Epigraphik

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Noreia-Weihestein über dem Kirchenportal auf dem Ulrichsberg, Kärnten
Inschrift der Trajanssäule

Die Epigraphik bzw. Epigrafik („Inschriftenkunde“, von griechisch ἐπιγραφή epigraphē „Inschrift, Aufschrift“) ist eine historische Hilfswissenschaft, die insbesondere für die Alte Geschichte von Bedeutung ist; sie befasst sich mit Inschriften bzw. Aufschriften auf verschiedenen Materialien wie Holz, Stein, Glas, Marmor, Metall, Leder usw.

Geschichte der Epigraphik und Perioden[Bearbeiten]

Die Wissenschaft der Epigraphik entwickelt sich ständig seit dem 16. Jahrhundert. Die Grundlagen der Epigraphik variieren je nach Schriftkultur. Die Wissenschaft in Europa konzentrierte sich zunächst auf die lateinischen Inschriften. Im 19. Jahrhundert in Berlin wird die größte Sammlung lateinischer und griechischer Inschriften gegründet.

Antike Inschriften[Bearbeiten]

Da solche Inschriften haltbarer sind als Dokumente auf gewöhnlichen Schreibmaterialien wie Papier oder Pergament, sind epigraphische Quellen oft die einzigen Mittel, um zeitgenössische Informationen über untergegangene Kulturen zu erhalten.

Um das Ausmaß, in dem Inschriften gesetzt wurden, sowie die jeweils üblichen Anlässe und Inhalte zu bezeichnen, sprechen Althistoriker im Anschluss an Ramsay MacMullen meist vom epigraphic habit („epigraphische Gewohnheit“) einer bestimmten Zeit. Die ältesten altgriechischen Inschriften stammen aus dem späten 8. Jahrhundert v. Chr., ab dem Hellenismus werden sie deutlich häufiger. Die lateinische Epigraphik setzt deutlich später ein. Insgesamt lässt sich in der Antike beobachten, dass Zahl und Qualität der überlieferten epigraphischen Zeugnisse seit Kaiser Augustus stark zunehmen, im 2. Jahrhundert einen Höhepunkt erreichen und etwa nach dem Jahr 260 rapide abnehmen (nach Ansicht mancher Forscher ist dies aber damit zu erklären, dass nun verstärkt auf vergängliche Materialien geschrieben worden sei). Dennoch wurden auch in der Spätantike noch griechische und lateinische Inschriften gesetzt – im Westen des Mittelmeerraumes bis ins 6. Jahrhundert, in Ostrom sogar noch einige Jahrzehnte länger. Als „Endpunkt“ der lateinischen Epigraphik gilt herkömmlicherweise meist das Ende des Westgotenreiches 711, doch wenngleich die Tradition der weltlichen Epigraphik danach für einige Zeit fast ganz erlosch, wurden auch im Mittelalter vor allem im religiösen Kontext weiterhin Texte graviert – nicht zuletzt natürlich Grabinschriften.

Vieles ging allerdings bereits im Altertum verloren. Ein Großteil der antiken Inschriften wurde in Marmor graviert, der später oft zu Kalk gebrannt wurde (dies geschieht in abgelegenen Regionen zum Teil noch heute); andere Inschriften, wie die Bleirohrinschriften und viele Dekrete und Gesetze, wurden auf Metall angebracht, das oft eingeschmolzen wurde, oder auf vergänglichem Material wie Holz. Dadurch ist der allergrößte Teil der ursprünglich vorhandenen Inschriften im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Erhalten ist nur noch ein winziger, noch dazu völlig zufälliger Ausschnitt; trotz alledem beläuft sich die Zahl der heute bekannten antiken Inschriften immerhin noch auf ungefähr 600.000, davon etwa 250.000 auf Latein (Trout 2009). Jährlich kommen Neufunde hinzu.

Inschriften des Mittelalters und der Neuzeit[Bearbeiten]

Mehrsprachige Grabplatte in Palermo, 1148
Grabmal der Alberada von Buonalbergo in Venosa, Ende 11. Jahrhundert

Mit der Aufarbeitung der Inschriften aus Mittelalter und Neuzeit beschäftigt sich in Deutschland und Österreich das Publikationsunternehmen Die Deutschen Inschriften. In München dient das Epigraphische Forschungs- und Dokumentationszentrum als zentrale Anlaufstelle für Fragen der Epigraphik des Mittelalters und der Frühen Neuzeit in ganz Europa.

