF, Englisch; 325 kB).
  • William M. Reddy, Historical Research on the Self and Emotions, in : Emotion Review 1, 4 (2009), S. 302–315.
  • Florian Weber, Von der klassischen Affektenlehre zur Neurowissenschaft und zurück. Wege der Emotionsforschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften, in: Neue Politische Literatur 53 (2008), S. 21–42.
  • Daniela Saxer: Mit Gefühl handeln. Ansätze der Emotionsgeschichte. In: Traverse 14 (2007), S. 15–29. Online auf retro.seals.ch.
  • Alexandra Przyrembel: Sehnsucht nach Gefühlen. Zur Konjunktur der Emotionen in der Geschichtswissenschaft. In: L’homme 16 (2005), S. 116–124.
  • Rüdiger Schnell: Historische Emotionsforschung. Eine mediävistische Standortbestimmung. In: Frühmittelalterliche Studien 38 (2004), S. 173–276.

Methodendiskussionen[Bearbeiten]

  • AHR Conversation: The Historical Study of Emotions, in: American Historical Review 117 (2012), S. 1487-1531: http://ahr.oxfordjournals.org/content/117/5/1487.full.pdf+html
  • Frank Biess, Discussion Forum „History of Emotions“ (with Alon Confino, Ute Frevert, Uffa Jensen, Lyndal Roper, Daniela Saxer), in: German History 28 (2010), H. 1, S. 67-80
  • Jan Plamper, Wie schreibt man die Geschichte der Gefühle? William Reddy, Barbara Rosenwein und Peter Stearns im Gespräch mit Jan Plamper, in: Werkstatt Geschichte 54 (2010), S. 39-69

Forschungszentren und –verbünde[Bearbeiten]

Weitere Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lucien Febvre, La sensibilité et l’histoire. Comment reconstituer la vie affective d’autrefois?, in: Annales d’histoire sociale 3 (1941), S. 5-20.
  2. Vgl. etwa Peter Gays Hauptwerk: The Bourgeois Experience.Victoria to Freud, 5 Bde, New York 1984-1998.
  3. Zu körpergeschichtlichen Ansätzen vgl. Pascal Eitler und Monique Scheer, Emotionengeschichte als Körpergeschichte. Eine heuristische Perspektive auf religiöse Konversionen im 19. und 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 35/2009, S. 282-313; zu den Vorläufern der Emotionsgeschichte vgl. Jan Plamper, Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte, München: Siedler 2012, S. 53-72.
  4. Der Begriff emotionology geht zurück auf: Peter N. Stearns / Carol Z. Stearns, Emotionology. Clarifying the History of Emotions and Emotional Standards, in: The American Historical Review 90, 4 (1985), S. 813-830 sowie Rom Harré (Hrsg.), The Social Construction of Emotion, Oxford 1986.
  5. William M. Reddy, Against Constructionism. The Historical Ethnography of Emotions, in: Current Anthropology 38,3 (1997), S. 327-351.
  6. Vgl. zuletzt: Monique Scheer, Are Emotions a Kind of Practice (and Is That What Makes Them Have a History)? A Bourdieuan Approach to Understanding Emotion. History and Theory 51, no. 2 (May 2012), S. 193-220.
  7. Barbara H. Rosenwein, Worrying about Emotions in History, in: The American Historical Review 107,3 (2002), S. 821-845.
  8. William M. Reddy, The Navigation of Feeling, Cambridge 2001.
  9. Für eine Diskussion unterschiedlicher Konzepte vgl. Benno Gammerl, Emotional Styles - Concepts and Challenges, in: Rethinking History, 16, 2 (2012), S. 161-175.