Exoterik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Exoterik (von ἐξωτερικός „äußerlich“, „ausländisch“) bezeichnet die nach außen gewandten oder von außen zugänglichen Aspekte einer Philosophie oder Religion, im Gegensatz zu nur einem inneren Kreis zugänglichen esoterischen Aspekten.

Ursprünglich bezeichnete der Begriff populäre, sich an die Allgemeinheit richtende philosophische Schriften, insbesondere die in Dialogform verfassten Schriften des Aristoteles (ἐξωτερικά). Die Unterscheidung erscheint erstmals in Die Versteigerung der philosophischen Orden, einer Satire des Lukian von Samosata.[1] Als ein Peripatetiker zur Versteigerung kommt, heißt es da:

Merkur: Er ist ein Mann von geregelten Wesen, billigdenkend, weiß sich in’s Leben zu schicken, und, was das Außerordentlichste, er ist doppelt.
Käufer: Wie so?
Merkur: Ein Anderer erscheint er von außen, ein Anderer ist er von innen. Wenn du ihn also kaufen willst, so vergiß nicht, daß dieser der esoterische, jener der exoterische heißt.

Diese Klassifizierung wurde dann von Cicero[2] übernommen. Aristoteles selbst gebraucht den Begriff zur Bezeichnung von oberflächlichen Formen des Diskurses, wobei der Gegensatz nicht die esoterische, sondern die philosophische, die genaue und in die Tiefe gehende Behandlung eines Themas ist.[3][4] Im 20. Jahrhundert wurde die esoterisch-exoterische Unterscheidung insbesondere von dem deutsch-amerikanischen Philosophen Leo Strauss für die philosophiegeschichtliche Forschung wieder prominent gemacht.[5][6]

In der Religionswissenschaft und Theologie bezeichnet Exoterik die Aspekte einer Religion, die offen zugänglich sind, also auch in öffentlichen Büchern zu lesen sind. Dem gegenüber stehen die esoterischen religiösen Lehren und Praktiken, die – meist über geheime Einweihungen oder mündliche Überlieferungen – nur einem begrenzten Teilnehmerkreis bekannt sind. In nahezu jeder Religion bzw. religiösen Strömung gibt es nicht nur einen exoterischen, sondern auch einen esoterischen Teil wie im Judentum die Kabbala und im Islam den Sufismus.

Der Begriff kann auch abwertend gebraucht werden, wobei exoterisch das öffentliche Bild einer eigentlich rein esoterischen Lehre bezeichnet. Dieses Bild muss nicht notwendig falsch sein, ist jedoch in Bezug auf das Wissen der Eingeweihten zumindest unvollständig und bruchstückhaft.

Diesem Bedeutungsspektrum entsprechend kann ein Exoteriker

  • ein „Unwissender“ oder „Uneingeweihter“ sein oder
  • jemand, der auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Prozessen oder Inhalten beharrt, im Gegensatz zum Okkultisten, oder
  • jemand, der komplexe Inhalte transparent und nachvollziehbar macht, also etwa ein Wissenschaftler, der sich um populären, allgemeinverständlichen Ausdruck bemüht.

Literatur[Bearbeiten]

  • Roland Biewald: Kleines Lexikon des Okkultismus. Militzke, Leipzig 2005, S. 65
  • Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. 2. Aufl. Mittler, Berlin 1904. Bd. 1, S. 329, s. v. „Exoterisch“
  • Hannes Kerber: Strauss and Schleiermacher on How to Read Plato. An Introduction to 'Exoteric Teaching', in Martin D. Yaffe / Richard S. Ruderman (Hg.): Reorientation. Leo Strauss in the 1930s. Palgrave Macmillan, München 2014, S. 203-214.
  • Hans Schulz, Otto Basler: Deutsches Fremdwörterbuch. Bd. 5. 2. Aufl. De Gruyter, Berlin & New York 2004, S. 462f, s. v. „exoterisch“
  • Leo Strauss: Persecution and the Art of Writing. The University of Chicago Press, Chicago 1988.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lucian’s Werke. Übersetzung von August Friedrich Pauly. J. B. Metzler, Stuttgart 1827, 3. Bd., S. 363 Text auf Wikisource; griechisch unter www.perseus.tufts.edu
  2. Cicero De finibus bonorum et malorum, 5.12, lateinisch unter www.perseus.tufts.edu
  3. Aristoteles Eudemische Ethik 1217b22
  4. Aristoteles Topik VIII 1, 151b 9
  5. Leo Strauss: Persecution and the Art of Writing. The University of Chicago Press, Chicago 1988.
  6. Vgl. Hannes Kerber: Strauss and Schleiermacher on How to Read Plato. An Introduction to 'Exoteric Teaching', in Martin D. Yaffe / Richard S. Ruderman (Hg.): Reorientation. Leo Strauss in the 1930s. Palgrave Macmillan, München 2014, S. 203-214.