Aufteilung der Inschriften[Bearbeiten]

Im Laufe der Zeit entwickelten sich die einzelnen Zweige der Wissenschaft, die der Aufteilung der Inschriften nach verschiedenen Charakteristika entsprechen:

Aufteilung nach Sprachen[Bearbeiten]

Aufteilung nach Inschriftenträger[Bearbeiten]

  • aus Stein sind die meisten und besterhaltenen lateinischen und griechischen Inschriften ausgearbeitet. Die Inschriften auf Stein können eine einfache Tafel, mit oder ohne zusätzlicher Dekoration, eine Herme, Statuenbasis, Grabstele u.ä. darstellen.
  • aus Holz sind die Inschriftenträger selten erhalten.
  • aus Metall wurden oft Militärdiplome hergestellt.
  • aus Ton – Inschriften sind oft auf Scherben oder Tontafeln zu finden.

Aufteilung nach Inhalt und Funktion[Bearbeiten]

Man unterscheidet verschiedene Inschriftengattungen, die unterschiedliche Funktionen erfüllen:

  • Weihinschrift: ist zum Dank an eine Gottheit gerichtet und beruht auf einer Art Pakt zwischen dem Auftraggeber der Inschrift und der Gottheit („Wenn Gottheit X eine bestimmte Tat für Person Y vollbringt, gelobt Person Y der Gottheit zum Dank eine Inschrift“). Nach dem lateinischen Ausdruck für „Gelübde“, votum, nennt man diese Texte auch Votivinschriften. In diesem Zusammenhang taucht auf antiken lateinischen Inschriften oft die Abkürzung VSLM auf, die bedeutet votum solvit libens et merito: „Das Gelübde [wurde] gerne und aus freiem Willen erfüllt“.
  • Ehreninschrift: auf einer „Ehrung“, z. B. einer Statue, einem Altar oder einem anderen Monument, angebracht. Die Inschrift selbst ist in der Regel nicht die Ehrung, sondern nur eine Erläuterung.
  • Grabinschrift: ist auf einem Grab angebracht. Sie könnte ein Epitaph oder eine Grabstele sein.
  • Bauinschriften: werden auf Gebäuden, Monumenten, öffentlichen Bauwerken, aber auch auf Architekturteilen, auf römischen Wasserrohren oder auf Meilensteinen angebracht; Meistens wird der Bauherr in Erinnerung gerufen. (In dem Artikel Hausinschrift werden die verschiedenen Inschriften-Arten an neuzeitlichen Häusern genauer unterschieden.)
  • Kleininschrift: alles, was nicht in die obigen Kategorien passt (z. B. Militärdiplom, Name auf Keramikschüsseln, beschriftete Scherben Ostraka).

N.B.Die Übergänge zwischen den Inschriftengattungen sind fließend. So kann etwa eine Bauinschrift auch gleichzeitig eine Ehreninschrift darstellen, wenn das beschriftete Gebäude eine Ehrung für eine Person darstellt.

Geographische Aufteilung. Fundort und Kontext[Bearbeiten]

In den meisten Corpora werden die Inschriften nach deren Fundort organisiert. Die Analyse einer Gruppe von Inschriften erfolgt meistens auch nach deren geographischen Verteilung. Der Aufstellungsort ist ein anderer sehr wichtiger Aspekt bei der Inschriftenforschung. Die Position oder der Ort der Inschriften hängt stark von ihrem Zweck oder Absicht ab. Wenn sie einen direkten Bezug zu den Skulpturen, Reliefs oder Malereien, mit denen sie verbunden sind, haben, bilden sie oft eine Art Muster, die Hintergrund- oder Leerräume zwischen den Figuren füllen; aber manchmal, vor allem in Mesopotamien werden Inschriften an Statuen oder Reliefs quer durch die Figuren ohne jede Rücksicht auf die künstlerische Wirkung angebracht. In spätgriechischer oder römischer Zeit ist es üblich, die Inschrift im Zusammenhang mit der Statue oder dem Relief zu bringen, auf der/dem sie angebracht ist. Kurze Inschriften wie Widmungen oder Künstlersignaturen werden oft in irgendeiner unauffälligen Stelle des Kunstwerks angebracht. Bei den bemalten Vasen sind die Inschriften in Bezug auf das Thema in der Regel bemalt worden, Widmungen und andere Inschriften sind oft eingeschnitten, nachdem die Vase gebrannt wurde.

