Gnesdowo

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Gnesdowo, auch Gnezdovo oder Gnjosdowo (russisch Гнёздово) am Oberlauf des Dnjepr, 13 km westlich von Smolensk in Russland, ist ein archäologischer Fundplatz aus der Wikingerzeit (800–1050 n. Chr.) und der Entstehungszeit des russischen Staates.

Grabhügel (Kurgane) von Gnezdowo

Gnesdowo wird in der Regel mit dem frühen Smolensk identifiziert, das zuerst in der Chronik von Bygone im Jahre 862 erwähnt wird. Die Hypothese wird durch die Tatsache gestützt, dass bei Ausgrabungen in Smolensk keine Schichten gefunden wurden, die vor dem 11. Jahrhundert liegen. Gnesdowo scheint mit der in einer Abhandlung von 948 und 952 von Konstantin VII. Porphyrogennetos mit „Festung Miliniska“ benannten Stelle identisch zu sein. In skandinavischen Texten scheint der Name „Sürnes“ auf den Ort zu verweisen.

Mehreren Siedlungen liegen in der Nähe. Gnesdowo ist mit einer Gesamtfläche von etwa 200 Hektar der größte russische Komplex archäologischer Stätten aus dieser Zeit (nur Haithabu ist auf ganz Europa bezogen größer). Das bedeutende Handels- und Handwerkszentrum auf dem Handelsweg, der den Norden und Süden Europas verband, erreichte den Höhepunkt seiner Bedeutung im 10. Jahrhundert mit etwa 1000 ständigen Bewohnern, wie sich aus dem Gräberfeld schließen lässt. Gnesdowo zog viele Skandinavier und Balten an, die sich dort ansiedelten und den Aufstieg des Handelsplatzes forcierten, aber gegenüber den aus dem Süden und Westen zuwandernden Slawen klar in der Minderheit blieben. Spätestens ab der Mitte des 10. Jahrhunderts sprachen sie Slawisch, heirateten untereinander und nutzten slawische Vornamen, weshalb davon auszugehen ist, dass es keine getrennten Wohnquartiere gab.[1] Spätestens Mitte des 11. Jahrhunderts verlagerte sich das politisch-ökonomische Zentrum der Besiedlung von der rechten zur linken Flussseite von Gnesdowo zum Ort des heutigen Smolensk, was mit der Veränderung der Fernhandelswege und der erfolgreichen Entwicklung des konkurrierenden Handelsortes Polazk erklärt wird.[2]

Das Gräberfeld von Gnezdowo bestand einst aus etwa 3500 bis 4000 Grabhügeln, von denen über 1000 ab 1874 untersucht wurden. Es gehört laut Stefan Wolle „zu den ergiebigsten Fundstellen überhaupt“ zum Fernhandel des 9. und 10. Jahrhunderts.[3]

Der Gnesdowo-Hort wurde 1993 von Archäologen entdeckt. Ein nordischer Maskenanhänger aus Zinn wurde hier gefunden.

Literatur[Bearbeiten]

  • D. A. Avdussin: Gnezdovo – der Nachbar von Smolensk. In: Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie (Hrsg.): Zeitschrift für Archäologie. ISSN 0044-233X, Bd. 11, 1977, S. 263–290.
  • Eduard Mühle: Gnezdovo – das alte Smolensk? Zur Deutung eines Siedlungskomplexes des ausgehenden 9. bis beginnend 11. Jahrhunderts. In: Oldenburg – Wolin – Staraja Ladoga – Nowgorod – Kiew. Handel und Handelsverbindungen im südlichen und östlichen Ostseeraum während des frühen Mittelalters (= Bericht der römisch-germanischen Kommission. Bd. 69). Von Zabern, Mainz 1988, S. 358–410.
  • Eduard Mühle: Die städtischen Handelszentren der nordwestlichen Rus. Anfänge und frühe Entwicklung altrussischer Städte bis gegen Ende des 12. Jahrhunderts (= Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa. Bd. 32). Stuttgart 1991, ISBN 3-515-05616-5, zugleich Dissertation, Universität Münster, 1989, S. 239–255.
  • Eduard Mühle: Gnezdovo. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 12. De Gruyter, Berlin/ New York 1998, S. 250–254.
  • Julian Richards: The Vikings. A Very Short Introduction. Oxford University Press, Oxford 2005, ISBN 0-19-280607-6, S. 82.
  • Katherine Holman: Historical Dictionary of the Vikings. Scarecrow, Lanham MD 2003, ISBN 0-8108-4859-7, S. 102.
  • Rafael S. Minasyan: Ladoga und Gnesdowo. In: Die Wikinger. Edition Minerva, München 2008, S. 190–203.

Weblinks[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. Simon Franklin, Jonathan Shepard: The Emergence of Rus 750–1200. 2. Auflage. Routledge, Abingdon / New York 1998, Nachdruck 2013, ISBN 978-0-582-49091-8, S. 140.
  2. Marcin Wołoszyn: Smolensk. § 2: Archäologisch und Historisch. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 29. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-018360-9, S. 158–160, hier S. 158.
  3. Stefan Wolle: Wladimir der Heilige. Russlands erster christlicher Fürst. Union, Berlin 1991, S. 41.

54.76666731.783333Koordinaten: 54° 46′ 0″ N, 31° 47′ 0″ O