Wichtige Aspekte zur Analyse einer Inschrift[Bearbeiten]

Bei der Analyse von Inschriften ist stets der Entstehungs- und Anbringungskontext zu berücksichtigen, nicht nur der Text selbst.

  • Wo ist die Inschrift aufgestellt worden? (Standort)
  • Wer hat die Inschrift in Auftrag gegeben? (Autor)
  • An wen war die Inschrift gerichtet? (Adressat)
  • Aus welchen Gründen ist die Inschrift/der Schriftträger entstanden? (Anlass/Kontext)

Gestaltung der Schreibfläche[Bearbeiten]

  • Material - Wirkung
  • Form und Dekoration
  • Technik
  • Schriftarten und Symbole

häufig verwendete Formeln im Text[Bearbeiten]

  • der Text einer lateinischen Inschrift besteht aus vielen Abkürzungen

Abklatsch[Bearbeiten]

Abklatsch nennt man die Technik der Reproduktion einer Inschrift mittels mechanischer Durchreibung auf Papier.

Entwicklung der Wissenschaft[Bearbeiten]

Wichtige Institutionen[Bearbeiten]

Eine der wichtigsten Institutionen, die sich in Deutschland mit antiken Inschriften beschäftigt, ist die in München angesiedelte Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik des Deutschen Archäologischen Instituts.

Gelehrte, die zur Entwicklung der Disziplin beigetragen haben, finden sich in der Liste bekannter Epigraphiker.

Corpora[Bearbeiten]

Etruskische Epigraphik[Bearbeiten]

Griechische Epigraphik[Bearbeiten]

Lateinische Epigraphik[Bearbeiten]

  • Inscriptiones Regni Neapolitani Latinae (IRNL)
  • Inscriptiones Italiae (II)
  • Inscriptiones Christianae Urbis Romae septimo saeculo antiquiores (ICUR)
  • Inscriptiones Christianae Italiae seprimo saeculo antiquiores (ICI)
  • Corpus des inscriptions de la France médiévale
  • Inscriptiones Medii Aevi Italiae (saecula VI-XII) (IMAI)

Semitische Epigraphik[Bearbeiten]

  • Corpus inscriptionum Semiticarum. Pars II: Inscriptions araméennes, Paris, 1889.
  • Corpus inscriptionum Semiticarum. Ab Academia Inscriptionum et Litterarum humanorum conditura atque digestum, Pars secunda. Tomus I: Inscriptiones aramaicas continens, Fasciculus secundus, Paris, 1893.
  • Corpus inscriptionum Semiticarum. Pars secunda. Tomus I: Inscriptiones aramaicas continens, Fasciculus tertius, Paris, 1902.
  • Corpus inscriptionum Semiticarum. Pars secunda. Tomus III: Inscriptiones palmyrenae, J.-B. Chabot (ed.) Fasciculus primus, Paris, 1926.
  • Corpus inscriptionum Semiticarum. Pars secunda. Tomus III: Inscriptiones palmyrenae, Fasciculus secundus, Paris, 1947.
  • Corpus inscriptionum Semiticarum. Pars quarta: Inscriptiones Ḥimyariticas et sabaeas continens, Parisiis, E reipublicae Typographaeo, 1889.
  • Corpus inscriptionum Semiticarum, Pars quinta, Inscriptiones saracenicas continens, Tomus I, fasciculus 1: Inscriptiones safaiticae, Paris, 1951

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Gesamtüberblicke
Epigraphik der Antike allgemein
  • François Bérard: Guide de l’épigraphiste. 3. Auflage. Presses de l’École Normale Supérieure, Paris 2000, ISBN 2-7288-0254-8 (Nachträge online).
  • John Bodel (Hrsg.): Epigraphic evidence. Ancient history from inscriptions. Routledge, London 2001, ISBN 0-415-11623-6.
  • Alison E. Cooley: The afterlife of inscriptions. Reusing, rediscovering, reinventing & revitalizing ancient inscriptions. Institute of Classical Studies. London 2000, ISBN 0-900587-86-5.
  • Louis Robert: Die Epigraphik der klassischen Welt. Habelt, Bonn 1970.
Griechische Epigraphik
  • Günther Klaffenbach: Griechische Epigraphik. 2. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1966.
  • Hudson McLean: An introduction to Greek epigraphy of the Hellenistic and Roman periods from Alexander the Great down to the reign of Constantine 323 B.C.–A.D. 337. University of Michigan Press, Ann Arbor 2002.
  • Gerhard Pfohl (Hrsg.): Das Studium der griechischen Epigraphik. Eine Einführung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1977, ISBN 3-534-04340-5.
  • Arthur Woodhead: The study of Greek inscriptions. 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 1981.
Lateinische Epigraphik der Antike
  • Knud Paasch Almar: Inscriptiones Latinae. Eine illustrierte Einführung in die lateinische Epigraphik. Odense Univ. Press, Odense 1990, ISBN 87-7492-701-9.
  • Alison E. Cooley (Hrsg.): The Cambridge Manual of Latin Epigraphy. Cambridge University Press, Cambridge 2012.
  • Jean-Marie Lassère: Manuel d’épigraphie romaine. 2 Bände. 2. Auflage. Picard, Paris 2007 (auch griechische Inschriften der römischen Zeit; Kurzbeschreibung).
  • Ramsay MacMullen: The Epigraphic Habit in the Roman Empire. In: American Journal of Philology 103, 1982, S. 233–246 (grundlegender Aufsatz).
  • Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-14343-4.
  • Dennis Trout: Inscribing Identity. The Latin Epigraphic Habit in Late Antiquity. In: Philip Rousseau (Hrsg.): A companion to Late Antiquity. Wiley-Blackwell, London 2009, ISBN 978-1-4051-1980-1, S. 170–186.
Epigraphik des Mittelalters und der Neuzeit
  • Rudolf M. Kloos: Einführung in die Epigraphik des Mittelalters und der frühen Neuzeit. 2. Auflage. Wiss. Buchgesellschaft, 1992, ISBN 3-534-06432-1.
  • Renate Neumüllers-Klauser (Hrsg.): Vom Quellenwert der Inschriften. Winter, Heidelberg 1992, ISBN 3-533-04539-0.
  • Walter Koch: Inschriftenpaläographie des abendländischen Mittelalters und der früheren Neuzeit, Bd. 1: Früh- und Hochmittelalter, Wien 2007, ISBN 978-3-486-58189-8 (Oldenbourg Historische Hilfswissenschaften).
  • Walter Koch: Literaturbericht zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Epigraphik (1985–1991). Hahn, Hannover 1994, ISBN 3-88612-114-3 (Monumenta Germaniae Historica, Hilfsmittel, 14).
  • Franz-A. Bornschlegel, Maria Glaser und Walter Koch: Literaturbericht zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Epigraphik (1992–1997). Hahn, Hannover 2000, ISBN 3-7752-1126-8 (Monumenta Germaniae Historica, Hilfsmittel, 19).
  • Franz A. Bornschlegel und Walter Koch: Literaturbericht zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Epigraphik (1998–2002). Hahn, Hannover 2005, ISBN 3-7752-1129-2 (Monumenta Germaniae Historica, Hilfsmittel, 22).
Epigraphik in Arabien
Zeitschriften
Schriftenreihen
  • Asia-Minor-Studien. Habelt, Bonn 1990 ff.
  • Beiträge zur Alten Geschichte, Papyrologie und Epigraphik (2006 mit Band 21 erschienen)
  • Heidelberger althistorische Beiträge und epigraphische Studien. Steiner, Stuttgart 1986 ff.
  • Subsidia epigraphica. Quellen und Abhandlungen zur griechischen Epigraphik. Olms, Hildesheim 1972 ff.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Epigraphik – Quellen und Volltexte
Antike
Mittelalter und Neuzeit
Bilder
 Commons: Inscriptions – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien